„Judenmord“ – Kurze Kritik eines Begriffs

Dutzende Bücher und zahllose Zeitungsartikel tragen im Titel das Wörtchen „Judenmord“. Ein eingehenderes Bewusstsein der Geschichte des Antisemitismus würde äußerstes Misstrauen gegen die mangelnde Präzision des Begriffs und seine Polysemie anempfehlen. Faschistische Propaganda lebt von der ständigen Verwischung und Vermischung von Täter- und Opferanteilen. Das Wort „Judenmord“ ist syntaktisch mehrdeutig: es kann den Mord an Juden oder den Mord DER Juden bedeuten. Anders: Es kann Juden als Opfer meinen – oder als Täter. Letzteres ist keine weit hergeholte Assoziation: Jahrhunderte hindurch hat antisemitische Propaganda erst den Gottesmord, dann Ritualmorde und heute „Kindermord“ als spezifisch jüdisches Verbrechen gekennzeichnet, also Juden einen bestimmten „Mord“ als Habitus zugeschlagen.

Weiter unbestimmt bleibt die Zählform: Ist der „Judenmord“ ein Mord an einem Juden oder Massenmord an vielen Juden? Auch die Qualität ist unklar: Ist der „Judenmord“ als spezifischer schlimmer oder weniger schlimm als der unbestimmte Mord? Wird ein Jude ermordet, oder ein Mensch, der auch Jude ist und weil er Jude ist? In der Zusammenziehung von zwei Reizwörtern bedient „Judenmord“ nur Sensationismus auf Kosten begrifflicher Präzision. Eine unartikulierte Empörung will sich kürzestmöglich Luft verschaffen. „Der Massenmord an den polnischen Juden“ wäre als Buchtitel spezifischer als „der Judenmord in Polen“, verkauft sich aber womöglich schlechter. „Judenmord, Frauenmord, heilige Kirche“ – ein Werk, das voll von Fehlern ist – stellt explizit auf den Schlagwortcharakter ab. Bei „Judenmord im Reichsgebiet“ weiß man gar nicht mehr, ob es sich dabei um eine NS-Schrift voller Ritualmordlegenden handelt, oder um eine Abhandlung über den Holocaust auf deutschem Staatsgebiet.
Die semantische Offenheit des Begriffs führt in derartige Abgründe, dass man zur Vermutung gehalten ist, er werde gerade wegen dieser Offenheit verwendet.

Der König von Marokko

Die Stimmen aus dem Internet sprechen eine eindeutige Sprache:

„Ich finde es legitim, den König von Marokko zu hassen.“
„Ich würde gerne mal mit einer Planierraupe zum König von Marokko fahren, um ihm das Wasser abzustellen und ihn ein bisschen anderweitig zu demütigen!“
„Ich hasse nicht alle Marokkaner, nur weil ich den König von Marokko hasse!“
„Was hat zwei Finger und scheißt auf Diplomatie? Der König von Marokko!“
„Tayyip Wladimir Mohammed VI!“

Diplomaten und Regierungsoberhäupter aller Staaten stehen beim König von Marokko Schlange, um im Konflikt zwischen Marokko und der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara zu verhandeln. In den Industriestaaten boykottieren Gewerkschaften und Studierendenverbände marokkanische Wissenschaftler und essen keine marokkanischen Tomaten mehr. Sie solidarisieren sich mit der Frente Polisario, eine der ältesten nationalen Befreiungsbewegungen der Welt. Und sie hassen vor allem den König von Marokko, der die Westsahara praktisch annektiert hat. Kaum jemand in Marokko strebt immer noch nach einem Groß-Marokko, das Mauretanien und Algerien beinhaltet. Aber die Westsahara gehört zu Marokko, so der König von Marokko. Die Frente Polisario ist anderer Meinung, sie hatte die Demokratische Arabische Republik Westsahara ausgerufen und kontrolliert immer noch Teile der Westsahara, während Marokko mit einer Siedlerkampagne die Marokkanisierung der Westsahara vorantreibt, um Fakten zu schaffen.
In den späten 1970-ern wurde die Frente Polisario zurückgedrängt, 2500 km Mauer und Grenzschutzanlagen sichern das Gebiet. 180.000 Sahauris leben seit 1967  in Flüchtlingslagern in Algerien. Für sie zählt nicht der Anspruch Marokkos, dass Spanien das Gebiet erst 1926 mit großflächigem Einsatz von Senfgas eroberte und als Kolonie abtrennte. Später ging es Spanien um die Phosphatvorkommen, die heute von Marokko kontrolliert werden.

Kein Wunder also, dass die Emotionen hochkochen. Schließlich geht es um eine gerechte Welt ohne Unterdrückung. Und da darf man auch einen König hassen. Sein tägliches Budget beläuft sich auf knapp 900.000 Euro. Er hat eine 70-Meter Yacht, Paläste in ganz Marokko, ein Schloss und zwei Hotels in Frankreich. Er verbraucht als Einzelperson mehr Ressourcen, als alle Flüchtlingslager der Polisario zusammen, hat zwei Milliarden Euro in seinem Besitz, gilt als Marokkos größter Banker und Manager. Politisch hält er einen Absolutheitsanspruch aufrecht, er sieht sich als Emir, als Anführer der Gläubigen.

Nun könnte man sagen, es gibt auch anderes Unrecht, zum Beispiel die Kastengesellschaft in Indien oder die Ausbeutung Westpapuas durch Indonesien oder die Aneignung von Land im übrigen Afrika. Aber manche sehen hier ein Politikum und wollen ein Exempel statuieren: „Nur weil Spanien 1926 Giftgas eingesetzt hat, müssen wir uns nicht schuldig fühlen, den König von Marokko zu hassen. Gerade wegen dem Giftgaseinsatz müssen wir heute gegen Marokkos König kämpfen,“ so eine Demonstrantin, die fast täglich in der Innenstadt von Köln eine Kundgebung gegen den König von Marokko abhält. Ein anderer Herr mischt sich ein: „Ich war schonmal in Marokko. Ich habe alles gesehen, wie die Westsahauris behandelt werden. Kein Wunder, wenn die Polisario Marokko vernichten will.“ Ich wende ein, dass die Polisario gar nicht Marokko vernichten wolle. Dass sie Marokko schon 1976 anerkannt hätte und nur für eine freie Republik Westsahara streiten würde. „Ja, aber das darf man ja nicht laut sagen, sonst kriegt man gleich mit der Antimarokkanismuskeule eins übergebraten!“ Der Mann zischt ab, sichtlich erregt. Später sehe ich ihn wieder und kann ihm einige Fragen stellen. Seine Freizeit verbringt er mit dem Sammeln von Informationen über die Westsahara. Es regt ihn auf, sagt er. Vor allem, dass die Marokkaner aus ihrer Geschichte nicht gelernt hätten. Wenn man Kolonie gewesen sei, so sagt er, dürfe man doch nicht andere kolonisieren!
Er sagt auch „wir als Deutsche“. Das ist ihm wichtig in seinem täglichen Kampf gegen den König von Marokko. Krieg sei kein Mittel um Konflikte zu lösen. Deshalb unterstützt er die Polisario. Irgendwann, sagt er, müsse man ja explodieren, wenn man immer unterdrückt werden. Ich wende ein, dass es andere Bewegungen gebe, die keine Gewalt anwenden, obwohl sie noch ärmer dran sind. Die Aborigines in Australien etwa, denen hat man das ganze Land weggenommen, sie leben in einer rassistischen Gesellschaft, aber man hört nie von bewaffneten Aborigine-Aufständen. Ja, sagt er, aber das dürfe man nicht laut sagen. Sonst bekomme man gleich etwas mit der Antimarokkanismuskeule… Ich winke ab.

