Vincent will Meer und die Anorexie

Zwangsneurose, Tourette-Syndrom und Anorexie werden in „Vincent will Meer“ zusammengeführt. Der  unterstellte Anspruch, nicht in Publikumsbelustigung zu verfallen schlägt fehl. Im zahlreichen Publikum flackert zu oft und an zu programmierten Stellen ungutes Gelächter auf. Das Beängstigende an allen Krankheiten rückt ins Behagliche, kein Bruch lässt etwas zu nahe kommen, alles ist berechenbar oder irgendwie niedlich. Der Zwangsneurotiker ist erstaunlich kompromissbereit – was echte Zwangsneurotiker und das Leiden derer, die von ihren Neurosen wie etwa der Waschzwang terrorisiert werden verharmlost. Der Tourettiker kommt so jungdynamisch daher, dass man mit ihm über ihn lachen darf – die Gewalt, die ein heftiges Tourette-Syndrom hat, bleibt unbesprochen im berechtigten Versuch, Akzeptanz für ein mildes Tourette-Syndrom einzuwerben. Mir begegnete einmal im Zug ein vollständig verwahrloster Mann, der von einem schrecklichen Zwang getrieben stets den gleichen, nur gering variierten Fluch vor sich hinbrüllen zu müssen – ohne Pause und stundenlang. Ein Film über einen solchen Menschen wäre ein Melodram und ein solches ist außerhalb Afrikas allenfalls für die Sparte der pseudointellektuellen Dramen vorgesehen.

Am glaubhaftesten und interessantesten kreist der Film um die Figur der Anorektikerin. Hier leistet der Film Aufklärungsarbeit an einem sehr entscheidenden Punkt: Die Protagonistin lehnt das Essen ab nicht weil ihr jemand wie in der Modebranche befiehlt zu hungern, sondern im Gegenteil: Weil ihr jemand befiehlt zu essen.

Lookism-AktivistInnen finden in Plakatwerbungen eine Quelle für Anorexie und machen so aus den Leidenden passive, von patriarchalen Blick-Regimes gelenkte Objekte, die man vor der Manipulation schützen müsse. „Vincent will Meer“ lenkt den Blick auf die hochnarzisstischen Aspekte, denen eine Magersucht folgen kann. Der Ekel, den die Filmfigur vor dem Essen hat, wird zu einem vor der körperlichen Abhängigkeit der „Anderen“ erklärt, die „das Essen so in sich hineinstopfen“. Die Kontrollen des Pflegers und der Heimleiterin erregen nur zwangsläufig Trotz. Wahnhafte Autonomie wird mit Selbstverletzung erkauft.

Und noch ein zweiter Aspekt ist möglich – im Verzicht auf das Essen wird narzisstische Libido erhalten. Wer auf die Verlockungen der mit kulinarischen Köstlichkeiten mehr denn je gesegneten westlichen Welt mit Ablehnung reagiert, muss eine andere, innere Quelle für diese Lust haben. Dass man von Luft und Liebe leben könne ist nicht nur ein Sprichwort – die Anorektikerin im Film scheint Selbstliebe nur behaupten zu können, indem sie vorgibt, sich selbst genug zu sein und somit in sich selbst einen adäquaten Ersatz für das Essen gefunden zu haben. Der Ekel vor sich selbst kann dann als einer auf das Essen und „die Anderen“, die die Einzigartigkeit in Frage stellen, artikuliert werden. Fatalerweise führt dieser Komplex dann auch in den Kollaps und die tödlichste der Krankheiten bleibt auch im Film ungeheilt. Während Vincent seine Wunschprojektion auf das Meer, ein Fremdes und im Film zugleich die Mutter repräsentierendes, richtet, bricht die Anorektikerin beim Anblick desselben zusammen. Die Liebe der Anderen ist kein Heilmittel, solange nicht der Narzissmus einen anderen Weg zur Selbsterhaltung gefunden hat als über den eigenen Körper und in Akzeptanz der eigenen Verwundbarkeit und Sterblichkeit. Die verleugnete Suizidalität auf Raten sucht im Film Komplizen – was allein der expressive Zwangsneurotiker erkennen kann, der seinen Narzissmus vollständig an der Außenwelt ausagiert und nicht gnostisch nach innen richtet. Ihm wiederum wirft die Anorektikerin vor, „nichts zu sein“ ohne seine überkontrollierte Außenwelt.

