„Dune – Der Wüstenplanet“ – Vom surrealistischen Kitsch zum reaktionären Machwerk



Die Geschichte vom Wüstenplanet Dune zieht ihre Popularität primär aus dem Bild eines Sandplaneten, dessen karger Boden auf wundersame Weise gigantische Wesen ernähren kann. Diese Sandwürmer sind zugleich kilometerlanger Phallus und alles verschlingende Vagina dentata. Wenig verwunderlich, dass sie – ähnlich der Alien-Figur H.R. Gigers – Generationen faszinieren. Kontrolle und Beherrschung dieser bedrohlichen Geschlechtsteile durch den konformistischen Rebell und künftigen Imperator Paul Atreides liefern den symbolischen Kern der Geschichte. Von sekundärer Bedeutung ist das Erlangen von Transzendenz durch eine Rauschdroge, die von den Würmern produziert wird. Der Rest der Geschichten besteht aus frei wütende Assoziationen über dämonisierte Elternfiguren mit den Hauptthemen Gift, Kontrolle und Verrat.

Konsequent war daher Jodorowskys Versuch, eine surrealistische Transkription zu finden. Nach seinem Scheitern konnte die erste Verfilmung durch David Lynch auch nur misslingen. Zwar bleibt Lynch dem surrealistischen Konzept treu, wo er das Symbolische mit Schleim, Eiter und Organität aufzufangen sucht und architektonisch mit einer Mischung aus Goth, Art Deco und Jugendstil-Design aufwartet. Vor allem im Porträt der Harkonnen erinnert er doch stark an ältere Comic-Bösewichte und rutscht unkontrolliert in die homophobe, im Blutritual auch antisemitische Groteske ab. Bei Lynch ist jedoch die chaotische und komplett übertriebene Ekelhaftigkeit der Harkonnen von der polierten Gelacktheit der Atreides nicht zu trennen, sie sind verdrängte Verwandtschaft eher als Gegner. Und Lynch hatte in seinen ekelhaften Figuren den Mut zur Konfrontation des Publikums mit ungewohnten, verdrängten Bildern, die das Publikum in Frage stellen und nicht seine Ressentiments bestätigen.

Die neue Dune-Verfilmung (2021) durch Dennis Villeneuve fällt hinter alles Bestehende weit zurück. Man hätte an den ersten, gescheiterten Versuch von Alejandro Jodorowsky und H.R. Giger anknüpfen können, oder Lynchs Version vorantreiben. Im neuen „Dune“ wurden aber surrealistische Momente rigoros stillgestellt und die kolonialen und rassisierten Erzählmomente nicht etwa aufgehoben, sondern verstärkt. Villeneuve muss Lynchs Version so sehr gehasst haben, dass er sie vollständig ignoriert. Anstelle einer modernisierten, aufgeklärten Interpretation steht nun ein verkrampfter Kriegsfilm, der die Vorlage tatsächlich ernsthaft auserzählen will: als „Star Wars für Erwachsene“, wie der Regisseur verlautbart. Die Möglichkeiten, die eine surrealistische und antikoloniale Neuverfilmung geboten hätte, wurden nicht nur nicht ausgeschöpft, sondern vollumfänglich verstoßen.

Die Erzählung von „Dune – der Wüstenplanet“ entsteht unweigerlich als Parabel zur geschichtlichen Eroberung des Erdöls. An der Oberfläche genutzt und geschützt von einer nur als „arabisch“ lesbaren indigenen Bevölkerung, den Fremen, lauert unter der Oberfläche die Rache der Natur in Form von Sandwürmern. Damit ist das Grundproblem des Kapitalismus abgesteckt: Enteignung, Gewalt und Raub im Zuge der „primitiven/ursprünglichen Akkumulation“ und Naturbeherrschung ohne Versöhnung. Dune tatsächlich als Kapitalismuskritik zu lesen, zeugt allerdings von tiefen Standards.

Antikolonialistisch war diese Erzählung jedenfalls nie. Lawrence von Arabien, Karl May und andere Produktionen verliehen der westlichen Hinwendung und Bewunderung für arabische „Wüstenmacht“ Ausdruck. Die Strategie des Westens war (vielleicht mit Ausnahme Algeriens) nicht, die arabische Welt zu brechen und zu durchherrschen, sondern die djihadistischen, nationalistischen und demokratischen Bewegungen zu fördern, ihnen eine Befreiung vom osmanischen Reich zu versprechen, und dann Herrschereliten wie die Sauds mit Macht im Tausch für Öl auszustatten. Orientalismus und Arabesken verbrämten und verniedlichten die politische Gewalt des entstandenen Reichtums und des religiösen Fanatismus.