Offenbar hat die Welt ein besonderes Problem mit dem König von Marokko. Anderes Unrecht weckt kurze Aufmerksamkeit, ein paar Wein-smileys, ein paar Wut-Smileys, wenn etwa der König von Saudi-Arabien wieder ein paar Todesurteile wegen Homosexualität oder Atheismus unterschreibt. Mir scheint sich die besondere Wut, die sich auf den König von Marokko richtet, von der Wut auf andere Ungerechtigkeit zu unterscheiden. Schließlich kennt jeder aus der Presse den Namen „Mohammed VI“, keiner jedoch Xi Jinping oder Teodoro Obiang Nguema Mbasogo oder Gurbanguly Berdimuhamedow. Und es schiene mir nicht falsch, dieses Besondere des Hasses auf den König von Marokko als Antimarokkanismus zu beschreiben.

Weiterlesen:
http://nichtidentisches.de/2015/10/hitler-kennen-netanyahu-hassen-der-reduzierte-antisemitismus/

Im Niemandsland der Singularität

„Das Gefangenenlager in einer Kleinstadt auf halbem Weg nach Tripolis bietet ein erbärmliches Bild. Bei einer maximalen Aufnahmekapazität für 400 Flüchtlinge sind jetzt nur 43 anwesend, sie kommen aus Ägypten, Guinea, Niger und Nigeria. Als Gruppe waren 39 Nigerianerinnen vor Monaten auf der Suche nach Arbeit aus ihrer Heimat aufgebrochen. An der Mittelmeerküste wurden sie nachts in ein kleines Schlauchboot getrieben, das aber Europa nie erreicht. Die libysche Küstenwache fing es ab und brachte die Frauen in dieses Abschiebelager. Seit einem Monat sind die Frauen hier gefangen, ohne Kontakt zur Außenwelt. Die kleinen Schlafräume sind verschmutzt, die Matratzen verfilzt, der Boden des Waschraums ist knöcheltief mit Kot und Urin bedeckt. Die Wasserhähne funktionieren nicht und Duschen gibt es keine, ihre Notdurft müssen die Frauen in Eimern verrichten, die dann in diese Lache entleert werden. Für die Körperpflege zweigen sie etwas Trinkwasser ab. Mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren sind die Flüchtlinge jung, aber fast alle haben Beschwerden. Die meisten leiden an infektiöser Haut-Krätze.“ (Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen. Deutsches Ärzteblatt 1114/15, 14.4.2017)

Die abstumpfende Serialität der Meldungen füttert mit Empirie, was Logik zu leisten imstande ist. In der Türkei wird eine 511 Kilometer lange Mauer entlang der syrischen Grenze fertig gestellt. Das ist Teil des Abkommens mit der EU und insbesondere Angela Merkel. Die Mauer soll Menschen vom Überlebenskampf abhalten. Die EU und insbesondere Angela Merkel fühlen sich unschuldig, es gibt keine Proteste, kein Gerichtsverfahren, alles ist rechtsmäßig. Währenddessen werden jene, die die aufreibende, jahrelange Flucht über den Landweg aus Afghanistan überlebt haben, abgeschoben in ein Land, in dem sie auf offener Straße ermordet werden, wenn sie sich öffentlich gegen den Islam oder die Taliban wenden. Auch dafür wird niemand bestraft, Proteste gab es nicht. Im Niemandsland der Flüchtlinge gibt es keine Täter, alle Gewalt ist vermittelt, scheinbar naturhaftes Resultat eines scheinbar abstrakten Prozesses, an dessen Ende man noch davon redet, dass Flüchtlinge freiwillig sich in solche Lager begäben.

Am 23. März 2016 beendete die Organisation Ärzte ohne Grenzen ihre Zusammenarbeit mit dem EU-Hotspot auf der Insel Lesbos. Die Zustände seine untragbar, auf die humanitären Bedürfnisse der Flüchtlinge werde keine Rücksicht genommen.
Berichte aus Flüchtlingslagern sowohl in Deutschland als auch im Drittstaatengürtel legen die Systematik offen. Natürlich sind die Lager stets zu klein geplant, haben meist kein professionelles Personal, lagern mitunter Wachdienste an Private aus, die billiger, aber dafür mit Neonazis durchsetzt sind, was in Ungarn und Griechenland auch bei der Polizei und den Asylentscheidern wahrscheinlich ist.
Die Berichte und Fotos aus den Lagern sind immer gleich: Restriktionen der Bewegungsfreiheit, die Haft gleichkommen, Überbelegung, Müll, Schmutz und Depression, die sich hohen Suizidalitätsraten umsetzt. Wer in die Lager gelangt wurde schon selektiert. Für die Flucht verkauft mancher seine Niere oder eine Schwester oder eine Tochter in die Ehe. Andere verschulden sich lebenslang, nur um aus ihren Höllen zu entkommen. Fast alle Frauen die durch Libyen fliehen werden vergewaltigt, viele kommen noch in der Wüste um, noch mehr sterben in afrikanischen oder syrischen Lagern oder Kriegen, weil sie gar nicht mehr fliehen können.

Jorge Mario Bergoglio nennt die Lager daher konsequent Konzentrationslager. Der Protest gegen solche angebliche „Gleichsetzung“ mit den Vernichtungslagern der Nazis kam erwartbar und mit den üblichen Verkehrungen: Wegen der Vernichtungslager solle man ihre historische Vorstufe, die Konzentrationslager nicht als solche benennen. Dem wertfreien und konsequenzlosen Formelwesen, auf das der Singularitätsbegriff heute zusammengeschrumpft ist steht das Ausbleiben von jeder Konsequenz von polnischen oder bayrischen Katholiken aus der Rede des katholischen Papstes entgegen. 

Und weil gegen die Dezimierung von Flüchtlingen durch Wüste, Meer, Kälte und Suizid, bislang keine Praxis denkbar ist außer sich als Fluchthelfer strafbar zu machen, wird nicht über das Empörende der Zustände diskutiert, das durch jahrzehntelange Wiederholung längst in stumpfe Akzeptanz überging, sondern im Zuge einer neurotischen Verschiebung darüber, ob der katholische Papst etwas Empörendes gesagt oder getan hat: „»Ich halte das nicht für empörend«, sagte der Exekutiv-Vizepräsident des Zusammenschlusses von Überlebenden des KZ Auschwitz, Christoph Heubner, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.“

 

„Never again“ – Singularität und andere pathische Ideologeme

Das „Ähnliche“.

Tarantinos Rachephantasien für die Opfer

2009 schrieb Peter Ehlent unter dem Titel „Bowling for Hitler“ in Prodomo #12 eine Rezension des Tarantino-Films „Inglorious Basterds“. Da Missverständnisse nicht altern, erfolgt hier nach einer verspäteten Erstlektüre des Films ein Widerspruch.

