The Undoing – wie man den Hammer loswird

Ein Film über eine Psychoanalytikerin macht sich verdächtig, seine Bilder bewusst einzusetzen und ist für seine Inhalte in besonderem Maße verantwortlich zu machen. Die Story ist ein platter whodunnit: ein Arzt „betrügt“ seine Ehefrau, eine Paartherapeutin, mit einer Künstlerin und bringt diese um. Über fünf Folgen werden nun Andeutungen gestreut, die auch den Vater der Ehefrau, diese selbst oder ihren Sohn ins Visier nehmen. Aber es war dann trotz aller Finten und Maskeraden eben doch der angeklagte Ehemann der Paartherapeutin, was wir auch schon wissen, denn bereits zu Beginn hören wir mehrfach Frauen resolut urteilen: „Es ist immer der Ehemann!“
Die Message-to-go von The Undoing ist demnach erstaunlich simpel: Ehebruch ist ein Verbrechen.
Die Staranwältin verrät das am deutlichsten. Sie präsentiert ein Jurymitglied mit den Worten: „Er hat selbst Ehebruch begangen. Er weiß, dass Ehebrecher nicht auch Mörder sind.“ Der Rest des Filmes dreht sich darum, diesen Satz als Lüge zu entlarven, die die Anwältin selbst nicht glaubt. Beim Schuldspruch bricht ihre Kontrolle zusammen und sie giftet ihren Mandanten an: „Verdammt, Sie hätten einfach nur den Hammer vernichten müssen! Wie blöd kann man sein!“
Den Hammer vernichten. Man muss kein großer Psychoanalytiker sein, um den Doppelsinn zu verstehen.
Nicole Kidman wird als überwältigend schöne und perfekte Ehefrau aufgebaut. Sie hat keine Makel und ist am Ende das reine, betrogene Opfer. Wer hier – im oridinären Modus des Films gesprochen – seinen Hammer nicht loswird und treu bleibt, muss blöd sein. Oder ein „Arschloch“, wie der Pflichtverteidiger den Ehemann beurteilt. Er heilt krebskranke Kinder – und „bricht“ seine Ehe mit der Mutter eines Patienten.
Sie hingegen ist Therapeutin und „heilt“ Ehen: Einem homosexuellen Paar empfiehlt sie ganz in der Tradition konservativer Psychoanalyse in den USA, den Akt des Fremdgehens als Resultat einer Störung zu verstehen. Therapie führt nicht in freiere Sexualität, in Versöhnung mit dem Trieb, sondern dazu, dass freie Sexualität nicht stattfindet: Dass es nie wieder vorkommt und man sich „vertraut“.
Ihr Vater gesteht ihr gegen Ende des Films, dass er Zeit seines Lebens untreu war. Nicht Versöhnung, sondern ewige Selbstverachtung gibt der Film ihm zur Strafe mit. Der Film sanktifiziert die Straflust des Vaters, einem selbstbezeichneten „Hurensohn“, der zur Verteidigung der Familie mafiösen Druck ausübt. Das Überich ist zwar selbst bigott, aber weil es sich selbst verachtet, darf es regieren. Am Ende fliegt dieser Vater an der Seite seiner Tochter und seines Enkels im Hubschrauber davon, während unten der Ehemann verhaftet wird.

Am deutlichsten wird diese Identifikation mit einem sadistisch strafenden Überich in der Behandlung des Mordopfers. Die verführerische Künstlerin dringt in die intakte Familie ein und als sie ihr Kind, das Produkt der Affäre, im Haushalt der Reichen und Schönen unterbringen will, wird sie dafür vom Ehemann erst mit dem Kopf an die Wand geschmettert, und als sie ihm voll Wut mit dem Hammer nachläuft, von diesem entwaffnet und getötet. So kann der Film von der Figur des männlichen Ehebrechers beides haben: Schuld und Strafinstanz gleichzeitig. Der Mörder ist verachtenswert, schlimmer noch: bemitleidenswert. Aber er straft die wahrhaft Schuldige, den „homewrecker“, eine bekannte Figur im konservativen amerikanischen Film. Das ist der Grund, warum der Film hier, und nur an dieser Stelle, die Sehgewohnheiten verletzt und das Mordopfer wie in einem schlechten Splatterfilm mit zermatschtem Kopf zeigt. Wieder, und immer wieder.
Die derart aggressiv zerstörte Verführerin ist die Trophäe des Films. Für sie riskiert er eine Abwertung in der Altersfreigabe. Hier sagt der Film: So soll es allen Ehebrecherinnen gehen, die ihre Grenzen nicht kennen.
Daher ist „The undoing“ nur als Stück reaktionärer Ideologie zu lesen, als konformistische Revolte im Bündnis mit einem sadistischen Überich und gegen den Trieb.


Tafelneid

Claus Strunz bringt bei SAT.1 etwas tiefenpsychologische Ehrlichkeit in die Diskussion: Die Mutter, er nennt sie wirklich so, kümmere sich immer nur um die Flüchtlinge. Merkel sei zur „doppelten Mutti“ geworden, zur „Stiefmutter der Deutschen“ und zur „fürsorglichen Mama der Flüchtlinge“. (Strunz)

Die Zwangshandlung, die Kanzlerin Merkel auf die traditionelle Frauenrolle „Mutter“ zurückzuzwingen, ist misogyner Wunsch nach einer mafiösen Vaterfigur, der einer ambivalenten Mutter ein unambivalent drakonisches Gesetz entgegenstellt, das nur die Anderen bestraft und das Selbst belohnt. So ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Konkurrenz um eine sogenannte Tafel diese stereotype regressive Reaktion eines älteren Geschwisters ausgelöst hat, das dem jüngeren die Mutterbrust neidet. Gemeinsames Essen dient dem Aggressionsabbau, wie Freud am Totemsmahl in „Totem und Tabu“ zeigt. Der getötete Vater wird verspeist, dadurch internalisiert und sein Gesetz wieder aufgerichtet. Aggression geht in Schuld und dann Anerkennung über. Daher ist auch das gemeinsame Totenmahl eine transkulturelle Institution.

Dass nun mit Geflüchteten zusammen gespeist würde, ist für das eigentliche Projekt des Aggressionsaufbaus, das die Neue Rechte betreibt, mehr als hinderlich. Und daher stürzen sich nationalkonservative Akteure in Sat.1, FAZ, Cicero und anderen Medien auf den „Tafelskandal“. Der Klickköder lautet, man müsse „genauer hinschauen“. Suggeriert wird, es gebe eine verschleierte Wahrheit, einen wirklichen rationalen Grund für die Ausgrenzung von Menschen ohne deutschen Pass von einer Armenspeisung. Dieses Geheimwissen bleiben die entsprechenden Medien schuldig, aber die rechten Massen brauchten auch nur das Gefühl, es besser zu wissen, sie hungern nach Simulationen von Erkenntis ohne Anstrengung. Dahingehend ist Strunz zu danken, dass er seinen Mutterneid wenigstens ehrlich und öffentlich preisgibt. Was er damit belegt: es gibt keinen rationalen Grund für die Schließung der Essener Tafel für Menschen ohne deutschen Pass. Es ist blanker Futterneid der ohnehin Gesättigten in vorgetäuschter Fürsorge für Menschen, für die die gleichen Medien sonst auch nichts übrig haben als Verachtung. Es ist Rassismus.

70% der Besucher einer Essener Tafel waren Menschen ohne deutschen Pass –  für den Leiter war das ein Grund, die Schuldfrage zu stellen: „Ist der Vorstand schuld? Sind die Mitarbeiter schuld? Und letztlich haben wir festgestellt, dass die einzige Veränderung der Ausländeranteil ist. Wir grenzen auch keine Ausländer aus – wir geben den Deutschen die Möglichkeit, wieder zur Tafel zu kommen.“ (Jörg Sartor)

Nur der Ausländeranteil könne demnach der Grund sein „weshalb sich etwa viele Ältere nicht mehr wohlfühlten und das Hilfsangebot nicht mehr wahrnähmen.“ (Welt) Die an linksidentitären Institutionen verbreitete Maxime des kollektiven „Wohlfühlens“ hat zurückgefunden in die idiosynkratische Gemeinschaft der Rechten. Unspezifisch raunt Sartor etwas von „Belästigung“ oder „mangelndem Respekt“ – die Vorwürfe bleiben unkonkret, weil im Publikum schon als genehmigt gilt, dass „die alle so sind“ und man es ja schon wisse, worum es gehe.
Der Rückzug des Staates, dessen Symptom die Tafeln sind, macht sich mit dem autoritären Ruf nach ihm gemein. Wo man offenbar nicht in der Lage ist, bei konkreten Vorfällen die Polizei zu rufen oder auch dauerhaft zur Sicherung einer gereizten Lage bei der Verteilung von humanitären Hilfsgütern in den Krisengebieten am Rande eines der weltweit reichsten Länder abzustellen, wird nach ebenjener Polizei, letztlich nach der kastrierenden Mutter gerufen, die Geflüchtete abschieben, ausweisen, in jedem Fall unsichtbar machen solle.

70% der Besuchenden sollen ausgegrenzt werden, damit 30% sich wohler fühlen, wenn sie Reste von Lebensmitteln erhalten, ohne die sie Hunger leiden müssten. Selbst wenn eine spezifische Gruppe unter den Geflüchteten aufgefallen wäre, so ist es immer noch rassistisch, sämtliche Geflüchteten zu kollektivieren, sie dann als „Unkultivierte“ zu polarisieren und in der Hierarchie noch unter den untersten Rand der Gesellschaft zu stoßen. Man braucht gar keinen Notstand wie in der Kölner Silvesternacht mehr, um solche Kollektivstrafen zu legitimieren, es reicht, wenn jemand in der Schlange drängelt – was allemal zur deutschen Kultur des Ellenbogens gehört. Die wird durch folgende Werbung für den Klassenkampf von oben deutlich, welche sich sicher nicht an Rentnerinnen richtet, die als prekäre Arbeiterinnen einen Witz von Rente erhalten und bis zum Ende ihres Lebens an einer Armenspeisung anstehen müssen, die man „Tafel“ nennt, weil das feiner und nicht so sehr nach Armut klingt.

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Fußnote zur Praxis:
Sollte es zu einem seriellen Problem gekommen sein, wäre die adäquate Praxis wie folgt:

1. eine mit kräftiger Stimme vorgetragene Standpauke hilft in einer sozialen Einrichtung wie der Tafel sicher ebensoviel wie im Bus, wenn Spätadoleszente nicht durchgehen oder die Lichtschranke der Tür stören.

2. Gerade unter jungen Geflüchteten findet sich eine hohe Bereitschaft zum Mitmachen bei sozial nützlichen Projekten. Ebenfalls findet sich die Bereitschaft innerhalb einer diskriminierten Gruppe, negatives Verhalten anderer Angehöriger der diskriminierten Gruppe harscher zu verdammen als die Mehrheitsgesellschaft. Ein ehrenamtlicher Ordnungsdienst für die Tafel ließe sich unter Geflüchteten sicher leicht und bei Bedarf spontan auf Ansprache rekrutieren, wenn man nicht davon ausgeht, dass sich die deutsche Oma durch den bloßen Anblick von Ausländern beleidigt fühlt.


