Hyänen

In Eritrea, so erzählt T., gelten Hyänen als tödliche Bedrohung. Auf den dreißig Jahre währenden Schlachtfeldern des Krieges mit Äthiopien haben sie gelernt, Menschen zu fressen und jede Furcht vor ihnen verloren. Die Hyänen der Diktatur aber treiben zehntausende in die Flucht – jedes Jahr. Wen sie nicht in Armee oder Gefängnis zwingen, dem schießen sie an der Grenze hinterher. Danach kommt der lange Weg durch Äthiopien, Sudan und Libyen. Diese Länder haben bereits Millionen Flüchtlinge aufgenommen, es sind auch Diktaturen und Kriegsländer. Sie produzieren auch die Erpresser, die Lösegeld aus den Flüchtlingen herauspressen. Bis zur libyschen Küste haben viele von ihnen zehntausende von Euro bezahlt. Frauen werden vor allem in Libyen Opfer von Vergewaltigungen. Kaum einer schafft es nach Europa ohne Tote zu sehen. Fluchthilfe und Schleppermafias gehen fließend ineineander über, und die Propaganda Europas will von Fluchthilfe nichts wissen, die Schleppermafias nur an der europäischen Grenze bekämpfen, nicht um Flüchtlingen zu helfen, sondern um sie in Libyen zu halten.

In Italien wurde T. das erste mal bewusst, wie groß Europa ist. Er wollte nach Deutschland, weil er als Kind ein T-Shirt der deutschen Fußballmannschaft besaß. Italien sei furchtbar, die Flüchtlingsslums schlimmer als Teile Afrikas. Über Frankreich hat er es nach Deutschland geschafft. Nun wartet er in einem Zimmer von 8 Quadratmetern seit einem Jahr auf seinen Asylbescheid, er fürchtet nur ein Jahr zu erhalten, hofft auf drei Jahre.

Auch N. aus Eritrea wartet seit einem Jahr in Angst vor der Abschiebung nach Italien oder gar Eritrea. In einem kleinen hessischen Städtchen sagte er  zu mir: Schlafen hier alle? Tatsächlich waren die Straßen menschenleer. Mit Glück trifft man einen Rentner auf einem der leeren Spielplätze an. Unermesslicher Reichtum liegt hier brach, eifersüchtig gemehrt und bewacht von konservativen Deutschen.

N. musste nach den 10.000 Euro für die Flucht noch 300 Euro Strafe zahlen, weil er ohne Visum die Grenze nach Deutschland übertreten hat. Braucht er aber eine Geburtsurkunde, muss er zur eritreischen Botschaft. Dort lauern wieder die Hyänen. Der eritreische Präsident fordert 2% der Sozialhilfe oder des Einkommens, die nach Ausreise entstanden sind. Deutschlands Behörden fördern diese Besteuerung durch ihre Dokumentengläubigkeit, die nichts anderes ist als die rassistische Angst, jemanden zuviel hereinzulassen.

Dem zweijährigen Mädchen, das mit ihrer vierköpfigen Familie, die hier auf 15 Quadratmetern lebt, demnächst in den Kosovo abgeschoben werden soll, wo es wahrscheinlich ohne Heizung und Toilette aufwachsen wird, wird niemand schlüssig erklären können, warum es nicht weiter auf einem Spielplatz in Deutschland den Sand schaufeln durfte, der genausogut für hundert weitere Kinder reichte. Man darf ihm getrost erklären, dass die meisten wählenden Menschen in der EU einfach Rassisten sind, die bei aller aufgesetzter Freundlichkeit und Nächstenliebe im Innersten böse und selbsüchtig sind.

20.000 Flüchtlinge aus Syrien will nun die EU aktiv aufnehmen. Binnen zwei Jahren. So viele werden in einem halben Jahr in den Camps geboren.
Die Funktionäre dieses Staatenbündnisses haben gelernt, dass sie Menschen ungestraft in den Tod schicken dürfen. Die Brutalität hinter dieser vorgeschützten Weltfremdheit der EU droht sie letztlich ihren eigenen Bürgern an. Solange kein Architekt des Kriegs gegen die Flüchtlinge in Den Haag landet, wird die Aufnahme der Überlebenden weiter als großzügige Wohltat verkauft, als hätte man nicht alles getan, um sie an der Wahrnehmung ihrer Rechte zu verhindern.
Jeder Vernunft ist evident, dass man zumindest an den schlimmsten Fluchtländern Eritrea, Syrien und Afghanistan Botschaftsasyl und Aufnahmestellen einrichten müsste, damit Flüchtlinge ihr Recht wahrnehmen können, ohne ihr Leben zu riskieren. Die aktive Aufnahme von einer Million Flüchtlingen binnen eines Jahres wäre noch zu kleingeistig gedacht. Die EU denkt, sie könnte sich sowohl das Befrieden des syrisch-irakischen Gemetzels sparen, von iranischer und saudischer Diktatur profitieren, und dann noch zehntausende von so erzeugten Flüchtlingen in Lebensgefahr, Folter, Vergewaltigung und Armut zwingen. Weil man jedem, der einen derart raffinierten Grenzzaun so gründlich und vorausschauend plant und errichtet auch eines Plans hinter den verursachten Folgen verdächtigen darf, sollte man hier grundsätzlich von einer Dezimierungsabsicht ausgehen, die an alle Stationen bis in die stumme libysche Wüste reicht. Und weil der Psychologie kein Abgrund fremd ist, sollte man auch eine sadistische Motivation bei den Funktionären der EU und deren Wählern vermuten, die Lust aus dem seriell und bewusst produzierten Elend, den sogenannten „Flüchtlingsdramen“ gewinnen, von denen man offenbar nicht genug bekommen kann.

Praxis gegen eine solche stummen und dummen Massen lässt sich kaum noch denken. Zum Möglichen gehört noch, den Menschen, die in den Heimen von Bürokraten und Polizei weiter gequält werden, beizustehen und ihnen zuzuhören. Hilfe brauchen sie jetzt erst recht.