Ehlent konnte dem Film wenig abgewinnen:
„Verpackt in ein wenig Western-Nostalgie – neben dem Skalpieren erinnert auch die Formation der Basterds in diesem Setting an einen Indianer-Hinterhalt im Wilden Westen – wird hier in wenigen Bildern ein Counter-Holocaust inszeniert. Die jüdischen Soldaten der USA führen einen Vernichtungskrieg gegen die Deutschen und werden diesen damit gleich gemacht. Während dabei mit den Assoziationen der Zuschauer gerechnet und deshalb auf eine Einblendung von KZ-Bildern zum Vergleich verzichtet werden kann, wird die barbarische Gleichheit in der Schlussszene im brennenden Kino noch einmal bildlich expliziert. […] Die Botschaft des Films ist, dass es Nazis braucht, um Nazis zu besiegen, bzw. der Gegner der Nazis notwendig selbst zu einem wird.“

Für die Filmanalyse eines Autorenfilms ist die Einordnung in das Gesamtwerk erforderlich. 2009 war Tarantinos Arbeit am Thema der Rache schon sichtbar. In „Kill Bill“ (2004) lässt er eine komatöse Frau just beim Erscheinen ihres Vergewaltigers aufwachen und ihren Rachefeldzug beginnen. „Death Proof“ (2007)  zeigte die empörte Rache freier Frauen an einem sadistischen, fetischistischen Verfolger. Mit „Django Unchained“ (2012) und dem durchweg pessimistischen „The Hateful 8“ (2015) wurde Rache unmissverständlich zum Hauptthema seines Schaffens. Tarantino gibt in seinen Rachephantasien Opfern von Diskriminierung ihre Würde zurück. Die fiktive Gewalt stört das von den Tätern in Gang gesetzte und von tatsachentreuen Dokumentationen fortgeschriebene Spektakel der Angst, versucht den Terror einmal auf jene zurückzuwerfen, die ihn verursachen. Dass solche Therapie erlittene Beschädigungen nicht zurücknimmt, unterstreicht Tarantino mit seinen ambivalenten Helden. Sie sind keine Heroen, aber sie werden gerade nicht „wie Nazis“, sondern sie werfen die Aggression der Verfolger auf diese zurück. Nazis verbrannten Frauen und Kinder, Greise und Behinderte, wehrlose Männer und auch einige wenige bewaffnete Männer. Die „Basterds“ hingegen verfolgen, skalpieren und quälen ausschließlich überzeugte Nazis und Soldaten. Kurioserweise sieht Ehlent dennoch die Möglichkeit einer revisionistischen Lesart: Deutsche könnten die vermeintliche Gleichsetzung im Film als wohltuende Erleichterung erfahren und ihre „Version“ herauslesen.

„Bei Inglourious Basterds kommt ein solcher Bruch innerhalb des filmischen Rahmens höchstens ansatzweise durch die bereits erwähnten Einblendungen vor, so dass das postmoderne Prinzip, nach dem sich jeder seine eigene Wahrheit bastelt, voll durchschlagen kann.“

Tarantino macht keinen politischen Praxisvorschlag, er hat kein Lesartenkabinett, sondern arbeitet im Symbolischen, in dem solche Phantasien ausgesprochen werden – während jedem klar ist, dass sie Phantasien sind. In der filmischen Realität ist die Aggression der jüdischen „Basterds“ ausschließlich Reaktion, ihr Ziel der Verursacher. Ihre Aggression wird nicht verschoben auf Schwächere – Sadismus verbleibt in seiner ambivalenten, rationalen Form, die ihn in einer dem Ich feindseligen Welt zu einem für das Überleben unverzichtbaren Medium macht.

Den Anspruch bürgerlicher Therapie, die Arbeitsfähigkeit als Maß der Dinge zu setzen, und mittels der Auslöschung von sadistischen, antisozialen Impulsen eine „Reparatur“ zu suggerieren, die das Fortleben von Gesellschaft als Primat hat, widerruft Tarantino in seinen Rupturen. Sein Therapievorschlag fordert nicht die Reproduktion von Gesellschaft, sondern die Rehabilitierung der Idee des Individuums durch den rettenden Sadismus. Die Blutfeste geben einer verdrängten Aggression Symbole, reißt sie aus dem Status der passiven (Auto-)Aggression und feiern die Imagination von Rache als letzte Krücke der beschädigten Individualität.

Inmitten der Ohnmacht von ödipalen Ängsten, sexuellen Zurichtungen, Sklaverei und Faschismus wird Störung nur durch Zer-Störung möglich. Wie der Patient in der Psychoanalyse den Augenblick als heilsam erfährt, in dem er seiner tödlichen Wut auf den vorher idealisierten oder als unantastbar gefürchteten Vater oder Mutter Worte verleiht, so will Tarantino Opfergruppen (Frauen, Schwarze,  Juden) Symbole geben, die mit Bildern aussprechen, was vorher tabuiert war. Die Vergewaltiger zu vergewaltigen, die Nazis in Räume einzusperren und zu verbrennen, die Verfolger verfolgen. Den Tabuierungsdruck setzt Ehlents plumpe Gleichsetzung von Rachephantasie und Realität nur fort.

Das aber unterscheidet diesen Sadismus der Rache von dem der Täter: er ist Aufstand gegen erlittene Herrschaft, nicht Treten nach unten. Dafür, dass diesen Aufstand intrapsychisch jeder vollziehen kann, bedarf Tarantino regelrecht der ironisch gebrochenen Helden. Die Rachephantasie zuzulassen bedeutet, den unrealistischen Ich-Idealen eine Absage zu erteilen. Auch hier missversteht Ehlent Tarantino gründlich:

„Man kann Tarantino jedoch nicht nachsagen, dass die unterschiedliche Zielsetzung von Amerikanern und Deutschen den antiamerikanischen Charakter seines Films in Frage stellen würde, schaffen es doch am Ende nicht die durchweg als Volltrottel dargestellten Amerikaner, die Nazis zu besiegen, sondern der deutsche Überläufer, der nach dem Scheitern der Basterds ihren Plan doch noch vollendet. […] Die Basterds hingegen, die als primitive Wilde anfangs noch erfolgreich ihren Auftrag erledigen, geben im Finale die Lachnummern ab“

Das Finale ist ebensowenig eine Lachnummer wie die realen Attentate Georg Elsers oder Claus Stauffenbergs gescheiterte drei Versuche, Hitler zu töten. Wie oft Widerstand zu Improvisation greifen musste, wie oft die wenigen gelungenen Akte eine Kette von Glücksfällen und absurden, mitunter wenig genialen Einfällen waren, wie oft Aktionen scheiterten an nicht minder „lächerlichen“ Fehlern entspricht der Realität. Lächerlich wäre, sämtliche Helden als intakte Ich-Ideale mit einigen Kratzern siegreich aus dem Flammenmeer steigen zu lassen. Widerstand war unprofessionell, unorganisiert und mitunter lächerlich.

Gänzlich absurd ist die Gleichsetzung Ehlents des jüdischen Selbstmordattentates im Film mit dem palästinensischen:
„Aber spätestens mit der Einblendung der Sprengstoffgürtel, mit denen die Basterds als Selbstmordattentäter den Anschlag auf das Kino ausführen wollen, ist der Verweis auf Israel im Film gegeben.“

Hier wird wie in der Kritik des Selbstmordattentates häufig der Fall nicht mehr differenziert zwischen dem Selbstopfer für die Freiheit Anderer und dem Selbstopfer für die Etablierung eines Todeskultes. Das Selbstmordattentat hat Vorläufer in der antiken jüdischen Mythologie als Mittel des Freiheitskampfes und es setzt sich durch die Jahrtausende als militärische Option fort. Im Überlebenskrieg Israels von 1948 gab es jüdische Selbstmordeinheiten, die bewusst in aussichtslosen Situationen kämpften und sich lieber mit Granaten in die Luft sprengten, als sich zu ergeben. Wenn Tarantino ein fiktives Selbstmordkommando auf die gesamte NS-Elite einschließlich Adolf Hitlers ansetzt, so ist das gewiss keine Gleichsetzung mit den arabischen Terroristen, die sich in einem israelischen Bus voller Schulkinder in die Luft sprengen.