Im antipsychiatrischen Gestus spekuliert die Geschichte auf die heilsame Kraft eines Ausbruchs. Diejenigen, die darunter leiden müssen, werden zu verschrobenen Figuren verkitscht, denen es halt an Anpassungsfähigkeit mangelt. Dass es dem Tankwart überhaupt keinen Spaß macht, überfallen zu werden und somit seinen Arbeitsalltag auf lange Sicht von zusätzlichen Stressoren begleitet sehen muss, ist ihm in seinem ungastliches Äußeren aberkannt. Das Publikum soll mit dem Extralegalen als prozessual Erlaubtem im Liminalen sympathisieren dürfen, das ist das Gesetz eines jeden Roadmovies von den drogenschmuggelnden Easy-Riders über die RäuberInnen Bonny & Clyde und Thelma & Louise bis hin zu Baise moi. Da die angedeutete Heilung zweier Charaktere am Ende des Filmes stattfindet, wird das Leiden der Bystanders als notwendiges Übel oder schlimmer noch als gerechtes Exempel definiert, das Strafe ist für die generelle Inkompetenz der Gesellschaft im Umgang mit psycho-affinen Störungen. Die Geschichte braucht die Schrulle des asexuellen Tankwartes, der nur durch politischen Druck eingeschüchtert werden kann, mehr als ihr bewusst ist. Nur so kann sie den Übertritt angemessen inszenieren, den das Publikum sich mehr wünscht als echte Zwangsneurotiker und Tourettiker. Leiden wird subversiv und zugleich Krankheit relativ. Eine solche pubertäre Subversivität ist eine Unterstellung für langjährige Leidende. Dennoch, und darin ist der Film wiederum gut: Die Adoleszenzkrise wird als eigene Dimension hinter den Symptomen verhandelt. Heilung bedeutet für den Tourettiker primär Autonomie von der Diktatur des Vaters und das Trennen des Syndroms von den damit assoziierten Komplexen der Umwelt. Somit folgt der Film als gegen die Verhaltenstherapie gerichteter implizit dem psychoanalytischen Paradigma: Eigene und fremde Anteile am Leiden zu trennen und somit die fremdverursachten Probleme und gesellschaftlichen Konfliktebenen besser konfrontieren zu können.

Früheres zu Anorexie:

Pro-Ana: Eine Erweckungsbewegung?

Die Abwehr des Genießens in der H&M-Werbung und der Hartz IV-Debatte.

Hero unalyzed

Als ich Hero das erste Mal im Kino sah, war ich begeistert, entrückt und zugleich sehr skeptisch: Das Ende begünstigt durchaus eine faschistoide Interpretation. Der mit dem Absolutismus durchgesetzte Zentralstaat solle „Allen unter dem Himmel“ zu Gute kommen? Die Massenästhetik knüpft an die faschistischen und stalinistischen Staats-Inszenierungen an. Dann sah ich den Film erneut und diesmal mit einem anschließenden Vortrag eines Psychoanalytikers, der in China lehrt und zugleich sehr auf die kulturell bedingte Differenz von Interpretationsmöglichkeiten bedacht war. Die unter dem Vorzeichens eines „Wir Europäer, Kinder der Aufklärung“ geleistete Interpretation allerdings klang mir zu transkribierend – der Namenlose als Ich-Erzähler sei Hülle der aufgespalteten Erzählvarianten, erfahre einen klassischen ödipalen Konflikt mit dem König-Vater. Das Ganze sei mehr oder weniger ein Bewältigungsdrama eines Waisenjungen, der seine Aggressionen kontrollieren lerne. Das ist natürlich eine grobe Verkürzung der interessanten Thesen des ehrenwerten Analytikers.

Ich assoziierte damit eine unzulässige Art und Weise, therapeutische, auf Diagnostik eines im Film als Patienten ausgemachten Charakters bedachte Psychoanalyse an Filme heranzutragen. Und nicht einmal die ist konsequent: Für die Interpretation des Königs als Symbol-Kind mit infantilen Verschwörungs- und Verlustängsten spricht viel, ebenso für seine mütterlichen oder väterlichen Attribute. Triangulierung wäre ebenso ein zentrales Thema für den Namenlosen wie der ödipale Tochter-Mutter-Konflikt zwischen Weiter Himmel und Fliegender Schnee oder der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt zwischen den Liebenden Zerbrochenes Schwert und Fliegender Schnee. Filmanalyse kann nicht eine der Charaktere im Film sein. Das Objekt der Filmanalyse ist ein kompliziertes Geflecht aus Regisseur, Drehbuchautoren, SchauspielerInnen, gesellschaftlichen Zuständen und vor allem: dem Publikum. Was im Subjekt passiert, wenn es den Film sieht, steht zur Debatte – was ein Idealsubjekt im Film an Pathologien oder Mustern aufweist ist nur in Bezug auf die ausgelösten Assoziationen und die Rückbindung an das Gefühlsleben des Publikums  relevant. Das filmisch erfolgreiche Idealsubjekt ist vollgeladen mit Ambivalenzen – um überhaupt bei einer Masse von Individuen kontroverse Gefühle und Identifikationsmechanismen auszulösen. So kann eine Filmgeschichte wie Star Wars von der therapeutischen Analyse nur wiederholt werden– zu offenbar ist der Vater-Sohn Konflikt, als dass sich eine Analyse noch lohnen würde, die nur Oberflächensymptome abtastet. Erst die feinen Ambivalenzen und Nuancen, die in und neben den Charakteren aufleuchten, machen diese interessant, das Weggelassene, Zensierte und dessen rätselhafte Wirkung auf eine Generation von Fans. Es sind die Brüche im allzu Glatten, die Verleugnung und Verfremdung der filmischen Traumarbeit, die tatsächlich Aufschluss geben könnten über ein Verborgenes.