Being Charles Hebdovich

Im Film „Being John Malkovich“ gibt es eine Etage, in der sich alle bücken müssen, weil sie zu niedrig gebaut wurde. Der ehemalige Puppenspieler und frischbackene Bürokrat Craig entdeckt in seinem Büro eine Tür, durch die man in das Gehirn des berühmten Schauspielers John Malkovich rutscht. Der wird natürlich nach Kräften ausgebeutet, bis der Schauspieler der Kontrolle des Puppenspielers völlig unterworfen ist und nun die vorher unerreichbare Maxine heiratet, die diese Manipulation zum eigenen machtlüsternen Vergnügen orchestriert.

Der Anschlag auf Charles Hebdo ist eine solche Tür. Er erlaubt den kurzzeitigen Ausbruch aus dem gebückten Leben der Bürokraten und auf einmal sind diese sich sicher: „Je suis Charlie“. Die Tür geöffnet und schon ist man eine Berühmtheit. Selten wurde aus einem Mord schneller Geschäft und Werbung. Zeitungen, die gewiss nie eigenständig eine Mohammedkarikatur in Auftrag gegeben haben, dünken sich nun als Vorreiter der Freiheit.

Das allgemeine Problem von Avantgarde, Märtyrertum und Solidarität ist, dass es unendlich viel leichter ist, die Avantgarde gut zu finden als Avantgarde zu sein. Vor diesem Anschlag war es gefährlich, die Karikaturen zu veröffentlichen, die Charles Hebdo auf den Titel hievte. Das von den Überlebenden noch sinnhaft entworfene schwarze „Je suis Charlie“-Schild hingegen ist als Massenprodukt noch Zensur, schwarzer Balken über jenen Karikaturen, die zu den bösesten gehören und die zu veröffentlichen tatsächlich Mut bedurfte.

Da ist jene Karikatur, auf der ein Salafist einem Kugelhagel einen braunen Koran entgegenhält und übersetzt etwa spricht: „Der Koran ist ja voll scheiße. Der hält ja nicht mal Kugeln ab!“ Das Bild war mehr als andere prophetisch.

Nun herrscht die übliche Stimmung: Menschen denken, sie wären durch diese Morde nach ihrer Meinung gefragt worden, schon am selben Tag wurde darüber debattiert, was Satire nun ist oder nicht, was sie darf oder nicht, als wäre das Massaker eine durch einen Souverän ausgerufene Volksabstimmung über Satire. Hinzu kommt das Missverständnis, man befinde sich in einer globalen Online-Demokratie, in der man nur seine Meinung (für oder gegen das Böse, den Krieg, das Gute, die Legalisierung von Cannabis, Hundesteuer, etc.) abgeben müsse um Gesellschaft mitzugestalten.

Im April vergangenen Jahres wurden 300 Schulmädchen durch die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram entführt. Auf der ganzen Welt befleißigten sich Menschen, Schilder anzufertigen und sich damit online zu präsentieren. „Bring back our girls!“ hieß der virtuelle Auftrag der desorganisierten, vereinzelten, atomisierten Individuen, die ahnen, dass es auf Solidarität ankäme, die aber längst nicht mehr wissen, wie solche zu organisieren wäre. Nur logisch erstarb die „Bring back our Girls!“-Kampagne (ironischerweise im Kugelhagel eines anderen islamistischen Massakers, dem an den Yeziden und Kurden) und die Mädchen wurden nie wirklich befreit, einige konnten fliehen, andere wurden verkauft in die Sklaverei. Dass die Charles-Hebdo-Solidarität nach ebendiesem Prinzip funktioniert, droht schon an, dass sie auf eine sehr ähnliche Weise scheitern und in Nebendebatten versanden wird. Diese Nebendebatten – etwa was Satire darf und kann – sind bereits auf einer Intensität angedreht, die Gradmesser der Wucht der Verdrängung ist. Nur konsequent steht Boko Haram nach „Bring back our Girls“ besser da als je zuvor und hat just nach den Anschlägen in Frankreich ein Dutzend Siedlungen in Nordnigeria dem Erdboden gleichgemacht mit hunderten, wenn nicht tausenden Toten. Nach den antisemitischen Attacken in Frankreich, nach dem Karikaturenkrieg hat die französische Polizei offenbar nicht das Bedürfnis gesehen, Charles Hebdo angemessen zu schützen. Nach Boko Haram sah lediglich die USA die Notwendigkeit, ein paar Flugzeuge vorbeizuschicken, im Zweifelsfall sind „Militärausbilder“ auch beliebt, aber den militärischen und ideologischen Flächenkrieg gegen den globalen Islamismus zu führen verweigert der Westen konsequent.

Die Parole von der Informationsgesellschaft suggerierte das Ende der Industriegesellschaften. Die erfolgreiche Auslagerung von industrieller Arbeit an Informationstechnologie in asiatische Tigerstaaten trug dazu bei, die Illusion dieser aus Informationen bestehenden Gesellschaft zu stärken, als würde nur noch Werbung gehandelt und keine industriell gefertigten Produkte mehr, die jene Kosten einfahren müssen, von denen sich Google und co. ernähren. Ebenso verhält es sich mit der Freiheit. Weite Teile der Öffentlichkeit hängen der Illusion an, man könne nunmehr Freiheit online produzieren, durch den Austausch von Informationen und auf bloße bürokratische Verwaltung der jeweilig zur Abstimmung gestellten Gegenstände: Liken oder abwählen, 2 oder 5 Sterne, Lol- oder Kotzsmiley. Dass Freiheit industriell produziert wird, durch Soldaten und Polizisten, durch Reporter und Journalisten, durch Vereinskader und Lobbyisten, dass diese Produktion intrinsisch vermittelt ist mit der Unfreiheit anderer, mit der Ausbeutung hinter den in der Datenflut eher einschrumpfenden Horizonten, das vermag die Ideologie der Informationsgesellschaft zu überdecken. Und diese Ideologie, falsche gesellschaftliche Praxis, diese Ideologie ist auch in „Bring back our Girls!“ und „Je suis Charlie Hebdo!“ enthalten.

