Tafelneid

Claus Strunz bringt bei SAT.1 etwas tiefenpsychologische Ehrlichkeit in die Diskussion: Die Mutter, er nennt sie wirklich so, kümmere sich immer nur um die Flüchtlinge. Merkel sei zur „doppelten Mutti“ geworden, zur „Stiefmutter der Deutschen“ und zur „fürsorglichen Mama der Flüchtlinge“. (Strunz)

Die Zwangshandlung, die Kanzlerin Merkel auf die traditionelle Frauenrolle „Mutter“ zurückzuzwingen, ist misogyner Wunsch nach einer mafiösen Vaterfigur, der einer ambivalenten Mutter ein unambivalent drakonisches Gesetz entgegenstellt, das nur die Anderen bestraft und das Selbst belohnt. So ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Konkurrenz um eine sogenannte Tafel diese stereotype regressive Reaktion eines älteren Geschwisters ausgelöst hat, das dem jüngeren die Mutterbrust neidet. Gemeinsames Essen dient dem Aggressionsabbau, wie Freud am Totemsmahl in „Totem und Tabu“ zeigt. Der getötete Vater wird verspeist, dadurch internalisiert und sein Gesetz wieder aufgerichtet. Aggression geht in Schuld und dann Anerkennung über. Daher ist auch das gemeinsame Totenmahl eine transkulturelle Institution.

Dass nun mit Geflüchteten zusammen gespeist würde, ist für das eigentliche Projekt des Aggressionsaufbaus, das die Neue Rechte betreibt, mehr als hinderlich. Und daher stürzen sich nationalkonservative Akteure in Sat.1, FAZ, Cicero und anderen Medien auf den „Tafelskandal“. Der Klickköder lautet, man müsse „genauer hinschauen“. Suggeriert wird, es gebe eine verschleierte Wahrheit, einen wirklichen rationalen Grund für die Ausgrenzung von Menschen ohne deutschen Pass von einer Armenspeisung. Dieses Geheimwissen bleiben die entsprechenden Medien schuldig, aber die rechten Massen brauchten auch nur das Gefühl, es besser zu wissen, sie hungern nach Simulationen von Erkenntis ohne Anstrengung. Dahingehend ist Strunz zu danken, dass er seinen Mutterneid wenigstens ehrlich und öffentlich preisgibt. Was er damit belegt: es gibt keinen rationalen Grund für die Schließung der Essener Tafel für Menschen ohne deutschen Pass. Es ist blanker Futterneid der ohnehin Gesättigten in vorgetäuschter Fürsorge für Menschen, für die die gleichen Medien sonst auch nichts übrig haben als Verachtung. Es ist Rassismus.

70% der Besucher einer Essener Tafel waren Menschen ohne deutschen Pass –  für den Leiter war das ein Grund, die Schuldfrage zu stellen: „Ist der Vorstand schuld? Sind die Mitarbeiter schuld? Und letztlich haben wir festgestellt, dass die einzige Veränderung der Ausländeranteil ist. Wir grenzen auch keine Ausländer aus – wir geben den Deutschen die Möglichkeit, wieder zur Tafel zu kommen.“ (Jörg Sartor)

Nur der Ausländeranteil könne demnach der Grund sein „weshalb sich etwa viele Ältere nicht mehr wohlfühlten und das Hilfsangebot nicht mehr wahrnähmen.“ (Welt) Die an linksidentitären Institutionen verbreitete Maxime des kollektiven „Wohlfühlens“ hat zurückgefunden in die idiosynkratische Gemeinschaft der Rechten. Unspezifisch raunt Sartor etwas von „Belästigung“ oder „mangelndem Respekt“ – die Vorwürfe bleiben unkonkret, weil im Publikum schon als genehmigt gilt, dass „die alle so sind“ und man es ja schon wisse, worum es gehe.
Der Rückzug des Staates, dessen Symptom die Tafeln sind, macht sich mit dem autoritären Ruf nach ihm gemein. Wo man offenbar nicht in der Lage ist, bei konkreten Vorfällen die Polizei zu rufen oder auch dauerhaft zur Sicherung einer gereizten Lage bei der Verteilung von humanitären Hilfsgütern in den Krisengebieten am Rande eines der weltweit reichsten Länder abzustellen, wird nach ebenjener Polizei, letztlich nach der kastrierenden Mutter gerufen, die Geflüchtete abschieben, ausweisen, in jedem Fall unsichtbar machen solle.

70% der Besuchenden sollen ausgegrenzt werden, damit 30% sich wohler fühlen, wenn sie Reste von Lebensmitteln erhalten, ohne die sie Hunger leiden müssten. Selbst wenn eine spezifische Gruppe unter den Geflüchteten aufgefallen wäre, so ist es immer noch rassistisch, sämtliche Geflüchteten zu kollektivieren, sie dann als „Unkultivierte“ zu polarisieren und in der Hierarchie noch unter den untersten Rand der Gesellschaft zu stoßen. Man braucht gar keinen Notstand wie in der Kölner Silvesternacht mehr, um solche Kollektivstrafen zu legitimieren, es reicht, wenn jemand in der Schlange drängelt – was allemal zur deutschen Kultur des Ellenbogens gehört. Die wird durch folgende Werbung für den Klassenkampf von oben deutlich, welche sich sicher nicht an Rentnerinnen richtet, die als prekäre Arbeiterinnen einen Witz von Rente erhalten und bis zum Ende ihres Lebens an einer Armenspeisung anstehen müssen, die man „Tafel“ nennt, weil das feiner und nicht so sehr nach Armut klingt.