Verborgenes wohnt den gegen Sprache versprödeten Gefühlen von traumhaften Expressionismen inne. Der Anblick eines in „Hero“ inszenierten Pfeilhagels über den stoisch weiterarbeitenden KalligraphInnen löst zumindest in mir etwas aus, das sich kaum fassen lässt und erst in dieser Sprachlosigkeit und somatischen Reaktion auf visualisierte Objektwelten wird Psychoanalsye interessant. Todesverachtung, Autoaggression, Hingabe, Aufgabe, Objektbesetzung, Angstlust, Masochismus, Narzissmus, Edelmut, Liebe – all das sind verarmte Begriffe, die jeweils nur eine Facette des Brillianten ausmachen, der da geschliffen wurde und das Weglassen nur einer der Facetten verändert dessen „Feuer“. Wie wäre eine Psychoanalyse der Farben, die in „Hero“ so sinnlich verteilt werden zu leisten ohne die Voraussetzung, dass solche Farbwüsten an eine Erfahrung anbinden, die ein ästhetisches Befremden auslöst? Während die Monochromie Ränder und Formen verschwimmen lässt macht sie in der kolorierten Omnipräsenz umso deutlicher, dass etwas fehlt, übermalt und geleugnet wurde. Sie verspricht im Überangebot der einen Farbe die Präsenz aller Farben und ist damit mehr Schwarz-Weiß-Film als Farbfilm. Die elegischen chinesischen Harfen schaffen ein akustisches Environment, das an Erzählgewalt den Stummfilm aufleben lässt. Noch unmöglicher erscheint es mir, jene haptische, fast olfaktorische Taktilität zu erfassen, die das Wasser in Hero allein durch seine Präsenz und in der Zeitlupe erfährt. Alleine eine religiöse Huldigung des Elementes selbst, eine Hommage an das Wasser, wäre als Umschreibung angemessen – arrogant wäre es, das Wasser hier zum Symbol für etwas, etwa einer mütterlichen Sexualität zu reduzieren. Jene quecksilbrige, schwermütige Stofflichkeit, das metallische dingliche Schwappen in der Zeitlupe würde dem Gefühlsraum entzogen. Das Fliegen der Kampfkunst als kindische Größenphantasie zu fassen wäre selbst kindisch – so hat man sich schon immun gemacht gegen den Traum, den sich der asiatische Film gegen den politischen Realismus zu sein traut. Gerade hier wird nicht der Kitsch der Reproduktion des realen Lebens geleistet, nicht Werbung für das jeweils Aktuelle oder politisch dringliche angedreht, sondern Trauerarbeit geleistet und damit tiefer reflektiert als durch eine Feierabend-Dokumentation über Zustände in Wanderarbeiterslums. Das Diktat der Information und ihrer bürokratischen Verteilung an die berufsmäßig Interessierten wird in „Hero“ gebrochen durch die absolute Dominanz einer Symbolwelt, die jeden über das Vorfindliche zu informieren vorgibt. Die Absage an den Realismus, die „Hero“ leistet, eröffnet nicht eine Utopie oder Handlungsanweisungen, sondern Bilder der Vergangenheit, die immer schon gefärbte sind, vom Urteil gefälschte Erfahrungen.

Es mag kein revolutionärer Kern darin stecken, keine großartige System-Kritik und die maoistische Regierung mag darin ob zu Recht oder Unrecht einen Kotau vor ihrem eigenen Wahn erkennen und den Film in Schulbücher einführen. Missverstandene Werke und Filme gab es zu häufig, um sich auf diese Vereinnahmung einzuschießen – von Nietzsche bis Adorno wurden Philosophen und Künstler beschlagnahmt, ohne dass das eine Rechtfertigung wäre, sich nicht mit ihnen auseinander zu setzen.

„Hero“ insistiert bei allen reaktionären Angeboten darauf, Geschichte als diskursiv zu begreifen, als unterschiedlich kolorierte Wahrnehmungen von Ereignissen, die immer schon unwahr sind und am unendlichen, im Mysterium verbleibenden Leiden der Individuen Verrat üben. Das schließt das Goutieren der Einheitsgeschichte der Maoisten aus. Und zu deutlich feiert der Film das Individuum in all seiner Fehlerhaftigkeit, die durch die zur Schau getragene Perfektion nur unterstrichen wird. Mit den AttentäterInnen identifiziert sich das Publikum, nicht mit den schwarzen Massen, an denen allein Unheimliches, Sado-Masochistisches sich verdichtet. Der Einzelne kann in „Hero“ die Geschichte verändern, straff organisierte Massen hinwegfegen, die nutzlos gegenüber dem Willen und der Kampfkunst eines Einzelnen bleiben und erschlafft zu Boden fallen. Dass zwei Individuen einen Platz stürmen, der vor lauter Militär nicht zu erblicken ist – das ist eine posthume Wunschprojektion, die das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens umkehrt. Nicht die Gewalt ist es im Film, die entscheidet, sondern die Einsicht und der Plan. Geist, freie Willensentscheidung und zuletzt: freie Information von Individuum zu Individuum, wie in dem Schriftzeichen, das Zerbrochenes Schwert dem Namenlosen widmet, triumphieren über Propaganda und Gewaltherrschaft. Die Kalligraphie-Schule als chinesisches subversives Internetcafé zu interpretieren, strapaziert die Analyse, liegt aber durchaus im Bereich der möglichen Assoziationen und – sicherlich unbeabsichtigten – subversiven Effekte. Die Lüge des zwanzigsten Schriftzeichens für Schwert ist einer kritischen Lektüre offensichtlich – „Alle unter dem Himmel“ bedeutet in der Welt des fetischistischen Staatsapparates die Opferung des Einzelnen zugunsten einer amorphen, wenig utopischen Masse, nicht die Bewahrung aller Einzelnen. Der Tod des Helden ist nicht die Synthese – die Lücke zwischen den Pfeilen, die die Umrisse seines Körpers bilden, ist eine Leerstelle, die nicht aufhebbar ist, die auch ein Staatsbegräbnis nicht füllen kann – sie fehlt für immer und „Alle unter dem Himmel“ sind immer schon einer weniger. Innerhalb der Filmphilosophie wäre Protest von den Intelligenteren zu erheben, dass „Alle unter dem Himmel“ eine Grenze individueller Revolution gegen den Fetischismus aufzeigt, der von Einzelnen nicht durchbrochen werden kann. Der Wille aller zum Frieden um jeden Preis ist es im Film, der das Entsetzliche, die Zurichtung der Individuen zu einem schwarzen Mob, möglich macht und so Frieden zur Friedhofsruhe werden lässt. Frieden um jeden Preis ist auch die aggressive Seite, die Zerbrochenes Schwert so hinterhältig Fliegender Schnee aufzwingt: Seine gnostische Hinwendung zum inneren Exil will der ritualisierten Gewalt entkommen – und wird autoaggressiv. Der Ruf nach Frieden durch Einheit gegen den Nationalismus mag verfangen – kaum jedoch die bewusstlosen und farblosen Armeen und ihr unterm Isolationstrauma leidender Herrscher. Die vom Regisseur organisierte Show zur Olympiade war Propaganda – „Hero“ ist nur unter Zensur der genannten Elemente auf dieselbe zu reduzieren.

