Die angebliche Intoleranz der Linken – eine pseudowissenschaftliche Studie schafft es in den Diskurs

Eine Studie über angebliche Intoleranz der Linken mit dem reißerischen Titel „Is Free Speech in Danger on University Campus? Some Preliminary Evidence from a Most Likely Case“ hat es über einen FAZ-Artikel und ein share der Professorin Dr. Susanne Schröter in den Diskurs geschafft. Das Fazit gibt eine eindeutige Richtung vor, die exakt in das Interesse der neuen Rechten an Diskursverschiebungen und Täter-Opfer-Umkehr passt.

„Linksgerichtete Studierende sind weniger bereit, umstrittene Standpunkte zu Themen wie Gender, Einwanderung oder sexuelle und ethnische Minderheiten zu tolerieren. Studierende rechts der Mitte neigen eher dazu, sich selbst zu zensieren.“

Die Buzzwords „Toleranz“ und „Selbstzensur“ machen aus rechtsradikalen Studierenden sensible Opfer, die sich introvertiert zurückhalten, wo sie doch nur gern ihre Meinung sagen würden.
Was aber wurde abgefragt?
Ob eine Person an der Universität lehren dürfe, wenn sie die folgenden Spezifika aufweise:

“A person who is against all forms of immigration to this country”

Soll jemand, der gegen alle Formen der Einwanderung in dieses Land ist, an Universitäten lehren? Eine Haltung, die man ohne zu Zögern den gehärtetsten und isolationistischsten Neonazis zuschlagen darf, wird zur Messlatte von Toleranz gemacht. Wer Nazis nicht toleriert ist selber Nazi – auf diesem Niveau bewegt sich Wissenschaft, die dafür tatsächlich Aufmerksamkeit erhält. Leider nicht weil sie so unterirdisch schlecht und eindeutig tendenziös designed wurde, sondern weil ihr angebliches Ergebnis so gut ins Bild der neuen Rechten passt.
Dabei ist das Ergebnis wirklich bedrückend: 69% einer angeblich vorwiegend linken Studierendenschaft fände es richtig, wenn Neonazis in diesem Sinne an Universitäten vortragen dürfen und 23% fänden es in Ordnung, wenn so eine Person sogar dauerhaft lehren darf. Und immer noch ganze 44% wären gelassen im Umgang mit Referent*innen, die Homosexualität für „Sünde“ halten.

Die Studie ist sich ihres gar nicht mehr als „bias“ zu fassenden Fehldesigns völlig bewusst und unterstreicht daher noch einmal ihre ausschließlich normative Absicht:

Third, it is important to understand that we are not saying that extreme right-wing views are illegitimately shut down on university campus. Although the acceptance of extremist views on university campus is an important debate in itself, we are concerned with the silencing of legitimate political views that simply deviate from leftist orthodoxy on issues such as gender, immigration, and sexual or ethnic minorities. It is students who place themselves right-of-center, who identify as conservative, classical liberal, libertarian, or who vote for parties such as the CDU or FDP who are reluctant to speak openly about these political issues.“

Einer der beiden Studienautoren macht diesen Standpunkt auf Twitter noch einmal deutlich:



Hier wird eindeutig festgelegt, dass es NICHT eine rechtsextreme Einstellung ist, gegen alle Formen der Einwanderung zu sein, sondern nur eine „moderate“, „deviante Position“, die von der „“linken Orthodoxie“ abweiche.

Die konkreten Fragen interessieren die Studie nicht: wieso eine progressive und liberale Bewegung in den USA und Großbritannien, die von essentieller Bedeutung für die Überwindung des Rassismus wäre, so vollständig an den Antisemitismus gegen Israel gefallen ist und warum sich relativ viele Linke mit einer Religionskritik des Islam so schwer tun. Darunter leiden aber in der Regel nicht rechte Sprecherinnen und Sprecher, sondern Linke und Liberale, die sich nicht auf Seilschaften in Burschenschaften oder rechte Thinktanks zurückziehen können.

Tatsächlich sollte man die Frage weitertreiben: Wie kann jemand (1, 2), der derart schlechte und tendenziöse Studien für einen berechenbaren Zweck entwirft und publiziert, im akademischen Betrieb erfolgreich sein? Die Studie gibt daher ungewollt Auskunft über den Zustand von Universitäten und sogenannter quantitativer Forschung heute.

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