Spielraum Anticapitalismus

Das Problem mit dem Widerstand im Kapitalismus ist, dass er sich nicht als Ganzer bekämpfen lässt, solange man auch kein Ganzes als Gegenmodell aufbauen kann. Beschränkt man sich nämlich auf die Teile, so gerät man in die Mühle der allseitigen Konkurrenz: die deutschen Gewerkschaften verteidigen deutsche Jobs, wodurch sie den rumänischen oder moldawischen schaden, die auf ebenjene Jobs hoffen. So sinnvoll der Streik im einen Betrieb ist, so wenig kann er gegen die globale Konkurrenz ausrichten. Widerstand bleibt pragmatische Spielraumbestimmung: Was ist objektiver Zwang, wie kann das eigene Interesse verteidigt werden, welche anderen Interessen werden dadurch gefährdet. In jedem Tauschakt steckt ein solcher Spielraum.

Spielräume

Das Problem ist, dass selbst die bestmöglichste Nutzung des Spielraums (etwa als „fair trade“ oder Soli-Euro) den Kapitalismus nicht abschafft, aber jede Nutzung die Konkurrenz verschärft und anheizt. Es gibt kein Draußen und auch die Aussteiger vertrauen auf das Gewaltmonopol, das ihr Eigentum schützt.
Die Bühne für diese meist stinklangweilige Arbeit heißt Sozialdemokratie, ihre Pole sind der Konservativismus und der Sozialismus. Eine verzweifelte Veranstaltung, die Opfer produziert und verlagert, manches verzögert, im Prinzip stets „ideeller Gesamtkapitalist“ bleibt, der die Kooperation der konkurrierenden Akteure in deren eigenem Interesse erzwingt.

Das wirklich verwirrende am Kapitalismus ist die abstrakte, vermittelte Herrschaft. Wer dagegen ist, hat keinen anderen Gegner als sich selbst und Milliarden anderer Menschen, mit denen man sich konsensuell und friedlich auf rationale Anwendung der Produktionsmittel einigen müsste. Die sehen das System aber aus ihrer individuellen Perspektive als etwas außer ihrer Gewalt stehendes, obwohl sie es zu einem winzigen individuellen Anteil aus insgesamt hunderten Milliarden von Tauschakten hervorbringen. Diese abstrakte, vermittelte Herrschaft bietet jedweder bewussten Aneignung Raum, also auch konkreten Kleptokraten und Faschisten, zynischen Ausbeutern ebenso wie farblosen Charaktermasken, Verwaltern und Räten. Das System bringt sie nicht als Einzelne hervor, es hängt nicht von ihnen als Einzelne ab. Es ist bewusstloser Prozess aus verketteten Einzelprozessen, der ebenso ziellose Zerstörungswut und schlimmstenfalls auf Schwächere kanalisierte Aggressionen, Pogrome, völlig absurde Konkretisierungen des Abstrakten in Minderheiten strukturell, aber eben nicht zwangsläufig hervorbringt.

Zielloses System, ziellose Gegnerschaft

Der Verlust von Gegenständen, um die sich zu kämpfen lohnte – Freiheit von bestimmten Regimes, Solidarität, Pressefreiheit, Arbeiterrechte, Emanzipation – lässt sich in der Linken schon länger beobachten. Ebenso wie das global wirkmächtige System, seines stalinistischen Gegners beraubt, ziellos die ökologische Krise auf Andere abzuwälzen versucht und kein ideologisches Obdach mehr bietet, treibt die Gegnerschaft zum System frei von konkreten Vorstellungen einer rationalen Gesellschaft. Man ist abstrakt gegen Krieg oder Kapital oder Waffenhandel oder Ausbeutung, aber nicht konkret für etwas. Man ist gegen die objektiv zynische Macht der Reichen, aber zu Enteignungen und Umverteilungen kommt es nicht, weil das Gewaltmonopol vorerst stärker ist und darauf achtet, dass einmal etablierte Eigentumsverhältnisse weiter bestehen. Diese erlauben die fortschreitende Bereicherung der Reichen auf Grundlage des Rechtes, des freien Vertrages zwischen doppelt freien Lohnarbeitern, die kaum noch jemand braucht, und einer Elite, die mit ihrem Reichtum gar nichts mehr anzufangen weiß, als ebenso ziellos privaten Luxus zu produzieren und Natur in Kitsch zu verwandeln.