Rezension: „Schon gehört?“ Ein Bilderbuch von Martin Baltscheit und Christiane Schwarz

Trotz der Fülle an neuen Bilderbüchern drängt sich bei den wenigsten ein bleibender Eindruck auf. Computeranimierte und daher sterile oder überladene, manierierte Ästhetik, reaktionäre Inhalte und eine wenig kindgerechte, bemühte Sprache machen das Gros der Überproduktion aus.

Aus dieser Masse sticht die Geschichte vom rosa Flamingo heraus. In ein hermetisches, regressives Knäuel gemummelt steht er am See und schläft einen tiefblauen Schlaf. Nach und nach sprechen ihn Vögel an, er aber verweigert sich dem Gespräch und schläft weiter. Mit jedem Neuankömmling projizieren die Vögel mehr auf den stummen Flamingo – er wird zum Container für ihre sich steigernden Wünsche und Ängste. Erst bekommt er „Federn aus Gold“ und „Schuhe aus Lack“, dann hat er „seine Mutter an den Zoo verkauft“, wird immer reicher „und gibt nichts ab!“, ist dann rasch der „Schweinekönig“ und am Ende schreit der Spatz: „Das Ende ist nah! Der Flamingo wird uns alle töten und niemand kann uns retten!“ Die Vögel fliehen und nur der Storch bleibt. Er sieht sich in seinem Ressentiment bestätigt: „Na wusst ich’s doch! Flamingos sind an allem schuld. Vögel wie die gehören ausgestopft.“ Endlich agiert der Flamingo, verschlingt den Storch und schläft weiter.

Die Geschichte stellt einen außerordentlich gelungenen Versuch dar, pathische Projektionsmuster im Antisemitismus zu verbildlichen. Die Gleichzeitigkeit von Begehren und Angst wird in einer einfachen Geschichte bis zur geschichtlichen Drastik von Apokalyptik und Vernichtung durchgeführt. Gerade weil das Buch diese Tiefe entfaltet und die Projektionen auch ins Bild übersetzt, den Flamingo tatsächlich als bösen Federkronengott zeichnet, ist es für jüngere Kinder zu unheimlich und überfordernd. Dafür ist es zur angeleiteten Arbeit und Gruppentherapie mit Jugendlichen und Erwachsenen geeignet und sehr zu empfehlen.

Tarantinos Rachephantasien für die Opfer

2009 schrieb Peter Ehlent unter dem Titel „Bowling for Hitler“ in Prodomo #12 eine Rezension des Tarantino-Films „Inglorious Basterds“. Da Missverständnisse nicht altern, erfolgt hier nach einer verspäteten Erstlektüre des Films ein Widerspruch.

Ehlent konnte dem Film wenig abgewinnen:
„Verpackt in ein wenig Western-Nostalgie – neben dem Skalpieren erinnert auch die Formation der Basterds in diesem Setting an einen Indianer-Hinterhalt im Wilden Westen – wird hier in wenigen Bildern ein Counter-Holocaust inszeniert. Die jüdischen Soldaten der USA führen einen Vernichtungskrieg gegen die Deutschen und werden diesen damit gleich gemacht. Während dabei mit den Assoziationen der Zuschauer gerechnet und deshalb auf eine Einblendung von KZ-Bildern zum Vergleich verzichtet werden kann, wird die barbarische Gleichheit in der Schlussszene im brennenden Kino noch einmal bildlich expliziert. […] Die Botschaft des Films ist, dass es Nazis braucht, um Nazis zu besiegen, bzw. der Gegner der Nazis notwendig selbst zu einem wird.“

Für die Filmanalyse eines Autorenfilms ist die Einordnung in das Gesamtwerk erforderlich. 2009 war Tarantinos Arbeit am Thema der Rache schon sichtbar. In „Kill Bill“ (2004) lässt er eine komatöse Frau just beim Erscheinen ihres Vergewaltigers aufwachen und ihren Rachefeldzug beginnen. „Death Proof“ (2007)  zeigte die empörte Rache freier Frauen an einem sadistischen, fetischistischen Verfolger. Mit „Django Unchained“ (2012) und dem durchweg pessimistischen „The Hateful 8“ (2015) wurde Rache unmissverständlich zum Hauptthema seines Schaffens. Tarantino gibt in seinen Rachephantasien Opfern von Diskriminierung ihre Würde zurück. Die fiktive Gewalt stört das von den Tätern in Gang gesetzte und von tatsachentreuen Dokumentationen fortgeschriebene Spektakel der Angst, versucht den Terror einmal auf jene zurückzuwerfen, die ihn verursachen. Dass solche Therapie erlittene Beschädigungen nicht zurücknimmt, unterstreicht Tarantino mit seinen ambivalenten Helden. Sie sind keine Heroen, aber sie werden gerade nicht „wie Nazis“, sondern sie werfen die Aggression der Verfolger auf diese zurück. Nazis verbrannten Frauen und Kinder, Greise und Behinderte, wehrlose Männer und auch einige wenige bewaffnete Männer. Die „Basterds“ hingegen verfolgen, skalpieren und quälen ausschließlich überzeugte Nazis und Soldaten. Kurioserweise sieht Ehlent dennoch die Möglichkeit einer revisionistischen Lesart: Deutsche könnten die vermeintliche Gleichsetzung im Film als wohltuende Erleichterung erfahren und ihre „Version“ herauslesen.

„Bei Inglourious Basterds kommt ein solcher Bruch innerhalb des filmischen Rahmens höchstens ansatzweise durch die bereits erwähnten Einblendungen vor, so dass das postmoderne Prinzip, nach dem sich jeder seine eigene Wahrheit bastelt, voll durchschlagen kann.“

Tarantino macht keinen politischen Praxisvorschlag, er hat kein Lesartenkabinett, sondern arbeitet im Symbolischen, in dem solche Phantasien ausgesprochen werden – während jedem klar ist, dass sie Phantasien sind. In der filmischen Realität ist die Aggression der jüdischen „Basterds“ ausschließlich Reaktion, ihr Ziel der Verursacher. Ihre Aggression wird nicht verschoben auf Schwächere – Sadismus verbleibt in seiner ambivalenten, rationalen Form, die ihn in einer dem Ich feindseligen Welt zu einem für das Überleben unverzichtbaren Medium macht.

Den Anspruch bürgerlicher Therapie, die Arbeitsfähigkeit als Maß der Dinge zu setzen, und mittels der Auslöschung von sadistischen, antisozialen Impulsen eine „Reparatur“ zu suggerieren, die das Fortleben von Gesellschaft als Primat hat, widerruft Tarantino in seinen Rupturen. Sein Therapievorschlag fordert nicht die Reproduktion von Gesellschaft, sondern die Rehabilitierung der Idee des Individuums durch den rettenden Sadismus. Die Blutfeste geben einer verdrängten Aggression Symbole, reißt sie aus dem Status der passiven (Auto-)Aggression und feiern die Imagination von Rache als letzte Krücke der beschädigten Individualität.

Inmitten der Ohnmacht von ödipalen Ängsten, sexuellen Zurichtungen, Sklaverei und Faschismus wird Störung nur durch Zer-Störung möglich. Wie der Patient in der Psychoanalyse den Augenblick als heilsam erfährt, in dem er seiner tödlichen Wut auf den vorher idealisierten oder als unantastbar gefürchteten Vater oder Mutter Worte verleiht, so will Tarantino Opfergruppen (Frauen, Schwarze,  Juden) Symbole geben, die mit Bildern aussprechen, was vorher tabuiert war. Die Vergewaltiger zu vergewaltigen, die Nazis in Räume einzusperren und zu verbrennen, die Verfolger verfolgen. Den Tabuierungsdruck setzt Ehlents plumpe Gleichsetzung von Rachephantasie und Realität nur fort.

Das aber unterscheidet diesen Sadismus der Rache von dem der Täter: er ist Aufstand gegen erlittene Herrschaft, nicht Treten nach unten. Dafür, dass diesen Aufstand intrapsychisch jeder vollziehen kann, bedarf Tarantino regelrecht der ironisch gebrochenen Helden. Die Rachephantasie zuzulassen bedeutet, den unrealistischen Ich-Idealen eine Absage zu erteilen. Auch hier missversteht Ehlent Tarantino gründlich:

„Man kann Tarantino jedoch nicht nachsagen, dass die unterschiedliche Zielsetzung von Amerikanern und Deutschen den antiamerikanischen Charakter seines Films in Frage stellen würde, schaffen es doch am Ende nicht die durchweg als Volltrottel dargestellten Amerikaner, die Nazis zu besiegen, sondern der deutsche Überläufer, der nach dem Scheitern der Basterds ihren Plan doch noch vollendet. […] Die Basterds hingegen, die als primitive Wilde anfangs noch erfolgreich ihren Auftrag erledigen, geben im Finale die Lachnummern ab“

Das Finale ist ebensowenig eine Lachnummer wie die realen Attentate Georg Elsers oder Claus Stauffenbergs gescheiterte drei Versuche, Hitler zu töten. Wie oft Widerstand zu Improvisation greifen musste, wie oft die wenigen gelungenen Akte eine Kette von Glücksfällen und absurden, mitunter wenig genialen Einfällen waren, wie oft Aktionen scheiterten an nicht minder „lächerlichen“ Fehlern entspricht der Realität. Lächerlich wäre, sämtliche Helden als intakte Ich-Ideale mit einigen Kratzern siegreich aus dem Flammenmeer steigen zu lassen. Widerstand war unprofessionell, unorganisiert und mitunter lächerlich.

Gänzlich absurd ist die Gleichsetzung Ehlents des jüdischen Selbstmordattentates im Film mit dem palästinensischen:
„Aber spätestens mit der Einblendung der Sprengstoffgürtel, mit denen die Basterds als Selbstmordattentäter den Anschlag auf das Kino ausführen wollen, ist der Verweis auf Israel im Film gegeben.“

Hier wird wie in der Kritik des Selbstmordattentates häufig der Fall nicht mehr differenziert zwischen dem Selbstopfer für die Freiheit Anderer und dem Selbstopfer für die Etablierung eines Todeskultes. Das Selbstmordattentat hat Vorläufer in der antiken jüdischen Mythologie als Mittel des Freiheitskampfes und es setzt sich durch die Jahrtausende als militärische Option fort. Im Überlebenskrieg Israels von 1948 gab es jüdische Selbstmordeinheiten, die bewusst in aussichtslosen Situationen kämpften und sich lieber mit Granaten in die Luft sprengten, als sich zu ergeben. Wenn Tarantino ein fiktives Selbstmordkommando auf die gesamte NS-Elite einschließlich Adolf Hitlers ansetzt, so ist das gewiss keine Gleichsetzung mit den arabischen Terroristen, die sich in einem israelischen Bus voller Schulkinder in die Luft sprengen.

