Liberaler Klimaschutz



„Als eine weitere Maßnahme gegen den Klimawandel sollte Deutschland regelmäßig Regenwald-Stücke in Lateinamerika, Afrika oder Asien kaufen und schützen. Wir geben hierzulande allein rund 28 Milliarden für die Förderung der erneuerbaren Energien aus. Dem Klima bringt dies jedoch nichts. Schon für einen Bruchteil dieser Summe könnte man eine große Menge Regenwald erwerben – ein sehr einfaches Rezept, mit dem Deutschland einen globalen Beitrag gegen den Klimawandel leisten könnte.“


Das fordert die FDP auf ihrer Website zum Klimaschutz unter dem Motto „global statt national handeln„.

So unverschämt muss man erst einmal sein. Als der FDP-Mann Dirk Niebel sich anschickte, im subsaharischen Afrika Entwicklung voranzutreiben, entstand ein von Europa kontrolliertes und finanziertes Grenzregime, das die Freizügigkeit innerhalb Afrikas drastisch einschränkt und Flüchtlinge bereits in Eritrea am fliehen hindert. (s. Jakob/Schlindwein: Diktatoren als Türsteher Europas)
Der Karthoum-Prozess versprach das Blaue vom Himmel, belebte aber vor allem die kolonialen Grenzen wieder. Nun droht Lindner damit, Afrika ein vergleichbares Wirtschaftswunder verpassen: Afrika werde „mit unserer Hilfe zum Kontinent des blauen Wachstums ohne Ressourcenverbrauch werden.“ (dpa)

Wie Afrika das „blaue Wachstum“ schaffen soll, zu dem Deutschland nicht im Geringsten in der Lage ist, darüber schweigt sich Lindner natürlich aus. Daher denken wir das einmal durch: Wenn die FDP Regenwald „retten“ will, und dafür 28 Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung hat, ist folgendes Szenario erwartbar: An staatliche oder private Landeigner wird Geld zum Kauf von Regenwald überwiesen. Daran stoßen sich dann ganz bestimmte Parteien und Regierungen gesund, die Land, das mit einiger Sicherheit ohnehin bereits Schutzstatus hält, noch einmal an Deutschland „verkaufen“. Damit das von den ursprünglichen Landbesitzern wie Kleinbauern oder Indigenen „bedrohte“ Land dann nicht zufällig doch ausgebeutet wird, muss es von diesen Regierungen geschützt werden – der Schutz des Eigentums ist schließlich die wichtigste Staatsaufgabe im liberalen Weltbild. Daher fallen dann Kosten für den „Schutz“ an. Das Personal braucht effektive Rüstung aus Deutschland: Nachtsichtgeräte, Zielfernrohre, Schlagstöcke, Helme, Infrarotgerät, Hubschrauber, zufällig alles Dinge, die für die Grenzsicherung und zur Abwehr von Fluchtbewegungen, aber auch für die Niederschlagung von Streiks gebraucht werden. Schließlich gefährden auch Streiks das Wirtschaftswachstum und dazu hat FDP-Chef Lindner eine ganz eigene Meinung:


„Nur mit Investitionen in anderen Teilen der Welt lasse sich dasKlima effektiv schützen, erklärte Lindner. Eine Perspektive ohne Wachstum sehe er dagegen nicht. Wachstum liege in der Natur des Menschen. „Wachstum und damit den Gestaltungswillen zu strangulieren wäre antihumanistisch.“

https://www.welt.de/politik/deutschland/article181229064/Lindners-Klimaschutz-Vorschlag-Kein-Kolonialismus-Deutschland-sollte-Regenwald-in-Asien-kaufen.html