Die Position, ein Schild mit einer Forderung hochzuhalten ist primär eine infantile. Sie richtet sich an einen imaginären Vater im Internet, von dem man etwas erledigt haben möchte. Sie ist das Versprechen, sich selbst nicht darum zu kümmern, Ausdruck der Erwartungshaltung, jemand anderes solle sich doch bitte darum kümmern. Sie ist nicht schlecht an sich sofern sie Solidarisierung ist und Botschaft an die Islamisten – sie ist schlecht, weil jeder Islamist weiß, dass es bei diesen Schildchen bleiben wird, dass diese Schildchen an der intellektuellen Aushöhlung des Westens nichts ändern werden, dass ihnen keine wirkliche Organisation nachfolgt und dass das schlimmste, was sie vom Westen befürchten müssen nunmehr Präzisionsraketen sind, die zugleich das beste sind, was hartgesottenen Islamisten passieren kann, weil sie das gemütliche Mobiliar ihrer Welt darstellen.

Ebenso infantil ist es, wenn ausgerechnet Vertreter der CDU/CSU sich gegen PEGIDA aussprechen, weil diese fremdenfeindlich sei. PEGIDA, die ideologische Kreuzung aus Ariosophie, Ufologie, Franz Josef Strauß, Thilo Sarrazin und Roland Koch hat soweit man weiß, noch keinen Menschen gelyncht, auch wenn das der Mentalität vieler beteiligter Neonazis entspräche. Die CDU/CSU und ihre Schwesterpartei SPD allerdings haben mithilfe ihrer Koalitionspartner kaltblütig, wissentlich und seit über 20 Jahren im Mittelmeer und Grenzflüssen mehr als 20.000 Menschen in den Tod getrieben, weil sie aus Angst vor ihrem PEGIDA gleichsehenden Wählerklientel eines gewiss nicht einführen werden: Das Recht auf Asyl und das bedeutet das Recht, dieses Recht wahrzunehmen ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen: An den Botschaften.
Solange selbst die Politik des mächtigsten Landes Europas denkt, es gehe um Gut- oder Nichtgutfinden, solange die Praxis allen demokratischen Bekundungen völlig zuwiderläuft, solange man jenen, die Freiheit in Syrien und Irak wirklich verteidigen, den dort kämpfenden Bäckern, KFZ-Mechanikern, Wäscherinnen und Kindern nicht einmal ein paar Panzer und Luftabwehrraketen zur Verfügung stellt, weil man denkt, es genüge, gegen Islamismus und für Demokratie zu „sein“ und nicht etwa selbst etwas zu tun, solange wird der Terror auch und gerade im Westen leichtes Spiel haben, Gefolgsleute zu rekrutieren, die an dieser gärenden Melange von praktischer Unfreiheit und Freiheitsversprechen irre wurden und sich mit aller Kraft für die zynischste Unfreiheit entscheiden, weil ihnen das immerhin ehrlicher dünkt.

Der Anschlag auf Charles Hebdo war ein Anschlag auf das, was tatsächlich eine der letzten wirkmächtigen Institutionen des Westens gegen den Islamismus ist: ein kleines Satiremagazin mit einer Auflage von 10.000 wurde Ziel, nicht die Mainstream-Zeitungen, die von sich behaupten, sie würden Wahrheit und Objektivität anhängen und das Rückgrat der Demokratie bilden. Die Botschaft ist deutlich: Von den Zeitungen, von der Politik, von Militärbasen, von allen anderen gesellschaftlichen Institutionen hatten Islamisten weniger zu befürchten als von diesem Magazin. Der Islamismus fürchtet die letzten Zellen von radikaler Religionskritik im Westen mehr als alles andere. Solche Religionskritik aber wird systematisch stillgestellt in Zeitungen, die auf einen atheistischen Kommentar noch fünf Pfarrer und einen Mattussek für „objektive“ Gegendarstellungen anheuern. Sie wird stillgestellt, wo ein Staat Religionsgruppen die rituelle Genitalverstümmelung von Jungen erlaubt, die von Mädchen aber verbietet. Sie wird dort stillgestellt, wo man statt der bösesten Karikaturen des Charlie Hebdo ein „Je suis Charlie“ druckt oder halbgare Bleistift-Karikaturen, in denen man andeutet, dass ja alle Journalisten gemeint seien.

Noch einmal: Es wurde nicht die Le monde oder die Zeit attackiert, sondern ein kleines Satiremagazin. Gemeint war nicht der Bleistift oder die Redefreiheit an sich, sondern der religionsfeindliche Geist, der dahinter steckte. Derselbe Geist vermochte nicht, eine andere als eine ästhetische Praxis gegen den Islamismus zu vollziehen. Dass diese ästhetische Praxis schon wirksam genug war, spricht immerhin Bände darüber, was mit einer bewussten politischen Praxis, einer Organisation gegen den Islamismus und die Zumutungen der Religion im Allgemeinen möglich wäre. Bislang verbleiben diese Organisationen von Atheisten allerdings auf dem Niveau von Positivisten, die wie die GWUP esoterische Thesen mit wissenschaftlichen Experimenten (und nicht wie Jahrtausende von Philosophie in der Logik) widerlegen wollen; und wo man mit Dawkins einen Vordenker einer atheistischen Philosophie sucht, zeugt man vom Wunsch, mit Marx und Freud zu brechen und endlich in Sachen Moralphilosophie ohne Gott hinter Nietzsche zurückfallen zu dürfen, der im Tod Gottes noch ein Problem sah, den Anfang aller Arbeit am Menschen und nicht das Ende. Bisweilen ist aber auch das langsame Verharren im Anfang das Ende: Die fortgesetzte Unreife der Menschen erhält eine andere Qualität als zu Zeiten Kants, sie wird faul, weil sie den Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt hat. Das gleiche gilt für die Charles Hebdo-Solidarität.