 

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Nachtrag:
Erst nach dem Schreiben des Beitrages wurde mir bekannt, dass ein Video einer deutschen Popgruppe diskutiert wird, die für martialistische Bilder mit „antifaschistischer“ Symbolik bekannt ist und nun Bilder aus „Inglorious Basterds“ aufgreift. Meine Kritik am Praxisplacebo Martialismus habe ich an anderem Ort ausformuliert. Das fragliche Video ist furchtbar. Es will offenbar eine Kritik der tatenlosen hedonistischen Generation Smartphone leisten, die vermittelt irgendwie Täter rassistischer Praxis sei. Diese „verwöhnten Krawattenpunks“ wohnen ihrem eigenen Konzert bei und werden dafür verprügelt und skalpiert. Hier geht es gar nicht mehr um Täterbestimmung, sondern um Projektion und stumpfes Ausleben von Sadismus am zugerichteten Stereotyp. Man weiß gar nicht, was diese Menschen getan haben sollen, außer ein wenig nervig und narzisstisch zu sein. Dafür werden sie zugerichtet von solchen, die sich als bessere schon legitimiert haben. Zu Recht kritisiert Justus Wertmüller die Schlussszene als gedankenlose und verstörende Reminiszenz an das Massaker im Bataclan. Lässt Tarantino die Vertreter realer Opfer den obersten Tätern des Naziregimes das antun, was diese Millionenfach ausüben ließen, indem sie Menschen in Synagogen sperrten und bei lebendigem Leib verbrannten oder sie zu Millionen erschossen und vergasten, so ist in dem Musikvideo nur noch ein gefetzter Verweis auf „Rassismus“ Legitimation genug, selbst zum direkten Massaker zu schreiten. Den Opfern im Mittelmeer, die nichts mehr wollen als ein Leben in dem sie sich permanent mit Smartphones in Konzerten ablichten und Luxusgüter konsumieren, sagt und bringt diese kalt angedrehte Wut gar nichts, sie ist schon verschoben auf ein parates Objekt: die Anzugträger, die Sekttrinker, die Schnösel, die Anderen, deren Schuld vor allem ist, dass sie irgendwie auch noch Fan derselben Popgruppe sind, die sie massakrieren will.

Anton und die Mädchen – eine Kritik

„Anton und die Mädchen“ ist eine im Kinderbuchsegment populäre Geschichte, die sowohl als Pixie-Buch als auch als Animation publiziert wurde. Die Geschichte folgt Anton, der mit seinem Spielzeugauto, seinem Eimer und seiner Schaufel auf den Spielplatz kommt und um die Aufmerksamkeit von zwei Mädchen im Sandkasten buhlt. Die beachten seine rituellen Werbeversuche nicht. Er wird „sauer“ und baut ein „Haus“ aus einem Stuhl und seiner Schaufel. Er fällt um und fängt an zu weinen. In der Animation heißt es nun:
„Jetzt gucken die Mädchen. Anton kriegt einen Keks. Anton darf mitspielen. Anton hat es gut.“

Feminist Bookshelf findet es gut, dass die Geschichte Machismus kritisiert. Mädchen aber buhlen in diesem Alter noch genauso um Aufmerksamkeit und zwar nicht von anderen Kindern, sondern von Erwachsenen. Streit gibt es eher um Autos (und andere Spielsachen) als dass diese selbst zum Mittel werden.

Die Szene ist ein klassischer Infantilismus: Ein Verhalten von Erwachsenen wird auf Kinder projiziert. Das ist legitim, solange der Adressat auch Erwachsene sind. Wenn der Adressat aber das Kind selbst sein soll, ist es überfordert, weil das Szenario nicht seiner Lebenswelt entspricht.
Die Botschaft an Mädchen ist, traditionellem Rollenverständnis von weiblicher Kooperationskompetenz und Emotionalität zu entsprechen: Mädchen interessieren sich nicht für Autos, auch nicht für Jungen mit Autos, sondern für das gemeinsame Bauen von Sandburgen und für das Trösten (und Ernähren) von Jungen.

Fataler noch ist die Botschaft an das männliche Kind. Es lernt, dass es die Aufmerksamkeit nicht durch Verhalten, sondern durch Selbstverletzung gewinnen kann. Es lernt auch, dass man, wenn man sich wehgetan hat, einen Keks erhält, anstatt in den Arm genommen und gestreichelt zu werden, wie das Kinder oft auch anderen Kindern gewähren. „Anton hat es gut“ – so wird nicht eine spezifische, außerordentliche und daher zu Recht für Aufmerksamkeit sorgende Handlung belohnt, sondern das mitmachen an sich, das Angepasstsein.

Die Geschichte von „Anton und den Mädchen“ kann auch als Versuch von Eltern verstanden werden, ihr eigenes Verhalten zu rationalisieren. Kinder im Alter von 3-6 Jahren haben kaum ein Problem damit, wenn andere Kinder, insbesondere gegengeschlechtliche, nicht „gucken“. Sie suchen noch nach Anerkennung durch Erwachsene. Diese verhalten sich dabei oft wie die stereotypen Mädchen: Sie achten nicht darauf, ignorieren. Erst wenn das Kind weint, wird gesorgt, im schlechtesten Fall nur mit einem „Keks“.

Das schlechte Fazit der Geschichte: kleine Jungen sollen sich dafür schämen, dass größere Jungen und erwachsene Männer sich infantil verhalten, mit großen Autos und Mutproben um die Aufmerksamkeit gleichaltriger Geschlechtspartnerinnen buhlen.

Ein Buch, das mit dem Problem von Aufmerksamkeit und Ignoranz souveräner umgeht und auf wechselseitige Reifung hinarbeitet, ist „Pass auf, Willi Wiberg!“. Willi Wiberg wird von seinem Vater alleine erzogen. Der sitzt am liebsten hinter Zeitung und Fernseher. Willi bastelt also alleine mit dem Werkzeugkasten. Der Vater ist auf seine Schutzfunktion konzentriert: „Nimm nicht die Säge, Willi!“ mahnt er immer wieder hinter seiner Zeitung. Als Willi sich mit dem Hammer auf den Daumen haut, zuzelt er selbst daran und verheimlicht das – eine nicht ganz unrealistische Reaktion, die noch nicht die Erziehung zur Härte kommuniziert, sondern Selbstfürsorge.
Weil er aber den Vater zum Spielen animieren will, erfindet er ein fiktives Bedrohungsszenario („Hilfe Papa, ein Löwe, ich brauche die Säge, um mich aus meinem Hubschrauber herauszusägen!“). Darauf reagiert der auf die bedrohliche Säge fixierte Vater. In einem Akt der Versöhnung steigt er mit in den Hubschrauber und sie entrinnen dem Löwen – und damit auch der potentiellen Selbstverletzung, die von „Anton und die Mädchen“ empfohlen wird.

Täter Israel – Die Opferumkehr bei Moshe Zuckermann

Das eigentliche Rätsel von Moshe Zuckermanns Texten ist nicht, warum er sie schreibt, sondern warum renommierte Zeitungen sich befleißigt sehen, sie zu drucken.  Zuckermann insistiert in seinem jüngsten Beitrag „Kommt nach Israel?“ in der taz auf einer Täter-Opferumkehr, die charakteristisch für den Antisemitismus nach und wegen Auschwitz ist.

Anlass ist das öffentliche Angebot Netanjahus an die Juden in Europa, nach Israel auszuwandern. Hinter diesem Angebot versteckt sich, diplomatisch geschickt, die Mahnung an die Europäer, die Konsequenz ihrer ideologischen Kollaboration mit dem Antisemitismus oder zumindest ihrer Agonie zu reflektieren: Ein Europa ohne Juden.

Unter dem Getrommel von antizionistischen Organisationen und den ganz normalen Europäern kam es in den letzten Jahren zu einem exorbitanten Anstieg an antisemitischen Angriffen. Juden aus Schweden ziehen schon seit Jahren die Konsequenz aus der Melange aus sozialdemokratischem, islamistischen und neonazistischem Antisemitismus, der ihnen ein Leben in Schweden beispielsweise verleidet. Nicht erst seit Netanjahus Rede stellen Juden aus Frankreich die größte Einwanderungsgruppe nach Israel dar, 4500 in 2014. 29% der europäischen Juden erwägen die Auswanderung, 76% sehen den Antisemitismus ansteigen, 1/3 fühlt sich nicht sicher. (Jerusalem Post)

Für Zuckermann sind das alles Wahlkampfparolen Netanjahus. Er sieht das Hauptproblem in der jüdischen Flucht in „ihr „Heim““, er setzt die Anführungsstriche bewusst, und fügt hinzu, dass diese Flucht “ den Tod unzähliger palästinensischer Kinder und Frauen verursacht hat und […] auch 70 Israelis ums Leben kamen“

Er imaginiert „unzählige“ Opfer des Gaza-Krieges, wo etwa 2100 Todesopfer auf palästinensischer Seite zu verzeichnen sind, davon ein Gutteil Djihadisten. Dass er diesen Krieg dann noch der Flucht von Juden nach Israel in die Schuhe schiebt, ist böswillig.

Die Projektion von Schuld und das manische Hochgefühl über diesen Ablass gehen häufig zusammen: Zuckermann freut sich vor allem, einen Widerspruch aufgefunden zu haben in Netanjahus Rede. Zum einen sei Israel sicherer als Europa – zum Anderen aber bedroht in seiner Existenz durch den islamischen Antisemitismus. Man darf Zuckermann gleichermaßen einen Widerspruch aufzuzeigen. Er behauptet:

Israel ist in seiner Existenz durch keines seiner Nachbarländer bedroht, auch nicht durch den Iran und schon gar nicht durch die Palästinenser. Jedes Land der Region, das Israel in seiner Existenz zu bedrohen trachtete, würde (aus bekannten Gründen) unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben.

Israel ist also gar nicht bedroht. Wie also kommt Zuckermann dann zu folgendem Befund?

Nicht zuletzt wegen der von Netanjahu und seinesgleichen betriebenen Politik ist das Leben von Juden schon seit Jahrzehnten gerade in Israel wie nirgendwo sonst gefährdet.“

Für Netanjahu und die Juden Europas ist dieser Widerspruch real existent und sie müssen eine Abwägung vollziehen: Wollen sie in einem Staat leben, den der Westen allem Anschein nach ohne zu Zögern dem Iran als Beute überlassen wird? Oder wollen sie in Europa in der ständigen Angst vor Übergriffen, Schmähbriefen, Hetzreden und Morddrohungen leben? Im ersten Fall können sie sich in Israel selbstbewusst organisieren, vorbereiten und wehren gegen Angriffe und ihren Alltag als Juden (religiös oder nicht) leben. In Europa ist ihre Sicherheit hingegen Spielball der Willkür der Lokalpolitik, auf den Willen der Polizei und auf die erfahrungsgemäß marginale Fachkompetenz von Judikative und Legislative ausgeliefert. Und so mancher, der eine Synagoge als Kulturgut beschützt, wird hinterher die Vernichtung Israels fordern oder zumindest den Vertretern jüdischer Organisationen abnötigen, sich von der Politik Israels zu distanzieren.