 

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Nachtrag:
Erst nach dem Schreiben des Beitrages wurde mir bekannt, dass ein Video einer deutschen Popgruppe diskutiert wird, die für martialistische Bilder mit „antifaschistischer“ Symbolik bekannt ist und nun Bilder aus „Inglorious Basterds“ aufgreift. Meine Kritik am Praxisplacebo Martialismus habe ich an anderem Ort ausformuliert. Das fragliche Video ist furchtbar. Es will offenbar eine Kritik der tatenlosen hedonistischen Generation Smartphone leisten, die vermittelt irgendwie Täter rassistischer Praxis sei. Diese „verwöhnten Krawattenpunks“ wohnen ihrem eigenen Konzert bei und werden dafür verprügelt und skalpiert. Hier geht es gar nicht mehr um Täterbestimmung, sondern um Projektion und stumpfes Ausleben von Sadismus am zugerichteten Stereotyp. Man weiß gar nicht, was diese Menschen getan haben sollen, außer ein wenig nervig und narzisstisch zu sein. Dafür werden sie zugerichtet von solchen, die sich als bessere schon legitimiert haben. Zu Recht kritisiert Justus Wertmüller die Schlussszene als gedankenlose und verstörende Reminiszenz an das Massaker im Bataclan. Lässt Tarantino die Vertreter realer Opfer den obersten Tätern des Naziregimes das antun, was diese Millionenfach ausüben ließen, indem sie Menschen in Synagogen sperrten und bei lebendigem Leib verbrannten oder sie zu Millionen erschossen und vergasten, so ist in dem Musikvideo nur noch ein gefetzter Verweis auf „Rassismus“ Legitimation genug, selbst zum direkten Massaker zu schreiten. Den Opfern im Mittelmeer, die nichts mehr wollen als ein Leben in dem sie sich permanent mit Smartphones in Konzerten ablichten und Luxusgüter konsumieren, sagt und bringt diese kalt angedrehte Wut gar nichts, sie ist schon verschoben auf ein parates Objekt: die Anzugträger, die Sekttrinker, die Schnösel, die Anderen, deren Schuld vor allem ist, dass sie irgendwie auch noch Fan derselben Popgruppe sind, die sie massakrieren will.

Gegen Erinnerungskultur

Gemütlich soll das Gedenken sein: Schülerinnen und Schüler schickt man einmal im Leben in eine Gedenkstätten, damit sie keine Nazis werden. Sie sollen dann in der Woche darauf wieder ihre Tests über die Leiden des jungen Werther und Wahrscheinlichkeitsrechnung absolvieren und nicht etwa traumatisiert, depressiv und überfordert reagieren. Dass sich in solcher Lehrplanmäßigkeit der Aufklärung Abwehr einstellt, ist erwartbar. Das Stelenfeld wird zum Skateboardfahren oder Jonglieren verwendet, manche wagen gar zu lachen, wieder andere tanzten „I will survive“ und auch Pokemons gab es 2016 vor Ort zu fangen. Shahak Shapira nannte das wenig ehrfürchtige Verhalten „Yolocaust“ und hinterlegte Selfies vor den Stelen in Berlin mit Bildern von Leichenbergen und Erschießungsgräben.

Leider fällt er damit nur die Strategie der Abspaltung herein, deren Ausdruck bereits die Schaffung von einigen wenigen Gedenkstätten war, mit denen man sich die Aufklärung in der Fläche ersparen wollte.
Grundsatz jeder Aufklärung ist die Erkenntnis, dass dieses gesamte Land ein Stelenfeld ist. Dazu immerhin haben Stolpersteine beigetragen, die freilich noch nichts über die Dimensionen des Holocaust im Osten verraten. Die offenkundig arisierten Häuser und Wohnungen hinter den Stolpersteinen werden weiter an Studierende vermietet, zu rekordträchtigen Renditen. Am Bahnhof von Marburg liest man die Namen der von Gleis 5 deportierten Juden – ein Anfang, den die glorifizierenden Kriegerdenkmäler im Hinterland konterkarieren. Die Fläche der niedergebrannten Synagoge war lange ein Refugium für Obdachlose und Junkies. Nun hat die Stadt Marburg dort ein schönes Rosenbeet mit Sitzbänken angelegt. Wenn man irgendeinen Jahrmarkt feiert, dann wird die praktischerweise sehr zentral in der Innenstadt gelegene Freifläche auch mal kurz für Schaubuden freigegeben.

Die rituelle Empörung über die angeblich erodierende „Erinnerungskultur“ von Jugendlichen an Gedenkstätten ist nichts als neurotische Verschiebungsleistung. Nie war es besser. Wie viele Familienschnappschüsse wurden vor arisierten Möbeln und Wanduhren gemacht? Detlev Claussen und Henryk M. Broder legten gegen solches ritualisierte und umschlagende Bedenken Protest ein, der mehr denn je gilt. Das falsche Gedenken ist die Grundlage des sekundären Antisemitismus. Typisch dafür ist die kopfschüttelnde Haltung einer jener Deutschen, die von der US-Armee zu den gerade befreiten KZ gezwungen wurden: „Was haben diese Leute wohl verbrochen, dass man ihnen das antun musste.“

Den psychologischen Prozess beschrieben Wolfgang Hegener, Elisabeth Brainin, Vera Ligeti und Samy Teicher als eine Unfähigkeit zu reifer Trauer, als manische Schuldbearbeitung. Es geht eben um Verdrängung, und nicht um „Geschmacklosigkeit“ oder „Takt“. Den Geschmack der Öfen hat Paul Celan als „schwarze Milch der Frühe“ beschrieben. Wie soll man sich dazu angemessen verhalten? Die Fehlleistungen, die fröhlichen Selfies, sind erträglicher als das routinierte, stilbewusste Kopfschütteln und das konsequenzlose Betroffensein. Der Selfie kann „primary naivety“ sein oder auch die durchbrechende Erleichterung, davongekommen zu sein. Sie lachen halt, aber lachen sie wirklich über die Opfer?

Jene, die sich mit gelegentlichen, artigen Schweigeminuten im Bundestag vor dem gesellschaftlichen Bild eines Demozids an massenweise verhungerten, verdursteten, ertrunkenen, verelendeten und vergewaltigten Flüchtenden ablichten lassen, geben vor, was in Deutschland „Umgang mit dem Holocaust“ heißt: harmonistisches Einfügen des angenehm fernen, vergangenen Schreckens in stumpfes Weitermachen. Der Holocaust soll gerade nicht „umgehen“, das Gespenst soll gebannt werden in den Ritualorten. Die Stelen und Schautafeln retten aber keine lebenden Juden vor der Hamas – das erledigen die international verhassten israelischen Checkpoints.

Die Frontlinien des Antisemitismus auf Deutschland und seine Gedenkstätten zu beschränken ist so antiquiert wie verharmlosend. „Antideutsch“ sein, ist nur Flucht vor den wahren Dimensionen. Wenn Aufklärung an Bildern ihren Ausgang nimmt, darf man sie gerade deshalb nicht auf Orte beschränken, sondern sie wäre in Wort und Schrift auch in die arabischen, russischen, südafrikanischen, süd- und nordamerikanischen und britischen Medien zu tragen.