Denken wir das Ganze weiter, wird Deutschland also anstatt seine Braunkohle und Steinkohle und seinen Ressourcenverbrauch einzuschränken einfach immer mehr Regenwald kaufen. Eine Spitzenidee mit nur wenigen rechtlichen Problemen, die aber zum einen den Marktpreis für Regenwald rasch in die Höhe treiben wird, zum Anderen Privatpersonen und Unternehmen in ihrem Wachstum einschränkt, die bislang an der Abholzung des Regenwaldes profitiert haben. Also Bauern, die aus Südamerika Soja beziehen, Eigenheimbesitzer, die ihre Terrassen mit Tropenholz beplanken, Autobauer, die seltene Metalle aus dem Regenwald brauchen, Autofahrer, die mittels Marktpreis zumindest indirekt auf die Förderung von Öl aus Nigeria und Venezuela angewiesen sind. Schließlich entscheidet sich Deutschland im Angesicht der Krise, mit „seinem“ Regenwald eben doch so zu verfahren, wie es der Markt will: ihn auszubeuten.

2018 schlägt die FDP also vor, den Regenwald zu kaufen. Um 1988 herum kaufte ich zwei Micky-Maus-Hefte, um 20 m² Regenwald zu besitzen. Die Besitzurkunden sind irgendwann im Müll gelandet – vermutlich ebenso wie die 20m² Regenwald. Habe ich für 50 Pfennig 20 m² Regenwald gekauft? Oder für damals etwa fünf Mark zwei Micky-Maus-Hefte? Die Suche zu „Micky-Maus Regenwald“ oder „Mickey Mouse Rainforest“ ergibt nichts Brauchbares. Spulen wir noch einmal zwanzig Jahre vor:
2008 stand zur Debatte, ob Deutschland Ecuador entschädigt für Ölförderung im Regenwald. Wer das Ganze torpedierte, war ein FDP-Mann: Dirk Niebel. Genauer: Die gesamte FDP-Fraktion stellte sich quer mit dem Argument: „Präzedenzwirkung im Hinblick auf Kompensationsforderungen der erdölproduzierenden Länder in den Klimaverhandlungen.“

Kurz: Man befürchtete, dass andere Länder nun Geld fordern, dafür, dass sie auf Erdölförderung verzichten. Was motivierte die FDP weitere zehn Jahre später zu einem kompletten Umschwenken? Intern müssen große Schlachten geschlagen worden sein. Oder aber, es gab gar kein Umdenken und der Vorschlag dient ausschließlich dazu, die Abkehr von Braunkohle und Steinkohle zu sabotieren mit einer Schimäre, wie es eigentlich anders gehen könnte. Wenn es jedoch zusätzlich zum Kohleausstieg anders gehen soll, wird man mit Sicherheit nicht auf die Stimmen der FDP rechnen können.
Die FDP Münsterland verbreitet derweil Fake-News, wie in der liberalen „Profi“-Szene üblich:

„Im Ausschuss outeten sich SPD und Grüne: Sie wollen den Fleischkonsum drastisch reduzieren – das ist eine Politik vorbei am Verbraucher. Und klimaschädlich ist das auch. Denn in Brasilien wird der Anbau von Nahrungspflanzen u.a. auf Waldflächen verdrängt.“




Kinder, Klima, Klassenkampf

Verena Brunschweiger bringt den Antinatalismus, also die Philosophie, dass Existenz Leiden ist und der Mensch mit Kindern Leid erzeugt, auf deutsches Niveau: Sie kombiniert ihn mit Nützlichkeitsdenken und implizitem Rassismus.

Wenn Kinder an der Klimakatastrophe schuld sind und nicht die Erwachsenen, die sie hervorbringen, dann ist logisch, dass jene am meisten Schuld tragen, die viele Kinder bekommen. Brunschweiger hält zwar noch inne und benennt den Unterschied zwischen Kindern in Afrika und Kindern in Deutschland. Aber kinderreich sind auch in Deutschland vor allem die unteren Schichten und Minderheiten.
Also nicht die tendenziell kinderlosen AkademikerInnen, die mehrheitlich irrelevanten Unsinn zusammenforschen anstatt zur Aufklärung beizutragen. Auch nicht die tendenziell kinderlosen ManagerInnen, die den Raubbau an Natur organisieren und mit Spenden an reaktionäre Parteien für die ideologische Begleitung des Raubbaus sorgen. Auch nicht die RentnerInnen, die alleine auf 200 Quadratmetern leben und ihr Lebtag Parteien gewählt haben, die jede Anstrengung hin zu einer vernünftigen Gesellschaft in konservativem Sumpf erstickten. Und auch nicht die Lehrerinnen und Lehrer, die als bedeutende Mittelstandsschicht in größerem Ausmaß verantwortlich ist für ökologisch tote und überdimensionierte Neubaugebiete.