Für Zuckermann ist das alles nebensächlich, er ignoriert den realen Widerspruch aus einem anderen Grund: Ihm geht es um die Täter-Opfer-Umkehr. An allem soll Netanjahu schuld sein. Die Politiker Dänemarks und Frankreichs fantasiert er als „indigniert“ in ihrer Reaktion auf „Benjamin Netanjahus fremdbestimmte Ideologisierung des Unglücks in ihrem Land“.

Zuckermanns ganze Sprache ist eine der Verharmlosung und Verschiebung. Der djihadistische Terrorangriff auf Juden, der größte der jüngeren Zeit, wird ihm im Zitat oben zum abstrakten „Unglück“. Die Opfer verschwimmen, es sind nicht einmal mehr Juden, sondern die europäischen Nationen:  „in ihrem [sic!] Land“. Kritik daran wird als „fremdbestimmt“ bezeichnet, eine Vokabel, die gerade in diesem Zusammenhang dem Wörterbuch des Unmenschen entsprungen scheint.

Zuckermanns Hass auf den Zionismus reicht so tief, dass er das demagogische Bündnis mit den Antisemiten Europas nicht einmal im Geringsten zu vermeiden trachtet:

Israel strebt den für eine solche Lebensrealität unabdingbaren Frieden nicht an, weil es diesen Frieden nicht will.

Oder auch:

Die Möglichkeit, das Sicherheitsproblem mit einem realen Frieden zu lösen, ist von der israelischen Politik nie ernsthaft erwogen worden.

Israel erklärt Zuckermann zum Schuldigen für Djihadismus und Terror, die weit vor die Gründung des israelischen Staates zurückreichen. Mehr noch: den globalen Antisemitismus halte der Zionismus „am Leben„.

Und gerade weil er dies Ideologische immer wieder zum Faktor der Selbstvergewisserung erhob, mithin „Beweise“ zur Rechtfertigung des von ihm begangenen historischen Wegs suchte, musste er den Antisemitismus gleichsam als ideologischen Odem seiner Existenzberechtigung stets am Leben halten.“ 

Und noch einmal, weil Zuckermann keinesfalls missverstanden werden will (und weil Wiederholung das Rezept des Demagogen ist):

Israel hat den Antisemitismus nie bekämpft, auch nie bekämpfen wollen, sondern vielmehr zum Argument erhoben, ja war nachgerade immer schon daran interessiert, dass es ihn gebe, um eben mit dem Angebot der historischen Alternative für die Juden, dem Zionismus, aufwarten zu können.

Zuckermann wähnt den Antisemitismus mal nicht existent, mal ist er gleichsam nützlicher Idiot der Zionisten und wo er doch als „grassierend“ sich aufdrängt, fragt er sich sofort, wie es um den „Kausalzusammenhang bestellt ist zwischen dem in der Welt grassierenden Antisemitismus und der von Israel praktizierten völkerrechtswidrigen Okkupationspolitik.

Dieses Oszillieren zwischen Verharmlosung und Schuldzuweisung macht Zuckermann systematisch, und darin folgt er im ganzen Duktus dem revisionistischen, antisemitischen Diskurs in Europa.

Zu diesem Zweck ist auch das Schoah-Andenken von Anbeginn ideologisch instrumentalisiert und die „Sicherheitsfrage“ – ungeachtet ihrer realen Dimension – zum nationalen Fetisch erhoben worden.

Der Demagoge Zuckermann weiß sich im Herzen seiner antisemitischen Leserschaft, wenn er ihnen die jüdische Stimme der Kritik anbietet, Kritik am Apostrophieren jeglicher Kritik an Israel, besonders wenn sie aus Europa kommt, als antisemitisch„.

Netanjahu wird ihm zum idealen Zerrbild eines Juden, mehr noch, „des Juden“ als Personalisierung aller Juden, wie ihn der Antisemit imaginiert. „Fremdbestimmend“ über die indignierten, (sprich: angeekelten) Nationen Europas, instrumentell, rational und kalt, rücksichtslos, mithin der Feind aller Völker:

Nun, dass der israelische Premier um des Machterhalts willen auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, ist bekannt. Selbst die bilateralen Beziehungen mit den USA ist er mit Affronts gegen deren Präsidenten aufs Spiel zu setzen bereit.

Weil der Leser stets rationale Motive hinter der blutgebadeten Dialektik der Geschichte vermutet, gilt als Surrogat der zumindest in westlichen Intellektuellenkreisen doch etwas altbackenen jüdischen Weltverschwörung immer irgendein Wahlkampf in Israel zur Erklärung. Kriege, Kritik und Krisen – was Netanjahu auch umtreibt, er inszeniert all das offenbar lediglich, weil er sich seinem Wähler verpflichtet fühlt. Dass Juden in Europa keine nennenswerte Wählerschicht bilden, der sich Politik auch widmen müsste, die sich durch Wahlen legitimieren muss, das kann über solcher Empörung vertuscht werden, in der sich zumal allzuoft noch ein zutiefst antisemitisches, dem 19. Jahrhundert entsprungenes Unbehagen über das Wahlrecht von emanzipierten Juden sedimentiert hat.

Noch einmal: Zuckermann hat mit solcher Propaganda vor allem die Täter-Opfer-Umkehr im Sinn. Israel, der Zionismus und als deren Personalisierung, Netanjahu werden zu Tätern und Profiteuren des Antisemitismus ernannt. Dass es dem Medium, der taz, durchaus ernst damit ist, beweist sie durch einen anderen jüdischen Antizionisten, Micha Brumlik, der sich zu einem Gesetz von Netanjahus Regierung äußert, nach dem der jüdische Staat auch offiziell als solcher definiert wird – unter expliziter Betonung der gleichen Rechte für alle Einwohner. Brumlik schließt seine Kritik an diesem Gesetz in „Was ist der Staat Israel“ mit den hämischen Worten:

„Historisch Interessierte werden an das Römische Reich denken, an den vom Historiker Flavius Josephus geschilderten „Jüdischen Krieg“, der schließlich – der selbstmörderischen Politik der Zeloten wegen – in die Zerstörung des Tempels und das Ende jeder jüdischer Staatlichkeit mündete.

Auch hier erfolgt wieder die Täter-Opfer-Umkehr: Schuld an der Zerstörung der letzten Reste jüdischer Souveränität sind wiederum „selbstmörderische“ Juden, jene zumal, die es wagten, im Angesicht der für die massenhaften Kreuzigungen von Juden gerodeten Wälder noch Widerstand gegen den genozidalen Furor der Römer leisteten.

Veranstaltungshinweis: „Der „Islamische Staat“, Syrien und der kurdische Widerstand.“

Podiumsdiskussion im Peter-Weiss-Haus, Rostock, am 05. März 2015, 19.00
Referenten: Thomas von der Osten-Sacken, Danyal und Felix Riedel, im Rahmen des PolDo.

Mehr Informationen:
https://freundeskreisdialektik.wordpress.com/2015/02/11/der-islamische-staat-syrien-und-der-kurdische-widerstand/

Warum es in Syrien schon lange nur noch um ein zu befreiendes Land geht – Eine Antwort auf Justus Wertmüllers Aufruf für die kurdische Autonomie in Syrien

In der aktuellen Bahamas Nr. 68 hat Wertmüller unter dem Titel Autonomie für die syrischen Kurden! Warum es in Syrien schon lange nicht mehr um ein zu befreiendes Land geht eine Kritik des Aufrufes „Freiheit für Syrien“ verfasst. Darin häuft er einige schiefe Projektionen und Irrtümer an, die symptomatisch für die Arbeiten der Bahamas zum sogenannten „arabischen Frühling“ sind.

Der im Aufruf erstellten literarischen Analogie zum Bürgerkrieg in Spanien hält Wertmüller entgegen, dass der spanische Bürgerkrieg in der „unaufhaltbar ausblutenden spanischen Republik“ vergeblich war, weil er verloren wurde.  Der spanische Bürgerkrieg ist sicher kein antifaschistischer Sonntagsspaziergang gewesen, wie die geschichtsvergessenen „no-pasaran“-Parolen auf Antifa-Demonstrationen gern behaupten – er war aber eine Zwangslage, der sich spanische und europäische Antifaschisten stellen mussten. Jene, die dort gefallen sind, haben die Wette gegen den Weltgeist zwar verloren, aber sie haben wenigstens dagegen gewettet.

Ist der spanische Antifaschismus schon vergeblich gewesen, meint Wertmüller, dass Solidaritätsadressen an syrische Demokraten diese nur von der Einsicht in die notwendige Niederlage abhalten.

„Wäre das wirklich so gemeint, was nicht der Fall ist, dann handelte es sich bei diesem „Aufruf“ um den zynischen Versuch, die Kampfmoral von Rebellengruppen, die längst verloren haben, aufrecht zu erhalten; dann wäre es der ideelle Marschbefehl in den unausweichlichen Heldentod für eine demokratische Sache, der sicher nicht an „uns“ ergeht, sondern an unbekannte „demokratische“ syrische Kämpfer, die längst als Märtyrer abgetan sind.“

Wertmüller vertritt gegen den irrationalen Heldentod die Rationalität der Fügsamkeit ins Unausweichliche: „Realpolitik“. Nur wer wie die Kurden eine realistische Chance im nahöstlichen Krieg der Rackets habe, genieße das Recht auf Widerstand und verdiene Solidarität. Den 300 Unterzeichnern des Aufrufs wirft er aber vor, sie hätten „mit dem Weltgeist paktiert“.

Dass den Demokraten in Syrien die Exekution durch Islamisten oder der sichere Foltertod und ein Grab in Assads Massengräbern droht, dass ihre bislang gar nicht so vergebliche Schlacht ein Überlebenskampf ist, dass ihre „Kampfmoral“ gewiss nicht von Solidaritätsadressen aus Europa abhängt, taucht in Wertmüllers Realpolitik nicht auf. Er wägt, ganz preisbewusster Europäer, die Optionen ab und produziert Flachheiten vom Niveau eines Peter Scholl-Latour, die der Bahamas trotz aller jüngerer Anstrengungen immer noch schlecht zu Gesicht stehen:

„Verglichen mit den Internationalisten Allahs schneidet das Regime Assads, auch in seiner noch brutaleren Variante als Aufstandsbekämpfer, jedenfalls nicht schlechter ab. Zwischen beiden nach Kriterien wenn schon nicht des Fortschritts, so doch der Schonung von Menschenleben – zu entscheiden, ist fast unmöglich. Erst die Schreckensvision eines djihadistischen Endsieges lässt erahnen, dass es tatsächlich etwas Schlimmeres gibt als das Baath-Regime.“

Abgesehen davon, dass die djihadistisch regierten Areale bereits Realität sind und keine „Schreckensvision“: Die Trennung in Djihadisten und Baath-Regime ist hinfällig, weil das Baath-Regime, das seinen loyalen Truppen kaum noch traut, von Djihadisten der Hisbollah und iranischen Revolutionsgarden verteidigt wird. Der israelischen Presse ist bewusst, dass in Syrien längst nicht mehr Assad, sondern Iran wenn nicht ums Überleben so doch um den letzten Zugang zur israelischen Grenze kämpft.