Besetzt und zugenäht

Eine Eigentümlichkeit kapitalistischer Verhältnisse ist, dass auch ihre Gegner ihren Zwängen nicht entraten können. Als einst Arbeiter begannen, die Maschinen zu zerstören, die ihre einzige Ware, die Arbeitskraft, dem Preisverfall auslieferten, handelten sie vernünftig und wahnsinnig zugleich. Vernünftig, denn sie konnten nicht darauf hoffen, dass ihnen durch die krisenhafte Fortentwicklung auf einer höheren Stufe und mit höheren Bildungsstandards wieder ein Auskommen zugeteilt würde.

Sie durchschauten die Konkurrenz, die ihnen Maschinen bedeuteten, die wussten instinktiv, dass bald die ersten unter ihnen verhungern würden, obwohl die Maschinen doch ein Mehrfaches produzierten und doch ihre Körper und die ihrer Kinder nur in härteren, barbarischeren Schichten zugrunde richteten.

Unvernünftig, weil diese Maschinen ihre Befreiung von der barbarisch harten Körperarbeit bedeuten konnten und ihre kurzfristige Zerstörung mitnichten die Arbeiter befreite.  Heute gelten die Maschinenstürmer als Exponate naiver, verkürzter und lächerlicher Kapitalismuskritik schlechthin, obwohl sie im falschen Ganzen doch auch nicht wesentlich unvernünftiger oder wahnsinniger handelten, als beispielsweise Gewerkschafter, Banker, Schnäppchenjäger oder Hausbesetzer. Sie alle suchen den bestimmten Vorteil und setzten damit nur allgemeine Zwänge fort oder geben sie nach dem Recht des Stärkeren an Schwächere weiter.

Als Prinzen und Gräfinnen den Bauern Englands den Boden unter den Füßen wegbesetzten, weil sie darauf Schafwolle zu produzieren gedachten, kümmerten sie traditionelle Rechtsbestände ebenso wenig wie die Hausbesetzer des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Legitimationsbasis war das Recht des Stärkeren verbrämt mit Modernismus: das Objekt produzierte nicht auf der Höhe der Zeit. Provozierend war die Privatnutzung des Landes für die Subsistenz der Kleinbauern, wo doch die Welt nach Schafwolle verlangte; Skandal für die Hausbesetzer ist der Leerstand noch halbwegs bewohnbaren Materials bei bester Marktlage.

Sie handeln gewieft wie nur ein Immobilienmakler, wenn sie Schwachstellen im Immobilienmarkt aufspüren, ihr eigenes Potential prüfen, das Marktrisiko, den Mietpreis, die Zahl der Mitinvestoren – und dann zum kollektiven Raub des Objektes sich entscheiden. Allein ihre Masse und die Wertlosigkeit des Objekts können in bestimmten ökonomischen, lokalen und gesellschaftlichen Konstellationen bewirken, dass ihr Raub folgenlos bleibt, sogar honoriert wird als ursprüngliche Akkumulation.

Ursprüngliche Akkumulation war von je her rasch vergessen, wenn das Kapital sich bestimmungsgerecht vermehrte. Niemand käme heute noch auf die Idee, Nachfahren von Adel und Klerus zu enteignen. Diebstahl war demnach nie ein eindeutig verurteilter Akt. Als dauernde Aneignung von in Waren geronnener Lebenszeit durch die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ist sie Grundbestand der Produktionsweise. Diese systematische Nähe bürgerlicher Produktionsweise zum Raub, den Diebstahl im Eigentum, ahnen Hausbesetzer und sie versuchen, das Risiko einer Ahndung ihrer Tat ökonomisch zu erhöhen, um ihren Diebstahl nachträglich zu legalisieren – sie haben die geschichtliche Erfahrung verinnerlicht, dass das gehen kann. Entglasungen, Brandstiftungen und Krankenhausrechnungen von Polizisten müssen nur teurer sein als der Gewinn, der aus der Räumung gezogen werden kann.

Hausbesetzungen haben in Krisenzeiten eine rationale Funktion als mehr oder weniger unpolitischer Mundraub – aus der Zeit der Wirtschaftskrise der Weimarer Republik ist das Bild der besetzten Häuser in Berlin bekannt, auf dem Naziflaggen und rote Fahnen nebeneinander wehen. In Deutschland ist dieser Notstand zwar wieder etwas öfter gegeben, wie etwa in der Berliner Eisfabrik, aber von Linken werden oder bleiben Häuser in aller Regel nicht mehr besetzt, weil man sonst erfrieren würde. Ginge es nur um Wohnungsnot oder Antifaschismus, man könnte in Bernburg oder Neustadt/Sachsen jedes dritte Haus für einen Bruchteil der Prozesskosten der jüngsten Ausschreitungen erstehen, es sich in herrlicher Landschaft recht gemütlich machen, und die Nazis quasi schon dort konfrontieren, wo sie wohnen.

Die Glorifizierung des Hausbesetzertums als allgemein subversive Strategie fordert letztlich eben jene Ellenbogenmentalität ein, die am Kapitalverhältnis kritisiert wird. Die hypothetische Situation eines totalen Sieges der Hausbesetzerbewegung impliziert nicht die Aufhebung von Eigentumsverhältnissen, sondern des Rechtsstaates, die Niederlage der Schwächsten, die fortan in den elendesten Außenbezirken und Plattenbauten wohnen müssen, weil die stärksten Autonomen die Bestlagen erobert haben. Die Aneignung von Häusern ist die Affirmation, nicht die Abschaffung des Eigentums, wie es die Besetzer so häufig  behaupten.