Al-Shahaab nimmt Piratenhochburg ein

Das Hafenstädtchen Haradheere, bislang eine Piratenhochburg, wurde nun von der Hizbul Islam, einer mit den Al-Shahaab-Milizen konkurrierenden Al-Quaida-nahen Gruppierung eingenommen. Vorher sah es laut Wall-Street-Journal dort so aus:

The residents of Haradheere enjoy a far more permissive lifestyle than those in militant-controlled parts of the country. Men and women can be seen walking together in the streets, or chatting in black mirrored cars bought with pirate ransoms. Women aren’t required to cover their heads as they do in other parts of Somalia, and beer and whiskey—taboo in other places—flow freely. Men can gather to chew qat, the popular narcotic, without fear of censure.

Man ist nun überrascht, zu hören, dass Hizbul Islam regelrecht in die Stadt gebeten wurde. Sie waren immer noch das kleinere Übel:

Al Shabaab overran a nearby town last week, unnerving the pirates. The Haradheere pirates had long paid taxes on their ransoms to al Shabaab to keep the group at bay. But last week, pirates in Haradheere said they would no longer pay those taxes, prompting a standoff between the two groups. […] Some admit they pay about 15% of their takings to militants to allow them to operate in peace, but most have no interest in aligning themselves further with the fighters.

[…]

On Sunday, members of the group Hizbul Islam, driving pickups mounted with heavy guns, moved into the town of Haradheere. As the militants arrived, the pirates fled, piling into Toyota Camrys and Land Cruisers to escape potential clashes.

„We have to leave this town—those who behead people meaninglessly have arrived,“ said Farah Ganey, a Haradheere pirate, in a telephone interview.

Es erscheint mir immer noch völlig unbegreiflich, wie total sich eine Öffentlichkeit zu nennende Mehrheit im Westen gegen solche Vorgänge derart immunisiert. Jemand, der bei einem Einbruch oder Kindesmisshandlung 110 wählen würde, um den nächsten Polizist mit Dienstwaffe herbeizurufen murmelt dann angesichts derartig menschenverachtendem Racket-Unwesens etwas von „mehr Entwicklungshilfe“ und Fehlern der Vergangenheit. Die versprengten AU-Truppen können derweil froh sein, wenn sie überhaupt noch auf einen Abflug hoffen dürfen. Fast ganz Mogadishu wird wieder von den Islamisten kontrolliert. Eine Entsatzung dürfte wieder einmal der zweifelhaften äthiopischen Armee überlassen bleiben.

Rezension: „Medizin zum Aufmalen III – Neue Homöopathie für Tiere“

Von Petra Neumayer und Roswitha Stark, publiziert bei Mankau Verlag, 2010. 166 Seiten, 12,95 Euro.

„Die Beispiele in diesem Buch sollen ihnen aufzeigen: Alles ist möglich!“ (Neumayer/Stark S. 32)

Wo Romantizismen akkumuliert werden kann eine kritische Zeitgenossin getrost den blankesten, gefährlichsten Unfug vermuten. Die „Neue Homöopathie für Tiere“ ist das vorerst reinste Exemplar verdichteter Kitschgewalt, das mir je begegnete. Hund, Katzenjunges, Pferd und Papageien äugeln treu vom Titelbild. Eine Vignette verspricht: Geliebte Tiere ganzheitlich heilen – ungeliebte Tierchen sanft umsiedeln.