Assad ist, soweit müsste eigentlich selbst Wertmüller begriffen haben, keine Alternative, die Wahlsituation zwischen Assad und Al-Qaida, Schlechtem und Schlimmeren, die er (wie Assad auch) entwirft, stellt sich nicht. Daher lautet die dialektische Position in den nennenswerten israelischen Stabsstellen, die durchaus abseits des Eigeninteresses humanitäre Belange in Syrien in ihre Überlegungen einbeziehen, dass zunächst Assad weg muss, damit man die Djihadisten effektiv bekämpfen kann. Oder umgekehrt: Dass die Djihadisten wegen Assad erstarkten. Wie schon in Ägypten, Libyen und Irak haben die Diktaturen den Islamismus nie geschwächt, sondern am Leben erhalten und ihm die Weihen der demokratischen Opposition verliehen. Der Westen hingegen hat Assad schon wieder akzeptiert – und Al-Qaidas neuester Staat scheint ihn wenig zu kümmern.

Wertmüller aber produziert in völligem Widerspruch zu seinem Wissen darum, dass das Geschehen eben seit dem Einströmen von Djihadisten der Hisbollah, Irans und Iraks, längst nicht mehr „auf Syrien beschränkt“ zu halten ist, halbgare Politikberatung fürs containment:

„So bleibt der Realpolitik nur der Versuch, das Geschehen möglichst auf Syrien beschränkt zu halten und zugleich zu verhindern, dass eine der drei Parteien im Bürgerkrieg die Oberhand gewinnt und danach für das ganze Land Fakten schafft. Da es unwahrscheinlich ist, dass das Assad-Regime den Bürgerkrieg noch in vollem Umfang für sich entscheiden kann, ist die Zukunft Syriens schon besiegelt.“

Wertmüller kennt den Verlauf einer solchen „besiegelten“ Zukunft: dass es zu „Bevölkerungstransfers“, zu „Ermordungen und Vertreibungen von Christen und Alaviten“ kommen wird, zu einem „Gottesstaat“, oder einem „Gangland“, ein „Aufmarschgebiet für die Kämpfer des weltweiten Djihads.“

Aus Scheu vor den Anstrengungen einer Differenzierung zensiert Wertmüller in seiner Argumentation, die keine ist, vollständig den bereits erfolgten Giftgaseinsatz durch baathistische Truppen. Giftgas gegen Djihadisten – das ist in den „realpolitischen“ Teilen des Westens heute noch genauso legitim wie man einst gegen die Kommunisten in Indonesien, Südostasien und Südamerika faschistische Milizen zu genozidalen Massakern ermunterte. Assad hat nicht nur schrittweise getestet, welche Methoden ihm die Welt bei den anstehenden Säuberungen in den wieder eroberten Gebieten konzedieren würde, er hat explizit und mehrfach gedroht mit Giftgaseinsätzen gegen Israel im Falle einer Intervention. Vorerst setzt er wieder auf die vom Westen genehmigten und von Russland geförderten Massenmordinstrumente: Barrel-Bombs, Hunger und Folter. Wertmüller aber findet sich mit diesem status quo ab, weil ein Moloch keine Differenzierung mehr erfordert. Wie der Mainstream kann man sich bequem an der Abscheu über die allseitige Barbarei ergötzen. Durch und durch autoritär ist die Haltung zum Sack, in dem es keine Falschen trifft.

Und genau in diesem Gestus wirft Wertmüller den Verfassern des Aufrufes vor:

„Die „Freiheit für Syrien“ , wie sie im Aufruf gefordert wird, steht also schon deshalb nicht zur Debatte, weil es weder 2011 noch 2014 auch nur annähernd genug Unterstützer in Syrien gab und gibt, um ihr durch militärische und logistische Hilfe von außen zum Durchbruch zu verhelfen.“

Von Durchbrüchen spricht der Aufruf nicht. Zu genau haben die Verfasser erfahren, dass die demokratischen Stimmen längst in die Folterkammern wanderten, dass die letzte Hoffnung von ausharrenden Demokraten in Syrien auf eine Intervention Europas und der USA nach dem beispiellosen Verrat des Westens an ihnen gestorben ist. Russland und Iran halten ihre Hände über Assad, Saudi-Arabien und Qatar über die Djihadisten, der Westen folgt der guten alten Tradition, dass man vor den Toren Europas noch jede Barbarei dulden wird, die nicht das Geschäft stört. Wer hier noch kämpft, weiß, dass er auf sich allein gestellt ist – und mit den Islamisten aus dem Nachbardorf den einen oder anderen Pakt schließen muss, um zu überleben.

Im Aufruf ist daher auch nur von Verteidigung die Rede, Verteidigung eben jener wenigen Städte und Landstriche, die noch nicht von Islamisten und nicht mehr von Assad drakonisch regiert werden. Diese Städte kennt Wertmüller freilich nicht, weil das Ressort Syrien Sören Pünjer hält, der schon früh auf irgendeinem Blog der Syrian Electronic Army gelesen hat, dass Assad der Bürgerkrieg von Islamisten aufgezwungen wurde.

“Sich – wie Ende 2011 geschehen – über die Finanzierung des billigen und enorm hässlichen Hauses des deutschen Bundespräsidenten das Maul zu zerreißen, schafft der mündige Chatter genauso locker allein wie einen von djihadistischen Terrorbanden angezettelten aktuellen Bürgerkrieg gegen Alaviten, Christen und Laizisten in Syrien in ein neues Kapitel des arabischen Freiheitskampfes umzulügen: Die Beweise für die jüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Quellen vom Hörensagen aus den Foren von Islamisten, oder Zeugenaussagen von Opfern, die gestern noch als irreguläre Soldaten reguläre angeschossen haben, findet man genauso gut in den berüchtigten Qualitätszeitungen wie im Netz.” (Bahamas 63, S. 14)

Wertmüller tätschelt 2014 dann doch noch posthum einer im wahrsten Sinne des Wortes „verschwindenden“ Minderheit das Haupt, um die an Pünjers Lapsus peinlich erinnernden Überlebenden im gleichen Zug vollständig aus dem Gedächtnis zu löschen:

„Dass nur eine verschwindende Minderheit, die aber mutig ganz vorne stand, wirklich für ein freies und geeintes Syrien eintrat, die überwiegende Mehrheit aber auch damals schon einen theokratischen Staat […] wünschte und die Abrechnung […] mit allen unter dem alten Regime halbwegs unbehelligt lebenden Minderheiten […] diese Wahrheit über den syrischen Bürgerkrieg sprengte jedes westliche Vorstellungsvermögen. Entsprechend gibt es auch keine „demokratischen Rebellenfraktionen“ im syrischen Bürgerkrieg, die für ein besseres Syrien kämpfen würden, wie der Aufruf nahe legt.“

Es gibt also keine demokratischen Rebellenfraktionen in Syrien. Gäbe es die demokratischen Rebellen aber doch, man würde ihnen nur falsche Hoffnungen machen und sie in den „unausweichlichen Heldentod“ schicken. Der Weltgeist solcher self-fulfilling-prophecies wird Wertmüller wohl sehr bald recht geben. Was Wertmüller hier als schwer verständliche Wahrheit verkauft ist unter allen, die das Thema in den letzten Jahren nicht nur in der Bahamas verfolgt haben, eine Binsenweisheit. Nun, weil die Situation also zumindest heute hoffnungslos und bedrohlich ist, gibt Wertmüller sie verloren. Das ist ein Verrat. Gäbe es nur noch 1000 demokratische Kämpfer in Syrien, sie hätten alle Unterstützung verdient oder wenigstens eine Forderung nach Sicherheitszonen, nach Fluchthilfe. Sie für „nichtexistent“ zu erklären, ist nichts anderes als ein journalistisches Massaker, eine Aufforderung an Assad, mit den Nichtexistenten zu verfahren, wie ihm beliebt. Und wäre es tatsächlich so, man müsste in Kenntnis der Lage mit umso mehr Nachdruck das Eingreifen von ausländischen Interventionstruppen fordern: Syrien ist ein „zu befreiendes“ Land.

Aus der verlorenen Schlacht der Nichtexistenten versucht Wertmüller zu retten, was vermeintlich noch zu retten ist: Kurdistan. Wertmüller will daher eine Debatte über den Internationalismus führen, den er aber nicht der bedrohten Minderheit von demokratischen Rebellen in umkämpften Enklaven angedeihen lassen will, die es ja nicht geben darf, sondern den Kurden. Die haben allerdings trotz einiger Offensiven der sunnitischen Djihadisten aktuell gar keinen Bedarf an internationalen Hilfstruppen. Aus Irakisch-Kurdistan können sie auf Kämpfer und Öldevisen hoffen, in der Türkei und Europa auf jahrzehntealte, kriegserprobte Netzwerke bauen, auch diplomatisch dürften ihnen einige Türen offen stehen. Die Kurden sind dabei, ihre Geschichte im nahen Osten ohne jede paternalistische Unterstützung von außen zu erschaffen. Die syrischen und irakischen Islamisten sind für sie eine Last, die man ihnen vom Halse wünscht, aber sie sind keine Bedrohung.

Die Kurden sind auch nicht, wie Wertmüller suggeriert, „die wenigen, die bewaffnet ihre Loslösung von Syrien anstreben“. Das ist schlichtweg falsch. Die syrischen Kurdenvertreter haben mit Assad sehr früh ein Abkommen getroffen, wie sie auch zeitweise mit Iran ein Abkommen gegen Saddam Hussein hatten. Widerstand im eigenen Lager, Solidarisierungen mit der syrischen Opposition wurden in einigen Schießereien gedeckelt. Die Unabhängigkeit der syrischen Kurden wurde nicht von Kurden mit dem Gewehr erstritten, sondern von den syrischen Rebellen, die Assad in die halbherzige Einigung mit den Kurden zwangen.

Wertmüller kennt einen der Erstunterzeichner recht gut: der Bahamas-Autor Thomas von der Osten-Sacken hat jahrzehntelang Erfahrung in kurdischen und arabischen Gebieten gesammelt. Ausgerechnet ihn will er auf dem Feld der Kurdenpolitik belehren.

„Eine Entscheidung des Westens für eine der in Syrien operierenden Widerstandsgruppen gegen Assad – das wissen die Aufrufer selbst am besten – würde automatisch den Druck auf die kurdischen Autonomiegebiete erhöhen.“

Wo angeblich alle gleich schlimm sind, eine uralte Konfliktmythologie gegen die das Orwell-Zitat gedacht war, verleiht die Sicherheit der Kurden Wertmüller endgültig die Legitimation dazu, sich für Assad zu entscheiden, dem man das Loblied vom schlechten aber rechten Beschützer der ethnischen Minderheiten in Syrien singt.