Dass sie ihr Stück vom Kuchen, mitunter auch die ganze Bäckerei haben wollen, sei ihnen gegönnt. Aber nur mit einiger Weltfremdheit könnte man die besetzten Häuser als Keimzellen definieren, an denen etwa die vom Marxismus vorgeschlagene aufgeklärte Expropriation der Expropriateure in den Fabriken vorbereitet und geübt wird. Sobald das Eigenheim erobert ist, kommen notwendig die Sorgen, die jeder Bausparer und Ratenzahler und jeder Immobilieninvestor mit seinem Häuschen hat: Wie hält man diesen in den 50-ern oder noch früher verbrochenen Klumpatsch nur instand, wie drückt man die Energiekosten ohne zuviel zu investieren? Wer versetzt die Heizkörper, schafft neue an, isoliert die Heizkörpernischen und Rolladenkästen, setzt neue Fenster ein, isoliert die Fassade oder Innenräume fachgerecht, tauscht uralte Wasser- und Stromleitungen aus, isoliert das Dach oder wenigstens die Geschossdecke, beseitigt die Wärmebrücken, regelt die Brandschutzversicherung und befüllt die neue Scheitbefeuerungsanlage oder den Grundofen? Und wie drückt man aus eigenem Interesse die Löhne der Handwerker, der Ingenieure, die Solarkollektoren entwerfen, der Arbeiter, die die Türklinken aus gebürstetem Edelstahl herstellen?

An solchen Folgekosten scheiterte so mancher Hauskauf und so manche Hausbesetzung. Die Renovierungsbedarf ganzer verelendeter Stadtteile – man denke an die fachbewerkten denkmalgeschützten Studentenslums der Marburger Oberstadt – werden in der Ideologie von der Gentrifizierung einfach veredelt zur Kultur, die Investitionskosten wegretuschiert. Tatsächlich sind die Renovierungskosten eines Hauses in Stadt, Speckgürtel und Land weitgehend identisch, während die Mieten und Grundstückspreise exorbitant divergieren. In beiden Fällen lohnt es sich kaum noch, irgendetwas in Häuser zu investieren, wenn nicht eine lückenlose Vermietung das Risiko zumindest berechenbar macht. Das Zielobjekt zahlloser Rentner und ihre prospektiven jugendlichen Erben ist die Mietwohnung in der westdeutschen Großstadt, eine halbwegs bezahlbare Einheit mit beherrschbaren Folgekosten und bleibendem Gebrauchswert für Familienmitglieder. In der Gentrifizierungsideologie werden solche Marktmechanismen in den üblen Willen und böse Absicht von „Spekulanten“ und „Investoren“ personifiziert. Man will nicht an den Mietkosten spüren müssen, wie wenig man in der Produktionssphäre als Äquivalent für seine in Waren transformierte Lebenszeit erhält, und dafür nimmt man dann Abstriche am Komfort und erhebliche Energiekosten in Kauf. Die Form der Verelendung wird zur Rebellion verklärt.

Hausbesetzer haben in Hamburg die Rote Flora in einer historisch günstigen Situation mit dem Recht des Stärkeren gewonnen. Man gönnt ihnen und den anderen Hausbesetzern der Wendezeit ihre expropriierte Bleibe von Herzen. Kritische Theorie weigert sich, jenen Störungen der verkehrten Ordnung in den Arm zu fallen, die selbst zumindest noch ein Bewusstsein von der Verkehrtheit haben oder deren Eigeninteresse in einem ungleichen Klassenkampf rational nachvollziehbar bleibt. Wenn aus den äußerst beschränkten Möglichkeiten aber eine große Ideologie von Freiräumen, Anti-Gentrifizierung und der „Buntheit“ einer womöglichen Revolution in Naherwartung gemacht wird, verdient das Kritik.

Im Fall der Roten Flora kaufte ein Investor in den 1990-ern für 350.000 DM das damals schon besetzte Haus mit zahlreichen Auflagen von der Stadt, darunter die Verpflichtung, alles beim Alten zu lassen. Warum die damaligen Besetzer vorher den Mietvertrag mit der Stadt platzen ließen, warum sie nicht selbst die Summe zusammentrugen und noch etwas drauflegten, ist Gegenstand von Spekulation. Heute jedenfalls wird der Kaufwert der roten Flora laut Eigentümer zwischen 9-20 Millionen Euro veranschlagt, wohl weitere 9 Millionen haben die Besetzer in mehr als 20 Jahren Dauerbetrieb durch Veranstaltungen, tägliche Kundschaft, Mieten eingenommen oder gespart.

Der von den deutschen Linken vorgeschützte Notstand, die moralische Überlegenheit ist vom bürgerlichen Egoismus durchtränkt wie der des Eigentümers auch. Beide spekulierten auf Risiko, beide versuchen nun, ihren Preis in die Höhe zu treiben. Das in Politik maskierte Vorgehen ist von anderen Orten hinlänglich bekannt, routiniert und erprobt. Einem provozierten Eingreifen der Polizei gegen eine Demonstration folgen provozierte Reaktionen oder umgekehrt. Wer auch immer begonnen hat: dass sich die Autonomen überhaupt darauf berufen, nach 40 Jahren Erfahrung im politischen Kampf in eine Straßenschlacht ohne eigenes Zutun und gegen den eigenen Willen hinein „provoziert“ worden zu sein, zeugt von ihrer Lust an der Provokation. Sie machten sich so berechenbar, wie das die Einsatzleiter für ihre opake Strategie schon voraussetzten.

Unabhängig von den jüngsten Unruhen: Wie an zahllosen linken Institutionen, die einmal ihre Vervielfachung und Ausbreitung bedeuteten und dann in Agonie erstarrten, ist auch in der Roten Flora ein linker Nationalismus entstanden. Historische Parallele ist das Ausbleiben der Weltrevolution und die Zwangslage der Sowjets, sich vorerst als Sozialismus in einem Land zu arrangieren. Horkheimer nannte das in seinem Vortrag mit dem harmlosen Titel „Die Zukunft der Ehe“: „linker und rechter, in Wahrheit identischer Nationalismus“.