Als Gegenmacht diente aber rasch nicht mehr das osmanische Reich, sondern kurzzeitig der italienische und deutsche Faschismus und dann wesentlich länger und intensiver die Sowjetunion, die Modell für die Harkonnen steht. Alle Seiten umwarben die „Wüstenmächte“ der arabischen Welt und alle tendierten dazu, im Zweifelsfall den jungen Staat Israel den arabischen Mächten auszuliefern. Die Kolonisierung der arabischen Welt ist anders als die des Trikonts von Identifikation mit Klischeebildern geprägt: Haremsdamen mit durchsichtigen Schleiern, wertvolle Gewürze, Aladins Wunderlampe, 1001 Nacht. Diese in der Vorlage schon vorgegebenen Bilder werden von Villeneuve ohne Skrupel bedient: am stärksten in der blauäugigen jungen Frau mit Schleier, die als erotisches Objekt die Träume von Paul Atreides durchwandelt.

Die Erzählung von „Dune“ insbesondere in seiner neuen Ausprägung bietet vor diesem politischen Hintergrund eine Projektionsfolie primär für den westlichen, rassistischen Blick. Spice „hellt“ den Blick auf, macht dunkle Augen „blau“ und letztere werden als Symbol von Weitsicht, Klarsicht und Weisheit eingeführt. Blaue Augen machen dergestalt die freiheitsliebenden „Fremen“ vor allem für ein weißes Publikum zum Identifikionsobjekt. Es hätte einer reflektierten postkolonialen Bearbeitung von Dune offen gestanden, dieses für die Erzählung irrelevante, aber zutiefst der Rassenlehre entspringende Motiv zu ändern.

Dune war bislang ein weißer Traum, der von weißen Darstellern gespielt wurde.  Daran ändert in der Neuverfilmung auch die nunmehr dunkle Hautfarbe einiger Statisten nichts. Der erste schwarze Mensch im Film ist ein Kundschafter, ein Dienstbote eines unsichtbaren Imperators ohne eigene Macht oder Charakter. Er bleibt im Stereotyp der schwarzen Hofdiener, die sich Fürstenhöfe hielten. Die zweite Figur ist die der nunmehr weiblichen „Ökologin“ Liet Kynes, die ebenfalls im Dienst des Imperators steht. Die Kombination von Schwarzsein und Ökologie entspringt der rassistischen Gleichsetzung von schwarzer Haut mit Natur. Auch diese Figur bleibt ein stereotypes Token. Sie stirbt wie für Hollywoodfilme üblich, sehr rasch und erhält keine Chance auf einen komplexeren Charakter.  
Die dritte, sprechende Figur mit schwarzer Hautfarbe ist Teil einer Fremen-Bande. Der „erfahrene Krieger“ fordert den weißen Held und Mahdi zum Kampf und verliert erwartbar. Dieser Schicksalskampf zwischen weißem Held und schwarzem Gegner ist ein austauschbares Element zahlloser kolonialer Erzählungen und nur weniges an Reflexion über rassistische Geschichte hätte genügt, um dieses Bild dem Publikum nicht aufzudrängen. In der filmischen Logik wird das Töten eines Menschen mit dunkler Hautfarbe notwendig, um sich als Mahdi zu beweisen. Aus einem weißen Film wurde ein Film, in dem Weiße Schwarze töten müssen, um heilig gesprochen zu werden.  

Auch die Identifikation mit den indigenen Fremen ist nur scheinbar anti- oder postkolonial. Sie bleiben Statisten mit einer Funktion: sich mit der weißen Erlöserfigur zu identifizieren. Das Haus Atreides verspricht den Fremen zunächst eine Entwicklungsherrschaft: Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im Tausch gegen Sicherheit und Wohlstand. Das ist das exakte Selbstbild kolonialer Herrschaft, die sich ja nicht als die zynische Ausbeutung darstellte, die sie war, sondern als Befreiung der Kolonisierten von Sklaverei, Feudalismus und Seuchen. Das Gegenbild der Harkonnen als zynische Ausbeuter dient primär der Aufwertung – wie auch „Tim und Struppi am Kongo“ gegen weiße Räuber kämpfen, um sich von den Schwarzen auf den Thron heben und feiern zu lassen.