Die kinderreichen Familien würden sich, so Brunschweiger, die Kinder von Kinderlosen „finanzieren lassen“, als wäre es nicht umgekehrt. Menschen ohne Kinder würden bei der Stellenvergabe disrkiminiert – offenbar hat sie sich noch nie an einer Universität oder in der freien Wirtschaft beworben. Auch ansonsten leidet sie als Kinderlose schwer:

„Vor ein paar Jahren musste ich zum Beispiel aus meiner Wohnung ausziehen, weil die Familie über mir ständig Krach gemacht hat. Die Eltern hatten ihre drei Kinder, die in der Wohnung Fußball spielten und immer herumschrien, einfach nicht im Griff. Insofern möchte ich die Eltern, für die Ihr Kind der größte Schatz ist, der sich alles erlauben kann und schlicht unerzogen ist, einfach mal dazu einladen, sich stärker über ihre Pflichten als Eltern, nämlich einer angemessenen Erziehung, bewusst zu werden, damit am Ende ein sozialverträglicheres Miteinander herauskommt.“

Das ist nicht Feminismus, nicht Solidarität mit Frauen in Reproduktionsarbeit – das ist Verachtung dieser Frauen, zumal solcher, die zu liberaler Erziehung in der Lage sind. Im gleichen Tenor will sie von Fluggesellschaften für Kindergeschrei entschädigt werden.
Brunschweiger fördert mit diesem Ressentiment gegen das laute Kind einen gesellschaftlichen Druck auf Mütter, ihre Kinder mit Smartphones und Süßigkeiten still zu stellen. Das schreiende Kind gilt als Zeichen schlechter Erziehung. Dann wirft sie jenen Kindern vor, verwöhnt zu sein – dabei sind es die Erwachsenen, die Kinder nicht mehr aushalten können.

Brunschweigers zentrale Leistung dürfte sein, kinderlosen Menschen ein gutes Gewissen zu bereiten: Schließlich erzeuge ein Kind im Jahr soviel CO², dass ein Transatlantikflug dagegen Peanuts ist. So kann man aus den Shopping-Malls in New York die Großfamilien verachten und sich zum Klimaschützer erklären.

Bürgerlicher Reformismus trägt ihre Vorstellung, man könne die Gesellschaft rascher gesundschrumpfen als ihren Umbau in eine vernünftige zu gestalten, in der Menschen weder aus Not Kinder bekommen noch Kindern Not aufbürden. Brunschweiger rechnet einfach 42 Millionen Menschen als Überbevölkerung:

„Für Deutschland zum Beispiel wäre eine Bevölkerung von circa 38 Millionen optimal, was die Biokapazität bzw. den ökologischen Fußabdruck betrifft.“

So ein Gesundschrumpfen kann man sich nur vorstellen, wenn man davon ausgeht, dass Abschottung der derweil weiter wachsenden Gesellschaften weiter funktioniert. Selbstverständlich will sie vom Gesundschrumpfen nicht betroffen sein, sondern profitieren: mit 50,000 Euro, die sie wie andere kinderlose Frauen erhalten soll. Soviel zum bürgerlichen Egoismus: Stets geht es um den Gewinn an der Sache. Anstatt Mütter mit Kindern zu unterstützen, sollen also diejenigen ohne Kinder belohnt werden. Das macht aus einem Solidarprinzip ein reaktionäres Bestrafungs- und Belohnungssystem.

