ADHS – zur Ideologie des gesunden Menschen

Hirschhausen: „Wer profitiert denn von ADHS?“
Expertin: „Also ich würde es andersherum formulieren: Was kostet uns ADHS?“


In diesem kurzen Fragment aus einer WDR-Sendung zu ADHS ist die normative Gewalt einer Diagnose enthalten: Sie kostet Geld. Leute nehmen Drogen, sind unproduktiv und im schlimmsten Fall produzieren sie Verkehrsunfälle. Normale Menschen kosten kein Geld.

Den Studien und einigen Erfahrungen zufolge existiert so etwas wie ADHS tatsächlich und für Leidensfälle kann Medikation eine subjektive Erleichterung bringen. Wie aber für bürgerliche Ideologie typisch, steht in der Dokumentation das rationalisierende Moment im Vordergrund und die Frage von Ideologiekritik muss stets lauten: Was wird NICHT gesagt, dadurch, dass etwas ANDERES gesagt wird? Was ist das Negativ?

Mit den popularisierten Symptomen kann sich nach dem Prinzip der Horoskope jede identifizieren. ADHS führe zu „Empathie“, zu „Unruhe“, zu Schwierigkeiten, sich auf „kleine Aufgaben“ und „Deadlines“ zu konzentrieren. In all der Diagnostik ist eine entsetzliche Figur im Negativ abgebildet: Der normale Mensch, wie ihn sich der Spätkapitalismus wünscht, nicht zu empathisch, im Vollbesitz aller Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ führen kann.

Der selbst mit ADHS diagnostizierte Hirschhausen meint, ihn habe ein Netz aufgefangen, und er könne daher „Medizin mit Zauberei und Comedy verbinden“, und das fehle Jugendlichen häufig. Was Jugendlichen fehlt, ist überhaupt die Möglichkeit, Arzt zu werden, wofür bekanntermaßen immer noch ein NC von 1.0 erforderlich ist und strukturell studierte Eltern, die etwas Reichtum mitbringen. Verschwiegen wird, dass man mit Methylphenidat eben nicht auf einmal den Weg zum Traumjob findet, sondern mehrheitlich für die elendiglich langweiligen Bürojobs fit gemacht werden soll, für die Fließbänder, für die Fertigungshallen und Routinejobs an Kassen und Countern.

Wer sich nach dem Überleben von 13 Schuljahren mit inhaltsleeren, sterbenslangweiligen Geschichten aus dem Cornelsen-Kabinett in eine der zumeist technologisch längst überflüssigen Stellen vermittelt wird und sich damit nicht identifiziert, gar in Drogen flieht, hat ADHS, ist krank. Heitere Eltern präsentieren Kinder, die fit gemacht wurden für das Stahlbad aus „work hard, play hard“. Man gibt ihnen ein Smartphone mit vorinstallierten und teilweise gar nicht mehr löschbaren Medienplattformen wie Spotify, Youtube, Tiktok, Instagram, etc., nötigt ihnen dann noch ein I-Pad auf für den Schulunterricht auf, auf dem die gleichen Apps vorinstalliert sind, und dann wundert man sich, dass sie im Französischunterricht „Clash of Clans“ oder „Brawlstars“ spielen und keine Zweien schreiben.

Dass Menschen an vermeintlichen Routineaufgaben Widerstände erwachsen, ist nicht individueller Pathologie geschuldet, sondern unter Umständen einem klaren oder unbewussten Erkennen der bösen Nachlässigkeit von Formulierungen, Formularen, Ämtern, Schulbetrieb, kurzum: den Pathologien des Systems. Wo eine vermeintlich „gesteigerte“ Empathie als „Zeichen“ gilt, wird nur verschleiert, wie eiskalt und menschenfeindlich der Betrieb einer Verwaltung über Menschen als Fälle und Schülerinnen regiert. Dass im (selbstschädigenden) Verweigern von Handlungen, die anderen selbstverständlich sind, eine Form der Erkenntnis liegt, eine Treue zur Wahrheit, dass hier die geknechtete Kreatur aufschreit und sich Ambivalenz und Spannung beibehält, wo Reibungslosigkeit und widerstandslose Mitmachkultur vorgeschrieben sind, kommt nicht im Ansatz zum Vorschein. Selbst wo Menschen mit ihrer Diagnose ohne Medikation leben und sich damit versöhnen, werden sie sofort dazu gedrängt, die Vorteile für das System zu feiern: ADHS helfe auch, nach Prokrastinion in kürzester Zeit intensivste Arbeiten zu vollziehen, sich mit vielen Dingen gleichzeitig zu befassen, oder wie Hirschhausen: einfach Arzt UND Comedian UND Bestsellerautor zu werden.

An der Diagnose verschwindet die Frage nach dem Sinn des Bestehenden, in dem Menschen Symptome zeigen, nach dem Anderen, das möglich wäre, nach dem Abflauen von Angst vor Klima, Krieg, Ausbeutung im Allgemeinen. Bürgerliche Gesellschaft geht tatsächlich in Gefängnisse und behandelt dort ADHS, damit Gefangene keine Drogen mehr nehmen – anstatt Gefängnisse als Symptom zu entlarven oder Drogenkonsum von Kriminalität zu entkoppeln und Sucht als Krankheit zu sehen, deren physiologische Gewalt jeden Widerstand einreißen kann.

Aus der eigentlich richtigen Frage „Haben jetzt alle ADHS?“ entsteht keine Kritik. Die einen schämen sich dafür, dass sie die Steuererklärung nicht abgeben, die anderen können sich eine Steuerberaterin leisten. Die einen haben Schuldgefühle, dass ihr Alltag nicht so „smooth“ gelingt, die anderen haben Managerinnen, Agentinnen, Sekretärinnen, die ihnen den Alltag organisieren oder sie stehen an gnadenlosen Stechuhren, gefangen im Stahlgerüst der Arbeitskultur, aus dem dann einzig Somatisierung oder ein Arbeitsunfall Auslass gewährt. Die Diagnose entsteht daher primär aus den „Problemen“, die eine Person erfährt. Und diese Probleme werden nicht analytisch aufgearbeitet, sondern naturalisiert. Es gibt eben Probleme, und die neurodiverse Struktur einer Person wird behandelt, anstatt das Problem tatsächlich zu benennen und damit in seiner Lächerlichkeit auch zu entlarven.

Ein Schulbuch beispielsweise entspringt eben nicht dem Reich der Freiheit und Notwendigkeit. Da sind die Geschichten von Sally und Ron durch Filter von konservativen Juries hindurch zu Manifesten der Anpassung geronnen. Da findet Birgit mit anderen Kindern einen Schatz und muss ihn der reichen Hausbesitzerin übergeben, und der Hund, der daran maßgeblich beteiligt war, erhält eine Münze davon für Hundefutter. Da kommt der Onkel zu Besuch und es gibt doch tatsächlich Pudding. Da macht man eine Klassenfahrt nach Snowdonia und alles ist prima. Und am Ende wird getestet, ob man auch alles behalten habe: dass es Daniel war, dem der Schnee so gefallen hat, dass der Hund braun war, dass das Hundefutter 3 Pfund kostete, dass Clara die Rosemary mag und dass Onkel William funny ist, weil er kalten Pudding mag und dass es drei Formen von if-clauses gibt.
Wer in diesem Treibsand aus Kitsch und Dressur mit Füßen scharrt oder gar zu strampeln beginnt, wird für krank erklärt. Das ist vielleicht nicht die Absicht, aber der Effekt solcher Dokumentationen.
Lediglich an einem Punkt wird der Film ehrlich: Als die Mutter angibt, man habe das ausprobiert und „keinen Tag bereut.“
Die Tochter unterbricht: „Ich schon. Ich hasse das.“

Und vor dem Szenario der drohenden „Folgeerkrankungen“ erklärt der Film dann Finnja, die das alles „kacke“ findet, dass sie in Wirklichkeit brutales „Glück gehabt habe“:

So gibt der Film Eltern und dem von ihnen verinnerlichten System recht und entzieht dem Widerstand der Tochter, ihrer Unzufriedenheit, einfach die Solidarität und die Empathie, die sie tatsächlich vor Depressionen schützen könnten. Diese Parteinahme für das System, in dem Menschen erst auffällig werden, die in anderen Kulturen und Systemen kein Problem gehabt hätten, verrät vieles über die Beschränktheit psychomedizinischer Praxis heute.

Der Rassismus von Survival Games

Das Survival-Genre hat eine eindeutige Zielgruppe: Weiße Männer. Die Spiele hybridisieren Ressourcenmanagement, Building Games wie Minecraft und Hack-and-Slay-Gore nach dem Vorbild von Dead Space. Die Story ist stets eine Robinsonade: aus irgendwelchen Gründen – meist ein Flugzeugabsturz – findet sich ein weißer Mann alleine in der Wildnis wieder und muss schrittweise lernen, eine feindliche Umwelt zu durchherrschen. Im Verkaufsrekordhalter „Sons of the Forest“ (SOTF) strandet man nach einem Helikopterabsturz auf einer Insel, beginnt wie in Minecraft zunächst mit dem Fällen von Bäumen, erntet Blaubeerbüsche und fängt Fische, um sich dann schrittweise eine Basis aufzubauen, von der aus die Umgebung weiter erkundet werden kann. Schon nach kurzer Zeit machen Geräusche aus dem Wald, groteske Skulpturen aus Schädeln und Körperteilen und urplötzlich auftauchende Gestalten deutlich, dass die Insel bewohnt ist. Nach einer Zeit des kritischen Beäugens wächst die Aggression auf den Eindringling und die Gegner greifen aus Hinterhalten an. Die für den Spielfortlauf erforderlichen Streifzüge über die Insel werden daher zu adrenalingeschwängerten Schleichpartien, zumal sich nur an Camps speichern lässt.

Das Spiel ist von extremer Gewalt geprägt, die wie vergleichbare Gore-Games eine ständige, durchaus kreative Forschungsarbeit an archaischen Symbolen von Angst, Abscheu und Ekel vornimmt. Dunkelheit macht einen zentralen Teil des Effekt-Ensembles aus: die gefährlichsten Orte der Insel liegen in Höhlen, um Angstlust durch klassische jump-out-of-the-dark-Trigger zu erzeugen. Aber primär arbeitet „The Forest“ und „Sons of the Forest“ mit Tabubrüchen. Gegner können mit Nahkampfwaffen zerhackt, ihre so erhaltenen Körperteile zu „effigies“, Standbildern, zusammengesetzt und diese dann sogar noch angezündet werden, um weitere, als Kannibalen bezeichnete Gegner abzuschrecken. Trägt man einen abgeschlagenen Kopf vor sich her, lassen sich einige niedrigrangige Kannibalen davon beeindrucken und in die Flucht schlagen. Ein weiterer, selbst für das Genre extravaganter Tabubruch des Spiels ist es, mutierte Babies scheinbar hilflos auf den unveränderbar weißen männlichen Spieler zukriechen zu lassen, bis sie sich mit einem Kreischen auf ihn schleudern und ihm so beträchtlichen Schaden zufügen, sofern sie nicht vorher aus der Distanz mit Speeren, Molotov-Cocktails oder Granaten getötet werden. Alle Gegner bleiben auch auf höheren Leveln in Gruppen tödlich und der Schwierigkeitsgrad durchaus konstant auf mittlerer Höhe.