Dass die Bene Gesserit als Frauenorden mit Macht ausgestattet scheinen, arbeitet dem Missverständnis einer feministischen Erzählstruktur zu. Der Zweck des Frauenordens besteht aber darin, einen männlichen Messias zu ermöglichen, wie auch die weibliche Hauptfigur als Mutter ihren Lebenszweck auf den Machtgewinn ihres Sohnes ausrichtet. Ihre anfangs überlegene Intellektualität als lehrende Mutter wird auf dem Wüstenplanet sofort verkehrt: Sie wird übertrieben passiv, feminin, hilflos gezeichnet und muss sich von ihrem erstarkenden Sohn Basisbanalitäten wie den Sandmarsch oder das Anlegen des Fremen-Anzuges mansplainen lassen.

An toxischer Männlichkeit ist der neue Film überreich und hier wird der gigantische intellektuelle Unterschied zwischen Lynch und Villeneuve frappant. Im ersten Auftritt prüft der „Hubschrauberpilot“ Duncan Idaho die „Muckis“ von Paul Atreides, um ihn dann wie in tausenden bekannten toxisch männlichen Hollywoodwitzchen als Schwächling zu verhöhnen. Dieses Männlichkeitsideal wird bis zu seinem Tod durchgehalten und glorifiziert: Er ist ein Krieger ohne jedes Drama. Lynch war – trotz aller gebotenen Kritik an seiner Esoterik – Männlichkeit in all seinen Filmen verdächtig. Er konfrontiert sie bewusst mit ihren Urängsten, mit Kastration und Versinken in Schleim, Speichel und Wahnsinn. Villeneuve glorifiziert patriarchale Männlichkeit ohne eine einzige Frage an sie zu stellen.
Die Vorstellung, dass man in 8000 Jahren noch und wieder „Muckis“ sagen und prüfen würde, widerruft jede Idee von Fortschritt, und spricht zugleich Bände über die mangelnde Befähigung der Storyschreiber, eine künftige Gesellschaft zu denken. Diese Welt ist konservativ bis ins Mark gestaltet, als Abbild des WASP-Amerika, und das nicht als Dystopie, als Reaktion auf vergebliche Revolten, sondern so, als hätte es diese nie gegeben, als wären diese in 8000 Jahren nicht denkbar. Die Krieger sind Männer und Männer sind Krieger. Frauen sind Mütter und bestenfalls Hexen. Sie sind Statisten der Apotheose Pauls und der Film damit auf ein reines narzisstisches ödipales Drama reduziert, als Mutter-Kind-Dyade, in der der Sohn eine gewaltige, bezähnte Penisvagina reiten muss, um mit einer dämonischen Vaterfigur in Konflikt treten zu können und ihn, bzw. den idealisierten toten Vater abzulösen.  

Konservativismus spiegelt sich auch in der Ästhetik wieder. Die Berufung auf römische und griechische Mythologie wirkt ebenso altbacken wie die Kostüme, die von 8000 Jahren Fortschritt nichts spüren lassen. Alle Dune-Versionen hatten dieses Problem. Villeneuve kehrt zur orthodoxen Toga zurück, die Uniformen sind die von heutigen Armeen, immer noch schwelgt man in Stier- und Schwertkämpfen, rügt sich in War-Rooms, prahlt in Prätorianergardenromantik und dem Jargon von Marines. Man dient sich faschistischer Ästhetik an wie der Futurismus einst. Das taugt nicht einmal für eine Dystopie, sondern es wirkt einfach ebenso ranzig und angestaubt wie sämtliche Dialoge im Film.

Theatresk, holzig, bemüht und flach bleibt der Modus des Sprechens durchweg. Kein überraschender Satz wird hier gesprochen, kein Soziolekt, die Mimik bleibt unglaubwürdig und dem Klischee verpflichtet.
Jede Choreographie des Kampfes ist hundertmal in anderen Filmen zu sehen gewesen. Was Jackie Chan, zahllose Kung-Fu-Filme, die Matrix-Trilogie sowie neuere chinesische Filme im Gefolge von „Hero“ und „Tiger and Dragon“ jeweils an Originellem ausarbeiteten, wird hier nicht einmal im Ansatz erreicht. Den Kämpfen fehlt alle Dramaturgie, jede Poesie, bis hin zum letzten Schwertstreich ist alles wiederholter und erprobter Effekt.   