Kindergeld ist keine Mutterprämie, sondern geringwertiger Ausgleich für gesellschaftliche Reproduktionsarbeit. Der Staat überlässt prinzipiell die Entscheidung den Einzelnen, stellt auch keine wesentlichen Anreize, leistet aber auf jahrzehntelangen gewerkschaftlichen und feministischen Druck hin einige Ausgleichszahlungen, für die das Kindergeld steht. Das ist ein hochgradig defizitärer, aber gewerkschaftlich vermittelter Vorgang und damit grundverschieden von den Mutterprämien, die Viktor Orban auslobt, um eine rein „ungarische“ Bevölkerung zu mehren.

Brunschweigers Volte gegen die klimaschädlichen Kinder kommt nicht von ungefähr: Seit Wochen streiken Schülerinnen und Schüler gegen die Katastrophe, die ihnen aufgebürdet wird. Dass sie einen Klassenkampf führen, haben die Erwachsenen längst erkannt. Solidaritätsbekundungen bleiben beim betulichen Tätscheln, anstatt sich den Schülerinnen und Schülern zu einem Generalstreik anzuschließen. Hämisch erinnert man sie an die Schulpflicht – als würden AkademikerInnen und LehrerInnen ihre Pflicht erfüllen und den Kindern auf Grundlage besserer Erkenntnis die Arbeit der Reform abnehmen. Ebenso hämisch macht man sie auf den eigenen Konsum aufmerksam – als würden die Erwachsenen etwas an ihrem ändern. Und nicht minder hämisch ist daher Brunschweigers Klage über klimaschädliche Kinder, deren CO²-Ausstoß und ihre schlechte Erziehung. Sie passt in den Klassenkampf von oben, der heute einer der Älteren gegen die Kinder wird.

Quelle: Interview Brunberger im Fokus: https://www.focus.de/familie/kind/keine-kinder-wegen-der-umwelt-jetzt-legt-die-lehrerin-nach-mit-steilen-thesen_id_10421302.html?rnd=a8912c1ed39d9b69db2a646907926737


Oh Broder, where art thou?

Henryk M. Broder hat sich der Form nach als konsequenter Liberaler verhalten, als er vor der AFD sprach. In dem was er dort sagte, hat er sich aber wie längst gewohnt, als neurechter Agitator erwiesen. Gegen das berechnende Kalkül von „Welt“ und „Achgut“, die nun stolz den wahren, vermeintlich missverstandenen und vermeintlich liberalen Text von Broders Rede publizieren, gestehe ich jedem zu, der AFD die Leviten zu lesen und stelle aber fest, dass Broder genau das nicht getan hat. Seine recht harmlose Schelte von ohnehin unbelehrbaren Nazis in der AFD verpackte er in soviel Bestätigung des neurechten Weltbildes, dass die stürmische Umarmung von Alice Weidel nur konsequent war.

Broder liefert im ersten Teil der Rede, „zum Aufwärmen“, ein Projektionsziel, von dem er weiß, dass es dem neurechten Publikum passt, weil sie sich nicht wehren kann: Greta Thunberg. Und das schreibt er:

Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus, noch an Moses oder Mohammed glauben. Dazu hat bereits der britische Schriftsteller Edgar Keith Chesterton, der Erfinder von Pater Brown, das Richtige gesagt: „Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sie glauben allen möglichen Unsinn.“
Der weltweite Hype um eine 16-jährige Schwedin, die sich für eine Wiedergängerin von Jeanne d’Arc hält, hat das in diesen Tagen wieder bewiesen.


Der menschengemachte Klimawandel als Unsinn, das ist nichts Neues auf AchGut. Neu ist, dass man eine Jugendliche braucht, um das eigene ideologische Elend zu projizieren. Broder behauptet, sie halte sich für eine Wiedergängerin von Jeanne d’Arc. Aber nicht sie selbst, sondern AchGut-Autoren wie Thomas Rietzschel bezeichnen Greta Thunberg mit erheblichem Lustgewinn als Jeanne d’Arc und drohen ihr mit dem Scheiterhaufen. Broder reicht das nicht, er möchte ihre Aktivität als „Kindesmissbrauch“ verfolgt sehen:

Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können, wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.