SOTF treibt klassische Horrorelemente zur Karikatur: unter den späteren Spielgegnern befinden sich Mutanten, „Fingers“ genannt, die eine Vagina denticaudata auf Beinen darstellen, mit einer Reihe von Fingern als Zähnen. Sie spinnen ihre Opfer ein und versprühen spermaähnliche Spinnenfäden in der Sterbesequenz.
Weibliche Kannibalen treten in beiden Spielteilen wie ihre männlichen Pendants mit nacktem Oberkörper und Lendenschurz auf. Im ersten Spielteil tragen sie keine Waffen, greifen aber ebenso an und sind genauso tödlich wie ihre männlichen Pendants. Im zweiten Spielteil verhalten sie sich weitgehend passiv, greifen meist nicht von sich aus an und wenn ihre männlichen Pendants getötet werden, nähern sie sich den Leichen, knien nieder und trauern. Anstelle einer Sprache geben alle Gegner nur unartikulierte Laute von sich: Knurren, Kreischen, Krächzen. Diese gegnerischen „Kannibalen“ sind meist dunkler gezeichnet als die unveränderbar weiße, männliche Spielfigur. Trägt der Spieler rote Farbe (TF) oder trägt er eine goldene Maske (SOTF), beginnen die Kannibalen, ihn anzubeten. Im Prinzip hält das Spiel jedoch dazu an, ganze Camps auszurotten, um an die Rohstoffe Seil, Stoff und Munition zu gelangen und Höhleneingänge betreten zu können. Beginnt man sich selbst sofort an allen Flecken der Insel aufzuspürende Kernstücke der Zivilisation anzueignen – Fernglas, Schußwaffen, Winterjacke -, so bleiben die Gegner im traditionellen Ornat mit Knochenzierrat, Lendenschurz, Speeren und Keulen und können die modernen Gegenstände offenbar nicht nutzen.

Das gesamte Setting wiederholt den Triumph und die Angstlust der Kolonisierung, inszeniert als Heldenreise ins „Heart of Darkness“, einer mystischen Hybridisierung von technophiler Corporate Conspiracy und Dimensionsportal in die Hölle. Unberührter Natur stehen Mutation und entglittene Experimente der Naturbeherrschung für Kapitalzwecke gegenüber. Der Krieg gegen Mutanten ist hinlänglich akzeptiertes Element von Horror-Games und speist sich aus der zelebriert aufgearbeiteten, damit der Reflexion zugeführten Inzestscheu. Fragwürdig ist nicht die reflektierte, teilweise in Satire überspitzte Verwendung tabuierter kultureller Elemente, sondern die überkommene, unnötige Darstellung und Nutzung einer Inselgesellschaft als „schwächsten“ Gegner. Kommunikation ist unmöglich, das Verhalten ist durch wenige Trigger vorbestimmt und aggressiv. Es gibt zwar eine „gute“ Mutantin, Virginia, aber keine friedlichen „Kannibalen“. Sie dienen ausschließlich als Rohstoff und Sparringspartner.

Ist der Avatar in „The Forest“ noch ganz auf sich allein gestellt, fügt SOTF fügt zwei NPC hinzu, die dem Spieler helfen: da ist zum einen der trotz Taubstummheit per Schädeltrauma qua Helikopterabsturz stets wohlgelaunte Kelvin, dessen Arbeitskraft wie die eines Sklaven ausgebeutet werden kann, der Baumstämme wie Baguettes herumträgt, der aber partout keinen Speer in der Hand halten kann. Die andere NPC ist Virginia, eine mutierte Frau mit drei Armen und drei Beinen, der man zunächst im Badeanzug bei Ballettanzübungen am Wasser begegnet. Sie kann durch Betrachten und Dulden gezähmt werden, so dass sie sich nähert, Geschenke wie tote Kaninchen und Fische bringt und schließlich bis zu zwei Waffen in ihren drei Händen kunstfertig bedienen kann, um Kannibalen und Mutanten abzuwehren.

In der Geschichte der Unterwerfung oder Ausrottung von Inselgesellschaften stellte die angedichtete oder seltener reale Anthropophagie häufig die Legitimation für die Vernichtung her. In der Ethnologie wird sie von einigen Protagonisten sogar vollständig geleugnet wird: es gebe keinerlei Belege für Anthropophagie, alles sei koloniale Projektion und Erfindung. „Kannibalismus“ ist zusammen mit dem Inzest einer der am weitesten verbreiteten „Kulturfeinde“. Freud nimmt ihn als mythisches Element in „Totem und Tabu“ zur Grundlage seiner Zivilisationstheorie: Durch das Verspeisen des getöteten Vaters wird er und sein Gesetz internalisiert. Das Christentum ist die Reinform dieser These: Der Leib Jesu Christi, Gottsohn und Vater zugleich, und sein Blut werden im Gottesdienst rituell verzehrt, um damit das religiöse Gesetz in sich aufzunehmen. Ein grotesker, auch von Christen nie verstandener Akt, der im Bild des Vampirs als „negativer Christus“ wiederkehrt oder als Hostienschändung und Ritualmord auf Juden projiziert wurde. James Georg Frazer hat im „Golden Bough“ die Gottverspeisung der Christen mit anderen Gottverspeisungsritualen verglichen, ein Akt der Blasphemie für Christen seiner Zeit. Die Anthropophagie kann daher durchaus als typische pathische Projektion einer kulturell-rituell anthropophagen christlichen Gesellschaft gelten. Zugleich tritt sie als Zuschreibung kulturübergreifend auf, weil sie die regressive orale Gier, das Verharren an der Mutterbrust darstellt, über das der Mensch durch Arbeit hinausreifen soll, den Verzicht auf Jagd und Ackerbau bei gleichzeitiger Ausbeutung anderer Menschen als Dinge, als Vorrat und Speise. Auch der Antisemitismus ist bereits in seinen frühesten Formen Vorwurf von Anthrophagie und Menschenopfer.

Dennoch war Anthropophagie belegtes kulturelles Element zahlreicher Gesellschaften. In der Ethnologie wurde die rituelle Anthropophagie von Amazonasgesellschaften dargestellt, die Asche eines geliebten Toten mit Bananenbrei einnahmen, um den Toten zu würdigen – ganz im Sinne von Freuds „Totem und Tabu“. Diese rituelle Endo-Anthropophagie kann als kulturell integriert, pazifiziert gelten.
Bekannt und weitgehend akzeptiert sind auch Fälle von Survival-Anthropophagie, in denen das eigene Überleben in Hungersnöten oder Kriegen nur durch Menschenfleisch gesichert werden kann. SOTF zwingt den Spieler immer wieder in solche Momente. Im Zentrum einer der schwierigsten Höhlen finden sich um einen Kochtopf herum verstreute Körperteile, deren Verzehr den Spieler-Avatar retten kann. So wird den Spielenden der Griff zum menschlichen Bein mit Kaugeräuschen regelrecht aufgezwungen und diese dadurch in Reflexion über Anthropophagie und über den Wesen und die kulturelle Entstehung von Tabus getrieben.
Am stärksten tabuiert ist die Exo-Anthropophagie: nicht wenige Gesellschaften haben den Verzehr von Gegnern sowohl zur Nahrungsbeschaffung ohne wesentliche Not, zu „medizinischen“ Zwecken, als auch zum Triumph und zur magischen Aneignung spiritueller Macht praktiziert, regelmäßig auch zur Abschreckung und Demoralisierung von Feinden. Als Perversion wird sie in Medienproduktionen längst inszeniert und vor allem auf die Gruppe der Gourmets projiziert: Das Schweigen der Lämmer bringt den gebildeten Hannibal Lecter an die Tafel, in Fallout: New Vegas versucht Mortimer die White Gloves Society, einer Feinschmeckergesellschaft, Menschenfleisch anzuempfehlen und in der vierten Staffel von „Atalanta“ sehen wir eine schwarze Vanessa in der Rolle einer schrägen Amelie schlüpfen, die Menschenhände für eine französische Gourmetgesellschaft organisiert. Anthropophagie künstlerisch aufzuarbeiten bedeutet jeweils Grenzarbeit an projizierten, irrationalen Tabus und an rationalen humanistischen Tabus. Die literarische Form des Computerspiels bleibt ähnlich wie der Horrorfilm einem Bürgertum unverstanden, das die eigenen Tabus nicht dieser Grenzarbeit unterzogen hat. Die Spieler*innen, Leser*innen und Zuschauer*innen können den Stoff von Realität trennen, nehmen geschmäcklerische Wahlen ästhetischer Stilrichtungen vor, durch die sie Individualität gegenüber einer bigotten Gesellschaft unter Beweis zu stellen suchen – ein kulturindustrielles, vergebliches Unterfangen.
Sons of The Forest aber enträt, wie viele andere Survival-Games, nicht der projektiven Logik des Tabus. Trotz des Tabubruchs bleibt es in der bürgerlich-projektiven Ebene. Schließlich waren es immer wieder die weißen, christlichen Bürger, die in der Geschichte die realen und vermeintlichen Kannibalen auf grausamste Weise quälten und ausrotteten. SOTF wiederholt diese Legitimation, und erreicht kein progressives Level von Reflexion und Kritik, sondern bleibt nihilistisch, bedient sich der Reize, die es vorfindet, und dazu gehört eben primär auch die rassistische Projektion einer zur Ausmordung ausgeschriebenen kannibalistischen Inselgesellschaft und sekundär die Darstellung von „Natives“ im Kolonialstil. Ein Kommentar zu „Green Hell“ und „The Forest“ hält das Unbehagen darüber fest, die Diskussion ist von Abwehr, Verharmlosung, Leugnung und rassistischem Spott durchzogen.

Die Symbolisierung des „Anderen“ in Zombies wirft weiteres Licht auf die Diskussion. War George A. Romeros „Night of the Living Dead“ mit dem schwarzen Helden, der fälschlich für einen Zombie gehalten und von weißen Polizisten erschossen wird, noch eine Kritik des Rassismus, so verändert sich das Setting sofort, sobald die Hauptdarsteller weiß werden und sich gegen blutschwarze Horden zur Wehr setzen. Dann wird aus Zombies rasch „die Überbevölkerung“ und „die Immigranten“, die als untote Kannibalen dann bedenkenlos vernichtet werden können. Stärker noch als die Zeichnung der Gesellschaften ist daher die vorgegebene Hautfarbe des Avatars entscheidend für die rassistische Lesbarkeit eines Settings. Spiele, die dem Bildschirm weiße Avatar-Hände aufzwingen, zeugen von zivilisatorischen Defiziten, die in Verbindung mit dem konservativen, altbackenen ästhetischen Rückgriff auf Robinsonaden und kolonialrassistische Darstellung des Anderen unverdaulicher werden als jeder Tabubruch der Spiele.

Die Hamas-Tunnel sind die Pyramiden des Jihads

Die ägyptischen Pharaonen, die sich für Götter hielten, ließen Pyramiden bauen ließen im eitlen Glauben, dadurch Ewigkeit erlangen zu können. Hamas hat im Glauben, dadurch das Paradies zu erlangen, Gaza untertunnelt und die Dimensionen sind unfassbar. Wieviele Ressourcen dort versenkt wurden, wird an neuen Videobelegen deutlich. Die Rede von der U-Bahn in Gaza nicht untertrieben. Mit ähnlichem Aufwand hätte tatsächlich ein U-Bahnnetz gebaut werden können. Über zwei Jahrzehnte hinweg wurden Hilfsgüter einbehalten, Massen an Zement und Stahl in die Erde gebracht und Arbeiter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Das Ärgerliche ist nicht nur der Scam, sondern dass die Betrogenen die Betrüger auch noch feiern und für sie demonstrieren. Der Rückbau eines solchen Netzes wird Jahre dauern. Die Tunnel einfach zum Einsturz zu bringen, würde Dolinen an der Oberfläche erzeugen und Häuserzeilen zum Einsturz bringen. Der Aushub wurde vermutlich im Meer versenkt, auf Feldern verklappt oder anderweitig versteckt. Verfüllen ist daher ebensowenig möglich wie die Sprengung. Bei der Flutung mit Meerwasser entstehen Versalzungen, die allerdings ohnehin entstanden sind. Grabungsarbeiten in diesem Umfang haben das Grundwasser mit Sicherheit abgesenkt und Aquifere nachhaltig gestört.