Virtuelle Projekte wie deathcamp.org, das US Holocaust Memorial Museum
und Yad Vashem sind allerdings nicht nur schlecht gestaltet, sie lassen Besuchern alle Wahl, das unangenehme auszusparen, auf Unbekanntes gar nicht erst zu stoßen. So bleiben Filme, darunter Resnais „Nuit et brouillard„, oder Bildbände wie „Der gelbe Stern“ die verlässlichste Quelle des Zorns, der privaten, von sozialer Erwünschtheit oder Lerndruck nicht in Gegenreaktionen gepressten Empathie. Solange die bruchlose Fortführung des genozidalen Projektes der Nazis durch die arabischen Nazis und Islamisten aber ausgespart wird, hilft alle Aufklärung über den Nationalsozialismus erfahrungsgemäß gar nichts. Die Trennung von Geschichte, die man den Jugendlichen vorwirft, hat eine Ursache in der Trennung des Holocausts vom Zeitgeschehen, in der Weigerung, den arabischen Antisemitismus ernst zu nehmen. Die Rede vom Gedenken, von Erinnerungskultur, zielt gleichsam auf diese Trennung ab, man solle Vergangenes nur nicht vergessen. Als wäre man nicht jeden Tag mittendrin.

Das Melzer-Urteil – Crosspost, kommentiert

Die Genossen von Schlamassel-Muc haben sich das Urteil aus einer juristischen Perspektive angesehen und anderen viel Arbeit erspart:

“ Somit kommt es zur paradoxen Situation, dass durch das Urteil eine Einschätzung von Melzers Aussagen als antisemitisch heute gerichtlich gerechtfertigt ist, aber nicht für Knobloch, weil sie ihre Haltung nach Auffassung des Gerichtes sozusagen zu früh geäußert hat.
[…]

Der Prozess ist einer von vielen, die demnächst kommen werden. In der antizionistischen Szene wird seit einiger Zeit die Strategie manifest, Kritikerinnen und Kritiker des Antisemitismus vor Gericht zu zerren. Demnächst wird sich beispielsweise die Oldenburger Stadträtin Sara Rihl (SPD) gegen den BDS-Aktivisten Christoph Glanz durchsetzen müssen, weil sie diesen einen „bekannten Antisemiten“ genannt hat und der auf Unterlassung klagte. Warum die BDS-Bewegung antisemitisch ist, werden im Übrigen Sebastian Mohr und Alex Feuerherdt im Januar auch in München darlegen.

Charlotte Knobloch kündigte gegenüber der SZ bereits an, das Urteil nicht zu akzeptieren. Sie hat gute Chancen, den Prozess letztendlich zu gewinnen. Dass einige antisemitische Aussagen Melzers heute urkundlich sind, hat sie bereits erreicht. Wir wünschen ihr jedenfalls viel Erfolg in der nächsten Instanz.“

http://schlamassel.blogsport.de/2016/12/02/da-kann-man-auch-als-jude-fast-schon-ein-antisemit-werden/

Wer sich spontan ein Bild von Melzers Jargon machen möchte: Abraham Melzer schrieb das Folgende (und löschte mittlerweile den ersten Satz).

„Und wenn dieser unangenehme Zionistenknecht und vermeintliche profunde Kenner der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ sich mal Zeit nehmen würde, in den Spiegel zu schauen, dann könnte er vielleicht eine „Nazifratze“ erkennen, wie sie früher vom „Stürmer“ gebraucht worden ist, um Juden zu diffamieren und zu entrechten. Jeder Jude weiß, was „jüdische Chuzpe“ bedeutet. Wenn Juden da unverschämt werden, wo Nichtjuden sich nicht trauen werden. Aber diese sogenannte „jüdische Chuzpe“ ist nichts im Vergleich zu den Unverschämtheiten, die sich israelische Diplomaten leisten. Nun wissen wir alle, dass Israelis in der Regel ziemlich laut, nervenaufreibend und zuweilen unverschämt sind. Das kommt daher, weil sie glauben, alle Welt schuldet ihnen etwas und sie das Recht haben, es jederzeit zu fordern. Sie glauben moralischer zu sein als alle anderen Völker, weil der Antisemitismus sie dazu berechtigt.“

Jüdische Chuzpe wird nur noch von israelischer Chuzpe (Unverfrorenheit) übertroffen

Nun trägt das Urteil  zu einem weiteren Paradoxon bei. Das vom Gericht inkriminierte Wort „berüchtigt“ meint nichts anderes als negativ bekannt. Melzers antisemitische Äußerungen werden nun in ihrer Serialität und in ihrer Härte bekannt, oder, wie man im Deutschen sagt, er wird dafür nun erst recht „berüchtigt“. Das Gegenteil wäre heute schwer zu widerlegen.
Frau Knobloch ist nicht nur Erfolg zu wünschen, sondern eine breite Solidaritätskampagne. Wo Antisemitismuskritik gerichtlich mundtot gemacht wird, ist die Re-Education gescheitert und die Barbarei wieder hergestellt. Antisemitismusdiagnosen dürfen kein Verhandlungsgegenstand vor Gerichten werden.

Hitler kennen, Netanyahu hassen – der reduzierte Antisemitismus

„Netanyahu twists history in whatever way favours him. So now Hitler is not the bad guy but a Palestinian? Ok grab their land now and kill their children..right? I guess it’s now justified. This is unbelievable and extremely controversial!“ (Dreamzzgirl)

Konfliktanthropologie und Geschichtswissenschaften sind voll von historischen Interpretationen und Landkonflikten. Eine Darstellung des Konfliktes zwischen Tamilen und Shingalesen in Sri Lanka würde die Positionen beider Parteien schildern und dann emotional distanziert die Gewalthandlungen und Frontverläufe bis zum Untergang der LTTE-Flotte durch einen Tsunami nachzeichnen. Von den Massakern in den Chittagong-Hills von Bangladesh haben die meisten nie gehört, die genozidalen Massaker im Zuge der Abtrennung Pakistans von Indien, die noch heute den Kaschmir-Konflikt zu einem potentiell atomaren machen, haben nie besonders emotionale Stellungnahmen zuungunsten einer Partei hervorgebracht.

Es gibt hingegen eine mit Emotionen überladene Position, die absolut deviant ist:  der Ultrazionismus, das bedeutet, ein Zionismus, der über die aktuellen Staatsgrenzen Israels mit unterschiedlichen Begründungen („defensible borders“, archäologische Stätten, religiöse Bestimmung, Rückeroberung nach Vertreibung) hinausstrebt. Wenn sich jemand global hassen lässt, dann der Ultrazionismus, die „rechte“ israelische Position, mit der Netanyahu kooperiert. Wer noch die Solidarität mit Israel unterzeichnet fühlt sich um so mehr dazu aufgefordert, sich dann gründlichst von Netanyahu (dem „Irren“, wie er vielfach bezeichnet wird) zu distanzieren. Abbas‘ Aufforderungen zum Terrorismus segeln unter der Wutschwelle, hingegen eine Rede von Netanyahu entfacht global äußerste Aufregung, und spezifischer: Erregung. Die speist sich dem Vernehmen nach daraus, dass, so der Schluss, Hitler freigesprochen wird, der arabische Islamismus aber als wahrer Täter dargestellt werde. Das sei, so ein Kommentar, „ekelhaft“, andere finden das „entsetzlich“ oder „wirr„.