Warum Broder vor der AFD hier eine 16-jährige erst als Gegnerin, dann als Opfer von Kindesmissbrauch inszeniert, ist aus propagandistischer Sicht logisch: Er objektiviert sie zunächst, um ihr für alte Männer und autoritär geprägte Frauen beängstigendes Selbstbewusstsein lächerlich zu machen, und dann die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden.

Natürlich führt der Anblick einer größeren Zahl aktivistischer, für ihre Interessen streikenden Kinder zu reflexhafter Abwehr, die sich in reaktionären Ressentiments artikuliert. Diese SchülerInnen erkennen schließlich den transgenerationalen Klassenkampf, den der Kapitalismus als Raubbau gegen die nachkommenden Generationen führt. Und da die AFD die Einheit von nationalistischer Restauration und kapitalistischer Expansion erzwingen will, ist sie auf die Imagination vermeintlicher fremder und personifizierter Krisenursachen (Geflüchtete) ebenso angewiesen wie auf die ökoromantische Leugnung von Schranken der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Um bei der durchaus sinnigen Rede von Ersatzreligionen zu bleiben: Broders Achse des Guten wie auch die AFD und die ihr verwandte FDP sehen in Natur eine Art ewig gebende Göttin. Der Verweis auf die Endlichkeit und Schwäche und damit Profanität von Natur ist aus dieser Perspektive Gotteslästerung. Die Rede von Jeanne d’Arc und Scheiterhaufen ist damit gar nicht so unernst gemeint, wie es klingt. Die Anhänger der kruden Religion vom krisenfreien Kapitalismus ohne natürliche Schranken, der Nationalstaat und Expansion, autoritären Staat und Liberalismus versöhnt, diese Dogmatiker machen ihr in allen Foren virtuell die Hölle heiß, und auch Achgut lässt es sich nicht nehmen, sie als Kranke, Leidende, Schwache und Manipulierbare zu verhöhnen. Broder gab der AFD mehr, als er ihr nahm: die Bestätigung ihrer Ideologie, bei allfälligem Schimpfen auf extremistische Auswüchse.

Broder hatte seinen Höhenflug in einer Publikation: „Der ewige Antisemit“. Zwanzig Jahre vor dem Aufkommen von prozionistischen Blogs hat er eine tiefe, materialreiche Kritik an antiisraelischer Medienkultur abgeliefert. Bewundernswert waren manche seiner gar nicht so satirischen Reduktionen, mit denen er im deutschen Feullieton zu glänzen vermochte. Dass sich seine Ideen seit Längerem mit neurechten Ideologen überschneiden, ist mitnichten ein Anbiedern, wie es fälschlich unterstellt wird, es ist auch nicht Identifikation mit dem Aggressor, es ist einfach Verfall in eitlen Altherren-Gestus, ins Bescheidwissertum.


N-Wörter

Während eines Vortrags über Rassismus in Leipzig meldete sich eine Frau mit dunkler Hautfarbe und beschwert sich, dass ich das N-Wort so häufig verwenden würde. Ich solle das doch nicht tun, es würde ihr so wehtun.
Obwohl ich diesen Moment gut vorbereitet glaubte, versagen mir die Instrumente, die ich mir bereit gelegt zu haben glaubte. Ich erwiderte etwas forsch, dass es mir leidtue, ich zitierte eben und im Zitat hielte ich es für notwendig, die gewaltförmige Sprache nicht zu glossieren. Acht anwesende Menschen mit dunkler Hautfarbe verließen aus Protest geschlossen den Saal, gefolgt von einigen Weißen. Das betrachte ich auch als mein Scheitern, weil es nicht oder nicht nur kalkulierte Eskalation war. Da ich vorab vor „Störungen“ gewarnt wurde, habe ich den Modus der Abwehr im Nachhinein zu früh beschritten.