Vielleicht ist das Beste, was die IDF mit den Tunneln machen kann, ist sie in Besitz zu nehmen, mit Israel zu verbinden und für die Besetzung Gazas als Lagerraum, Kasernen und Verbindungsweg für Razzien zu nutzen.

Jüdische „Siedler“ als „Gift“ – immer neuer Antisemitismus aus der taz

Susanne Knaul schreibt seit Jahrzehnten ihre Wut über den jüdischen Staat in die taz. In der Ausgabe vom 9.-15.12. titelt die linksliberale Zeitung: „Sie sind Gift für die Koexistenz„. Die Siedler stellten „allein durch ihre Anwesenheit“ einen „Verstoß gegen das Völkerrecht“ dar. Die Gewalt einiger Extremisten ist offenbar also gar nicht ausschlaggebend für den Hass, was zählt, ist, dass der Staat Israel in seiner Hauptstadt, die von Juden gegründet, benannt, und über Jahrtausende bewohnt, in Gebeten permanent als Heimstatt der Juden benannt, tatsächlich Wohnraum erschließt.

So gut wie alle großen Städte der Welt wachsen, die Urbanisierung bleibt ein anhaltender Trend. In Kambodscha werden ganze Seen verfüllt, das Ökosystem des Mekong zerstört, um teuren Wohnraum zu errichten. Jede deutsche Stadt und Kleinstadt nimmt sich heraus, alle paar Jahre ein neues Neubaugebiet zu erschließen, ein gigantischer Flächenfraß. In Afrin siedelt die Türkei aktiv islamistische Geflüchtete an, und hat die kurdische Bevölkerungsmehrheit dadurch gebrochen.

Aber in Jerusalem soll die Ausschreibung von ein paar Neubauten „ein Verstoß gegen das Völkerrecht“ sein. Israel hat in seiner Geschichte mehrfach nichtjüdischen Arabern in Grenzgebieten die israelische Staatsbürgerschaft mit vollen Rechten angeboten.

In Israel ist die Kontrolle Jerusalems und insbesondere der strategisch bedeutsamen Berge unverhandelbar. Während des Unabhängigkeitskrieges wurden die angreifenden arabischen Legionen zurückgeworfen, mit Ausnahme jener Legion, die unter Führung der britischen Armee Jerusalem belagern und halten konnte, dabei mindestens 22 Synagogen abbrannte, das Viertel plünderte und die jüdische Bevölkerung vertrieb. Dieses jüdische Quartier mit der Klagemauer im Zentrum ist das „Ostjerusalem“, in dem jüdische Präsenz ein „Verstoß gegen das Völkerrecht“ sei.

Natürlich wurden seit der Befreiung der Altstadt von Jerusalem neue Wohngebiete erschlossen. Israel sieht Jerusalem als Hauptstadt und das mit allem Recht. In diesen Wohngebieten können auch israelische muslimische, atheistische und christliche Araber leben und arbeiten. Für Knaul allerdings ist es eine Zumutung, dass hier „günstiger Wohnraum“ entsteht, nicht weil er günstig ist, sondern weil dort wieder Juden leben dürfen, denn was einmal nichtjüdisch war, soll offenbar auf ewig judenrein bleiben. Sie ätzt im besten Nazi-Jargon: „Die radikalen SiedlerInnen sind Gift für die Koexistenz der beiden Völker und für jegliche Perspektive auf ein die Region befriedendes Abkommen.“
Und um noch einmal zu betonen, dass das Jüdischsein und nicht etwa konkrete Taten den Unterschied machen, schiebt sie nach: „Es sind aber nicht nur die gewalttätigen SiedlerInnen. Sondern die Siedlungen, die die kargen Wasservorräte aufsaugen und die die wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas massiv einschränken, blockieren den Weg zum Frieden.“ Statt BDS solle „das Augenmerk vielmehr auf die SiedlerInnen gerichtet werden. Die Radikalen gern zuerst, aber auch die, die gerade auf eine günstige Neubauwohnung in Ostjerusalem hoffen.“

Israel hat einen Wasserüberschuss erreicht und baut eine mehrere Meter durchmessende Pipeline nach Jerusalem, durch die mit gewaltigem Druck Wasser aus den Desalinisationswerken gepumpt werden soll, was die Wasserversorgung der gesamten Region verbessern wird. Israels bewohnbaren Bereiche außerhalb der Wüsten sind dicht besiedelt, wenn in Jerusalem Wohnraum erschlossen wird, handelt es tatsächlich aus echter Wohnungsnot und zugunsten der ärmeren Gesellschaftsteile.
Aber Sozialpolitik und sozialer Wohnungsbau ist für die tageszeitung schlecht, sobald Juden dort wohnen dürfen. Wohin Israel wachsen soll, nachdem die Wüste infolge der Klimaerhitzung immer heißer wird, und die Küstenbereiche zwischen Archäologie, Artenschutz und Hochhäusern schon vollständig aufgeteilt sind, das ist Knaul einfach egal. Anstatt nichtjüdischen Arabern nahezulegen, dass sie in einem der vielen arabischen Staaten ringsum ja unter Umständen eine neue Bleibe suchen könnten, sagt sie den Bewohnern des einzigen jüdischen Staates, dass sie ja in der Wüste leben könnten. Letzteres ist hegemonialer Konsens, ersteres tabuiert.

Die Radikalisierung von einigen Siedlern wird bei Knaul wie immer ohne jeden Kontext präsentiert. Geht es um die Gewalt der nichtjüdischen Araber, werden stets Rationalisierungen nachgeschaltet, die diese Gewalt „erklären“ sollen. Dass Juden in Israel im größten Freiluftghetto der Welt leben, umgeben und belagert von verfeindeten Staaten und Jihadisten, die jede Möglichkeit zu Pogrom und Terror nutzen werden, das wird nicht herangeführt, um die stellenweise gewaltsame Landnahme, Racheakte oder arrogantes Gebaren durch jüdische Extremisten zu erklären. Wenn sich Juden nach dem 7.10.2023 Waffenscheine holen, dann ist das für Knaul ein Beleg für Extremismus. Juden, die auf Land wohnen, dem Juden Namen und archäologischen Reichtum gaben, dürfen nicht „die Schnauze voll“ haben von täglichem Terror, Steinewerfen, Schüsse, Messerangriffen, Sniperattacken, antisemitischer Nachbarschaft. Selbst die extremsten Ansprüche der extremsten israelischen Siedler betreffen nur den kleinen Landstrich westlich des Jordans, gerade einmal 5000km², die nicht nur historische Judäa darstellen und zahlreiche Heiligtümer beherbergen, sondern auch die militärische Sicherheit Israels entscheidend verbessern würden und mit dem Jordan eine dauerhafte Grenze erhielte. Einen Revisionismus, der östlich des Jordans Ansprüche vertritt, gibt es praktisch nicht mehr.
Die Jihadisten hingegen wollen eine Welt ohne Juden und unter der Herrschaft des Islam, die die Versklavung der weiblichen Hälfte der Menschheit beinhaltet. Einen Staat Palästina auf Grundlage der aktuellen, durchweg antisemitischen Gesellschaft würde einen Brückenkopf des Jihadismus bedeuten, kommt der Forderung an Juden gleich, der Hamas und Iran strategischen Raum zu geben. Wer Zweistaatenlösung ohne Reeducation sagt, will Israel vernichten.
Dem jüdischen Staat die Westbank zu geben ist keine extreme Forderung, sie wäre ein moderater Ausgleich für Kriege, Terror, Gewalt und Landnahme in vielfachem Umfang durch die arabischen Staaten und insbesondere die Terrorgruppen in Westbank und Gaza. Israel hat gezeigt, dass es eine jüdische arabische Bevölkerung und eine nichtjüdische arabische Bevölkerung integrieren kann und demokratische Rechte für alle garantiert – kein muslimischer arabischer Staat hat das bislang unter Beweis gestellt. Wer wie die taz in solchen Verhältnissen meint, es seien die jüdischen Extremisten, die das „Zusammenleben der Völker“ vergiften würden, verkehrt Täter und Opfer, redet dem Jihadismus und dem palästinensischen Mythos das Wort.


Von Katzen, Karikaturen und Karotten – Erinnerungen an verschütteten Alltagsrassismus

In den 1980ern verbot mir meine Mutter Asterix-Comics, weil sie gewaltverherrlichend und rassistisch seien. Trotzig und heimlich zog ich das mir irgend zugekommene Heft zweimal aus der Mülltonne, um es im Versteck zu lesen. Später wurde meine Mutter begeisterter Asterix-Fan und hat uns alle Folgen gekauft. Es gab durchaus ein Bewusstsein für Rassismus. Nur brach dieses angesichts einer kulturellen Übermacht ein und unterwarf sich der Marktmacht oder dem Genuß anderer Qualitäten. Denn zweifellos ist Asterix rassistisch. Zwar wird eine allseitige, selbstironische Karikatur anderer Gesellschaften gezeichnet: Die Korsen als konservative Hitzköpfe, die Briten als verklemmte Fußballfanatiker, die Römer ohnehin als dekadente Doofköpfe, die Spanier als ewig singende und tanzende Gitanos/Calé. Die Selbstironie von Stereotypen endet aber dort, wo sie reine Fremdzuschreibung und Projektion auf historisch vollständig unterworfene Gruppen sind. Das betrifft neben der ikonischen, aber immerhin mit eigenem, kritischen Charakter versehenen Karikatur des schwarzen „Baba“ insbesondere die „Indianer“ in „Asterix – die große Überfahrt“, das als „Asterix in Amerika“ 1994 verfilmt wurde. Der Film ist ein unerträglicher Wust an rassistischen und sexistischen Stereotypen: eine europäisch-hübsche Pocahontas inmitten einer hakennasigen Umgebung aus schlacksigen Marterpfahl-Indianern, die von einem fiesen, noch hakennasigeren Schamanen befreit werden müssen. „Pocahontas“ Rolle besteht darin, hübsch zu sein und Obelix den Kopf zu verdrehen. Der unsägliche Film wird nach wie vor regelmäßig ausgestrahlt.
Ebenso unfassbar reaktionär sind die seriellen Indianer-Karikaturen in den Lucky Luke-Bänden. Permanent wird einem tollpatschigen Indianer dort beim Ululieren um den Marterpfahl die Feder vom Kopf geschossen, um ihn Mores zu lehren, nicht selten kommt die ganze Kavallerie, um Weiße aus der Hand von „Indianern“ zu befreien und es hilft auch nichts, dass hin und wieder Lucky Luke auch einmal Vertretern der First Nations hilft, denn dieses „Helfen“, das Unfähigkeit kommuniziert, kennt man zu gut.