Es gibt keinen Ausweg und mit ein wenig Bildung lassen sich die bürgerlichen Ideologien vom Konsens der Staaten, vom Umweltschutz auf Grundlage der bürgerlichen Produktionsweise, als Augenwischerei entlarven. Eine logische Folge ist endlose Frustration. Die sorgt auch bei den Abgeklärteren für klammheimliche Schadenfreude im Angesicht der brennenden Barrikaden. Wären nicht die meist doch sehr reaktionären, nicht selten linksantisemitischen Inhalte der angereisten antiimperialistischen Autonomen, enthielte der Rauch das Versprechen, dass im Ernstfall ein wenig Verteidigungswissen da ist. Das Barrikadenfeuer wirkt als symbolische Flaschenpost an künftige Hungerrevolten oder sogar an eine ferne Revolution, und sei es eine partielle, die noch die bürgerliche Gesellschaft gegen den in ihr aufkeimenden Faschismus und Menschen gegen den sich verschärfenden Klassenkampf von oben nach unten verteidigt. Oder, und das ist es eben auch, als Ventil für gestaute Frustration, vielleicht nicht das allerschlechteste wenn man sich die stabilisierende Funktion phallischer Aggression im Gegensatz zur projektionsfördernden Wirkung von verdrängter, zum analen Sadismus neigender Aggression als Selbstbestrafung am anderen Objekt vergegenwärtigt.

Analer Sadismus

Aber was an den optimistischsten Interpretationen auch sei, es schrumpft der Gegner des „antikapitalistischen“ schwarzen Blocks von einem abstrakten Prozess auf dessen sichtbare Manifestation, die Hüter des Gewaltmonopols zusammen, die Polizisten. Sie sind falsch-konkrete Ziele, mitunter überzeugte Mittäter des mörderischen Abschieberegimes, oft selbst ausgebeutete Söldnerinnen und Söldner. Werden sie nicht als Hindernis zu konkreten Zielen, sondern als konkretisiertes Ziel gewählt, wird die Projektion pathisch, der „Bulle“ zum Weltfeind, zum „Schwein“ an sich, den man mit Steinen nach Belieben traktieren und verkrüppeln dürfe. Offene Knochenbrüche und Todesfolgen werden in Kauf genommen für den Adrenalinkitzel. Der eigene Empathieverlust wird konsequent der dämonisierten Gegenseite angelastet.

Simulationen von Revolten

Das naturgemäße Produkt einer um Arbeiterorganisation und echter, als Differenzierungsvermögen erwiesene Bildung gleichermaßen beraubten Linken ist die Simulation einer Revolution, die man bestenfalls als Manöverspiel verstehen kann. Wo südamerikanische Guerillas teils aus Selbstverteidigung gegen Faschisten, teils aus totalitärem Castrismus heraus Polizisten Waffen entwendeten und gezielt kleine Areale (Foci) unregierbar machten, in der meist größenwahnsinnigen Hoffnung, von hier aus größere Areale zu besetzen, bleibt die Konfrontation des Black Block am brutalen Spiel des Hooliganismus orientiert: Man will gar nichts aneignen, nichts verteidigen, nichts erobern, man will Sport und ein wenig Freibier aus dem geplünderten Supermarkt als Trophäe. Wie auf Seiten der Staatsführungen ersetzen beim Black Block Symbole die eigentlich notwendige Realpolitik. Aus der Propaganda der Tat wird Propaganda der inszenierten Tat, aus Barrikaden werden Kulissen.

Das ist kritikabel. Aber es ist auch evident, dass dieser brutale Sport alt ist und gewissen Spielregeln gehorcht, die sich dynamisch und dialektisch tradieren und entwickeln. Deeskalation und Nulltoleranz bewegen sich dabei entlang relativ unberechenbarer Koordinaten, beide können scheitern oder erfolgreich sein. Es gab bei den Punkertreffen des letzten Jahrhunderts sowohl friedliche „Bierbrunnenfeste“ als auch Chaostage. Es gab mit dem Schwarzen Block weitgehend friedliche Großdemonstrationen, als auch rituelle Ausschreitungen. In Genua war eine faschisierte Polizei das Hauptproblem, in Rostock wollten Autonome die Eskalation um jeden Preis, in Hamburg war die „Hölle“ ein von den Autonomen offenherzig angekündigtes, aber von beiden Seiten begonnenes Kräftemessen mit relativ glimpflichem Ausgang ohne Tote. Nichts ist neu an den einzelnen Bildern, berechenbar ist es deshalb noch lange nicht. Eines aber hätte man wissen können: Terrain und Zahl der Gegner bilden eine kritische Masse, in deren rituellen Gesetzen jede als ungerecht empfundene oder stilisierte Repression nur als sportive Aufforderung zur Konfrontation verstanden werden konnte. Die konnte die Polizei als Institution nur verlieren, die Autonomen nur gewinnen, obwohl sie Zweck, Symbolik und Ziel ihrer Aktionen weniger als je trennen und bestimmen können.