Ganzheitlich, das Wort war immer schon die schärfste Lüge. Aus der Ambivalenz der modernen Medizin speist sich der verständliche Wunsch nach einem anderen – die kränkenden Aspekte aber sind es,  die sogenannte „alternative Therapien“ auf den Plan rufen. Der Tod, die Fehler, die Entmündigung – all das versprechen sie aufzuheben. Spontanheilung reiht sich an Spontanheilung. Die Methoden sind Derivate von Größenphantasien, die alles versprechen wo man bisher nichts konnte. „Neue Homöopathie für Tiere“ will letztlich die gesamte Homöopathie von einem belastendem Vorwurf befreien, sie sei „nur“ ein Placebo. Tiere, so Neumayer/Stark, würden nicht an ein Heilsystem glauben können und würden dennoch geheilt werden – der Beweis, dass da etwas physikalisch-energetisches stattfinde, von dem die desinformierte Naturwissenschaft schlichtweg noch nichts gehört habe, das aber deren Produkt sei, denn man beruft sich stets auf einen Professor der Physiologie oder der Elektrotechnik, um die krude Phantasie zu verkaufen.

Dabei ist die vorgestellte Methode im strengen Sinne keine Homöopathie, sondern ein Versatzstück der postmodernen Informationsesoterik die dieser schon innewohnt. Hier wird nicht hochpotenziert, sondern gleich mit Segen und Flüchen, geschriebenen Symbolen auf Papier, gezaubert.

Zunächst wird der Tierhalterin alle Macht in die Hand gegeben. Mithilfe eines Pendels oder einer Wünschelrute wird sie ausgiebig angehalten, Befindlichkeiten des Tieres „bis in den feinststofflichen Bereich“ auszuloten. Dabei werden Fragen nach „Ja“ und „Nein“ beantwortet. Eine so komplizierte Diagnose wie „Feline Fibroadenomatose“ schließt sich selbstverständlich aus, so etwas haben Tiere nicht. Bei ihnen ist in aller Regel etwas „nicht in Ordnung“ (ja/nein) mit dem „Futter“, „Medikamenten“, „Impfungen“, „Elektrosmogbelastung“. Allein in dieser Aufzählung auf Seite 33 kommt das ganz und gar nicht unterschwellige Ressentiment gegen die Universitätsmedizin zum Zuge. Es geht der „alternativen Medizin“ nicht so sehr um ihre eigene Methode – sie ist vielmehr eine Travestie, auffahrender Spott gegen die Beleidigung, man müsse zunächst einmal etwas kompliziertes erlernen, Leichen sezieren, Bakterien auszählen und notfalls vergiften, um zu heilen. Ein Mensch soll mystisch die Heilkunst erschauen können, ohne jede Anstrengung. Lehrgänge, ja die gibt es, aber sie sollen noch für jeden zu bewältigen sein. Alles andere wäre eine Zumutung, eine tödliche Kränkung. So kommt es, dass Impfungen im Buch als „Völkermord im dritten Jahrtausend“ bezeichnet werden (S. 62). Die allmächtigen Eltern werden ihre Kinder schon vor so kläglichen Gestalten wie Tetanuserregern schützen können – mit einem Pendel, Zettel und Stift, allerdings nur im Notfall, denn meistens reicht es ja schon, wenn das Bett von einer Wasserader gerückt oder eine Fernheilerin konsultiert wird. Alles eine Frage der „Energieinformationen“, der mediale Fluxkompensator der Esoterik. Wurmkuren werden durch ihn sowohl gänzlich ersetzt als auch ihre „schädlichen Schwingungen“ „ausgeleitet“ (S. 66). Schädlinge wie Blattläuse oder Reiher am Gartenteich kann man durch aufgemalte und wieder aufgelöste Symbole vertreiben. (127ff) Und ganz besonders gut lässt sich das Pendeln an Zeckenbissen an:

Fallbeispiel: Zecke erinnert an verstorbenen Bruder.

Ich spürte einen Stich in meinem Bauch. Als ich nachschaute, bemerkte ich: Eine Zecke lief hier herum, sie hatte sich noch nicht festgesaugt. Am Tag darauf zeigte sich ein roter Ring, was ein Anzeichen für Borreliose sein kann. Ich versuchte, nicht in Angst zu geraten, und fragte: „Hast du mir etwas zu sagen?“ – Ja! Ich sollte das Wort „Zecke“ und ein Ursachenthema auf einen roten Zettel schreiben. Über den Psychomeridian fand ich heraus, dass das Thema einige Jahre vor meiner Geburt entstanden war: Zwei meiner Brüder waren gestorben, ich hatte sie nie kennen gelernt. Das trieb mir die Tränen in die Augen und ich ging mental mit meinen Brüdern in Kontakt und würdigte sie, so wie ich es noch nie getan hatte, ich hatte sie einfach vergessen. Auf dem Zettel für die Wasserübertragung stand „Zecke“ und darunter „Brüder“ mit „2-Strich-Sinus“. Schon nach der ersten Wassereinnahme verschwand der rote Ring für immer. (Roswitha Stark in Neumayer/Stark, S. 131)

Man muss sich ob der geballten Kraft der Psychomeridiane nur „bewusst […] machen, was los ist“ (S. 67). Eine psychosomatische Gesprächstherapie wird auf geniale Weise ebenso überflüssig wie jede medikamentöse Behandlung, denn: „Denken sie daran: Ihr Bewusstsein ist der Chef und genau dasjenige kommt in Gang, das sie sich vorstellen.“

Die Therapie ist ob eines solchen Versprechens Makulatur, solches infantile Glück macht noch den letzten Schwachsinn glaubhaft: Man könne Symbole aus der Elektrotechnik auf sogenannte Körpermeridiane malen, Dreiecke auf Papier zeichnen und kurz auf den Futternapf oder sonstige Problemzonen legen, notfalls reiche es auch aus, Akkupunkturpunkte zu „beklopfen“ (S. 86). Alles geht und nichts schadet – mit einer vorgegaukelten 100%-igen Erfolgschance, denn den Rat, im schlimmsten Fall doch zu VeterinärInnen zu gehen sucht man ebenso vergeblich wie man bei herkömmlichen HeilpraktikerInnen eine Empfehlung zum Impfschutz bekommt.