Wertmüller wähnt seine zweieinhalb Seiten voller Chimären und Platitüden komplexer als den Aufruf:

„Solche Beschränktheiten noch nicht einmal anzusprechen, den eigenen dennoch vernünftigen Vorschlag nicht offensiv zu begründen, fällt auf die Verfasser des Aufrufs und seine ca. 300 Unterzeichner peinlich zurück.“

Nun liefert die im Aufbau begriffene Website des Vereins auch einige Hintergrundinformationen zu den konkreten unterstützen Gruppen, die man natürlich nicht zu lesen braucht. Was peinlich auf die Bahamas zurückfällt, ist der Versuch, sich auf Kosten von Verlierern, von Nichtexistenten und 300 Unterzeichnern, zu profilieren als souveräne Politikberatung, als realpolitisches Konfliktmanagement, das auch nichts anderes zu bieten hat als Gehirngespinste über internationalistische Solidaritätstruppen für Kurden und die Duldung von Massakern als containment und „Aufstandsbekämpfung“.

Es ist vielleicht das „automatisch“, an dem sich Wertmüllers Hilflosigkeit, ein treffenderes Wort für Beschränktheit, ausdrückt. Sobald die Naturgesetze des Weltgeistes durchschaut sind, bedarf es keines Widerstandes mehr. Adorno hat gegen solchen Rationalismus einmal eingewandt, dass man sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen lassen solle. Kritische Theorie insistiert auch und gerade in vermeintlichen Naturzwängen auf Differenzierungsvermögen. Würde Wertmüller ein wenig israelische Zeitungen lesen, er wüsste, wie deutlich sich israelisches Feuilleton und Politik gegen Assad ausspricht. Die Luftangriffe der IAF in Syrien richteten sich nicht gegen sunnitische Djihadisten, sondern gegen die Hisbollah. Dasselbe Israel versucht, Opfer des Krieges zu versorgen, die von Regimetruppen massakriert werden, wenn ihre Flucht zum Feind ruchbar wird. Daher lösen auch Israelis jeden Hinweis auf israelische Produktionsorte von Hilfsgütern, die sie nach Syrien schmuggeln. Bahamas-Artikel gehören vorerst nicht dazu.

Nachtrag:

Die kurdische Armee YPG hat in Offensiven Ende 2013 und Anfang 2014 beachtliche Gebiete zurückerobert:

http://kurdistantribune.com/2014/isis-terror-around-rojava-marchapril-diary-of-death/

http://pietervanostaeyen.wordpress.com/2013/12/02/guest-post-rojava-kurdish-forces-expell-islamist-rebels/

Die kurdischen Truppen sind exzellent ausgebildet und erfahren, haben aber politische Probleme, die gerade untrainierte internationale Interventionisten gewiss nicht lösen werden.

http://www.rudaw.net/NewsDetails.aspx?PageID=40751

So existiert auch eine Kurdish Islamic Front, die mit ISIS zusammen gegen die YPG kämpfte:

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-24403003

http://carnegieendowment.org/syriaincrisis/?fa=54367

Die drusischen Milizen stehen vorerst auf der Seite Assads und damit gegen die YPG, die inzwischen doch sehr deutlich äußert, dass sie von Assad nichts zu erwarten hat und zwangsläufig dem Krieg stellen muss:

http://www.meforum.org/3668/druze-militias-syria

Es gibt keinen Grund, sich darüber hinwegzutäuschen, dass die Kämpfer der FSA in Assads Syrien aufgewachsen ist, und die überwiegende Mehrheit daher eben nicht säkular ist, sondern islamisch bis islamistisch – weil sie in Assads Syrien keine säkularistische Schulbildung genossen haben.

Allerdings ist hier Differenzierung essentiell. Es gab und gibt kleine Brigaden, die Frauen, Christen, Kurden und Alaviten als Kämpfer aufnahmen, und die sich explizit auf säkularistische Vorkämpfer berufen – einige hundert davon wurden inzwischen von Djihadisten massakriert.

Hinzu kommen eben die konservativ islamischen Gruppen, die auch in der FSA dominieren und deren Politikansatz in etwa der CDU/CSU entsprechen mag: Eine nichtsäkulare Demokratie mit Leitkultur. Das gleiche gilt für die Dachorganisation der Islamic Front, die mit Abstand stärkste Rebellenfraktion, deren sieben Untergruppen zumindest nicht auf der Terrorliste der USA stehen und die sich heftige Auseinandersetzungen mit Al-Nusra und ISIS liefern. Mit diesem Syrien der Islamic Front wird man sich vorerst einrichten müssen – die Alternative ist der aktuelle systematische Massenmord, die Barrel Bombs, die Giftgasattacken, die Folterkeller Assads, die Massengräber.

Dennoch hat man sich natürlich keine Illusionen darüber zu machen, dass in solchen extrem kleinparzelligen Kriegen die absurdesten spontanen Bündnisse entstehen und dass auch FSA-Truppenteile mit ISIS-Truppenteilen gegen Assad kämpften oder es Überschneidungen gibt. Es war auch nicht Motivation dieses Artikels, eine illusionäre Einheit oder säkularistische Struktur der FSA zu behaupten, sondern gerade im Bewusstsein der Unmöglichkeit der Kategorie „FSA“ auf Differenzierung zu beharren zugunsten der wenigen Tausend, die tatsächlich noch der Versuchung widerstehen, sich von Saudi-Arabien oder schlimmeren Bündnispartnern aushalten zu lassen. Die kurdische Armee kennt diese Situation und kooperiert daher inzwischen in weiten Teilen mit der FSA, die sich bisweilen auf kurdisches Gebiet flüchtet. Daher wird auch eine undifferenzierte Unterstützung der FSA auch nicht „den Druck auf die kurdischen Autonomiegebiete erhöhen“, wie das Wertmüller suggeriert.

Dann gibt es natürlich auch Überraschungen wie jene Oppositionellen, die sich für einen Frieden mit Israel aussprechen – zu den üblichen anmaßenden Bedingungen (Golan), aber dennoch mit weitreichenden Reflexionsebenen und erstaunlichem Mut gegen eine penetrant auf panarabischen Antizionismus getrimmte Moderatorin: „Hezbollah is attacking us while Israel treats the wounded“.

Sieben Leben (Seven Pounds) – Der fürsorgliche Staat und die Organspende

In „Sieben Leben“ spielt Will Smith einen Mann, Tim Thomas, der einen Unfall verschuldet hat und dabei seine Frau tötete. Daraus entsteht ein interessanter sexueller Fetischismus: Er beginnt eigene Organteile zu spenden, vorgeblich, um seine Schuld zu tilgen. Am Ende erfolgt sein Suizid – interessanterweise mit einer tödlich giftigen Würfelqualle im Eisbad. So bleiben seine Organe unversehrt und alle von ihm begünstigten Personen erhalten ihren Körperteil vererbt – die vom Tod bedrohte Geliebte sein rettendes Herz. Er schafft es auf diese Weise, körperlich in sieben Personen einzudringen, gleichsam als Widerruf seiner eigenen Geburt. Die vermeintlichen Schützlinge, in Wahrheit seine Opfer, können sich gegen diesen Übergriff nicht wehren – sie haben keine Wahl. Die „Bedeutungslosigkeit“ oder totale Ersetzbarkeit, größte Furcht des Narzissten Tim Thomas, ist durch das Spektakel seines Suizids gebannt.

Der technisch erwartbar glänzende Film führt vor, was geschehen kann, wenn Organspender sich ihre Empfänger aussuchen können und dürfen. Die Empfänger werden von Tim Thomas einem raffinierten Auswahlverfahren unterzogen, ihr Leben überwacht und auf Schwachstellen getestet. Wer andere ausnutzt oder in den Worten von Tim Thomas „ein Arschloch ist“, erhält kein Organ.

Solche berechnende „Vernunft“ erzeugt die Suggestion eines fürsorglichen Überwachungsstaates. Tim Thomas manipuliert durch seine Organgeschenke die Empfänger, bis sie seinen moralischen Idealvorstellungen folgen und ihm sogar dabei helfen Gesetze zu übertreten. Sein eigener Bruder erhält eine Lungenhälfte von ihm, dafür stiehlt er ihm dessen Ausweis vom Finanzamt und gibt sich fortan als sein Bruder aus. Der wird abgewimmelt, als er aufbegehrt:  „Hast du etwas mitgenommen, als du letztesmal hier warst?“ (Den Ausweis) „Nein, ich habe sogar etwas dagelassen!“ (Seine Lungenhälfte).

Seine Opfer sucht er als vermeintlicher freundlicher Beamter vom Finanzamt auf, konfrontiert sie mit Intimissima wie Arztbriefen und abgehörten Telefongesprächen, die er von der Empfängerin seiner Leberhälfte erhält, er bricht in Wohnungen ein – und jedesmal ist seine „Hilfe“ erfolgreich. Einer misshandelten Mutter von zwei Kindern schenkt er sein Elternhaus am Meer, glücklich spielt die vaterlose Familie am Strand. Seine große Liebe findet er in einer verschuldeten kinderlosen Herzpatientin – die sich in ihn trotz aller Übergriffe verliebt.

Dieser eiskalte narzisstische Fetischismus wird vom Film nicht kritisch ad absurdum geführt oder durch Überzeichnung ironisiert, sondern durchweg honoriert und idealisiert. Ein konsequent dialektisch angelegter kritischer Film hätte Tim Thomas Größenwahn wenigstens punktuell scheitern lassen oder die posthume Aggression der Opfer offen gelegt. Das Aggressive in den übergriffigen Handlungen wird zwar angedeutet – so beschuldigt ihn die Herzpatientin, ihren vegetarischen Hund „vergiften“ zu wollen, nachdem er diesem ungefragt ein Stück Fleisch füttert. Die tatsächliche Aggression aber, den Suizid, präsentiert der Film als durchaus respektable und gelungene Lösung von realer Schuld.

Für dieses Wohlwollen kann der Film auf tief inkulturierte christliche Mythologie bauen. Das christliche Selbstopfer befreit in der Filmlogik erfolgreich von realer Sünde. Die Geliebte mit seinem schlagenden Herzen blickt in der Schlussszene gerührt in seine Augenhornhaut, die ein blinder Klavierspieler erhalten hat, der Kindern kostenlosen Klavierunterricht anbot.

Solche mühsam angewärmte, in Wahrheit kalt berechnende Projektion entspricht der ökonomisierten Vorstellung der christlichen Kleinbürger von der Organspende. Die sehen verständlicherweise und ganz rationell nicht ein, warum Raucher oder Trinker ein Spenderorgan erhalten sollen – in der Fortführung ist es dann nur logisch, dass auch anders schuldhafte Menschen nicht erlöst werden.