Vielleicht wäre ein ausgenüchterter Blick angebracht. Netanyahus Rede ist nur noch mit Mühe als Volltext auffindbar im Meer der Kommentarflut. Auffällig ist, dass Netanyahu sich primär mit antisemitischen Lügen über aktuelle israelische Politik zum Tempelberg und der Al-Aqsa-Moschee befasst – von denen aber geschwiegen werden kann, um ihm selbst eine umso größere Lüge zu unterstellen.
Sein Statement teilt sich in zwei Teile auf: Erstens der Befund, dass Hitler die Juden nur vertreiben wollte. Und zweitens, dass Al-Hussein eine „central role“ bei der Entscheidung zur Endlösung gespielt hätte.

Auch wenn sich die Traditionalität des Vernichtungsantisemitismus sowohl als über tausendjähriges deutsches Kulturgut als auch in Hitlers früher Ideologie nachweisen lässt, ist historisches Faktum, dass noch 1940 ernsthaft der Madagaskar-Plan und in einer Erweiterung der Rademacher-Plan zur gewaltsamen Vertreibung und Umsiedelung von Juden von den Nazis erwogen wurde. Ebenso ist klar, dass 1941 dieser Plan als verworfen galt und noch vor der Wannseekonferenz 1942 die schrittweise Eskalation des Vernichtungskrieges in der Sowjetunion längt beschlossen war. Die Entscheidung zur Vernichtung ist im Herbst und spätestens 12. Dezember 1941 gefallen, möglicherweise auch erheblich früher. Vermutlich ist es also falsch, dass Hitler durch Al-Husseini erst überzeugt werden musste. Es ist aber auch nicht vollkommen abwegig, oder „irre“, wie man Netanyahu unterstellt, diesen Zusammenhang zu erstellen und er ist nicht der erste oder einzige, der Dieter Wislicenys (die „rechte Hand Eichmanns“) sinngemäß gleichlautendes Zeugnis über Al-Husseini und die Entscheidung zur Endlösung für glaubhaft hält.

Am 28.11.1941 findet sich das unter Historikern bekannte Dokument des Treffens von Al-Husseini mit Hitler. Al-Husseini hatte zu dem Zeitpunkt längst in Berlin gearbeitet und vermutlich auch einige „Synergien“ mit mittleren Größen des Naziregimes gehabt. 1929 hatte Al-Husseini längst das Grundelement des Vernichtungsantisemitismus, die „Protokolle der Weisen von Zion“ in seine Ideologie integriert und mit den antisemitischen Pogromen in Palästina in politische Praxis umgesetzt. Es entstand demnach mit dem Djihadismus der Muslimbruderschaften und mit Al-Husseini ein Vernichtungsantisemitismus, der vor dem NS und unabhängig davon auf ein „Weltjudentum“, wie es in den „Protokollen“ imaginiert wird, abzielte. Tarach spricht daher auch von den „Protokollen“ als prägendes Dokument des Antisemitismus in der islamischen Welt, während judenfeindliche Passagen im Koran eine untergeordnete Rolle einnehmen. Al-Husseinis Beteiligung an antisemitischen Pogromen und Aufständen (1920, 1921, 1929, 1936-38 im Mandatsgebiet, 1939 im Irak) VOR der Kooperation mit den Nazis kann als gesichert gelten. Ebenso seine proaktive Rolle bei der Kollaboration mit den Nazis, zu der er diese überreden musste.

Während des Holocaust hatte Al-Husseini dann in mindestens einem Fall eine maximalistische Vernichtungspolitik gegen Nazigrößen durchgesetzt.

„1943 verhinderte al-Husseini die Freilassung von 5000 jüdischen Kindern, die auf Initiative des Roten Kreuzes gegen 20.000 gefangene Deutsche ausgetauscht werden sollten. Durch seine persönliche Intervention bei Heinrich Himmler erreichte er, dass die Kinder stattdessen in deutsche Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Der Mufti drängte immer wieder auf den strikten Vollzug des Völkermordes an den Juden, unter anderem, indem er Ribbentrop gegenüber die Wichtigkeit der „Lösung des Weltjudenproblems“ beschwor.“ (ZS Wikipedia)

Nach 1945 war Al-Husseini Mastermind des islamistischen Antisemitismus. Hassan Al-Banna, ein Vater des modernen Islamismus, sagt 1946: „Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin el-Husseini wird den Kampf fortsetzen.“

Somit sind alle Teilelemente von Netanyahus Statement wahr: Es gab die Vertreibungs-/Umsiedlungspläne, es gab einen ideologischen Vernichtungsantisemitismus im Islamismus vor der Etablierung des NS, Al-Husseini hat nachgewiesenermaßen gegen einen Austauschplan der Nazis eine proaktive genozidale Wirkung mindestens auf die Tötung von 5000 jüdischen Kindern ausgeübt, und nach 1945 blieb er und seine „Schule“ die größte Bedrohung für Israel, weil sie die Fortsetzung des genozidalen Projektes der Nazis vorantrieben, das bis heute erfolgreich als palästinensischer „Widerstand“ maskiert wird, sich politisch hegemonial formiert in Hamas, PLO, IJ und unverblümt Terrorismus und Antisemitismus propagiert und praktiziert.

Mag die Reduktion, das Zusammenziehen der Elemente des arabisch-islamischen Antisemitismus auf einen Schlüsselakt ungesichert oder sogar fälschend sein, so ist es doch weder völlig unmöglich (der genaue Zeitpunkt der Entschließung zum Genozid ist umstritten und fällt durchaus in die frühe Al-Husseini-Episode des NS) noch völlig unwahrscheinlich.

Die Empörung der antisemitischen Medien aus der islamischen Welt war erwartbar, sie wurden von Netanyahus Kritik an ihrem Lügengebäude am tiefsten getroffen, sie mussten am stärksten abwehren, Netanyahu als „Lügner“ hinstellen. Selbst der Spiegel aber schreibt ganz unverblümt:

Benjamin Netanyahu ist für seine drastische Rhetorik bekannt – doch nun hat er sich in eine Reihe mit Geschichtsrevisionisten und Holocaust-Leugnern gestellt.“

In der ganzen Empörung maskiert sich ein verschleiertes Bedürfnis nach Hitler als Täter: „Hitler war’s“. Wenn in dieser Logik die hypothetische, umstrittene oder widerlegte „Eingabe“ Husseinis Hitler vom Genozid an den Juden freispricht, dann spricht die „Eingabe“ Hitlers die übrigen Deutschen von der Mittäterschaft frei.
Als hätte Netanyahu Hitler von dem, was er verursachte („burn them“) geschwiegen, als würde er freisprechen. Netanyahu schiebt daher nach: „Er ist verantwortlich für die „Endlösung“, er hat die Entscheidung getroffen. Aber es ist absurd zu ignorieren, dass Mufti Haj Amin al-Husseini dabei eine Rolle gespielt hat.“

Aber weil Netanyahu Netanyahu ist, weil er tendenziell ein Ultrazionist ist, der die jüdischen Städte im Westjordanland eher als annektiert betrachtet denn als Verhandlungsmasse, weil er ansonsten sehr viel Wahres und Wohlformuliertes zum antiisraelischen Antisemitismus verlautbart, sieht man ihn hier in einer Reihe mit „Holocaust-Leugnern“. Man hat erfolgreich aus Netanyahu, der aktuell „der Jude“ für nicht wenige Teile der Presse ist, einen Nazi gemacht, man hat sich dadurch das Recht erworben, sich vor ihm zu „ekeln“, ihn für „wirr“ oder „irr“ zu erklären. Und das ist Täter-Opfer-Umkehr. Der Spiegel steigert in dieser Umkehr schwelgend Messerangriffe mit Netanyahus Rede, an der noch keiner gestorben ist:

„Bei dem Gespräch im Kanzleramt dürfte die angespannte Lage in Israel und den palästinensischen Gebieten im Mittelpunkt stehen. Seit Wochen gehen Palästinenser mit Messern auf Juden in Israel und dem Westjordanland los. Bei den Angriffen wurden bislang acht Israelis und 25 arabische Attentäter getötet.