In ihrer Ritualmagie knüpft die „Neue Homöopathie für Tiere“ direkt an magische Praktiken an, wie sie sich im Verzehren von Koranversen auf Papier in Westafrika oder dem Besprechen von Nahrungsmitteln im Tischgebet in aller Welt finden. Sie ist in ihrem gesamten Eklektizismus, in ihrer kruden Wendung von naturwissenschaftlichem Jargon zum mystizistischen Spuk, ihrer Feindschaft gegen die Universitätsmedizin und ihrem offenen Größenwahn ein Wiedergänger der Romantik. Als schlechter Witz kann sie kaum abgetan werden. „Fernreiki für Bartagamen“ mag amüsant klingen, wird aber zum Leidwesen von Tieren und Menschen ebenso entschlossen praktiziert, wie die „Neue Homöopathie für Tiere“ Anklang finden wird. Der negative Befund lautet daher: Das Buch wird sich zu einem Standardwerk für die ganzheitliche Behandlung von Tieren entwickeln.

Israel im Kopfkino

Petro Markaris erklärt in der taz vom 3./4./5. April die Finanzkrise Griechenlands. Dabei fühlt er sich berufen, eine griechische Reaktion auf deutsche Ressentiments folgendermaßen zu vergleichen:

„Es ist auch naiv, die Empörung der Griechen über solche Aussagen damit abzutun, dass man diese Empörung auf Traumata aus der deutschen Besatzungszeit zurückführt. Das ist ungefährt wie das Argument der Israelis, jeder, der die israelische Politik kritisiere, sei ein Antisemit.“

Egal, was diese vorherigen „Aussagen“ benannten: Hier wird ein klassischer Fall von Kopfkino und vorauseilender Verleugnung nach Freud durchgeführt. Unterstellt wird, dass jeder Israeli Kritik an „israelischer Politik“ als Antisemitismus abtue. Anscheinend war der Autor noch nie in Israel oder hat sich mit dem Judentum befasst, sonst würde er das dort bekannte Sprichwort kennen: „Zwei Juden, drei Meinungen.“

Bei ihm lässt sich das umkehren dahingehend, dass sein Antisemitismus die monolithische Imago „Israelis“ als dogmatische Instanz identifiziert und dieser Instanz ein Urteil über die eigene Meinung zuordnet, das der Verlautbarung vorausfolgt. Somit trifft er auch gar keine Fehlaussage über die Richtigkeit dieses Urteils, sondern verrät ein unbewusstes Wissen um seinen eigenen Antisemitismus, der in der Verleugnung dem Geständniszwang folgt. Noch bevor er also seine Kritik an Israel in einem Artikel über die griechische Ökonomie einzuflechten vermag, zwingt ihn sein schlechtes Gewissen zum Geständnis: Das was er gesagt hätte, wäre Antisemitismus gewesen. Die von Forumsnutzern so häufig ähnlich gelesene Einleitung, die auf die Beschwerde hinausläuft, dass man seinen Antisemitismus nicht mehr sagen dürfe, sonst werde man gleich als Antisemit beschimpft, offenbart die tiefe Kränkung, die die Kritik des Antisemitismus erreicht hat.

Terra preta – humoses Glücksversprechen

Dass die Wertschöpfung auf zwei Achsen ruht, wusste Marx sehr gut. Nicht nur die Arbeitskraft des Menschen, auch die drastische Vernutzung von natürlichen Rohstoffen wird im „Kapital“ benannt. Manche vermeintliche Ökorevolution, die sich als Langzeitsicherung des Verwertungsprozesses anbiederte, entpuppte sich im Nachhinein als Verschlechterung. Palmöl beispielsweise wurde unter anderem von den Grünen als nachwachsender Rohstoff auf die Agenda gesetzt und massiv subventioniert – mit dem Ergebnis der Verwüstung indonesischer Wälder für Palmölplantagen. Den zurückbleibenden Orang Utans bleibt nicht anderes als die Palmensprosse abzuknabbern – wofür sie von den Plantagenarbeitern gefangen, getötet und verkauft werden.

