Kinder, Klima, Klassenkampf

Verena Brunschweiger bringt den Antinatalismus, also die Philosophie, dass Existenz Leiden ist und der Mensch mit Kindern Leid erzeugt, auf deutsches Niveau: Sie kombiniert ihn mit Nützlichkeitsdenken und implizitem Rassismus.

Wenn Kinder an der Klimakatastrophe schuld sind und nicht die Erwachsenen, die sie hervorbringen, dann ist logisch, dass jene am meisten Schuld tragen, die viele Kinder bekommen. Brunschweiger hält zwar noch inne und benennt den Unterschied zwischen Kindern in Afrika und Kindern in Deutschland. Aber kinderreich sind auch in Deutschland vor allem die unteren Schichten und Minderheiten.
Also nicht die tendenziell kinderlosen AkademikerInnen, die mehrheitlich irrelevanten Unsinn zusammenforschen anstatt zur Aufklärung beizutragen. Auch nicht die tendenziell kinderlosen ManagerInnen, die den Raubbau an Natur organisieren und mit Spenden an reaktionäre Parteien für die ideologische Begleitung des Raubbaus sorgen. Auch nicht die RentnerInnen, die alleine auf 200 Quadratmetern leben und ihr Lebtag Parteien gewählt haben, die jede Anstrengung hin zu einer vernünftigen Gesellschaft in konservativem Sumpf erstickten. Und auch nicht die Lehrerinnen und Lehrer, die als bedeutende Mittelstandsschicht in größerem Ausmaß verantwortlich ist für ökologisch tote und überdimensionierte Neubaugebiete.

Die kinderreichen Familien würden sich, so Brunschweiger, die Kinder von Kinderlosen „finanzieren lassen“, als wäre es nicht umgekehrt. Menschen ohne Kinder würden bei der Stellenvergabe disrkiminiert – offenbar hat sie sich noch nie an einer Universität oder in der freien Wirtschaft beworben. Auch ansonsten leidet sie als Kinderlose schwer:

„Vor ein paar Jahren musste ich zum Beispiel aus meiner Wohnung ausziehen, weil die Familie über mir ständig Krach gemacht hat. Die Eltern hatten ihre drei Kinder, die in der Wohnung Fußball spielten und immer herumschrien, einfach nicht im Griff. Insofern möchte ich die Eltern, für die Ihr Kind der größte Schatz ist, der sich alles erlauben kann und schlicht unerzogen ist, einfach mal dazu einladen, sich stärker über ihre Pflichten als Eltern, nämlich einer angemessenen Erziehung, bewusst zu werden, damit am Ende ein sozialverträglicheres Miteinander herauskommt.“

Das ist nicht Feminismus, nicht Solidarität mit Frauen in Reproduktionsarbeit – das ist Verachtung dieser Frauen, zumal solcher, die zu liberaler Erziehung in der Lage sind. Im gleichen Tenor will sie von Fluggesellschaften für Kindergeschrei entschädigt werden.
Brunschweiger fördert mit diesem Ressentiment gegen das laute Kind einen gesellschaftlichen Druck auf Mütter, ihre Kinder mit Smartphones und Süßigkeiten still zu stellen. Das schreiende Kind gilt als Zeichen schlechter Erziehung. Dann wirft sie jenen Kindern vor, verwöhnt zu sein – dabei sind es die Erwachsenen, die Kinder nicht mehr aushalten können.

Brunschweigers zentrale Leistung dürfte sein, kinderlosen Menschen ein gutes Gewissen zu bereiten: Schließlich erzeuge ein Kind im Jahr soviel CO², dass ein Transatlantikflug dagegen Peanuts ist. So kann man aus den Shopping-Malls in New York die Großfamilien verachten und sich zum Klimaschützer erklären.

Bürgerlicher Reformismus trägt ihre Vorstellung, man könne die Gesellschaft rascher gesundschrumpfen als ihren Umbau in eine vernünftige zu gestalten, in der Menschen weder aus Not Kinder bekommen noch Kindern Not aufbürden. Brunschweiger rechnet einfach 42 Millionen Menschen als Überbevölkerung:

„Für Deutschland zum Beispiel wäre eine Bevölkerung von circa 38 Millionen optimal, was die Biokapazität bzw. den ökologischen Fußabdruck betrifft.“

So ein Gesundschrumpfen kann man sich nur vorstellen, wenn man davon ausgeht, dass Abschottung der derweil weiter wachsenden Gesellschaften weiter funktioniert. Selbstverständlich will sie vom Gesundschrumpfen nicht betroffen sein, sondern profitieren: mit 50,000 Euro, die sie wie andere kinderlose Frauen erhalten soll. Soviel zum bürgerlichen Egoismus: Stets geht es um den Gewinn an der Sache. Anstatt Mütter mit Kindern zu unterstützen, sollen also diejenigen ohne Kinder belohnt werden. Das macht aus einem Solidarprinzip ein reaktionäres Bestrafungs- und Belohnungssystem.

Kindergeld ist keine Mutterprämie, sondern geringwertiger Ausgleich für gesellschaftliche Reproduktionsarbeit. Der Staat überlässt prinzipiell die Entscheidung den Einzelnen, stellt auch keine wesentlichen Anreize, leistet aber auf jahrzehntelangen gewerkschaftlichen und feministischen Druck hin einige Ausgleichszahlungen, für die das Kindergeld steht. Das ist ein hochgradig defizitärer, aber gewerkschaftlich vermittelter Vorgang und damit grundverschieden von den Mutterprämien, die Viktor Orban auslobt, um eine rein „ungarische“ Bevölkerung zu mehren.

Brunschweigers Volte gegen die klimaschädlichen Kinder kommt nicht von ungefähr: Seit Wochen streiken Schülerinnen und Schüler gegen die Katastrophe, die ihnen aufgebürdet wird. Dass sie einen Klassenkampf führen, haben die Erwachsenen längst erkannt. Solidaritätsbekundungen bleiben beim betulichen Tätscheln, anstatt sich den Schülerinnen und Schülern zu einem Generalstreik anzuschließen. Hämisch erinnert man sie an die Schulpflicht – als würden AkademikerInnen und LehrerInnen ihre Pflicht erfüllen und den Kindern auf Grundlage besserer Erkenntnis die Arbeit der Reform abnehmen. Ebenso hämisch macht man sie auf den eigenen Konsum aufmerksam – als würden die Erwachsenen etwas an ihrem ändern. Und nicht minder hämisch ist daher Brunschweigers Klage über klimaschädliche Kinder, deren CO²-Ausstoß und ihre schlechte Erziehung. Sie passt in den Klassenkampf von oben, der heute einer der Älteren gegen die Kinder wird.

Quelle: Interview Brunberger im Fokus: https://www.focus.de/familie/kind/keine-kinder-wegen-der-umwelt-jetzt-legt-die-lehrerin-nach-mit-steilen-thesen_id_10421302.html?rnd=a8912c1ed39d9b69db2a646907926737


2 thoughts on “Kinder, Klima, Klassenkampf

  1. Lieber Felix,

    zu dem Passus:

    „Kindergeld ist keine Mutterprämie, sondern geringwertiger Ausgleich für gesellschaftliche Reproduktionsarbeit. Der Staat überlässt prinzipiell die Entscheidung den Einzelnen, stellt auch keine wesentlichen Anreize, leistet aber auf jahrzehntelangen gewerkschaftlichen und feministischen Druck hin einige Ausgleichszahlungen, für die das Kindergeld steht.“

    Dir ist die Geschichte des deutschen Kindergeldes schon bekannt, oder?

    Lg,

    Paulette

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