Die wütenden Bürger

Ebenfalls nicht ganz neu ist die abspaltende Projektionsleistung von protofaschistischen Teilen des Bürgertums. Die Lynchstimmung macht aus den Autonomen Monster und Dämonen, ruft nach Schusswaffengebrauch und vorauseilender Abschaffung von Grundrechten. In einer verkitschten Vorstellung von Politik als fortschreitende, friedliche Zivilisation hat man jede Erinnerung an die relative Traditionalität und Universalität von solchen symbolischen Ritualrevolten verloren. Man will in einer der reichsten Städte der Welt generell nicht an Wut, an Unzufriedenheit erinnert werden. Die brennenden Mülltonnen und Autos erscheinen schon als Bürgerkrieg, weil man im arbeiterpazifistischen Deutschland gar keinen Begriff von sozialen Kämpfen, von Klassenkampf mehr hat. Jeder Lokführerstreik sorgt für Irritation und Nichtbegreifenwollen von Dissens und Konflikten. Dieser Harmonismus ist unrealistisch und neigt zur Überreaktion, zum Vernichtungswunsch beim Auftreten geringster Störungen. Wenn nur ein Zug aufgrund von Gewittern ausfällt, schreien Deutsche Bahnpersonal an, zeigen Stinkefinger und verhalten sich recht rasch wie ein schwarzer Block auf Butterfahrt.

Verlagerung der Zerstörung

Was aber andernorts an Störungen angerichtet wird vom eigenen Reichtum, blendet bürgerliche Ideologie als Naturnotwendigkeit aus. Das vermittelte Resultat deutscher politischer Entscheidungen ist die Verwüstung indonesischer Torfwälder und afrikanischer Fischgründe, die Folterung, Vergewaltigung und Dezimierung von Flüchtlingen in Libyen, das Anwachsen saudi-arabischer und iranischer Mittel zur Finanzierung des Djihadismus. Der Zustand der Welt ist letztlich auch das Ergebnis solcher Staatstreffen. Auch innerhalb der Spielräume allseitiger Konkurrenz gedacht ist Deutschland ein extrem mächtiger und dennoch aggressiver Akteur, der Konkurrenz nach Kräften verschärft und im globalen Maßstab Klassenkampf von oben nach unten betreibt,  die rücksichtslose Aneignung von Ressourcen auf Kosten anderer befördert. Sei es Soja, Öl, Kaffee, Bananen oder Holz für den deutschen Markt, der friedliche Wohlstand im hamburgerischen Luxusstädtchen ist wie überall im irrationalen Ganzen an Gewalt und Zerstörung andernorts gekettet. Die angedrehte Wut der rechtsnationalistischen Medien – Mittel für weit Schlimmeres als nur Randale – und die politische Verdummung und Selbstverharmlosung bürgerlicher Ideologen stammen aus dem rudimentären Bewusstsein der eigenen, auf die Autonomen projizierten Gewaltneigung.
Die dringend zu leistende Kritik an Martialismus, Sportivität, Ritualcharakter und Ziellosigkeit der Autonomen ist ohne die Kritik an der Zerstörungslust, Tödlichkeit und Ziellosigkeit der bürgerlichen Gesellschaft unvollständig.

 

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In einer fernen Vergangenheit, vor 10 Jahren, wollte die Linke auf einmal vom Black Block nichts mehr wissen und fabulierte von agents provocateurs:

http://nichtidentisches.myblog.de/nichtidentisches/art/166440992/-Das-Proletariat-hat-nichts-zu-verlieren-als-seine-Goldkettchen-Die-G8-Proteste-als-Chiliasmus

 

 

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