Hatte das Christentum einst mit der abstrakten Erbsünde noch die Versöhnung mit eigener Sündhaftigkeit durch das deligierte, abstrakte Selbstopfer angeboten und darin auch den konkreten Sünder selbst erlösen wollen, wird es hier auf sich selbst zurückgeführt im banalen Tauschakt Leben gegen Leben. Sieben verschuldete Leben werden durch sieben gerettete Leben bezahlt, individuelle konkrete Sünde durch das das individuelle konkrete Opfer. Der Sünder muss im hier und jetzt büßen und wird nicht mehr im Diesseits erlöst.

Solches Opfer streicht Individualität und Besonderes durch – ein zerstörtes Leben ist eben nicht durch ein anderes austauschbar. Gerettet wird lediglich der Narzisst, der sein Opfer mit der Befreiung von Schuldgefühlen und dem Spektakel der Grandiosität gratifiziert.  Dass ein solches Modell erhebliche Attraktivität ausstrahlen dürfte und in systematisch vom Alltag denarzissierten Menschen die narzisstische Sehnsucht nach dem sinnvollen, sozial nützlichen Tod verstärkt wird von professionellen Rezensenten in medienkompetenter Manier zur Teenage-Suicide-Hysterie verharmlost.

Am Ende behält Tim Thomas recht – daran lässt der Film keinen Zweifel. Die moralischen Einwände einiger Protagonisten erreichen nie den Rang eines Argumentes, sie werden zum kleinkarierten, legalistischen Spießertum verurteilt, dem es an Einsicht in die Größe des angelegten Planes mangele. Der Ausnahmezustand des versagenden Herzens rechtfertigt selbst die übergriffigen Marotten des Tim Thomas als harmlose. tolerable neurotische Nebeneffekte – dabei sind sie der Kern der Motivation, nicht Begleiterscheinung.

Dass Will Smith, der aus dem Stereotyp des schwarzen Clowns („Wild wild West“, „Men in Black“, „Independence Day“) erfolgreich ausgebrochen ist, sich nun für solche autoritäre Propaganda hergibt, kann weder aus Restschulden beim Finanzamt noch aus seiner mutmaßlichen Sympathie für Scientology erklärt werden. Vielmehr ist der Film Exponat einer viel tieferen und gründlicheren Wendung des Systems Hollywoods zum modernisierten Evangelikalismus.

In „I am Legend“, einer ungleich genialeren narzisstischen Projektion, opferte sich Will Smith schon einmal – für ein Serum, das einer christlichen Sekte überreicht wird und diese zur Heilung von Zombievampiren ermächtigt, während die säkulare Wissenschaft das Virus erst durch Krebsheilung erzeugte. Aber auch andere Darstellerfilme, deren Absatz über den Hauptdarsteller sich garantiert, setzen immer häufiger auf pfingstkirchliche Dämonologien und das narzisstische Selbstopfer.

Es trennt Nollywood und Hollywood bisweilen nur noch die Qualität der Effekte und die psychologische Raffiniertheit der Szenarien. Ob „Priest“ oder „Der letzte Tempelritter“ oder „Duell der Magier“: stets wimmelt es von Dämonen und Regressionen zu neoplatonistischen Ritualen, die vom katholischen Ballast befreit, demokratisiert und technologisiert werden – meist noch im Auftrag von wohlwollenden Geheimorganisationen.

Der Plan des Organspenders und der Plan von überdauernden Tempelrittern, Geheimkulten und Zirkeln sind ins Positive verkehrte Verschwörungstheorien, Wunschprojektionen vom sinnvollen Verlauf von Geschichte, von erfolgreicher Organisation gegen das Zeitgeschehen, von erfolgreicher Tradition, von wohlwollender Autorität. Panoptische Überwachung und emotionale Manipulation erscheint plötzlich nicht nur erträglich, sondern notwendig, mitunter trickreich. Wenn es der gerechten Verteilung von knappen Organen dient, ist das Private schutzlos: überschießende Kontrollwünsche angesichts der eigenen Sterblichkeit und der Abhängigkeit von den gefürchteten Ärzten.

Schuld und Vorhaut

 Der folgende Artikel bildet den vorläufigen Abschluss einer Trilogie. Die Beschneidungsdebatte, die keine ist, verläuft entlang tiefenpsychologischer Verwerfungslinien. In zwei weiteren Beiträgen (1, 2) problematisierte ich die Sexualneiddimension: Sobald der Vorhaut ein Wert zugesprochen wird, werden zwangsläufig bisherige Kompensationsformen der Differenz in Frage gestellt. Verdrängter Neid und Kastrationsangst beherrschen dann die Abneigung gegen die jeweils andere Position.

Die zweite Ebene ist die einer allgemeinen analen Abwehr der Vorhaut als Zeichen zu intensiver Körperlichkeit: Sie stinke, sehe hässlich aus, sei wertlos, überflüssig, ein Irrtum der Evolution, befördere Krankheiten und in den puritanischen Ländern symbolisiert sie die Onanie. Für die symbolische Aufladung der Vorhaut und der Beschneidung gibt es zwei mediale Beispiele.

Ein populärer Film über Katharina die Große stellt der edlen Schönheit Katharina einen infantilen, perversen, hässlichen Peter gegenüber, der wegen seiner Phimose kein Kind mit der Zarin zeugen könne. Die wird aber von ihrem Liebhaber schwanger. Es muss also schleunigst ein Akt mit dem Zar Peter stattfinden, damit man ihm das Kind unterschieben kann. Man macht ihn betrunken und beschneidet ihn, in der nächsten Szene lässt er sich dann endlich verführen. Die Vorhaut symbolisiert hier das Elend eines ganzen Reiches, ihre Beseitigung bereitet die Beseitigung des Zaren vor und damit die „Befreiung“ Russlands.

Der Film trägt jenseits dieser symbolischen Dimension zum populären Irrtum bei, eine Beschneidung sei ein winziger Eingriff, den man im Zustand durchschnittlicher Trunkenheit kaum bemerke und dem am nächsten Tag Sex folgen könne: Der Film-Schnitt legt zumindest diese Abfolge nahe.

Ein weiterer Film, in dem die Beschneidung verharmlost wird, ist „Robin Hood – Helden in Strumpfhosen“. Wir sehen eine satirische Gestalt eines missionierenden Juden, der Beschneidungen mit dem Werbeträger verkauft, die Frauen seien ganz wild drauf. Er führt eine Art Guilliotine vor, mit der es in Sekundenbruchteilen vonstatten gehe und danach solle man ein bisschen Wasser drauftun. Der Film ist natürlich nicht ernstzunehmen, dürfte aber durchaus das verzerrte Bild einer Beschneidung von Millionen darstellen: Kurzer Schnitt mit einer Art Guilliotine und kaum Schmerzen.

Tatsächlich werden die wenigsten Menschen außerhalb eines abgehärteten medizinischen Personals Filmaufnahmen einer Beschneidung ertragen können, ohne Phantomschmerzen am eigenen Genital und Übelkeit zu verspüren. Man schneidet sorgfältig einmal senkrecht bis zum Eichelrand und von da mit einer kleinen Operationsschere oder einem Skalpell direkt am Rand zwischen Eichel und Vorhaut entlang. Danach wird alles mit einem selbstzersetzenden Faden vernäht. Der Rand muss genau getroffen werden, da die Oberhaut auch mal verziehen kann und dann zuviel Haut fehlen würde. Bei Erwachsenen dauert die Wundheilung leicht vier Wochen, die Narbenbildung und Veränderung der Eichelhaut erheblich länger und bis zu Jahre später können noch Veränderungen auftreten: vor allem das Abschuppen der verhornenden Eichelhaut, brüchige Hautübergänge zwischen Narbe und Eichel aber auch klassische Narbenschmerzen, Missempfindungen am nunmehr offen liegenden unbefeuchteten Übergang von Harnröhre zur Eichel. Wer die in Lokalanästhesie vorgenommene Operation bewusst mitansieht, kann auch einen reaktualisierten Kastrationskomplex und eine temporäre, tiefenpsychologisch begründete erektile Dysfunktion erleiden. Alle Symptome lassen sich relativ gut nachbehandeln, werden aber von Ärzten selten als Nebenwirkung erwähnt oder nachuntersucht. Verabreicht wird in der Regel eine Lanolincreme, um die Hautveränderung zu erleichtern. Keloide kommen vor. Bei der klassischen Hand-Masturbation kommt es insbesondere in der Frühphase der Narbenbildung durch den stärkeren Zug am Gewebe leichter zum Aufreiben des Narbengewebes und auch nach vollständiger Heilung ist die Penishaut aufgrund des wegfallenden Spielraums zugempfindlich. Wer als Kind beschnitten wurde, hat in der Regel bereits vollständig angepasste Masturbationstechniken entwickelt und natürlich gibt es Kompensierungsmöglichkeiten wie die Anwendung von Hautcremes oder Gleitgels.

Die allgemeine Verharmlosung der Beschneidung war bis vor wenigen Wochen noch so dominant, dass Beschneidungsgegner, sogenannte Intaktivisten, als obskure Sekte mit einem massiven Kastrationskomplex verlacht wurden, die aus einer Mücke einen Elefanten machen. Es gab Studien, die eine (durchaus mögliche) narzisstische Besetzung der Vorhaut in toto pathologisierten und die Akzeptanz der Beschneidung zum Beweis einer gesunden Psyche nahmen.

Wenn in wenigen Wochen ein Gesetz verabschiedet sein wird, das Beschneidungen unter bestimmten Maßgaben legalisiert, geschieht das mit dem Argument „jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland zu ermöglichen“. Diese Formulierung ist bezeichnend. Eine religiöse Praxis wird mit „Leben“ in eins gesetzt, darauf zu verzichten würde den Tod bedeuten. Nicht nachgewiesen ist, wie das Leben von Juden und Muslimen sowohl von der Religion wie auch von der Beschneidung und wie Religion von der Beschneidung zwangsläufig und auf ewig abhängen sollen.

Schreckensszenarien werden entworfen: Die fraglichen Gruppen könnten nach Polen (!) oder in noch barbarischere Regionen gehen und dort in unsauberen Hinterhofkliniken ihre Beschneidung vornehmen lassen. Das deutsche Medizinsystem war noch nie in der europaweiten Bestenliste, auf einmal gehören polnische Krankenhäuser, in denen sich  Deutsche ganz gern mal die Zähne oder die Brüste „machen“ lassen, zum medizintechnologischen „Anderen“. Wahrscheinlich wissen Menschen, die solche Ängste vor polnischen Krankenhäusern schüren, nicht, dass rituelle Beschneidungen bei Muslimen recht häufig in der Türkei durch traditionelle Beschneider vorgenommen werden (ein Grund, die Verwandten zu besuchen und manchmal kommen ein paar Dutzend oder Hundert Knaben hintereinander in einem rauschenden Fest dran), oder in Deutschland auch auf dem Küchentisch. Gering dürfte die Zahl der Ärzte sein, die in Deutschland überhaupt noch eigene Operationserfahrungen mit Beschneidungen haben, von Routine ganz zu schweigen. Daran wird auch eine entsprechende „Aufsichts“-Regelung der Bundesregierung nichts ändern, weshalb die Zeit bis zur Gesetzgebung die einzige Gelegenheit bietet, über Beschneidungen aufzuklären und so tatsächlich diese Zustände zu problematisieren.