Viel unscheinbarer, obwohl präsenter blieb der subtile Rassismus in der Alltagskultur. Warum etwa heißen Mohrrüben Möhren? Lange glaubte ich an die Legende, sie würden eben im Moor angebaut oder in Torf gelagert, um sie frisch zu halten. Der Wahrheit näher dürfte liegen, dass Karotten sehr rasch schwarz schimmeln, wenn man sie lagert oder anschneidet. Eine andere Erklärung ist, dass die schwarze „Mohrenblüte“ im Zentrum der Dolde der Pflanze den Namen gab. In jedem Fall wird eine reine Äußerlichkeit der Farbe mit einer Gruppe von Menschen identifiziert, die dadurch wiederum auf das Merkmal „schwarz“ reduziert wird.

Ebenso unvermeidbar wie das „Zigeunerschnitzel“ in den Gaststuben und Grillbuden findet sich der „Mohrenkopf-Weck“ in den Auslagen von Bäckereien auf dem Lande. Auch wenn hier die Hersteller sehr viel schneller umstellten und wie „Dickmanns“ die Gelegenheit nutzten, die Süßware nach der eigenen Marke zu benennen, vermag ich bis heute nicht, einen Schaumkuss als solchen zu sehen, ohne das Wort „Mohrenkopf“ zu denken.

Und ganz unverdächtig schleicht sich ein Kinderlied ein, sobald ich eine schwarze Katze sehe: „Unsre Katz‘ heißt Mohrle, hat ein schwarzes Ohrle, hat ein schwarzes Fell, und wenn es was zu schlecken gibt, dann ist sie gleich zur Stell.“ Das Lied findet sich bis heute in Kinderliedsammlungen und wird auch im öffentlichen Rundfunk noch eifrig gesungen.

Kulturrassismus beschämt, weil er sich an schöne Erfahrungen heftet, die der Aggression unverdächtig sind. Eine Süßspeise, ein Gemüse, ein lustiges Comic, ein Katzenbaby. Er beschämt, weil er sich in Kindern eingräbt und seine Wurzeln in Neuronenketten gräbt, tief in den Geist hineinschlägt, nicht vergessen werden kann. Er kann aber nur beschämen, wenn erkannt wird, was beim diskriminierten Gegenüber sich eingräbt: kein schönes, unschuldiges Kindheitserlebnis, sondern die Erfahrung, dass alles, was an mir wahrgenommen wird, die äußerste Schicht ist, die Hautfarbe. Das setzt mich mit Pflanzen, Tieren, Pilzen, Dingen gleich, obwohl doch sovieles so anders ist und nichts an mir an einen filzigen Pilz, an eine Ente oder an eine orange Rübe erinnert. Und diese Gleichsetzung erzeugt eine noch erschreckendere Gleichsetzung mit anderen Menschen, mit denen nur die Hautfarbe und auch die oft nur annähernd in Nuancen geteilt wird.

Es wird den Weißen nicht wehtun, Karotte statt „Möhre“ oder „Mohrrübe“ zu sagen, ein „Paprikaschnitzel“ oder einen „Schaumdings-Weck“ zu bestellen. Wichtiger ist aber, dass die Umbenennung Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht wehtun will, auch wenn selbst in der Umbenennung noch einige Jahrhunderte die Reaktion auf das rassistische erinnert wird.
Was die Comics und Filme angeht, so sind diese zwar wie alle Kultur mitsamt ihrer Kritik daran Müll. Eine maoistische Kulturrevolution allerdings, die alles über Bord wirft, vergisst die Mülltrennung. Ein Film wie „Asterix in Amerika“ sollte idealerweise nie wieder ausgestrahlt werden und nur noch zu wissenschaftlichen Zwecken in Erwachsenenbibliotheken zugänglich sein. Comics wie Asterix oder Lucky Luke können nach einer gründlichen Auswahl mit entsprechender Überarbeitung oder Anmerkung ja auch weiter Kindern zugänglich bleiben. Solange aber diese Auswahl nicht erfolgt, behauptet man nichts anderes als dass man nichts Anderes hat, dass wirklich alles an Kultur Müll ist, wenn sie ungeändert rassistisch sein muss, um überhaupt existieren zu können.

Mit Atomkraft zum Klimazid

Die Erklärung der COP28 zur Atomkraft ist ein weiterer Tiefpunkt menschlicher Zivilisation. Im Angesicht der vollständigen Auslöschung mariner Riffe und tropischer Regenwälder durch 2-Grad-Plus im Jahr 2050, sowie 3-4,5 Grad plus im Jahr 2100, mit einem Anstieg des Meeresspiegels um dann zwei Meter fällt den Verantwortlichen nichts Besseres ein, als die Leistung der Atomkraft bis 2050 „zu verdreifachen“.
Schon in der Einleitung erfolgt die erste Lüge: „keeping the 1.5-degree goal within reach“. Wer noch vom 1,5-Grad-Ziel redet, ist ahnungslos oder harter Klimaleugner. 1,5 Grad werden aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 2027 erreicht, also in drei Jahren. Der CO2-Ausstoß in diesem Jahr war ein neuer Rekordwert: 40,2 Milliarden Tonnen. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Wert in den kommenden Jahren sinken würde. Dieses CO2 wird erst in vielen Jahren in den oberen Schichten der Atmosphäre ankommen und dort Infrarotstrahlung auf die Erde zurückreflektieren. Auch wenn die Puffer in den Weltmeeren aufgebraucht sind, bleibt das System so träge, dass das Klima in 10 Jahren durch unsere Aktivitäten heute schon feststeht – und dass sich (bislang unwahrscheinliche) netto und global positive Änderungen allerfrühestens in 10 Jahren bemerkbar machen, vermutlich aber wesentlich später.


Atomkraft erzeugt derzeit ca. 10% des weltweiten Strombedarfs, und nur 2% des Primärenergiebedarfs. Diesen Anteil zu verdreifachen wird nichts am krachenden und gewollten Scheitern von 1,5- und 2-Grad-Limits ändern. Nachdem die EU auf Drängen Frankreichs unter dem Reaktionär Macron Nuklearenergie als „nachhaltig“ verklärte, folgen nun auch Teile der internationalen „Gemeinschaft“ diesem Ruf nach der vermutlich teuersten Art und Weise, Energie zu produzieren. Die Erklärung liefert ein paar „Bekenntnisse“ zur Bedeutung von sicheren Versorgungsketten ab, widmet einen Viertelsatz der bislang unabgegoltenen Entsorgung, schwafelt etwas von neuen Reaktoren und Sicherheit, während Pakistan und Nordkorea ungehindert Atomwaffen erlangen konnten und der Iran auf dem besten Weg dazu ist, 40% der Brennstäbe aus Russland kommen und die Kosten und Risiken in allen Nuklear-Staaten auf die Gesellschaft abgewälzt werden. Atomkraft ist in diesen Zuständen nichts als eine Taktik, die Diversifizierung der Energieversorgung zu blockieren und die Netze zu verstopfen und Energiesparmaßnahmen zu sabotieren. Um das gigantische Speicherproblem der auf Dauerlast laufenden Reaktoren zu lösen, wurde der Nachtstromtarif erfunden, Strom in ineffizienten Nachtspeicherheizungen verklappt und in Leuchtreklamenwüsten verschleudert. Atomkraft hat nicht im Geringsten mit dem Ausbau der Kohlekraftwerke konkurriert. An keiner Stelle war das Argument, ohne ein Atomkraftwerk müssten klimaschädliche Kohlekraftwerke gebaut werden. Atomkraft wurde in Frankreich, USA und GB primär gefördert, um Plutonium für Nuklearwaffen zu erbrüten und war ohne die Nuklearwaffenproduktion nicht denkbar.

Während die Atomkraftwerke in Frankreich in den Dürren der letzten Jahre noch nicht einmal „Zitterstrom“ lieferten, sondern wochenlang auch mal gar nichts, während der Sanierungsstau schon nicht planbar ist und der Neubau von gerade einmal zwei Atomkraftwerken in England und Finnland Jahrzehnte dauerte und alle Plankosten sprengte, hat die Photovoltaik alle paar Monate technologische Fortschritte verzeichnet. Photovoltaik-Techniker geben oft keine Kostenvoranschläge mehr, weil die Preise und Anlagentypen sich praktisch alle sechs Monate revolutionieren. Auf FFPV ist eine massive ökologische Aufwertung der Fläche bei möglich, so dass die Flächeneffizienz im Vergleich zu anderen Energieformen legendär ist. Bislang ist im Sommer eine Tagstromversorgung zu 100% aus Photovoltaik realisierbar, mit aktuell technisch möglichen Speicherbatterie-Anlagen auch bis weit in die Übergangszeit hinein. Freiflächen- Solarthermie ergänzt z.B. in Greifswald die Wärmeproduktion dort, wo nicht elektrifiziert werden kann. Die ergänzende Kombination mit Hackschnitzelverfeuerung ist allemal flächeneffizienter als die barbarisch ineffiziente Verstromung von Energiepflanzen in Biogasanlagen.

Der derzeitige Primärenergiebedarf wird sich aber kaum mit irgendeiner Energieform nachhaltig decken lassen. Auch wenn trotz Fachkräftemangels eine „Wärmewende“ gelingen sollte und die Umstellung des Erdölbasierten Verkehrssektors auf Strom irgend realisierbar würde, bliebe es eine freche Lüge, von „Netto-Null-Ausstoß“ zu sprechen, ohne eine Planwirtschaft und umfassende Umwälzungen von Wohnkultur und Konsum zu denken. Eine industrialisierte Gesellschaft mit Verdoppelungsraten ihrer Warenproduktion binnen 24-36 Jahren (bei 3% bzw 2% Wirtschaftswachstum) wird CO2 ausstoßen und Natur vernutzen und beides immer mehr. Alles Gerede von „Kreislaufwirtschaft“ ist Schönfärberei in einem kapitalistischen System, das von Planwirtschaft nicht einmal im Angesichts des Untergangs der Menschheit etwas wissen will.

Und dieser Untergang ist nicht sprichwörtlich, sondern real: Bangladesch und weite Teile Ozeaniens werden bei 2m Meeresspiegelanstieg praktisch verschwinden, die Niederlande und viele reiche Flachmeer-Anrainer (Nordsee, Ostsee, etc.) nur unter immensen Kosten für Pumpwerke, Schleusen, Deiche noch eine Zeitlang aushalten können. 3 oder 4 Grad im Jahr 2100 bedeuten einen Fall aller kritischer Kipppunkte und damit eine weitere Erhitzung in den folgenden Jahrhunderten.
Megafluten sind bei den Meerwassertemperaturen bei 2-Grad-Plus ebenso wahrscheinlich wie Megadürren und beide werden im dichten Wechsel erfolgen, Wälder unter Hitzestress absterben und Seen in Windeseile verdunsten lassen. Die Klimakatastrophe ist vom Mord an hunderten Millionen Menschen nicht zu trennen. Da die Folgen seit Jahrzehnten bestens bekannt sind und die Ursache einer wachstumsgetriebenen, sprich: kapitalistischen Gesellschaft selbst dem konservativen Club of Rome schon seit 60 Jahren bewusst gewesen sind, ist von einem bewussten, kriminellen Handeln unzähliger Beteiligter auszugehen. Es ist jedem mit Basisschulbildung offensichtlich, was Hitzewellen von 40 Grad bedeuten für proteinbasiertes Leben, das bei 40 Grad an denaturierten Proteinen verendet oder Organe durch Regulierung unter Dauerstress vernutzt. Wer bei 40 Grad Fieber ärztlichen Beistand sucht, hat ausreichend Bildungshorizont, um zu verstehen, was 40 Grad Hitzewellen für den Körper bedeuten. Es ist jedem klar, dass sich in Städten und Staaten mit regelmäßigen Hitzewellen von 50, 60 Grad nicht mehr leben lässt, dass also weite Teile der Tropen und Subtropen unbewohnbar werden und die Menschen dort zu Millionen umkommen werden. Auf diese Probleme mit einer Verdreifachung der Atomkraft zu antworten, ist nichts als ein weiteres Bekenntnis zum dreisten Mord an hunderten von Millionen von Opfern der Klimakatastrophe, es ist praktizierte Menschenfeindlichkeit.