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Fußnote zur Praxis:
Sollte es zu einem seriellen Problem gekommen sein, wäre die adäquate Praxis wie folgt:

1. eine mit kräftiger Stimme vorgetragene Standpauke hilft in einer sozialen Einrichtung wie der Tafel sicher ebensoviel wie im Bus, wenn Spätadoleszente nicht durchgehen oder die Lichtschranke der Tür stören.

2. Gerade unter jungen Geflüchteten findet sich eine hohe Bereitschaft zum Mitmachen bei sozial nützlichen Projekten. Ebenfalls findet sich die Bereitschaft innerhalb einer diskriminierten Gruppe, negatives Verhalten anderer Angehöriger der diskriminierten Gruppe harscher zu verdammen als die Mehrheitsgesellschaft. Ein ehrenamtlicher Ordnungsdienst für die Tafel ließe sich unter Geflüchteten sicher leicht und bei Bedarf spontan auf Ansprache rekrutieren, wenn man nicht davon ausgeht, dass sich die deutsche Oma durch den bloßen Anblick von Ausländern beleidigt fühlt.


3 thoughts on “Tafelneid

  1. Katharina Raudonat Sagen wir es abschließend so: diese Antideutschen-Nichtidentischen „KRAFT DURCH FREUD“-Leute die ödipale Phase personell wie überpersonell einfach nicht geschafft: sie erstarren zwanghaft , obsessiv. Redundant. Es ging + geht bei der TAFEL nicht darum, daß es 30 % wohlergeht, 70 % aber nicht, sondern daß die ersteren als White Trash ausgeschlossen wurden. Sog. positiver Rassismus.

  2. Die Argumentation, dass eine Mehrheit nun mal alleine schon aufgrund der Mehr-Heit die größere Berechtigung erfährt, würde ich gerne einmal mit der EINEN diskriminierten Frau in der Etage von männlichen Kollegen besprechen, die sich gar nicht mehr „wohlfühlen“ nachdem sie vom Betriebsrat die Anzüglichkeiten verboten bekamen. Denn 90% aller Angestellten waren ja bisher zufrieden.

    Aber so lange ein – zumindest formal – gebildeter Mann aus der Ferne definiert, was denn die Beste Lösung sei um dem Problem „Herr“ zu werden : Autorität oder Schutztruppe wenn ich das richtig verstehe, ist das Problem ja sicherlich beherrschbar.

    Also nicht das Problem, dass ein Verdrängungskampf am unteren Ende der Gesellschaft stattfindet, oder dass nun eigentlich zum ersten mal durch einen rassistische Berichterstattung zu einem anschlussfähigen Thema wie der „Flüchtlingskrise“ Licht auf seit Jahren bestehende desaströse Zustände von Menschen unter der Armutsgrenze gelegt wird, sondern natürlich ‚Die Neue Rechte‘. Zu missachten warum eine Gesellschaft so etwas -neu- hervorbringt, ist dabei genauso wenig relevant wie eine Kritik an israelischer Politik in anderen Fragen
    Einfach muss die Lösung sein, denn in der AD gibt es nur gut und schlecht.

  3. „70% der Besuchenden sollen ausgegrenzt werden, damit 30% sich wohler fühlen“ – das ist doch kenntnisloser Bullshit.
    In Essen an der Tafel werden bei 75% Migrantenanteil nun nur noch solche mit deutschem Pass neu zugelassen; die dabei sind, aber eben nicht ausgeschlossen. In Essen gehen 6000 Leute zur Tafel. Und beim WDR5-Tagesgespräch darüber hatten beide Seiten der Diskussion zugleich recht, die irre Rechte und die soft kritische Linke. – Meine Erfahrung als kritisch theoretischer ehemaliger Hausbesitzer, Schreibtischbesetzer und heute Tafel- und Sozialbürogänger bei kranker Rente auf Grundsicherungsniveau: Das Proletariat aller Welt schlägt sich am ehesten untereinander um angedatschtes Obst, welkes Gemüse und trockene Brötchen, schreit am ehesten gegen jene, die anders zu sein scheinen und sind alle zusammen für mich ein Lumpenpack. Und das immerwährende rassistische Argument vom Mercedes, den die haben: ich habe es selbst gesehen in Form einer S-Klasse.
    Das Murmeltier „linker“ Argumente geht einem auf den Wecker, wenn man Adorno, die DdA und Pohrt und die ganzen Klassiker wirklich gelesen hat. Tafel ist das Armutzeugnis reicher Gesellschaft, klar & billig. Aber mit dem ehemaligen revolutionären Subjekt – komme es her wo es wolle – will ich nichts mehr zu tun haben.

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