Bei der Aufklärung stößt man allerdings auf ein tiefenpsychologisches Problem, das sehr viel schwerer fassbar ist, als die bislang angesprochenen Abwehrmechanismen: der Schuldkomplex.

Schuldgefühle löst die Beschneidungsdiskussion auf drei Ebenen aus.

1. Die individuelle Ebene. Eltern haben gegenüber ihren Kindern Schuldgefühle, müssen diese abwehren und sich vergewissern, dass die konkrete Beschneidung ein harmloser Akt war. Die Kinder wiederum haben Angst, ihre Eltern bezichtigen zu müssen und nehmen sie aus Konfliktvermeidung vorauseilend in Schutz. Resultat ist in beiden Fällen die Verharmlosung der Beschneidung, das Verdrängen von negativen Folgen und das Überidealisieren von positiven Folgen.

2. Die historische Ebene: Da Beschneidungen kollektivbildende Akte sind, bedeutet ihre Kritik auch Kritik am Kollektiv, dem aktuellen wie dem historisch sich reproduzierenden. Zu sagen, dass die Beschneidung heute überflüssig, falsch und Genitalverstümmelung ist, bedeutet die Aussage, dass alle Eltern der Geschichte, die diesen Akt vollzogen haben, mindestens im Irrtum und schlimmstenfalls „böse“ Menschen waren. Es ist übrigens fraglich, ob unter historischen Bedingungen eine Beschneidung je präventiven Charakter vor allem bezüglich der Phimose haben konnte. Aus dem Pentateuch ist das Wundfieber als Folge der Beschneidungen überliefert und es wird als Grund angeführt, dass Moses ihr aus dem Weg zu gehen suchte.

Unabhängig davon müssen diese beiden Ebenen in den jeweiligen Konstellationen gelöst werden: In der Familie und im religiösen/säkularen Kollektiv. Wirklich gravierend erscheint mir die für den jüdischen Ritus spezifische dritte Ebene:

3. Die antisemitische Ebene. Wenn, wie Freud nahelegte, die Imaginierung der Beschneidung beim Antisemiten Kastrationsängste auslöst und diese den Kern seines Antisemitismus ausmachen, so war es bislang bequem, zu sagen, dass die Beschneidung ja in Wirklichkeit harmlos ist und der Antisemit schlichtweg irrt über die Beschneidung.

Auf der gleichen Ebene wurden noch die Argumente der Intaktivisten als pathische Projektionen in den Wind geschlagen. Wenn nun die Beschneidung als Akt der Genitalverstümmelung anerkannt wird, erhalten nicht nur die Intaktivisten Recht, sondern auf einer subdiskursiven, unbewussten symbolischen Ebene auch die Antisemiten und deren historische Verbrechen.

Die Beschneidung als Akt der Genitalverstümmelung anzuerkennen bedeutet dann die unbewusste Assoziation der antisemitischen Gewaltakte mit einer Bestrafung für dieses Verhalten. Die Abwehr der Beschneidungsdebatte ist demgemäß die Abwehr der illegitimen Rationalisierung des Antisemitismus an der Beschneidung, letztlich des Antisemitismus selbst und nicht bloß das Eintreten für die Religionsfreiheit oder für ein theologisches, literalistisches Konstrukt des Bundes.

Träfe diese verkürzte und in Reinform schwer nachweisbare Deutung zu, würde sie eine kaum erträgliche Spannung zwischen Bestrafungsphantasie, abgewehrte Identifikation mit dem Aggressor, Kastrationsangst, Schuldvorwurf an die Eltern und Infragestellung des positiven kollektiven Selbstbildes diagnostizieren, die in Verdrängung und Verfolgungsangst münden kann. Die wütenden Ineinssetzungen von Nazismus und Beschneidungsverbot sprechen für die Existenz einer solchen tiefenpsychologischen Problemlage. Der offensichtliche Unterschied, dass der Nazismus nie das Recht des Individuums gegen das Kollektiv vertreten hat, dass also ein individualistisch begründetes Beschneidungsverbot nicht nur dem Kollektivrecht der Religionen sondern auch der suprematistischen Kollektivideologie des Nazismus diametral entgegensteht, wird ausgeblendet. Anstelle theologischer Diskussionen um die (Un-)Möglichkeit der Abschaffung der Beschneidung unter Erhaltung des religiösen Kollektivs tritt eine dualistische Radikalopposition, in der es nur Beschneidungsrecht oder den „Tod“ des jüdischen/muslimischen „Lebens“ zu geben scheint.

Die strukturell antisemitische, aber staatsantifaschistische Mehrheit im Bundestag kann ihrerseits die Drohung nicht aushalten, hier mit der konsequenten Abwertung eines spezifischen jüdischen und muslimischen Rituals dem ganzen in sich selbst tabuierten, aber nie abgeschafften Antisemitismus und Rassismus ein Einfallstor zu schaffen. Die Gesetzesinitiative antizipiert in der Formulierung vom „jüdischen und muslimischen Leben“ den Dammbruch des eigenen Ressentiments und den Umschlag von mühsam aufrechterhaltenem, begriffslosem Staatsantirassismus (dem die Realpolitik ohnehin Hohn spricht) in vernichtenden Antisemitismus. Weil man zu viele der vielfältigen Morphen des Antisemitismus in sich trägt, darf es keinen Makel am Judentum geben, an dem dieser in den deutschen Menschen auf der Lauer liegende Antisemitismus wieder Kraft gewinnen könnte. Die vermeintliche Toleranz ist mühsam durch Idealisierung verdrängtes Ressentiment, für die ernsthafte Bearbeitung von medizinischen, rechtlichen und theologischen Problemlagen bleibt kein Raum.

Wenn der Antisemitismus in dieser Debatte seine Kastrationsphantasien an der Beschneidung rationalisiert, so bedeutet doch die Anerkennung der Beschneidung als Kastration nicht die Legitimation der antisemitischen Kastrationsängste. Die Psychoanalyse des Antisemitismus weist keinen Irrtum über die Juden nach: Der Antisemitismus ist die „gewusste Lüge“, er geht gesellschafltichen Konflikten aus dem Weg und anstatt dort die Kastration zu riskieren, identifiziert er sich mit dem, was ihm als Individuum feindlich ist, dem nationalen oder antinationalen Kollektiv, und projiziert das von diesem als Negatives, Kastrierendes Erfahrene auf „die Juden“. Mit der Beschneidung hat das historisch wenig zu tun, auch wenn sie hin und wieder als Projektionsfläche aufscheint. Gemeinhin bekannt ist, dass der Antisemitismus sich sein Bild vom Juden aus sich selbst heraus schafft. Ein Beschneidungsverbot wird er ebenso inkorporieren wie die Legalisierung – und umgekehrt wird kein Antisemit durch ein Beschneidungsverbot oder eine Legalisierung von seinem Antisemitismus geheilt werden.

Mit der gleichen Begründung lässt sich auch die reaktualisierte Vermutung widerlegen, die Ritualmordlegenden seien an dem wohl ausgestorbenen Ritual entstanden, in dem der Mohel die Beschneidungswunde aussaugte um die Wundreinigung zu fördern und Blutungen zu stillen. Dann wären historisch entsprechende negative Berichte über konkrete Beschneidungsrituale häufiger. Auch in den antiken Antisemitismen findet sich die Beschneidung nur selten als Ideologem gegen das Judentum und wenn, ist es einer Reihe von anderen Ressentiments untergeordnet und tritt als Akzidentielles hinzu. Die europäischen Ritualmordlegenden erwähnen die Beschneidung nicht als verwerfliches Verhalten – dafür aber die Hostienschändung, die Hexensynagoge, den Hexensabbath und die Blut-Geldmagie.

Freud bietet eine zweite, weitaus schlüssigere Deutung des Antisemitismus an: Die von Antisemiten als „schlecht getauften Christen“, die das Negative und die unausgehaltene Widersprüchliche des unbegriffenen, weil unbegreiflichen Christentums auf das Judentum projizieren, allen voran dem christologisch notwendigem Gottesmord und dem magischen, virtuellen Kannibalismus der Eucharistie (projiziert als Hostienschändung und Ritualmord). Daher kam es zu Kreuzzugspogromen und Karfreitagspogromen, Pogrome in Folge von jüdischen oder islamischen Beschneidungsfesten sind jedoch nicht bekannt. Mit dem Hinzutreten des islamischen Antisemitismus wird die Beschneidungsthese Freuds noch unwahrscheinlicher, seine Taufthese ließe sich allerdings problemlos auf den Islam übertragen.

Während also die Freud’sche These zweifelhaft ist, dass der Antisemit seinen zweifellos gegebenen Kastrationskomplex an der Beschneidung bildet (wohingegen nachgewiesen werden kann, dass er ihn daran gelegentlich auflädt), besteht die wahrscheinliche Möglichkeit, dass für jüdische Individuen durchaus eine Abwertung der Beschneidung intrapsychisch Selbsthass und unbewusste Identifikation mit den Antisemiten auslöst, die wiederum abgewehrt werden muss.

Dahingehend ist den Beschneidungsgegnern anzuraten, angesichts der Drastik der hier formulierten Spannung ein Verständnis für diese Überreaktion einzuüben, auch wenn es schwer auszuhalten sein mag, sich nun selbst als Antisemit bezeichnet zu sehen. Weil man den modernen Antisemiten die Klage darüber, zu Unrecht als Antisemit diffamiert worden zu sein, leicht als Verdrängung nachweisen kann und die analytischen Begriffe zur Bestimmung des spezifischen Antisemitismus‘ parat hat, ist es nun umso bedeutender, sich nun selbst nicht analog idiosynkratisch zu verhalten, sondern diesen Verdacht und Vorwurf ernst zu nehmen, zu reflektieren, zu kontextualisieren und die zugrunde liegenden, möglichen Verdrängungsmechanismen ins Bewusstsein zu überführen. In keinem Fall wäre aber dem überkommenen Anspruch der Religionen, nach Belieben mit den Körpern ihrer Kinder zu verfahren, nachzugeben. Das religiöse und noch so orthodoxe Judentum gegen jeden Antisemitismus zu verteidigen ist der kategorische Imperativ. Er bedeutet nicht, eine Religion, und sei es die jüdische, vor zwangsläufigen Konflikten mit dem Realitätsprinzip zu bewahren.

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Die gesamte Trilogie zur Beschneidung auf Nichtidentisches ist über folgende Links abrufbar:

Ein Beitrag zur Beschneidungsdebatte

„Die latente Unehrlichkeit ihres positiven Israel-Knacks“ – Eine Diskussion der Gegner der Gegner der Beschneidung

Schuld und Vorhaut