Der eigene Kiez, ohne den wähnt man sich heimatlos und verloren, weil echter Klassenkampf ausbleibt. Hier wird eigenes Recht durchgesetzt bis in die intimsten Bereiche des Strafrechtes – Vergewaltiger erhalten Hausverbot, aber keine Anzeige, weil man nicht mit der Polizei kooperieren will. Wer mit nacktem Oberkörper Schlagzeug spielt, wer einer Frau einen Drink zuviel spendiert, wer schlechte Polemik schreibt, wer einmal aufgefallen ist ohne den Schutz des Kollektivs, erhält ebenfalls Hausverbot – Exil von der linken Scholle als schlimmste vorstellbare Einheitsstrafe für wiederum alles vom Schwerverbrechen zu Bagatellen der Devianz. In der neugeschaffenen heilen Welt wird das Wohlfühlen zum obersten Prinzip gemacht, wo man einst notorisch unzufrieden sein wollte und in den Räumen lediglich Basen für die weitere Ausbreitung sah. Solche Verhältnisse reproduzieren Kulturindustrie in den linken Räumen: Fun regiert und Miesepeterei oder was über verordnete, zuschauergerechte prüde Sexyness hinausgeht wird ausgeschlossen. Wenn es gar zu langweilig wird, hängt man Schilder auf, dass hier theoretisch dauernd „sexuelle Übergriffe“ (und dazu zählt dann so ziemlich alles, was unter […] definiert sein will) passieren könnten – wohliger Grusel der sexuell Frustrierten über Verbotenes, Tabuiertes, der den Morden und Vergewaltigungen im Feierabendkrimi der Berufstätigen gleichsieht.

Anstelle von Refugien von alternativen Praktiken und Horten der Liberalität entstanden linke Assessment-Center höherer Ordnung, in denen die gewinnen, die erfolgreich durch alle Plena sich quälen und Zwänge und Redeverbote am erfolgreichsten internalisierten.

Zwei Textsammlungen kommen zu ganz ähnlichen Schlüssen und seien ausdrücklich empfohlen:

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sw&dig=2008/09/27/a0051&cHash=8c1e824b3c

„So sah das zynischerweise auch der damalige Berliner Kripoleiter Schenk: „Es ist doch prima, wenn die jungen Leute sich dabei handwerklich in sinnvoller Weise betätigen: Da lernen die was – und kommen nicht auf dumme Gedanken.““

http://www.squatter.w3brigade.de/content/geschichte/die-hausbesetzerbewegung-ost-berlin-teil1

„Politniks aus Autono­men und Antiimpkreisen profilierten sich großmäulig und propagierten den Revolutionä­ren Häuserkampf gegen den Imperialismus.“

Puritanische Philanthropie und Prostitutionsfeindschaft

Jean Rouch filmte in seinem Meisterwerk „Les Maitres fous“ unter anderem eine Demonstration in Accra, Ghana. Die Protestierenden waren Prostituierte, sie forderten höhere Löhne ein.

Im heutigen Frankreich haben Prostituierte diese Freiheit nicht mehr. 2003 hatten die Konservativen Prostituierte mit Strafen bedroht, wenn sie Freier anwerben. Die Sozialisten schaffen das gerade ab zugunsten des schwedischen Modells, nach dem die Freier bestraft werden.(1) In den protestantischen und sozialdemokratischen Staaten  Schweden, Norwegen und Island ist Prostitution jeweils für Freier illegal, Island untersagt selbst das Strippen.(2) Finnland diskutiert aktuell das schwedische Modell, in Deutschland agitiert die Illustrierte „Emma“ dafür.

Dass man nicht die Prostituierten, sondern die Freier bestrafen müsse, das erscheint den einfacher gestrickten Philanthropen schon wie ein gewitzter Kniff, um etwas richtig zu rücken. Tatsächlich verschleiert das nur die Aggression auf die Prostituierten. Die Folge ist die gleiche: Prostituierte können ihr Geschäft aufgeben. Das schwedische Modell ist etwas gerechter, dafür wohl ungleich effektiver als das konservative in der Unterdrückung der Prostitution im eigenen Land. Letztlich geht es um ihre Abschaffung oder zumindest Verschiebung – nach Deutschland und in die Peripherien, wo man dann wiederum den Anstieg der Prostitution skandalisiert.

Prostitution beruft sich auf das Recht, die eigene Arbeitskraft frei zu verkaufen. Dieses Recht ist eines der Kernbestände liberaler Demokratie. Nun gab es von je her Einschränkungen: Kinderarbeit wurde verboten. Die Zustände in den britischen Kohleminen, in denen Kinder wegen ihrer Größe in den besonders niedrigen Schächten eingesetzt wurden, die Kinderarbeit in Webereien sind bei Engels beschrieben. (Natürlich findet Kinderarbeit nach wie vor statt in den Peripherien, für Baumwolle, Kakao, Fussbälle und Teppiche) Bei der Kinderarbeit ist der zentrale Konflikt die Unmündigkeit. Ein kleiner Mensch kann diese Arbeiten nach wie vor ausüben, auch wenn sie ihn zugrunde richtet und er weniger Gehalt erhält, als vorher das ebensogroße Kind. Nicht die individuell zerstörerische Wirkung von Arbeit interessiert die Gesellschaft, sondern die gesellschaftliche. Mündigkeit ist durch das Verbot der Prostitution Minderjähriger in allen EU-Staaten gegeben. Die Prostitution hat darin etwas den anderen Berufen voraus, die teilweise schon mit 15 erlernt werden dürfen, ab 17 darf man sich in der Bundeswehr härtestem Drill und Lebensgefahr aussetzen, Zeitungsaustragen dürfen schon sehr kleine Kinder, Schauspielern die kleinsten.

Minderjährigkeit und direkter Zwang sind bei jeglicher Arbeit, auch bei der Prostitution illegal. Das Verbot der Zwangsarbeit fokussiert aber nicht auf den Zwang an sich, sondern auf die Vermitteltheit des Zwangs. Abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse gelten als die natürlichen, hinzunehmenden Voraussetzungen der freien Selbstausbeutung, auch wenn darunter Zwänge wie Hunger, Tod und soziale Isolation gefasst werden müssen.