Die Konfliktparteien heizen die Stimmung mit gegenseitigen Vorhaltungen an und machen einander für die Eskalation verantwortlich. Netanyahus Äußerungen zum Holocaust sind der vorläufige Tiefpunkt.“

Dass Netanyahu als Jude überhaupt selbstbewusst gegen den Antisemitismus auftritt, gar etwas von ihm fordert, was er nicht erträgt, nämlich historische Wahrheit, das kann man ihm dann bedingungslos und emotional aufgeputscht nachtragen, sobald er eine einzige Reduktion vorträgt. Seine Kritik an 10 Lügen wird zensiert, sobald man ihn einer eigenen „Lüge“ überführt zu haben glaubt, die eigentlich schon eine halbe Wahrheit ist. Für die meisten, die diese halbe Wahrheit nun „wirr“ oder „irr“ oder „eklig“ finden, war Netanyahu auch schon vorher „der Jude“, einer, der sich irrational gegen den übermächtigen Antisemitismus stellt, und dabei, das schlimmste: ein fehlbarer Mensch bleibt, der in einer widersprüchlichen, extrem überlebensfeindlichen Realität Kompromisse verantworten muss, die anderen Staatschefs, insbesondere Abbas, erspart bleiben oder nachgesehen werden.

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Nachtrag:
Es wird suggeriert, Netanyahu hätte den inkriminierten Satz in propagandistischer Absicht gesagt, um die „antiarabische Stimmung“ zu fördern. Wer die Vorgänge in Israel (Messerattacken, Waffenkäufe) verfolgt, weiß, dass Netanyahu sich aktuell um die antiarabische Stimmung kaum Sorgen machen müsste. Jedenfalls nur dahingehend, dass er als Staatsoberhaupt eines demokratischen Staates sowohl antiarabische Ausschreitungen und Übergriffe wie auch die Messerattacken eindämmen muss, während Abbas von beidem profitiert und sich nicht verantworten muss.
Von der Instrumentalisierungsthese hängt auch die Stimmung gegen Netanyahu ab. Da er sein Argument unmittelbar danach widerrufen und differenziert hat, bleibt kein anderer Grund zur Aufregung als eben hinter der Aussage einen machtrationalen, bösartigen Plan zu vermuten und nicht einfach einen widerrufenen Ausrutscher.

Ein positiver Fallout ist, dass noch nie so viel und so intensiv über den Mufti von Jerusalem, Al-Husseini, berichtet wurde. Was in den meisten Konfliktanalysen peinlichst verschwiegen oder umgangen oder verharmlost wurde, wird nun als öffentliches Faktum aufgebaut, hinter das zurück zu fallen einige Anstrengungen kosten könnte.

Ein anderer Kommentar:
„The Prime Minister has erred in his understanding of the timing of Hitler’s decision-making but he is right about Husseini’s disastrous impact on Palestinian political culture. I hope that the discussion his comments have generated will draw more attention to the now abundant scholarship on Husseini’s role in collaborating with the Nazis in their failed efforts to murder the Jews of North African and the Middle East during World War II. We need more public discussion about the atrocious legacy he left behind that has been playing itself out, yet again, in the knife attacks on the streets of Israel’s cities. That legacy of a political culture that venerates violence and anti-Semitism is a huge barrier to successful diplomacy and resolution of the old conflict. “ (Jeffrey Herf, ME Forum)

Täter Israel – Die Opferumkehr bei Moshe Zuckermann

Das eigentliche Rätsel von Moshe Zuckermanns Texten ist nicht, warum er sie schreibt, sondern warum renommierte Zeitungen sich befleißigt sehen, sie zu drucken.  Zuckermann insistiert in seinem jüngsten Beitrag „Kommt nach Israel?“ in der taz auf einer Täter-Opferumkehr, die charakteristisch für den Antisemitismus nach und wegen Auschwitz ist.

Anlass ist das öffentliche Angebot Netanjahus an die Juden in Europa, nach Israel auszuwandern. Hinter diesem Angebot versteckt sich, diplomatisch geschickt, die Mahnung an die Europäer, die Konsequenz ihrer ideologischen Kollaboration mit dem Antisemitismus oder zumindest ihrer Agonie zu reflektieren: Ein Europa ohne Juden.

Unter dem Getrommel von antizionistischen Organisationen und den ganz normalen Europäern kam es in den letzten Jahren zu einem exorbitanten Anstieg an antisemitischen Angriffen. Juden aus Schweden ziehen schon seit Jahren die Konsequenz aus der Melange aus sozialdemokratischem, islamistischen und neonazistischem Antisemitismus, der ihnen ein Leben in Schweden beispielsweise verleidet. Nicht erst seit Netanjahus Rede stellen Juden aus Frankreich die größte Einwanderungsgruppe nach Israel dar, 4500 in 2014. 29% der europäischen Juden erwägen die Auswanderung, 76% sehen den Antisemitismus ansteigen, 1/3 fühlt sich nicht sicher. (Jerusalem Post)

Für Zuckermann sind das alles Wahlkampfparolen Netanjahus. Er sieht das Hauptproblem in der jüdischen Flucht in „ihr „Heim““, er setzt die Anführungsstriche bewusst, und fügt hinzu, dass diese Flucht “ den Tod unzähliger palästinensischer Kinder und Frauen verursacht hat und […] auch 70 Israelis ums Leben kamen“

Er imaginiert „unzählige“ Opfer des Gaza-Krieges, wo etwa 2100 Todesopfer auf palästinensischer Seite zu verzeichnen sind, davon ein Gutteil Djihadisten. Dass er diesen Krieg dann noch der Flucht von Juden nach Israel in die Schuhe schiebt, ist böswillig.

Die Projektion von Schuld und das manische Hochgefühl über diesen Ablass gehen häufig zusammen: Zuckermann freut sich vor allem, einen Widerspruch aufgefunden zu haben in Netanjahus Rede. Zum einen sei Israel sicherer als Europa – zum Anderen aber bedroht in seiner Existenz durch den islamischen Antisemitismus. Man darf Zuckermann gleichermaßen einen Widerspruch aufzuzeigen. Er behauptet:

Israel ist in seiner Existenz durch keines seiner Nachbarländer bedroht, auch nicht durch den Iran und schon gar nicht durch die Palästinenser. Jedes Land der Region, das Israel in seiner Existenz zu bedrohen trachtete, würde (aus bekannten Gründen) unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben.

Israel ist also gar nicht bedroht. Wie also kommt Zuckermann dann zu folgendem Befund?

Nicht zuletzt wegen der von Netanjahu und seinesgleichen betriebenen Politik ist das Leben von Juden schon seit Jahrzehnten gerade in Israel wie nirgendwo sonst gefährdet.“

Für Netanjahu und die Juden Europas ist dieser Widerspruch real existent und sie müssen eine Abwägung vollziehen: Wollen sie in einem Staat leben, den der Westen allem Anschein nach ohne zu Zögern dem Iran als Beute überlassen wird? Oder wollen sie in Europa in der ständigen Angst vor Übergriffen, Schmähbriefen, Hetzreden und Morddrohungen leben? Im ersten Fall können sie sich in Israel selbstbewusst organisieren, vorbereiten und wehren gegen Angriffe und ihren Alltag als Juden (religiös oder nicht) leben. In Europa ist ihre Sicherheit hingegen Spielball der Willkür der Lokalpolitik, auf den Willen der Polizei und auf die erfahrungsgemäß marginale Fachkompetenz von Judikative und Legislative ausgeliefert. Und so mancher, der eine Synagoge als Kulturgut beschützt, wird hinterher die Vernichtung Israels fordern oder zumindest den Vertretern jüdischer Organisationen abnötigen, sich von der Politik Israels zu distanzieren.