Nun soll eine Wiederentdeckung – Terra Preta genannt – die Welt retten. Terra Preta soll gigantische Erträge ohne Dünger liefern und nachwachsen. Terra Preta ist im Prinzip ein oridinärer Humus, der mit Holzkohle angereichert wird. Dass prähistorische Siedlungen solche Böden produzierten ist eigentlich eine recht simple Schlußfolgerung, deren empirischer Nachweis kaum anstrengend gewesen sein dürfte. Man jubelte über solche Böden am Amazonas, unterschlug aber, dass der Brandrodungswanderfeldbau im Prinzip nichts anderes bedeutet, als Holzkohle in den Boden einzubringen. Hinzu kommen Flussniederungen, an denen auch im Amazonas reichlich Humus angeschwemmt wird, der mit der überaus verbreiteten Technik der Fäkalienzugabe längerfristig haltbar gemacht wurde. Dass sich hier noch Knöllchenbakterien ansiedeln, die Stickstoff aus der Luft binden und Pilzmyzele kräftig arbeiten ermöglicht wie überall das Anwachsen einer Humusschicht, sofern Erosion unterbunden wird. Aus dem gleichen Grund wird Leguminosenanbau und Gründüngung noch in der konservativsten Bauernzeitschrift propagiert. Eine „geniale“ Entdeckung ist das Ganze nicht – lediglich die Zugabe von Holzkohle und die in weiten Teilen bereits vorher erfolgte Erforschung ihrer Funktion als Puffer und Speicher für Nährsalze ist bedingt innovativ.

Die Avantgarde solcher Entdeckungen sind stets KleingärtnerInnen. Die vergruben schon immer Hochmoortorf im Garten, um ihr grünes Paradies mit Azaleen und – man ist im Geiste immer der Krise verpflichteter Selbstversorger –  Blaubeeren zu bestaunen. Im nahegelegenen abgetorften Moor starben dafür Sonnentau, Wollgras und arktische Moosjungfer aus. Nun kommt Terra Preta in Mode und man fragt sich als Skeptiker: Woher wird diese Holzkohle kommen?  98% der in Deutschland verbrauchten Holzkohle wird importiert – aus Argentinien, Paraguay, Polen und tropischen Ländern. Natürlich wird das begeisterte avantgardistische KleingärtnerInnentum nicht aus dem verbuschenden Trockenrasen von nebenan kratzige Schlehen schlagen und im Garten verkohlen. Die Gartenbank ist aus Tropenholz, Regale und Fensterrahmen ohnehin. Wieso nicht auch die Gartenerde? Ein neues Auto zu kaufen und Holzkohle im Garten zu vergraben ist attraktiver als einen Wald zu pflanzen, den man niemals zu Gesicht bekommt. Die Entwaldung ganzer Landstriche hat allerdings einen stärkeren Einfluss auf lokale Wasserhaushalte als jeder Klimawandel.

Im Tschad ist die Verwendung von Holzkohle bereits offiziell verboten. In Ghana ist Holzkohle wie in den meisten afrikanischen Ländern der dominierende Energieträger. Ein mannshoher Sack davon kostet 4 Euro und reicht einer kleinen Familie etwa einen Monat, vielleicht zwei. Weite Teile Nordghanas sind durch – weitgehend ineffiziente – Verkohlung und Jagdfeuer zu Buschland degeneriert, das tropische Grün im Süden besteht bei näherem Hinsehen aus nur etwas üppigerem Buschland und Sekundärwald – der in der nebenstehenden Grafik leider etwas undifferenziert ebenso gelb gezeichnet wird wie die Monokulturen, Plantagen, Äcker und Steppen. Holzeinschlag in die verbleibenden geschützten Wälder findet hier unter schwerer Bewaffnung statt, Sklaverei und extreme Ausbeutung sind in solchen kriminellen Unternehmungen  wie bei der Fischpiraterie die Regel. Die Elfenbeinküste verfügt nur noch über 2% Primärwald, 99% der Schimpansenpopulation sind verschwunden. Und durch das Zusammenspiel von Marktwirtschaft und korrupten Eliten wird die entwaldete Fläche nicht etwa in Terrassen oder irgend fruchtbaren Ackerboden umgewandelt. Die Vernutzung von entwaldetem Land schreitet sehr viel schneller voran als im gemäßigten Klima. Das sind Probleme, die weitaus konkretere, berechenbarere Ursachen und Folgen haben als ein moderner Dämon wie Klimaschwankungen.

Israel  ist übrigens Vorreiter in der Trockenwald-Forstwirtschaft – am Rande der Negevwüste breitet sich neuerdings der trockenste Wald der Welt aus.

Missing Link between witchcraft-notions and anti-Semitism

Auf Ghanaweb.com wurden die Siedlungen für Hexenjagdflüchtlinge zur Diskussion gestellt. Unter den Kommentaren findet sich dann in diesem dankenswerterweise unzensierten Medium der obige Kommentar. Das ist die offenste Übernahme von antisemitischem Repertoire in Hexereivorstellungen, die mir bislang begegnet ist. Da mittlerweile die Siedlungen bekannt gemacht wurden, um auf die Probleme der Frauen aufmerksam zu machen, stellen solche Randgruppen eine nicht zu vernachlässigende Bedrohung für die knapp 4000 Hexenjagdflüchtlinge dar, die sich in Nordghana in den sieben von mir besuchten Schutzhaftsiedlungen mit Mühe und Not über Wasser halten.

Ghanaweb.com published an article about the settlements for witch-hunt victims. The comment above was postet and can be read thanks to the uncensored board. It is the most open adaption of anti-Semite aggression to witchcraft notions that I ever met. Due to the publication of the settlements locations for public knowledge about the issue these aggressive minorities could pose a threat for the 4000 victims of witch-hunts who already bear utmost hardship in the seven settlements for witch-hunt victims in northern Ghana.