Eine angemessene Strategie wäre gewesen, die Person ernster zu nehmen und sie aufzufordern, darüber zu sprechen: etwa wie häufig ihr das Wort pejorativ im Alltag begegnet oder was sie selbst vorschlägt um mit Zitaten umzugehen. Und ihr dann zu versichern, dass ich das Wort nicht verwende, um sie zu ärgern, sondern um ein Publikum in ihrem Sinne gegen dessen künftige Verwendung im Alltag zu impfen.
Eine andere, konfrontative, Strategie wäre die Gegenfrage gewesen, warum ihr die Verwendung des Wortes „Neger“ im Zitat mehr Schmerzen bereitet als die davor erfolgte Darstellung der Ermordung und Versklavung von Millionen Menschen aus Afrika im Zuge der Sklaverei.

Sicher aber wäre es hilfreich gewesen, meine eigenen Regeln, nach denen ich das Wort verwende, ausführlicher zu erläutern, was ich hiermit nachhole und künftig vor den Vortrag schalte, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden.

1. ich zitiere das ganze Wort (und sage nicht „N-Wort“), um den in der Literatur nicht unwesentlichen Unterschied zwischen den Begriffen „Neger“ und „Nigger“ deutlich zu machen. Wenn Marx etwa in öffentlichen Texten das seinerzeits und bis in die 1950-er Jahre politisch korrekte Wort „Neger“ (engl. „Negro“) verwendet, aber in Briefen über den „jüdischen Nigger Lasalle“ herzieht, dann reicht „N-Wort“ nicht hin, um den Unterschied (und den Absturz) sichtbar zu machen. Ebenso verhält es sich mit Literatur generell.

2. mit revisionistischen Versuchen, das Wort „Neger“ wieder zu etablieren oder sich für Zensuren durch die ostentative Verwendung etwa durch Tarnzitate zu rächen habe ich nichts gemein. Die affirmative Verwendung des Wortes „Neger“ zur Bezeichnung von Menschen mit dunkler Hautfarbe lehne ich ab und verwende, auch wenn ich den Begriff für schlecht halte, das gesellschaftlich akzeptierte Wort „Schwarze“ oder „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ dort, wo Hautfarbe tatsächlich relevant ist.

3. In einem Vortrag über Rassismus geht es unter anderem gerade darum, das Wort „Neger“ in seiner Geschichtlichkeit etwa in Kinderbüchern darzustellen. Die Kritik daran muss die Verwendungen benennen – oder sie verharmlost und schönt. Ebenso verhält es sich mit dem humanistischen Realismus Mark Twains in „Huckleberry Finn“ und „Tom Sawyer“, der darauf angewiesen ist, das Wort „Nigger“ in der Alltagssprache abzubilden – alles Andere wäre eine Verharmlosung des literarisch dargestellten rassistischen Systems. Ein Gewaltverhältnis lässt sich nicht kritisieren, indem ein entscheidendes Moment darin, sprachliche Zurichtung, ex post verborgen wird. Über Antisemitismus aufzuklären, aber Zuschauer vor Goebbels Hetzreden, Bildern von antisemitischen Karikaturen oder von Leichenbergen zu schonen, ist ebensowenig möglich, wie über Rassismus aufzuklären ohne die Wörter „Neger“ und „Nigger“ zu zitieren.

4. Die Zensur des affirmativ verwendeten Wortes „Neger“ und entsprechender rassistischer Passagen aus Kinderbüchern kann ich nur begrüßen. Bei Bedarf historisch-kritische Editionen zu suchen kann Erwachsenen zugemutet werden. Kindern kann hingegen nicht von vornherein eine kritische Lektüre abverlangt werden. Vollends schief steht der scheinbar nach Authentizität verlangende Protest gegen die Zensur, weil umgearbeitete, kindgerechte oder um Gewalt und Sexualität verkürzte Versionen von Märchen und Erzählungen gang und gebe sind.