Für Zuckermann ist das alles nebensächlich, er ignoriert den realen Widerspruch aus einem anderen Grund: Ihm geht es um die Täter-Opfer-Umkehr. An allem soll Netanjahu schuld sein. Die Politiker Dänemarks und Frankreichs fantasiert er als „indigniert“ in ihrer Reaktion auf „Benjamin Netanjahus fremdbestimmte Ideologisierung des Unglücks in ihrem Land“.

Zuckermanns ganze Sprache ist eine der Verharmlosung und Verschiebung. Der djihadistische Terrorangriff auf Juden, der größte der jüngeren Zeit, wird ihm im Zitat oben zum abstrakten „Unglück“. Die Opfer verschwimmen, es sind nicht einmal mehr Juden, sondern die europäischen Nationen:  „in ihrem [sic!] Land“. Kritik daran wird als „fremdbestimmt“ bezeichnet, eine Vokabel, die gerade in diesem Zusammenhang dem Wörterbuch des Unmenschen entsprungen scheint.

Zuckermanns Hass auf den Zionismus reicht so tief, dass er das demagogische Bündnis mit den Antisemiten Europas nicht einmal im Geringsten zu vermeiden trachtet:

Israel strebt den für eine solche Lebensrealität unabdingbaren Frieden nicht an, weil es diesen Frieden nicht will.

Oder auch:

Die Möglichkeit, das Sicherheitsproblem mit einem realen Frieden zu lösen, ist von der israelischen Politik nie ernsthaft erwogen worden.

Israel erklärt Zuckermann zum Schuldigen für Djihadismus und Terror, die weit vor die Gründung des israelischen Staates zurückreichen. Mehr noch: den globalen Antisemitismus halte der Zionismus „am Leben„.

Und gerade weil er dies Ideologische immer wieder zum Faktor der Selbstvergewisserung erhob, mithin „Beweise“ zur Rechtfertigung des von ihm begangenen historischen Wegs suchte, musste er den Antisemitismus gleichsam als ideologischen Odem seiner Existenzberechtigung stets am Leben halten.“ 

Und noch einmal, weil Zuckermann keinesfalls missverstanden werden will (und weil Wiederholung das Rezept des Demagogen ist):

Israel hat den Antisemitismus nie bekämpft, auch nie bekämpfen wollen, sondern vielmehr zum Argument erhoben, ja war nachgerade immer schon daran interessiert, dass es ihn gebe, um eben mit dem Angebot der historischen Alternative für die Juden, dem Zionismus, aufwarten zu können.

Zuckermann wähnt den Antisemitismus mal nicht existent, mal ist er gleichsam nützlicher Idiot der Zionisten und wo er doch als „grassierend“ sich aufdrängt, fragt er sich sofort, wie es um den „Kausalzusammenhang bestellt ist zwischen dem in der Welt grassierenden Antisemitismus und der von Israel praktizierten völkerrechtswidrigen Okkupationspolitik.

Dieses Oszillieren zwischen Verharmlosung und Schuldzuweisung macht Zuckermann systematisch, und darin folgt er im ganzen Duktus dem revisionistischen, antisemitischen Diskurs in Europa.

Zu diesem Zweck ist auch das Schoah-Andenken von Anbeginn ideologisch instrumentalisiert und die „Sicherheitsfrage“ – ungeachtet ihrer realen Dimension – zum nationalen Fetisch erhoben worden.

Der Demagoge Zuckermann weiß sich im Herzen seiner antisemitischen Leserschaft, wenn er ihnen die jüdische Stimme der Kritik anbietet, Kritik am Apostrophieren jeglicher Kritik an Israel, besonders wenn sie aus Europa kommt, als antisemitisch„.

Netanjahu wird ihm zum idealen Zerrbild eines Juden, mehr noch, „des Juden“ als Personalisierung aller Juden, wie ihn der Antisemit imaginiert. „Fremdbestimmend“ über die indignierten, (sprich: angeekelten) Nationen Europas, instrumentell, rational und kalt, rücksichtslos, mithin der Feind aller Völker:

Nun, dass der israelische Premier um des Machterhalts willen auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, ist bekannt. Selbst die bilateralen Beziehungen mit den USA ist er mit Affronts gegen deren Präsidenten aufs Spiel zu setzen bereit.

Weil der Leser stets rationale Motive hinter der blutgebadeten Dialektik der Geschichte vermutet, gilt als Surrogat der zumindest in westlichen Intellektuellenkreisen doch etwas altbackenen jüdischen Weltverschwörung immer irgendein Wahlkampf in Israel zur Erklärung. Kriege, Kritik und Krisen – was Netanjahu auch umtreibt, er inszeniert all das offenbar lediglich, weil er sich seinem Wähler verpflichtet fühlt. Dass Juden in Europa keine nennenswerte Wählerschicht bilden, der sich Politik auch widmen müsste, die sich durch Wahlen legitimieren muss, das kann über solcher Empörung vertuscht werden, in der sich zumal allzuoft noch ein zutiefst antisemitisches, dem 19. Jahrhundert entsprungenes Unbehagen über das Wahlrecht von emanzipierten Juden sedimentiert hat.

Noch einmal: Zuckermann hat mit solcher Propaganda vor allem die Täter-Opfer-Umkehr im Sinn. Israel, der Zionismus und als deren Personalisierung, Netanjahu werden zu Tätern und Profiteuren des Antisemitismus ernannt. Dass es dem Medium, der taz, durchaus ernst damit ist, beweist sie durch einen anderen jüdischen Antizionisten, Micha Brumlik, der sich zu einem Gesetz von Netanjahus Regierung äußert, nach dem der jüdische Staat auch offiziell als solcher definiert wird – unter expliziter Betonung der gleichen Rechte für alle Einwohner. Brumlik schließt seine Kritik an diesem Gesetz in „Was ist der Staat Israel“ mit den hämischen Worten:

„Historisch Interessierte werden an das Römische Reich denken, an den vom Historiker Flavius Josephus geschilderten „Jüdischen Krieg“, der schließlich – der selbstmörderischen Politik der Zeloten wegen – in die Zerstörung des Tempels und das Ende jeder jüdischer Staatlichkeit mündete.

Auch hier erfolgt wieder die Täter-Opfer-Umkehr: Schuld an der Zerstörung der letzten Reste jüdischer Souveränität sind wiederum „selbstmörderische“ Juden, jene zumal, die es wagten, im Angesicht der für die massenhaften Kreuzigungen von Juden gerodeten Wälder noch Widerstand gegen den genozidalen Furor der Römer leisteten.

Veranstaltungshinweis: „Der „Islamische Staat“, Syrien und der kurdische Widerstand.“

Podiumsdiskussion im Peter-Weiss-Haus, Rostock, am 05. März 2015, 19.00
Referenten: Thomas von der Osten-Sacken, Danyal und Felix Riedel, im Rahmen des PolDo.

Mehr Informationen:
https://freundeskreisdialektik.wordpress.com/2015/02/11/der-islamische-staat-syrien-und-der-kurdische-widerstand/