In der Prostitutionsfeindschaft will man von vermittelten Zwängen nichts mehr wissen. Bordelle, die ihre Ausbeuter fraglos haben, sind aber in ihrer grundsätzlichen Vermitteltheit des Zwangs nicht zu unterscheiden von den Baustellen oder Fabriken, in denen sich Männer wie Frauen aus „freien Stücken“ zugrunde richten dürfen. Das Ziel der Prostitutionsfeinde ist daher stets die Verschleierung der strukturellen Gleichheit der vermittelten Ausbeutung. Diese Verschleierungstaktik bedient sich zweier Strategien: Statistik und Spezifik.

Statistik soll suggerieren, dass der Notstand in der Prostitution so akut ist, dass in der Rechtsgüterabwägung das Recht auf freien Verkauf der eigenen Arbeitskraft unter den Tisch fallen kann. Wenn erst die Vorherrschaft unmittelbaren Zwangs, also Zwangsprostitution, in der Prostitution nachgewiesen ist, ist das Gewissen der puritanischen Philantropen für den Angriff auf die nur vermittelt erzwungene Prostitution gereinigt. Der Verweis auf die prinzipielle Möglichkeit der emanzipierten Prostitution, die von ähnlichen ausbeuterischen Verhältnissen und Marktzwängen geprägt sein wird wie jede andere Arbeit, kann angesichts der Statistik und Drastik der Ausbeutung in Extremfällen jederzeit als zynisch denunziert werden. Wen kümmern die wenigen Edel-Escorts, die Gelegenheitsprostituierten, die masochistischen Fetischisten in ihren jeweiligen hetero- und homosexuellen Ausprägungen, wenn die Abschaffung ihrer Rechte Andere aus so extremer Sklaverei befreit. Die Legitimationsform ist die gleiche wie bei der Abschaffung bürgerlicher Freiheiten für die Terrorismusbekämpfung oder die Aufhebung des Datenschutzes zur Bekämpfung von Kriminalität: Notstand.

Das zweite, emotionalere Standbein der Prostitutionsgegner ist die Spezifik. Prostitution ist demnach verwerflich, weil sie grundsätzlich „andere“ Arbeit ist, weil sie die Geschlechtsteile involviert. Wenn die gleichen Geschlechtsteile lebenslang auf Bürostühlen oder Kassiererinnenstühlen eingequetscht werden bis Hämorrhoiden, Stressinkontinenz und Frühableben wegen Bewegungsmangel eintreten, gilt das als weniger skandalös als die berufsmäßige Penetration oder Masturbation. Bandscheibenvorfall und Hexenschuss – notwendige Folgen moderner Arbeitsverhältnisse – fügen extremsten Schmerz zu und können lebenslange Verkrüppelung bedeuten. Dennoch werden sie als Berufskrankheiten toleriert, einkalkuliert und akzeptiert. Was die Arbeitswelt mit der Psyche von Menschen anstellt, ist täglich zu beobachten. Penetrationen hingegen gelten als barbarisch und nicht hinnehmbar. In einer solchen Trennung sind Sexualtabus wirksam, hochidealisierte Vorstellungen von „normaler“ Sexualität, die sich kopfschüttelnd gegen die Vorstellung richten, Sex mit womöglich täglich oder mehrfach täglich wechselnden Geschlechtspartnern sei etwas Erstrebenswertes oder auch nur annähernd Auszuhaltendes. Und selbst die freieste Gelegenheitsprostitution, die sich ihre Kunden ohne ökonomische Zwänge aussuchen kann und für die gebotene Schönheit, Zeitaufwand und Seriosität einen Gegenwert einfordert, wird dem Verbot anheim fallen. Es geht den Prostitutionsfeinden nicht um Gewalt oder Zwang, sondern um die Existenz der Idee von Prostitution.

Der Neid auf diese Möglichkeit, sich mittels Sex dem übrigen Verwertungszwang zu entziehen, tritt in der Abwertung zutage. Das insgeheime Begehren auf solcherarts vereinte Bedürfnisbefriedigung – Sex, Nahrung und Obdach – wird mit Kastrationsdrohungen wie Vergewaltigung und sei es als Voraussetzung solcher Perversion verdrängt. Eine Frau, die solch unnatürliche Lust an Sex hat, oder die ihn akzeptieren kann, müsse zwangsläufig als Kind sexuell misshandelt worden sein. Statistik trumpft hier wiederum auf, schafft Mehrheiten. Warum aber die sexuelle Gewalt in der Kindheit zur Prostitution führt, ob sie vereinzelt nicht auch Coping bedeutet, ob sie eine für das Individuum gelungene Kompromisslösung für innere Spannungen und Ambivalenzen darstellt, warum diese Prostituierten mitunter Sex und partnerschaftliche/familiäre Nähe trennen wollen – solche differenzierenden Überlegungen fallen dem autoritären paternalistischen Schutzdrang anheim, der aus traumatisierten Opfern von sexueller Misshandlung in der Kindheit ewige Kinder und ewige Opfer machen muss.

Prostitutionsfeinde wirken mit an der Durchsetzung von „normalem“ Sex als gesellschaftlichem Standard. Tabuiert werden lustvoller Sex mit älteren, „hässlichen“, behinderten oder reichen Männern, weiblicher Exhibitionismus, Masochismus und Narzissmus, Nymphomanie, zwanghafter Sex, Sex als Verrichtung.

Sex für Geld wird verboten, Sex und Geld für sich bleiben aber legal und jeweils glücksverheißend. Das ist nichts anderes als ein Inzesttabu, das vor allem auf weibliche und Homosexualität abzielt. Lust an Sex für Geld – diese Phantasie bleibt jungen Männern vorbehalten. Die dürfen von den zahllosen Liebhaberinnen spinnen, mit denen sie womöglich täglich Sex haben würden, während die noch dafür zahlen. Normiert werden Frauen, denen die narzisstische Befriedigung, ihre Begehrenswertigkeit tatsächlich in Geldform oder in der Zahl der Freier – als Tauschwert – aufgerechnet zu sehen, versagt wird.