Als Richard Wagner seinen Echo zurückgab

Die Empörung über Kollegah und Farid Bang ist bigott. Die beiden haben den Echo aus demselben Grund gewonnen wie alle anderen Preisträgerinnen und -träger: weil sie Alben verkauft haben. Das war und ist das wichtigste Kriterium für den Preis. Darin unterscheidet er sich kaum von der Exzellenzkultur an den Universitäten: Judith Butler etwa erhielt eine Gastprofessur in Köln, weil sie Bücher verkauft, nicht weil diese gut sind. Butler hat sich wie Kollegah antisemitisch betätigt, für den Boykott israelischer Waren und Wissenschaffenden ebenso agitiert wie für das Tragen der Burka. (S. Riedel 2005: „Israel ist, was Judith Butler über Israel denkt, Das Gerücht fungiert als Diskurs.“ In: Bahamas 48)

Es gab kaum Proteste gegen Butler, niemand gab seine Professur zurück. Niemand gab einen Echo zurück, als Nigel Kennedy einen seiner insgesamt sechs Echos erhielt. Kennedy, der sich mit Geige und Kufiya als konformistischer Rebell verkauft, ruft zum kulturellen Boykott Israels, also zum Boykott von jüdischen Künstlerinnen und Künstlern aus Israel auf. Einen Echo würde heute zweifellos auch Richard Wagner gewinnen, der Gründervater des modernen Antisemitismus. Und so manche, die sich über Kollegah empören, sind Mitglied in der lutheranischen Kirche. Luther „rappte“ gegen Juden indem er die Christen dazu aufrief:

„…ihre Synagogen niederbrennen, ihre Häuser zerstören und sie wie Zigeuner in Ställen und Scheunen wohnen lassen, ihnen ihre Gebetbücher wegnehmen, ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe verbieten, ihren Händlern das freien Geleit und Wegerecht entziehen, ihnen das Wuchern verbieten und all ihr Bargeld und ihren Schmuck einziehen, den jungen kräftigen Juden Werkzeuge für körperliche Arbeit geben und sie ihr Brot verdienen lassen.“

Ein Land, in dem man nach einer Diskussion über Kollegahs Antisemitismus Wagner spielt, in dem man Luther als Nationalhelden verehrt, in dem die bayrische Regierung nach über eintausend Jahren christlichen Pogromen an Juden das Kreuz ernsthaft staatlichen Institutionen als Merkmal „kultureller Identität“ aufzwingt, hat vom Antisemitismus nichts verstanden.
Daher wird auch das Tragen der Kippa aus Solidarität nichts gegen den Antisemitismus bewirken. Der islamische Antisemitismus, der in den häufiger werdenden Attentaten auf Juden mit Kippa nur eine Spitze eines viel größeren Eisberges zeigt, erhält von deutschen Medien seine tägliche Rationalisierung. Man verurteilt lediglich den Ort des Übergriffes – hätte der syrische Jugendliche einen Juden in Hebron oder Jericho angegriffen, die deutsche Presse hätte daraus einen Akt der Verteidigung gemacht. Der Aufruhr gegen Kollegah, Farid Bang und den syrischen Antisemiten neigt zur Verschiebung, solange verdeckt wird, wieviel ihr Antisemitismus mit den Gesetzen der Kulturindustrie und der daran ausgerichteten Universitätskultur und dem daran angeschlossenen Bildungswesen zu tun hat.
 
 

„Warum das Land nicht zur Ruhe kommt“ – Ein zutiefst antisemitisches Titelbild in der „Zeit“

Wieviel Antisemitismus in einem oberflächlich völlig harmlosen Bild verpackt werden kann, beweist die Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer aktuellen Ausgabe. Der Titel: „Warum kommt das Land nie zur Ruhe“?
Ruhe ist ein merkwürdiger Begriff für die Abwesenheit von Krieg, könnte aber für andere Konflikte durchaus stilistisch unverdächtig sein. Im Falle des jüdischen Staates kommuniziert eine deutsche Zeitung jedoch einen verkappten Todeswunsch: Israel solle zur letzten Ruhe kommen, mitsamt seinen Geistern der Vergangenheit.
Das erscheint womöglich weit hergeholt. Die Bildsprache liefert aber weiteres Material: Eine Frau mit blonden Zöpfen, die in eine Israelflagge gehüllt auf Jerusalem blickt. Sie wird visuell als Grund präsentiert, warum das Land „nicht zur Ruhe kommt“.
Nun hat die Darstellung blonder Jüdinnen eine gewisse Tradition. In Holocaustfilmen sollen sie die Rassentheorie widerlegen und gleichzeitig dem Publikum eine Identifikationsfigur anbieten. Hier wird der Kontext erneut rassisiert: Als blonde Frau steht sie für die Ashkenasim, die europäischen Juden, die nach Israel flohen. Ihre Blondheit kommuniziert dem Publikum nicht mehr Ähnlichkeit, sondern Fremdheit: Sie gehöre nicht in „arabisches Land“, wo es einem Vorurteil zufolge keine blonden Frauen gebe. Ihre Blondheit signalisiert eindeutig Fremdheit.

