„Judenmord“ – Kurze Kritik eines Begriffs

Dutzende Bücher und zahllose Zeitungsartikel tragen im Titel das Wörtchen „Judenmord“. Ein eingehenderes Bewusstsein der Geschichte des Antisemitismus würde äußerstes Misstrauen gegen die mangelnde Präzision des Begriffs und seine Polysemie anempfehlen. Faschistische Propaganda lebt von der ständigen Verwischung und Vermischung von Täter- und Opferanteilen. Das Wort „Judenmord“ ist syntaktisch mehrdeutig: es kann den Mord an Juden oder den Mord DER Juden bedeuten. Anders: Es kann Juden als Opfer meinen – oder als Täter. Letzteres ist keine weit hergeholte Assoziation: Jahrhunderte hindurch hat antisemitische Propaganda erst den Gottesmord, dann Ritualmorde und heute „Kindermord“ als spezifisch jüdisches Verbrechen gekennzeichnet, also Juden einen bestimmten „Mord“ als Habitus zugeschlagen.

Weiter unbestimmt bleibt die Zählform: Ist der „Judenmord“ ein Mord an einem Juden oder Massenmord an vielen Juden? Auch die Qualität ist unklar: Ist der „Judenmord“ als spezifischer schlimmer oder weniger schlimm als der unbestimmte Mord? Wird ein Jude ermordet, oder ein Mensch, der auch Jude ist und weil er Jude ist? In der Zusammenziehung von zwei Reizwörtern bedient „Judenmord“ nur Sensationismus auf Kosten begrifflicher Präzision. Eine unartikulierte Empörung will sich kürzestmöglich Luft verschaffen. „Der Massenmord an den polnischen Juden“ wäre als Buchtitel spezifischer als „der Judenmord in Polen“, verkauft sich aber womöglich schlechter. „Judenmord, Frauenmord, heilige Kirche“ – ein Werk, das voll von Fehlern ist – stellt explizit auf den Schlagwortcharakter ab. Bei „Judenmord im Reichsgebiet“ weiß man gar nicht mehr, ob es sich dabei um eine NS-Schrift voller Ritualmordlegenden handelt, oder um eine Abhandlung über den Holocaust auf deutschem Staatsgebiet.
Die semantische Offenheit des Begriffs führt in derartige Abgründe, dass man zur Vermutung gehalten ist, er werde gerade wegen dieser Offenheit verwendet.

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