Windkraftpotentiale neuer großer Anlagen liegen derzeit bei 16MW pro Offshore-Anlage und eine durchschnittliche Nennleistung ist bei den derzeitigen Anlagenhöhen von 200 Metern auch im Dauerbetrieb lieferbar. Onshore liegt die Leistung bei 3 MW. Atomkraftwerke liefern gerade einmal 500-1500GW je nach Größe. Das bedeutet, 100 der neuesten Offshore-Windräder oder 3-500 aktuell übliche Onshore-Windräder ersetzen ein Atomkraftwerk – zu einem Bruchteil des Preises und ohne Entsorgungskosten. Natürlich benötigen Windräder Schmiermittel, u.U. Heizsysteme um Vereisung zu verhindern und seltene Erden, um die Magneten bei den im Offshore-Betrieb anfallenden Temperaturen stabil zu halten. Aber was benötigt ein Atomkraftwerk nicht alles an Material für Verschleißteile, Hochleistungsstahl, Spezialwerkstoffe, Beton für Kühltürme, Reaktorblöcke, Abklingbecken…
In den Rechnungen der CO2-Bilanz ist nicht enthalten der Abbau, die Umwälzung von gigantischen Abraumhalden, die als Ewigkeitsaufgabe Schwermetalle und radioaktive Stoffe in die Umwelt entlassen. Es ist nicht enthalten die Aufarbeitung des Uranerzes bis zum Brennstab sowie die ungelöste Entsorgung. Das alles gibt es nicht zum CO2-Nulltarif.

Die Atomkraft wird personengleich von Klimaleugnern beworben, nicht weil sie tatsächlich CO2-neutral wäre, sondern weil sie den Prozess des Klimazids unter der Flagge der „Netto-CO-Neutralität“ weiterzuführen verspricht. Solange von CO2-Ausstoß an allen Teilen der Produktionskette weißgewaschene Atomkraftwerke für das Jahr 2045 geplant werden, können anderweitige Aktivitäten als überflüssig, oder eleganter: als „zu teuer“ geframed werden.

Was müsste tatsächlich erfolgen, um die Klimakatastrophe entscheidend abzubremsen und ungefähr im Jahr 2100 zu stoppen? In aller Kürze: eine demokratisch organisierte Planwirtschaft.

  1. Reduktion der Diversität der globalen Waren-Produktion auf das Notwendigste durch einen demokratischen Warenbeurteilungsprozess, in dem jeder Warentyp auf seine Notwendigkeit hin vorab geprüft wird und nicht durch die Manipulationen eines Marktes aufgeschwatzt wird.
  2. Reduktion der Masse der globalen Warenproduktion auf das Notwendigste durch einen demokratischen Verteilungsprozess, der eine Lieferökonomie nach Zuteilungsschlüsseln beinhaltet, dadurch Wegfall der autozentrierten und impulsgesteuerten Einkaufskultur und dadurch Entfall zahlloser Verpackungszwänge und Verbauungen.
  3. Verbesserung der Qualität der globalen Warenproduktion durch Wegfall von Obsoleszenz, Redundanz, verbesserte Reperaturfähigkeit und Langlebigkeit, entfallende Verschrottung aufgrund von Stilfragen, die als manipuliertes Bedürfnis erkannt werden.
  4. Änderung der Arbeitskultur durch Streichung jedweder überflüssigen Arbeit, dadurch massive Freisetzung von Arbeit, Wegfall des Prinzips allseitiger Konkurrenz, Linderung zahlloser Stressreaktionen und Ventilreaktionen (Urlaubseffizienz, Shopping, Leistungssport, etc.), Reduktion des Flächenverbrauchs für Büros und Fabriken, dadurch Möglichkeit der Rekultivierung von Land und Umnutzung von Gebäuden.
  5. Umstellung der Wohnkultur hin zu kollektiven Wohnformen, um Wärmeenergie in Gebäuden möglichst effizient zu nutzen: Anschluss von Einfamilienhäusern zu Reihenhäusern und Umbau zu mehrstöckigen Häuserblöcken im Plusenergieprinzip mit Dachgewächshäusern, Solarfronten und Verstromung und Verkompostierung der anfallenden Fäkalienmengen.
  6. Renaturierung freiwerdender Flächen, Wiedervernässung von Feuchtgebieten, Renaturierung von Flüssen, Wiederaufforstung von Berg- und Tropenwäldern, Karsten und versalzten Agrarflächen.
  7. Energiegewinnung durch PV, Wind, Erdwärme und Verstromung anfallender organischer Reststoffe.
  8. Nahrungsmittelproduktion nach Plan und Bestellung anstatt die Lebensmittel auf Marktrisiken hin in ein Wegwerfsystem bei Maximalversorgung in den reichen Staaten zu werfen.
  9. Dafür nun einmal notwendig: gesellschaftliche Kontrolle der Produktionsmittel.
  10. Dafür nun einmal notwendig, um den Rückfall einer Planwirtschaft in autoritäre, massenmörderische Sklaverei nach den realsozialistischen bis rotfaschistischen Experimenten zu verhindern: Demokratie bei garantierter Sicherheit vor Folter, Sklaverei, Zwangsarbeit und Todesstrafe, garantierter Wahrung von Rechten von Frauen, Minderheiten, Alten, Schwachen, Kindern. Historische sozialistische Planwirtschaften hatten drei Hauptprobleme: Esoterische Antiwissenschaft in der Lebensmittelproduktion (Lyssenko), Identifikation mit dem Wachstumszwang der kapitalistischen Staaten und dadurch massive Umweltschäden (Aralsee) sowie den Terror gegen die Arbeitenden insbesondere in der Landwirtschaft. Beides waren serielle, aber keine notwendigen Folgen einer Planwirtschaft.
  11. Daher beim gegenwärtigen Stand des gesellschaftlichen Bewusstseins vollständige Unwahrscheinlichkeit, der Klimakatastrophe auch nur irgend signifikant entgegenzuwirken.
  12. Daher die Notwendigkeit von progressiver Politik, Menschen auf die Katastrophen ehrlich vorzubereiten, den Untergang von Zivilisation als wahrscheinlichsten Fall des weiteren Geschichtsverlaufs zu planen und die Faschisierung, den durch die Abschottung der EU, Australiens und den USA im vollen Gang befindlichen aktiven Millionenmord an den Überlebenden des Klimazids aufzuhalten oder zumindest den vergeblichen Widerstand dagegen zu organisieren, wo es geht.
  13. Daher die Pflicht, den konservativen, liberalen, sozialdemokratischen und grünen Schönfärbereien und freudig dahingelächelten Lügen an jeder Stelle und aufs Grimmigste das verleugnete Wachstumsproblem vorzuhalten, um den unverschämtesten Ideologien den Dünger der Achtlosigkeit zu entziehen und die Beteiligung am ökonomisch organisierten Verbrechen gegen die Menschheit und die Möglichkeit von Zivilisation als solche zu benennen.

Der Antisemitismus liefert unwidersprochen weiter

Absurd offen tritt der Antisemitismus zu Tage: „Israels Antwort auf die Ermahnungen“ titelt die tageszeitung über einem Bild mit einer Rauchwolke über Ruinen. Das ist nicht mehr einseitig, das ist böswillig und mutwillig. Die Kriegsschuld wird dem Opfer Israel aufgebürdet, die „Antwort“ erfolgte demnach nicht etwa auf den Bruch der Waffenruhe durch das Terror-Attentat der Hamas mit drei Toten und elf Verletzten in Jerusalem, sondern auf die „Ermahnungen“ hin. Als wäre wegen der erwartbaren, immergleichen Floskeln und Resolutionen aus UN und Umfeld diese Häuserzeile aus purem Trotz und Tunichtgutmenschentum angegriffen worden. So lässt sich eine extreme Unverhältnismäßigkeit der Mittel suggerieren.

Und wer wird eigentlich „ermahnt“? Ermahnt werden Schüler*innen, Lausbuben, generell Kinder. Aber „Israel hört nicht“, wie es in der Geschichte von Martin Luther bis Jostein Gaarder aus den Antisemiten heraus klagt, sobald Juden über sich selbst bestimmen. Und wie schon in den Wochen zuvor gefallen sich die unterschiedlichsten Autoren in Ratschlägen wie „Der Westen muss beiden Seiten Druck machen“ (Lisa Schneider), „Israel führt den Krieg im Gazastreifen mit aller Härte fort“ (Felix Wellisch) und die immergleiche Verurteilung von „Extremisten auf beiden Seiten“, die kritiklos abgedruckt wird, weil es irgendjemand aus dem Roten Kreuz so gefordert hat, anstatt diese „Forderungen“ im Zuge eines kritischen Journalismus zuallererst mit der Realität zu konfrontieren. Extrem ist nichts an der Reaktion der IDF. Man warnt die Zivilist*innen, weist sie mit Flugblättern, Lautsprechern und Durchsagen in sichere Korridore und Zonen, bevor das Terrain vorbereitet wird, und zum Schutz der eigenen Soldaten nimmt man unter Umständen auch zivile Opfer in Kauf. Nur durch Achtsamkeit ist zu erklären, dass in diesem hybriden Terrain nach zehntausenden von Explosivgeschossen und in hunderten von Scharmützeln selbst nach Angaben der Hamas erst 16.248 Menschen getötet wurden, davon sehr sicher mindestens 6-8000 Hamaskämpfer.

In der LeMonde diplomatique wiederum heißt es ganz unverschämt auf Seite 1 der Novemberausgabe, „Wem nützt die Hamas“ und dann werden mit keinem Wort die Bündnispartner der Hamas Iran und Russland genannt, sondern natürlich Israel, das Opfer der Hamas. Auf Seite 5 unterstellt der Artikel, dass Netanyahu in der Knesset die Finanzierung der Hamas gefordert hätte, um einen palästinensischen Staat zu sabotieren. Das Zitat wird regelrecht upgecycelt und geht über den Guardian und Vox.com zurück auf einen Artikel hinter der Paywall in der tendenziösen Spartenzeitung Haaretz. Wen interessiert die Zitation schon, der Kontext, geht es doch um Täter-Opfer-Verkehrung. Und dementsprechend suggeriert der gesamte Artikel, die Terrorattentate der Hamas würden erstens eine Reaktion auf israelische Politik sein und zweitens den Menschen in Westbank und Gaza letztlich auf absurden Wegen Frieden bringen, wenn am Ende beide Seiten an einen Verhandlungstisch gezwungen würden:


„Aber vielleicht mündet der Krieg ja auch in einer Initiative ähnlich der Friedenskonferenz von Madrid im Jahr 1991, in denen die USA Israel dazu zwangen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.“

Dieser Traum von einem Israel, das von den USA bezwungen wird, ist nichts anderes als der Antisemitismus, der Juden in einer unterworfenen, unmündigen Position sehen will, um sich daran zu berauschen. Im Artikel werden Tote im Westjordanland ausschließlich auf arabischer Seite festgestellt und ohne den jeweiligen Kontext als Opfer schießwütiger Soldaten präsentiert. Dass dort Menschen unterm Hamas-Banner auf die Straße gehen, flankiert von Steinschleuder-Schützen und Schusswaffen, dass Razzien mit gewaltsamer Gegenwehr überall tödlich enden können, interessiert die antisemitischen Medien nicht. Da wird von B’tselem berichtet und von anderen Medien skandalisiert, dass bis 2010 93% der wegen Steinewerfens inhaftierten Menschen zu Haftstrafen zwischen mehreren Tagen und Jahren verurteilt würden – darunter 19 Kinder zwischen 12 und 13 Jahren. So kann man natürlich noch die Kultur des Steinewerfens auf Juden in der islamischen Welt in die Täter-Opferverkehrung einstricken.