Was die Ästhetik der Ökologie von Dune angeht, hat es neben den obligatorischen Wüstenwürmern nur für eine Wüstenspringmaus gereicht, die mit ihren Ohren Wasser aus der Luft filtert. Man darf annehmen, dass der zweite Teil noch einige Wüstenbüsche und Bäume zeigt, womöglich noch eine Schlange. Ausformuliert wirkt lediglich die brutalistische, futuristische Architektur und als Einzelprojekt die den Libellen nachempfundenen Ornithopter.
Was Ambivalenz als Stilmittel angeht, gibt sich die Neuverfilmung keinerlei Mühe: Alles wird erklärt, nichts bleibt offen oder unklar. Die einen sind gut, die anderen böse. Der Verrat ist offensichtlich, der Fortgang unvermeidlich. Klischee folgt Klischee folgt Klischee.  

Erzeugte Lynch noch eine Sphäre des Verklemmten, des zutiefst falschen, widersinnigen in den Gesellschaften, die sich auf vielen symbolischen Ebenen bekriegen, will Villeneuve die Atreides zu Identifikationsfiguren in einem Kampf von Gut gegen Böse aufbauen und die Harkonnen als barbarisches Gegenprinzip. Reflektiert Lynch in seinen Harkonnen wenigstens noch den Abspaltungsprozess, wird er bei Villeneuve ganz unreflektiert unterstützt.

165 Millionen den Arbeiter*innen mittels Manipulation herausgepresster Mehrwert müssen sich moralisch ebenso rechtfertigen wie ein Staatshaushalt. Unterhaltsam sind die Raumschiffe, die wie in jedem neueren Film seit Space Balls und Independence Day monströs zu sein haben. Alles andere ist endlos recycelter Müll aus der Filmretorte. Villeneuve schafft keine Dystopie, er nutzt die spektakuläre Kulisse, um einen hollywoodkonformen Kriegsfilm nach Schema F herunterzuleiern.

4 thoughts on “„Dune – Der Wüstenplanet“ – Vom surrealistischen Kitsch zum reaktionären Machwerk

  1. In Ihrem Artikel vermischen Sie permanent Vorzüge und Mängel des literarsichen Werkes Herberts und die des Filmes. Allein deswegen ist es beinah unmöglich Ihre Gedankenzüge kritisch zu folgen.

    • Das ist eine erwartbare Gegenrede, der ich jedoch aus folgendem Grund nicht folge:
      Eine Neuverfilmung hat als Interpretation genau den Spielraum, die Mängel einer literarischen Vorlage aufzuheben. Das wird im Theater permanent gemacht, das machen auch mutigere Filme.

      Der Film hat sich schlichtweg nicht getraut, die Vorlage kritisch zu begutachten, sondern einfach konservativ gearbeitet, so dass an vielen Stellen nur ein optisches Remake entstanden ist, nicht aber eine intelligente Interpretation eines vorgelegten Stoffes.

      Niemand hat den Regisseur verpflichtet, einen schlechten Stoff zu verfilmen.
      Und meine Kritik ist, dass dort, wo er darüber hinaus geht, er die Vorlagen unterbietet. Der Duncan Idaho ist jetzt ein Macho, ein konservativer Heros, knallhart, Kämpfer, opfert sich selbst, verspottet den Weichling Paul. Das wäre Lynch in dieser unironischen Form niemals durchgegangen.

      Schön, dass Sie die literarische Vorlage auch eher schlecht fanden.

      Übrigens: In „Herr der Ringe“ wurde der literarischen Vorlage die Figur des Tom Bombadil entnommen, aber in „der Hobbit“ auch eine Figur hinzugefügt, die eine übel antisemitische und homophobe Karikatur ist, die des Klamauk-Verschwörers Alfrid Lickspittle. Filme haben Freiheiten, nutzen sie aber oft zum Negativen.

  2. Bitte begib dich endlich in psychiatrische Betreuung, du Witzfigur. Du hast weder die geringste Ahnung von kritischer Theorie noch von Psychoanalyse. Deine drolligen Affektausbrüche sind keine Erkenntnisse.

    „Diese Sandwürmer sind zugleich kilometerlanger Phallus und alles verschlingende Vagina dentata. „

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