Der Vorwurf der Feigheit ist ein Atavismus im modernen Kampfgeschehen

Drei Soldaten aus Deutschland sind im Zuge des antifaschistischen Militäreinsatzes der NATO in Afghanistan bei einer Attacke der Taliban getötet worden. „Hinterhältig“ (Merkel) und „feige“ (Steinmeier) wurde der Angriff auf die Truppen genannt. Diese Rethorik zeugt davon, dass vom Wesen des Krieges gegen den Terrorismus ebenso wenig begriffen wurde wie von der Struktur des Guerillakrieges im Allgemeinen. Wer Luftschläge anordnet und mit ferngesteuerten Drohnen ausgespähte Treffen von Talibanführern bombardiert, sollte nicht ernsthaft auf rührige Begriffe wie den der Feigheit seine Kritik bauen. Die Rede von der Feigheit versucht, eine Praxis des Mutes oder Heldentums zu etablieren, in der ein einzelner Mensch sich seinen Ängsten verweigert und letztlich im Zuge eines narzisstisch aufgebauten Ideals von Mut oder Heroismus sein Leben riskiert oder opfert. Feigheit und Vernunft, Kühnheit und Tollkühnheit sind Begriffspaare, die sich in der klassischen Literatur verschwisterten. Der Guerillakrieg verabschiedete sich gänzlich von Schlachthierarchien und -ordnungen – er setzte anstelle der herkömmlichen Kriegsgesetze moralische, politische Gesetze, deren Durchsetzung jedes militärische Mittel erlaube.  Hit and run war letztlich die einzige Möglichkeit, gegen eine etablierte Armee Erfolge zu erzielen. Diese Kriegsform ist hochgradig ökonomisiert: Der einzelne Krieger soll ein Maximum an militärischem Erfolg erzielen können. Gerade um das zu erreichen, wird er nicht wie in der modernen Armee als ersetzbares Material – als Soldat – verschwendet, sondern aufgewertet zum Krieger. Die Modernisierung des Guerillakrieges erfolgte stets unter dem Vorzeichen einer Retraditionalisierung des Krieges. Der Guerillakrieg ist eine synthetische Form aus modernsten Instrumenten und archaischsten Institutionen wie dem individuellen Kriegertum. Letztlich haben alle Armeen dieses Prinzip teilweise inkorporiert und in Elitetruppen und Luftwaffe professionalisiert.

Von Feigheit zu reden, heißt, die wirklich verabscheuenswürdigen Momente der Ideologie der Taliban zu verschweigen. Krieg und die darin zur Anwendung kommenden Strategien werden wie bei den Pazifisten als absolute Kategorie betrachtet. Krieg wird als Form abgelehnt und der Inhalt des spezifischen Verhältnisses nicht mehr analysiert.  Man kann es als feige betrachten, wenn eine Drohne aus dem Hinterhalt eine Riege von Talibanführern tötet. Dass so der Krieg verkürzt wird und Menschenleben geschont werden ist ein Grund, dennoch diesen Angriff zu befürworten und eine solche Taktik weiter zu professionalisieren – und sich letztlich zur Feigheit als möglicher Form der Vernunft zu bekennen. Und auf der anderen Seite: Wären die NATO-Soldaten tatsächlich mit der Absicht nach Afghanistan gekommen, alle Muslime zu töten, wie das die Propaganda der Islamisten bisweilen behauptet, so wäre es überaus legitim und antifaschistisch von den Taliban, einen Angriff wie den jüngsten durchzuführen. Die Parteispitzen Deutschlands haben in ihrer jüngsten Verurteilung der Mittel der Kriegsführung einen Fauxpas begangen – sie verurteilten eine konkrete Kriegstaktik, die NATO-Truppen im Prinzip selbst anwenden. Sie haben es dadurch versäumt, auf die wahnhafte Ideologie zu verweisen, die Leben nur als Krieg gegen Ungläubige und Frauen denken kann. Letztlich knüpfen sie an eine ungute deutsche ideologische Tradition an, dass der seinem Wesen nach unbesiegbare deutsche Soldat nämlich nur durch Verrat oder Hinterhalt besiegt werden könne. „Feigheit“ zu unterstellen bedeutet letztlich zuzugeben, dass man die Soldaten dort auf einen „fairen“ Kampf, eine Art Fußballturnier mit Schiedrichtern und nicht auf einen Guerillakrieg mit entsprechenden Methoden und zu erwartenden Todesfällen vorbereitet hat. Dieser eklatante Mangel an Ernsthaftigkeit gefährdet das Leben von jungen Menschen, die viel lieber Karten spielen und Bier trinken würden, als in Afghanistan trotz aller mitgeschleppten Bewaffnung Todesangst durchzustehen.

Is there anybody out there?

Vielleicht kann ich mir ja dann mal diese komische Diskrepanz aus diesem jüngsten Peak von 1100 Besuchern an einem Tag, den darauffolgenden Abfall unter ein Normalniveau von 80 pro Tag und die totale Sprachlosigkeit der allermeisten Besucher irgend analytisch erschließen und Konsequenzen ziehen.  Nicht, dass ich nicht vor allem für mich selbst schreiben würde. Aber dieses Prediger-in-der-Wüste-Charisma ist mir etwas unheimlich.