Tatsächlich belegen die zahllosen Videos von steinewerfenden und -schleudernden Grundschülern nur, dass die israelische Armee offenbar nicht als ernsthafte Bedrohung für diese Kinder wahrgenommen wird. Viele Videos zeigen hochgerüstete Jugendliche und junge Männer mit professionellen Seilschleudern, Stockschleudern und Zwillen. Steinschleudern können Geschosse auf bis zu 350 km/h beschleunigen und eine Durchschlagskraft von bis zu 135 Joule entfalten und mit Kleinfeuerwaffen konkurrieren. Auch einfache, in der Antike bereits militärisch verwendete Schleudern können den Schädelknochen durchschlagen und schwerste Verletzungen und Tod verursachen. Steinschleudern sind nicht nur symbolisch von Bedeutung, sondern auch reale Waffen zur Terrorisierung von Juden. In der Bilanz sind Jugendliche jedoch automatisch „Zivilisten“ oder „Kinder“, Kindersoldaten kommen schlicht nicht vor.

In der Schlacht um Mossul gegen den Islamischen Staat 2016/17 starben 40.000 Zivilisten, so schätzen kurdische Quellen die Folgen der massiven Militäroperation gegen gerade einmal 3-6000 IS-Kämpfer, davon viele Teenager ohne Militärausbildung, die mit Selbstmordgürteln ausgestattet wurden. Der IS konnte sich nirgends lange genug festfressen, um auch nur annähernd solche weitreichenden Befestigungsanlagen wie die Hamas zu errichten.


Die Qassam-Brigaden der Hamas umfassen allein 30-40.000 Kämpfer, der Palästinensische Islamische Jihad hat weitere 8000 Kämpfer, eine unbekannte Zahl von Militärberatern und Söldnern aus den Bündnisstaaten Iran, Russland und Qatar sowie hinzustoßende Überläufer aus Fatah und PFLP kommen hinzu. Im Krieg gegen den IS hatte die irakische Armee, kurdische Peschmerga, selbst die kurdische PKK mit ihren regionalen Unterorganisationen mehr Unterstützung als Israel derzeit, dem auch die USA nach extrem kurzer, demonstrativer Karenzzeit in den Rücken fallen. Wie bei vergangenen Militäroperationen gibt sich die Weltöffentlichkeit baff erstaunt, dass bei einem Krieg auch Häuser in die Luft gesprengt werden. Als sähe man nicht jeden Tag, wie die Ukrainische Armee in ihrem Verteidigungskrieg gegen die russische Armee und russische Söldner die eigenen Städte und Dörfer in der Vorbereitungsarbeit lieber in Ruinenlandschaften verwandelt, bevor Infanteristen riskieren, den Boden zu betreten.

Zivilisten sterben in einem Krieg, davon will man im Westen das erste Mal gehört haben und fordert Waffenruhe, denn darauf können sie sich alle einigen, die von der Hamas nicht bedroht werden: dass man mit den Massenmördern erst einmal reden soll, denn reden ist gut, das wichtigste, nur so versteht man auch, was der Andere will, nur: Israel ist nicht so schwer von Begriff, die Menschen dort haben längst verstanden, dass sie alle ermordet werden sollen, ginge es nach der Hamas. Wie viele westliche Politiker haben eine Waffenruhe mit dem Islamischen Staat in Syrien und der Levante oder mit Boko Haram oder mit Al-Qaida im Maghreb oder mit Ansar al-Sunna Wa Jamma in Mosambik oder mit Boko Haram in Nigeria gefordert? Allenfalls die Splittergruppe der Linkspartei, die noch jedem Genozidopfer empfiehlt, erstmal einen Antrag zu stellen auf Zuteilung einer wärmenden Decke durch das Willy-Brandt-Korps, auf keinen Fall aber eine Waffe in die Hand zu nehmen. Es gibt nichts Neues in diesem Krieg außer der wachsenden Chance, die Hamas diesmal wirklich bis ins Mark zu schwächen, um Jahrzehnte zurückzuwerfen und eine Besatzung des Gaza-Streifens als Befreiung zu planen. Medial laufen seit über 50 Jahren dokumentierte Routinen ab und man kann, wie schon bei vergangenen Militäroperationen, eigentlich einfach die Artikel mit einem neuen Zeitstempel versehen und erneut veröffentlichen. Die tageszeitung dient hier nur aufgrund ihrer in anderen Themen gegebenen Lesbarkeit als regelmäßiges Beispiel, in fast allen Zeitungen laufen ähnliche Artikel, der internationale Konsens ist ohnehin antisemitisch.

https://nichtidentisches.de/taeter-israel-die-opferumkehr-bei-moshe-zuckermann/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2010/08/03/daniel-bax-wir-israelversteher-ein-paradebeispiel-des-linken-antisemitismus/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2010/06/20/israelische-verteidigung/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2010/06/02/das-gaza-gambit/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2012/03/16/der-aparte-genosse/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2009/01/07/gaza-fakten/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2010/08/09/ein-aus-der-zeit-gerissenes-ultimatum-an-israel/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2010/04/17/israel-im-kopfkino/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2009/04/19/ein-fall-von-antiisraelischer-propaganda-im-ghanaischen-daily-graphic/
https://nichtidentisches.wordpress.com/2008/12/29/vom-zwang-zum-urteil-beckers-notorisch-antiisraelische-konfliktanalyse/

Schuldenbremsenbashing statt Reichensteuerdiskurs

Die Mobilisierung gegen die Schuldenbremse wird von Linken und Grünen angeführt. Man brauche „Investitionen“ in die Zukunft, und daher müsse man mehr Schulden aufnehmen dürfen. Sicher ist die Folge von 16 Jahren Misswirtschaft unter der CDU, dem Krieg Russlands gegen die Ukraine und die immer noch nicht bewältigte Corona-Pandemie eine besondere Situation. Dennoch übertönt das Wettern auf die Schuldenbremse zwei Aspekte:
1. Die Streichpotentiale bei den fragwürdigen Teilen des Budgets, insbesondere die Subventionen für klimaschädliche Prozesse, Diesel, Energiepflanzen/E10, Dienstwagenprivileg, Autobahnen und vieles mehr.
2. Die ungenutzten Einnahmequellen des Budgets, und da primär die Weigerung, Reiche uns Superreiche angemessen zu besteuern.
Wer „Schuldenbremse“ sagt, schweigt von der „Vermögenssteuer“.

1% besitzen mehr als ein Drittel aller Vermögen und innerhalb dieses einen Prozents findet eine weitere exponentielle Stratifizierung statt, das oberste Tausendstel besitzt ca. 14-17%. In solchen Zuständen muss man keine Schulden aufnehmen, sondern Steuern für obszönen Reichtum und einen Maximallohn einführen. Dass sich die obersten 10% tatsächlich einreden, mehr zu leisten als der Rest, mehr Verantwortung zu tragen oder der Gesellschaft exakt so viel zu geben wie sie aus dieser herauspressen allein durch G-G´ist eigentlich eine besonders ausgesuchte Beleidigung, der sich nur durch eine Begrenzung von Einkommen und Besitz entgegentreten lässt. Was im Kartellrecht für Unternehmen gilt, muss auch für Individuen gelten. Niemand darf so viel Macht durch Reichtum erhalten.

Die Scheinsolidarität mit Israel ist verschwunden, der Antisemitismus regiert

Für einen kurzen Moment sah es nach dem 7. Oktober so aus, als wären über Nacht alle israelsolidarisch geworden. Selbst in der taz schrieben ein paar Tage lang nicht mehr nur Susanne Knaul und Judith Poppe ihre immergleichen „Berichte“, sondern viele bis dahin in der taz eher unbekannte Autor*innen verfassten erstaunlich aufrechte und intelligente Artikel zu Israel, zur Hamas, zum Antisemitismus. Die Namen sind wieder verschwunden, man hat sich wie bei vergangenen Militäroperationen in der Routine eingefunden, auf das Leid der Menschen in Gaza oder im Westjordanland zu fokussieren. Niemand interessiert der Antisemitismus noch, kein bildungspolitisches Konzept wurde entworfen, und auf den Tisch gebracht wurde lediglich die ewige stumpfe alldeutsche Lösung für alles: Abschiebungen.

Die Bundesinnenministerin Faeser meint, mit „Bekenntnissen“ gegen Antisemitismus wäre es getan und fordert dieses ausgerechnet von der Islamkonferenz, die dankbar Gelegenheit ergreift, über die Diskriminierung von Muslimen insbesondere durch „Generalverdacht“ zu sprechen und Radiominuten zu füllen mit den dann erforderlichen „Stimmungsbildern“ vor Ort, den individuellen „Eindrücken“ und „Erfahrungen“, die dann noch einmal auf Schnipsel reduziert werden – und schon redet man über antimuslimischen Rassismus statt über islamischen Antisemitismus.

Von solchen Bekenntnissen weiß man außerdem, dass sie das Papier nicht wert sind, von dem sie abgelesen werden. Währenddessen kommt Scholz mit der Ritualformel „Flächenbrand“, als wäre in Syrien, Jemen und Libyen plötzlich Frieden eingekehrt oder als wäre die Türkei nicht dabei, Afrin zu entkurdisieren oder als wäre Ägypten eine Demokratie geworden oder: als wäre das Hamas-Pogrom ein Naturereignis, ein Strohfeuer. Und die Außenministerin Baerbock kommt mit der Forderung nach der Zweistaatenlösung, als wäre es der Muslimbruderschaft und ihrem Ableger Hamas jemals um Land gegangen oder als wäre Gaza nicht das beste Beispiel für einen palästinensischen islamischen Staat, der verhindert werden muss oder als spräche nun irgendetwas für eine Zweistaatenlösung, die weder Hamas noch Fatah wollen, denn beide fordern „from the river to the sea“, die Fatah auf ihrem Emblem. Wo die Fatah regiert, lehnen nur 6% das genozidale Massaker vom 7.10. ab, in Gaza sind es immerhin schon 20%. Neben der Selbstbereicherung der Eliten durch Korruption ist „pay for slay“ das Primat der Politik. Und unter den wenigen Gegnern der Massaker sind noch viele, denen nur die Mittel zu extrem erscheinen, nicht das Ziel eines „Palestine from the River to the Sea“. Dieses „Palestine“ wird nicht durch positive Attribute gezeichnet, nicht durch das, was man dort aufbauen wird, was man dort an Versagungen erfüllen kann, sondern ausschließlich dadurch, dass dort keine Juden mehr leben und der Islam regiert. „From the river to the sea“ entwirft ein Massengrab als Sehnsuchtsort.

Die absolute Majorität in Westjordanland und Gaza lebt im palästinensischen Mythos, der eine von anderen Arabern verschiedene ethnische Identität erfunden hat, um sich als „indigene Bevölkerung“ gegen vermeintliche Kolonisatoren zu präsentieren. Die Unterscheidung von anderen Arabern ist nur über die identitätsstiftende Erfahrung möglich, ein „nationales Trauma“, das so wie behauptet nie stattgefunden hat und als Täter hat man einen ewigen Erzfeind erdacht, einen „imaginary foe“, der Zusammenhalt garantiert, wo erbitterte Konkurrenz und die Bereitschaft zum Terror gegen Angehörige anderer politischer Gruppen und insbesondere gegen Frauen herrscht.