Tatsächlich verschleiert die Prostitutionsfeindschaft einfach ihren bürgerlichen Egoismus, der hinter der groß aufgemachten Moral der Schwarzers und der sozialdemokratischen Feministen steckt. Das Prostitutionsverbot mag sich gegen die Rechte der freiwilligen Prostituierten richten, aber es scheint als der billigste Weg, Zwangsprostitution einzudämmen. Man beschneidet ein Grundrecht in der Absicht, Ausgaben für Polizei, Sozialarbeit, Gerichte zu sparen, die die mühsame Differenzierungsarbeit vornehmen. Die Beschaffungsprostitution durch die Legalisierung von Drogen aufzuheben wagt indes keine der sozialdemokratischen Regierungen. Auch bleibt offen, wie die Zwangsprostitution nach dem Verbot der Prostitution effektiv bekämpft werden soll, wenn doch bislang schon wenig Erfolge gegen Menschenhandel erzielt werden.

Die schlechter gestellten Prostituierten kommen zumeist aus Staaten, in denen Prostitution illegal oder stark reglementiert ist. Nicht die Legalität erzeugt unfreie Prostitution und Menschenhandel, sondern Armut. Armut erst steigert die Unlust, die notwendig ist, um herkömmliche Moralvorstellungen zu überwerfen, was teilweise dann als Befreiung erlebt werden kann. Für Frauen, die in der Heimat auch nur der Tausch lebenslanger Dienerschaft gegen ein paar an die Eltern gezahlte Ziegen oder Geld erwartet hätte, neben einem Leben in Unbildung und Armut, ist die freie Prostitution in Europa allemal das kleinere Übel. Solange die EU dabei zusieht, wie an ihren Außengrenzen ein failed state nach dem anderen entsteht, solange sie Bürgerkriege ignoriert, die Millionen in die Flucht treiben, solange Tausende an den Außengrenzen in den Tod getrieben werden, solange syrische Flüchtlinge ihre Nieren und Töchter verkaufen müssen, um zu überleben, solange braucht kein EU-Staat zu denken, er würde mit einem Prostitutionsverbot etwas gegen Menschenhandel unternehmen und solange wohnt der Prostitutionsfeindschaft immer auch die Abwehr des Fremden inne.

Ein weiteres Moment der bürgerlichen Egoismus ist die primitive Akkumulation an den Prostituierten. Die Prostituierte hat eine Sonderstellung im Arbeitswesen: Sie besitzt ihr zentrales Produktionsmittel selbst und bringt es von Natur aus mit. Sie ist partout nicht zur doppelt freien Lohnarbeit zu bringen. Diese Möglichkeit, aus sich selbst Wert zu erzeugen, ohne die Vermittlung von Produktionsmitteln, die ihr nicht mehr gehören, zieht Neid auf sich. Man entzieht ihr dieses Produktionsmittel und gibt vor, das zu ihrem Besten zu tun – tatsächlich stößt man sie in die Abhängigkeit der doppelt freien Lohnarbeiterin, zwingt sie an die Kassen und Förderbänder.

Wo die Ehe historisch akzeptierte Tauschform von Waren und Sexualität ist, noch nicht allzulange die Mitgift und der Brautpreis abgeschafft wurden, kann gegen den Erwerb von Sex auf dem freien Markt nichts Inhaltliches sprechen. Entleert wird unter den vorherrschenden Produktionsbedingungen beides: Arbeit und Sexualität. „Echte“, „befreite“ Lust gibt es wohl nur noch in Inseln, zu tief hat sich das Tauschverhältnis ins Privateste eingegraben. Der Versuch, die wahre Liebe unter freien Individuen auf Kosten der freien Frauen in der Prostitution zu bewahren verdirbt schon wieder die Freiheit dieser Individuen, die für die wahre Liebe erst Voraussetzung wäre, die sich nicht an Besitzidealen wie Treue oder Sexualität aufrichtet, sondern an Hingabefähigkeit und Solidarität.

Foreskin 419 – The heaviest Assault on African Men’s sexual life remains uncovered

„In the ages of Muslim, Christian and indigenous slavery, many African men were castrated to serve as eunuchs. In colonial racist regimes African men were forbidden to mate white women. Not few were abused for medical experiments in the twentieth century – even in the USA, the Tuskegee syphilis experiment denied treatment to 399 poor black men until 1972[1]. Racism has always paired with sexual aggression. Today, African men take part in a mass-experiment by the WHO and UNAIDS[2] and African doctors, who all promise to eradicate HIV through circumcision – the force is less brutal but far more effective than ever. Global health agencies and local authoritarian structures pressurize and bribe men into sacrificing a part of their genitals. […]“

See full text at:

http://saharareporters.com/article/foreskin-419-%E2%80%93-heaviest-assault-african-men%E2%80%99s-sexual-life-colonial-times-remains-uncovered

Café Palestine, was sonst

Der Videomitschnitt stammt aus/von dem „Café Palestine“ in Freiburg, das laut einem Bericht von Henryk M. Broder einklagen möchte, dass es nicht mehr „Café Judenhass“ genannt werden darf. Ich trete natürlich dafür ein, es weiter Café Palestine zu nennen.

„Cafe Palestine Freiburg hat zwischenzeitlich einen Anwalt beauftragt, der “Achse des Guten” eine Unterlassungserklärung zukommen und diese bis am 10. Juli unterschrieben zurück senden zu lassen. Gleichzeitig wurde der Blog aufgefordert, die Bezeichnung “Cafe Judenhass” aus dem Internet zu entfernen.“

Das Video ist eine exzellente Studie über Antisemitismus und „Völkerfreundschaft“.