Solange deutsche Medien den Mythos von der ethnischen Besonderheit und der behaupteten Autochthonie „der Palästinenser“ im Gegensatz zur geleugneten Autochthonie von Juden in Israel, sowie den Mythos von der Vertreibung aller Palästinenser als „Nakba“, als durch unsagbare Gewalt traumatisierende Katastrophe wiederholen, verschweigen sie, dass Juden über Jahrtausende in Israel lebten, mitunter durch ethnische Säuberungen zur absoluten Minderheit marginalisiert, dass Juden auch im Exil über zwei Jahrtausende hinweg ihren Anspruch auf Jerusalem nie aufgaben, dass das osmanische Reich hingegen Muslime aus dem Balkan, aus der Türkei und dem Kaukasus in der Region ansiedelte, um muslimische Majoritäten zu sichern, dass erst nach der zionistischen Siedlungstätigkeit im 19. Jahrhundert eine arabische Einwanderungswelle einsetzte, dass auch nach der Staatsgründung nur eine Minderheit der muslimischen Araber in Israel direkte Gewalt erfahren hat, dass die lokalen gewaltsamen Vertreibungen dann zum größten Teil in einem Überlebenskampf der Juden gegen den von arabischer Seite ausgerufenen Genozid militärischer Rationalität folgten, um neuralgische Schwachpunkte der Landesverteidigung unter Kontrolle zu halten, und dass der Großteil von der arabischen Seite zur Flucht aufgerufen wurde, wertvolle Besitztümer mitnehmen konnte und die Dörfer in der Gewissheit verließ, dass die arabischen Legionen mit britischer Hilfe die Juden rasch vernichten würde. Der Schlüssel als Symbol des „Rückkehrrechts“ gibt Auskunft über den Glauben an die rasche, triumphale Rückkehr. Die Juden, die aus der arabischen Welt flohen, nahmen keine Schlüssel mit, weil sie wussten, dass in diesen Gesellschaften kein Überleben mehr möglich sein würde und weil sie ihrer Häuser direkt beraubt wurden. Die Nakba ist eine arabische Katastrophe nicht, weil 600.000 Araber flohen oder vertrieben wurden, sondern weil die arabischen Armeen die Juden nicht vernichten konnten. Daher das Beharren auf dem unmöglichen Rückkehrrecht: Wenn der Krieg ins unendliche verschoben wird, gibt es keine endgültige Niederlage.

Den Mythos um das Rückkehrrecht aufzulösen, auf Regierungsebene mit historischen Fakten zu konfrontieren, ist undenkbar. Wer etwas gegen Antisemitismus unter Muslimen tun will, muss auch eine Kritik antisemitischer Mythen liefern. Andernfalls wird nur kommuniziert, dass alles, was die palästinensischen Araber den Juden vorwerfen zwar richtig sei, man es aber nicht sagen dürfe, weil das Antisemitismus sei. Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden. Die Kritik des Antisemitismus hat das Gerücht zu widerlegen. Wer kein Bewusstsein vom antiisraelischen und vom islamischen Antisemitismus hat, oder ein solches nicht öffentlich unter Beweis stellt, braucht sich auch nicht auf Kosten der Opfer mit Bekenntnispolitik zu profilieren.

Auch international sind die teilweise unglaubwürdigen Solidaritätsbekundungen rasch wieder abgeflaut. Die USA stellten einen Flugzeugträger ab, nur um dann die Strategie zu diktieren. Der Angriff war schlimm, aber muss sich Israel wirklich derart wehren? Kann man die Hamas nun nicht in Ruhe lassen, oder in anderen Worten „humanitäre Feuerpausen“ oder „Waffenstillstand“ einrichten? Und kann sich die IDF nicht Wohnblock für Wohnblock verlustreich vorkämpfen, anstatt ihre Luftüberlegenheit präzise auszuspielen? Ausgerechnet die USA wollen Israel erklären, wie man Djihadisten bekämpft. Dieselben USA, die einen zunächst bejubelten Befreiungsfeldzug in Irak vermasselten, aus Inkompetenz den Aufrüstungsraubzug des Islamischen Staates ermöglichten und Afghanistan den Taliban überließen, die mit ihrer Drohnenpolitik auf kostengünstigstes Konfliktmanagement setzten.

Es ist wahr, Zivilisten kommen in Gaza ums Leben – dass die IDF in Gaza Reservisten einsetzt, Menschen, die am Tag zuvor noch Zivilisten waren, die nur unter äußerem Zwang in Uniform gingen, ihr Leben riskieren, ihren Job aufgeben, ihr Studium unterbrechen, das geht in der Trennung in Zivilisten und Soldaten häufig ebenso unter, wie die Tatsache, dass auch die Angriffe der Hamas auf Soldaten antisemitisch und verwerflich sind. Im UN-Sicherheitsrat stimmte Biden dann einer Resolution zu, die keine Verurteilung der Massaker der Hamas enthielt und mehrtägige Feuerpausen forderte. Hier einen prolongierten Konflikt anzustreben, zeugt von der Ignoranz, mit der dem winzigen Land Israel Ratschläge erteilt werden, die es teuer zu stehen kommen.

Jeder Tag kostet die ohnehin fragile israelische Wirtschaft, von der wichtige Fachkräfte in den Kriegsdienst abgezogen wurden. Jeder Reservist und jede Reservistin muss und möchte so rasch als möglich wieder ihre zivilen Tätigkeiten aufnehmen. Jeder Tag, den die Hamas als Konfliktpartei aktiv bleibt, schwächt Israel im Krieg mit der Hisbollah. Eine Feuerpause hilft nicht den Menschen in Gaza, sondern nur der Hamas.

Das gleiche gilt für die Zufuhr von Wasser und Nahrung. Die Blockade wurde nicht ausgerufen, um die Zivilbevölkerung auszurotten, sondern mit einer erfüllbaren realistischen Forderung verknüpft: Rückgabe aller Geiseln. Was sonst bleibt Israel, um die Geiseln aus Folter und serieller Vergewaltigung herauszuholen? Gefangene Kämpfer der Hamas bestätigen in gefilmten Interviews, dass sie explizite Anweisungen zum Vergewaltigen auch von Kindern erhalten haben. Die Berichte über das Ausmaß der sexuellen Gewalt bis hin zur Nekrophilie werden von der Presse weitgehend ignoriert. Die israelische Regierung hat nur begrenzt Möglichkeiten, den Geiseln rasch aus dieser Situation zu helfen und eine davon ist, den Druck auf alle denkbare Weise zu erhöhen und den Verhandlungsspielraum der Hamas drastisch einzuschränken.

Der Zivilbevölkerung wurde in den zwei Wochen der Vorbereitung der Bodenoffensive ein humanitärer Korridor geöffnet und Zeit zur Flucht gegeben. Ein Europa, das aus irrationalen Gründen und ohne eigene Not für Geflüchtete Mauern, das Zerdursten oder Ertränken vorsieht, und dem Großteil der Überlebenden in Irak, Syrien und der Türkei auf Jahrzehnte hin nur Zeltstädte bietet, in denen sich Kinder suizidieren, weil sie die Zustände nicht ertragen, hat nicht im Ansatz das Recht, Israel für Notwehrmaßnahmen zu kritisieren. Und selbst dort, wo man sich auf moralischem Highground echte Sorgen um die Zivilbevölkerung in Gaza macht, ist zwischen Propaganda und Realität zu trennen, ist zu differenzieren und zu benennen. Mit den Ressourcen für den Tunnelbau, der von der überwältigenden Mehrheit begrüßt und gewählt wurde, hätten Zisternen mit Trinkwasserreserven für Jahrzehnte gebaut werden können. Die Hamas hat Trinkwasserrohre für Raketen verwendet und sogar aus dem Boden gerissen und durch Korruption dafür gesorgt, dass überhaupt Wasser aus Israel importiert werden muss. Wer hier nicht zuallererst die Hamas in die Pflicht nimmt, die Geiseln freizulassen, der Bevölkerung Zugang zu Wasser und Generatoren zu ermöglichen, strickt am palästinensischen Mythos mit. Ob die Berichte über Wassermangel wahr sind, lässt sich kaum beurteilen, aufgrund der langen Geschichte an wasserbezogenen Propagandemen und Lügen ist hier grundsätzlich Zweifel angebracht. Israel hat in den vergangenen Jahren einen Wasserüberschuss durch Meerwasserentsalzung erzeugt, exportiert die Technik, baut gigantische Pipelines, um Jerusalem und Umland zu versorgen, und verhandelt mit Jordanien über künftige Wasserlieferungen, die das Ökosystem des Jordans entscheidend entlasten sollen. Wie keine andere politische Institution in der Region hat der israelische Staat das Potential für eine nachhaltige Wasserversorgung der Region und dadurch eine Linderung des Drucks auf klimagestresste natürliche Ressourcen geschaffen. Amnesty international wie auch CNN und UN zeichnen das entstehende Gefälle im Wasserverbrauch jedoch einzig als Folge der Besatzung, Korruption wird meist nicht im Ansatz thematisiert. Grundsätzlich ist also die Frage geboten, warum das Wohl der Menschen in Gaza von den 10% Wasser abhängen soll, das aus Israel importiert wird. Die privaten solarbetriebenen Meerwasserentsalzungsanlagen und die Brunnen, die bislang fast 90% des Wassers liefen, sollten eigentlich weiter laufen, dass dieselbetriebene Meerwasserentsalzung nicht funktioniert, liegt primär am Diebstahl von Diesel durch die Hamas und Ägypten wird ohnehin notorisch aus der Verantwortung entlassen.

Von der Weltöffentlichkeit hat Israel nichts zu erwarten und entsprechend ignoriert die Regierung und die Militärführung auch „Ratschläge“, die selten gutgemeint sind. Und doch steht in der taz wieder einmal sinngemäß, dass sich in Gaza Rechtsradikale in der Regierung austoben und die Militäroffensive politisch bestimmt sei – als gäbe es keine objektiven Zwänge und Dillemata, keine parteiübergreifende Notstandsregierung, keinen nationalen Konsens in Israel über die Notwendigkeit der Operation.

Bernd Pickert spricht in der taz von der „mörderisch aufgestellten Falle“, in die Israel tappe, und die Biden besser als die israelische Regierung begreife. Israel verliere den Krieg der Bilder. Was aber viel wichtiger ist: Israel gewinnt den Krieg gegen die Hamas. Jeden Tag werden ihre Truppen weiter aufgerieben, mehrere Dutzend Tunnel aufgespürt und unbrauchbar gemacht. Die Hamas verliert gerade binnen weniger Wochen zwei Jahrzehnte der Ressourcen, die in Infrastruktur und das Training von Kämpfern gesteckt wurde. Hier droht kein verlustreicher, prolongierter Stadtguerillakrieg, weil der Gegner von Unterstützung abgeschnitten wurde, umstellt ist und die Konfliktzone wenige Quadratkilometer umfasst. Je rascher die Razzia zu Ende geht, desto rascher kann die Rückkehr der Zivilbevölkerung stattfinden, eine Infrastruktur für die Besatzung aufgestellt und danach der südliche Abschnitt Gazas militärisch aufgeklärt werden. Das mag viele Gefahren und Risiken mit sich bringen, aber eine bessere Option existiert schlicht nicht. Jedes Überlassen Gazas an die „internationale Gemeinschaft“ oder gar eine „Selbstverwaltung“ hätte die Rückkehr von Djihadisten, von iranischen und qatarischen Geldern, von Raketen und anderen Waffen zur Folge und damit eine ewige Wiederholung des Konfliktes wie nach vergangenen, zu kurz geführten Militäroperationen.

Und in der vorgeschützten Sorge um Israel, eine alte Routineübung des Antisemitismus, kann man natürlich verschweigen, warum Israel diesen Krieg um Bilder nie gewinnen konnte, welchen Anteil das eigene Medium an diesem Krieg der Bilder gegen Israel hat, und dass es keinen Ausweg aus dem antisemitischen Dilemma gibt, der die Antisemiten besänftigen würde.
Von Australien über Großbritannien bis in die USA gehen Linke, Rechte und Islamisten Seite an Seite auf die Straße und rufen ihr „free Palestine“. Greta Thunbergs Keffiyeh sorgt für Aufregung, während die meisten aus der Israelsolidarität wissen, wie weit verbreitet ihre Meinung gerade in den nördlichen Sozialdemokratien Norwegen, Schweden, UK und Irland ist, wie dünn der zivilisatorische Firnis auch über ihren konservativen Kritikern aufgetragen ist, denen es in ihrem Spott und Hohn im seltensten Fall um Israel geht. Viele israelsolidarische Linke wissen, wie man selbst links sozialisiert wurde und nur durch viele Zufälle, schwer erhältliche Bücher, geduldiges Zureden und schrittweise in die Solidarität mit Israel hinüberwechselte, die für viele den Schritt in die politische Isolation bedeutete und von vielen auch nie ganz verstanden wurde: Wie geht das nun mit der Solidarität konkret, Flagge zeigen oder nicht, Besatzung ja oder nein, Annexion des Westjordanlandes oder nicht, einfach zu allem enthalten oder jeweils mühselige Faktenchecks vornehmen? Geschichtliches Wissen zum Konflikt ist weder kanonisiert noch gut zugänglich an Bibliotheken, nach wie vor gelten die historischen Fakten als deviant, der palästinensische Mythos regiert aus allzu vielen Professuren heraus und noch mehr schweigen schlichtweg.

Für die breite Masse gilt: Man trägt vielleicht keine Palästinaflagge durch die Gegend, aber es reicht der Hamas wie auch Putin, wenn man sich neutral gibt und einen Waffenstillstand fordert. Und es reicht für ein sicheres Israel nicht, wenn man nur an seltenen Tagen einmal sich auf die Seite Israels und dessen Recht auf Selbstverteidigung stellt, sobald es aber dazu kommt, dagegen ist, wie der israelische Staat es ausübt. Die IDF macht in dieser Situation das einzig richtige: Vorrücken. Tunnel um Tunnel. Nach einer mehrere Tage dauernden Phase der überreizten, markigen Phrasen Netanyahus ist wieder Rationalität in die Stellungnahmen eingekehrt. War zunächst die durchaus fatale Medienstrategie, einfach alle zivilen Opfer der Hamas zu überantworten, hat man sich nun wieder zum Schutz der Zivilbevölkerung bekannt.

Israel befreit sich in Gaza nicht nur selbst aus dem Ghetto, in das es durch die Hamas verbannt wurde. Es befreit gerade tatsächlich Gaza von der Hamas. Die Armee kann nicht zulassen, dass hier erneut Keimzellen des Islamischen Jihad und der Hamas aufgebaut werden und das bedarf eines anhaltenden Policing, von dem alle profitieren werden, die unter der Korruption und der Gewalt der Hamas gelitten haben. Zwar zeigt die Geschichte, dass solche Besatzungen selbst dort, wo sie anfänglich bejubelt wurden, in Feindschaft umschlagen können. Geschichte zeigt aber gerade am Beispiel Deutschlands auch, dass der Antisemitismus, wo er staatstragend und genozidal wird, nur durch Militär und Besatzung erfolgreich beseitigt oder zumindest in die zeitweise Unterwerfung gezwungen werden kann.



Zur habituellen Gleichgewichtsstörung von Männern

Bei Höflichkeitsgesprächen lässt sich insbesondere bei jungen Männern gern ein Schwanken beobachten, das einem kuriosen Rhythmus aus Ausweichbewegungen und Zuwendungsgesten zu bestehen scheint. Wedeln mit bezigaretteten Händen oder Durchfahren der Haare ähneln Versuchen des Festhaltens in freiem Fall. Vernünftelndes Abwägen wird mit Kopfneigungen aller Art simuliert, doch letztlich bleibt der Eindruck einer tiefen Verunsicherung ob der Ambivalenz der Begegnung haften: als schiene sich das Individuum uneins, der Fluchttendenz in die Ferne nachzugeben oder der vor der Einsamkeit weg in eine unliebsame Konversation hinein, die meist nur aus starren Hülsen pathischer Kommunikation besteht: Wie gehts, Ja geht so, und bei dir, Alder, alles fit, Arbeit, was, ja scheiße halt, mussja, bis denne, Tschausn, machsgutbruder, Alleskla.

Die Befreiung von jedem Verdacht auf Homoerotik durch hölzern-knarzende Stocksteifigkeit steht in krassem Kontrast zur Behauptung von Dynamik in zunächst raumgreifenden, dann wieder auf Böden oder in die Ferne starrenden, schultern zusammenziehenden Gesten. Und erleichtert bewegen sich die Männer dann auseinander, man hat die peinliche Lage durch Konversation entschärft, schwankt von dannen, eventuell ein Hinken oder ein Schlotterknie oder eine leichte Trunkenheit, die eventuelle Fehler entschuldigen könnte, simulierend, oder mit schlacksigen Beinen etwas mehr Raum erobernd als der Weg zum gar nicht vorhandenen Ziel abverlangen würde.

Sicher ist bei Männern der Schwerpunkt biologisch höher, in Richtung des Brustkorbs gelagert, die Ziellosigkeit der Arme eventuell archaischer Bereitschaft zur Flucht geschuldet. Und doch ist die Neigung zum Schwanken auch so tief in Kultur verankert, dass sie sich noch in Gebetsritualen niederschlägt. Der islamische Fall in die Embryonalstellung und das Wiederaufstehen, der ekstatisch kreiselnde Tanz der Derwische, das „Schokln“ im Judaismus, einer Legende zufolge der tanzenden Flamme einer rituellen Kerze nachempfunden, und im Christentum der Kniefall, das Schaukeln des Turibulums, in afrikanischen Religionen die Trancetänze, die Maskentänze und die Perfektion der Synkope. Wo der Buddhismus die fixierte Position anzustreben scheint, wird doch auch stets gern etwas gebommelt, getrommelt, getrillert oder anderweitig Betriebsames verrichtet. Bewegung muss allenorts in verkrustete Verhältnisse, aber es gelingt nicht, weil es im Experimentierfeld der Kulturen stets im Falschen der Religion und Tradition bleibt, unklare Ziele hat, daneben trifft, nicht die Verhältnisse stürzt, in denen der Einzelne ein verächtliches Wesen, eine geknechtete Kreatur bleibt.

Mütter indes schaukeln ihre Babies und mit ihnen, unbezwingbare, selbsterklärende Vernunft und fester Boden, und es wäre so wahr wie auch viel zu einfach, die Wackeldackelhaftigkeit des Mannes als Regression in diese Position oder neidische Sehnsucht nach dieser Sinngebungsmaschine Mutterschaft zu erklären. Gewackelt wird bei Männern eher aus der Lust an der Vermeidung einer klaren Position zwischen Herrschaft und Unterwerfung heraus. Und vielleicht in einem Zwischenstadium, in dem kulturelle Regeln meist zu Recht ihre Gültigkeit verlieren und von einem Experimentierfeld an Selbsterfindung abgelöst werden, das sich dann massenkulturell wieder an Vorbildern orientiert. In den üblichen Begegnungen mit Handschlag irgendeiner Art, nervös-arbeitssamen Ziehen an Zigaretten oder Paffen an elektrischen Pfeifen, paaren sich internalisierte Arbeitsrhythmen mit der Angst, durch eine aufrechte Position Dominanz auszustrahlen, die wiederum als Aufforderung zur Gegendominanz gelten könnte. Das hat weniger mit äffischen, tierhaften, als Hackordnung zu häufig abgetanen Hierarchien zu tun, als mit der Demokratie. Wo in der bürgerlichen Produktionsweise jeder sein eigener Herr sein könnte, es unter der Herrschaft des automatischen Subjekts aber niemand wirklich ist, bleibt alles ein Ausloten des aktuellen Standes des Waffenstillstandes in allseitiger Konkurrenz. Prinzipiell zur Selbstbestimmung befähigt zu sein und doch täglich ein Sklave ohne Kenntnis seines Herrn und Zieles, im Bewusstsein der eigenen Beteiligung an der Selbstausbeutung, der Unfähigkeit, sich zu organisieren mit den Anderen, bei gleichzeitigem Zwang dazu, überfordert und treibt in jene fragile Männlichkeit, die sich an der Unterwerfung Anderer oder von Material und Dingen beweisen muss. Nur konsequent flüchten sich die Hikikomoris in die Isolation, Angst vor der eigenen Wut auf Alles, zivilisatorisches Gegenstück zum Amoklauf.

Nicht das fragile ist dabei kritikabel, nicht das Schwanken in Ambivalenz, sondern die Verdrängung dessen, die Behauptung der Absenz von Fragilität, die Illusion von Statik und Stabilität. Echte Männer lesen das, Survival in der kanadischen Hütte, wie man sich einen Langbogen baut, sei nicht nur frauensammelnder Alpha, sei frauenverschmähender Sigma, kaufe jetzt wieder einen Elektrogrill, kaufe nie diese Werkzeuge, hier siehst du wie man wirklich mit Klimaklebern umzuspringen hat, dort sind die Schwachen, die Unterlegen, das arbeitsscheue Pack, das du nicht bist, hier hast du den Kitsch, mit dem du menschliche Emotionen simulieren kannst, und so weiter flüstern die Shorts und Clips auf das Subjekt ein.

„Cope!“ wird zur Beleidigung par excellence. Wer immer sich beschwert, sich anderer Emotion verdächtig macht als den auf Schwache kanalisierten Aggress, solle klarkommen, copen. Was liegt näher, als der großen Verunsicherung Klarheit der Rollen entgegen zu setzen, die submissive Frau mit ihren Haushaltstricks wiederzubeleben und den bärtigen Vierschrötler mit seiner Werkbank, von verlorener „Gesundheit“ und „Normalität“ träumend. A man has to be ugly and fearsome. Und er hat zu schwanken, am Abgrund, an dem Menschheit steht, denn der dünne Firnis der Zivilisation trägt ihn nicht, gibt ihm keine Antwort, wie diese zum Nichtfrausein verdammte Existenz geht, in der die einen die Angleichung an den vormanipulierten weiblichen Charakter als Subversion bewerben, eine insgeheim misogyne Beleidigung und Verspottung derer, die ihn tragen, während die Anderen die Kastration der Schwachen anempfehlen; in der Menschsein unmöglich, krank unnormal zu sein scheint und es politisch allgemein Mode wird, als Kühltruhe seiner Emotionen umherzuwandeln, nur um die eigene Angst und Leere durch die Vernunft des Mitmachens zu bannen.

WOYZECK. Es geht hinter mir, unter mir Stampft auf den Boden. hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer!

ANDRES. Ich fürcht mich.

WOYZECK. S‘ ist so kurios still. Man möcht den Athem halten. Andres!

ANDRES. Was?

WOYZECK. Red was!