Das unterstreicht der Untertitel:

„Einst besiedelten Juden aus aller Welt arabisches Land. Diese Entschlossenheit ist bis heute Segen und Fluch.“

„Einst“ – das ist eine Enthistorisierung, die den Holocaust ebenso zudeckt wie die gewaltsame Vertreibung von einer Million Juden aus der arabischen Welt.
„Arabisches Land“ – damit wird der alte Yishuv posthum noch einmal enteignet, die Siegergeschichte erzählt. Mit dem arabischen Aufstand von 1936-38 verloren die Juden die in der Balfour-Deklaration garantierten Gebiete in der Westbank, was die spätere Vertreibung der dort lebenden Juden ebenso begünstigte wie die ethnische Säuberung des jüdischen Viertels von Jerusalem durch die jordanisch-britischen Truppen.
In dieser kurzen Floskel wird die gesamte jüdische Geschichte im Orient durchgestrichen. Juden waren in der arabischen Welt lange zu Hause, bevor man überhaupt von Arabern sprach. Die ersten Muslime unter Mohammed trafen auf Juden – denen sie Land und Leben raubten. Wie Tilman Tarach und andere Quellen in den letzten Jahren verstärkt belegten, war etwa 1/4 der Bewohner Bagdads zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch jüdisch. Diese Juden waren arabische Juden. Selbst wenn sie heute in der Westbank siedeln, bleibt das Land nach der gesetzten reaktionären Einheit von Land und Ethnos „arabisch“. Die stets zum Scheitern verurteilte ethnische Unterscheidung in „Juden und Araber“ soll verdecken, worum es wirklich geht: Um den Islam. Was den Konflikt erzeugte, war, dass Juden sich auf einmal islamisierten Land emanzipierten, den Dhimmi-Status abwarfen und die chauvinistischen islamischen Araber abwehrten.
Mit der Täter-Opfer-Verkehrung im Text der Zeit aber wird der Ahasver-Mythos wieder erzeugt. Der ewig heimatlose und ruhelose Jude, der stets des Verrats verdächtig ist und nirgends dazugehören darf. Gegen diesen antisemitischen Mythos wurde Israel gegründet und verteidigt.
Daher letzte Vorwurf der „Zeit“: die Entschlossenheit. Wenn Juden ums Überleben kämpfen, so gelten sie schon als fanatisch, während man ihre Gegner noch als Verhandlungspartner hofiert, wenn sie sich offen als Nazis outen. Diese laut Zeit „verfluchte“ Entschlossenheit der Juden war seit 2000 Jahren Lamento der Christenheit, die in all ihren Gebeten und daran angeschlossenen Pogromen die „Halsstarrigkeit“ der bekehrungsresistenten Juden beklagte, bevor sie diese auf den Scheiterhaufen schickte.

Die Zeit beantwortet in der Tat, woher der Konflikt wirklich kommt: aus dem Antisemitismus der Mitte, aus dem liberalen Deutschland und seiner Bereitschaft, den antisemitischen Ahasver-Mythos der islamischen Propaganda nachzuerzählen: Dass Juden eigentlich nicht nach Israel gehören würden.

Veranstaltungshinweise

Montag 16.4., Köln: Antisemitismus und Stereotypie. Eine Einführung an Karikaturen.
Dienstag 17.4., Bochum: Psychoanalyse des Antisemitismus.
Mittwoch, 18.4., Köln: Akademischer Antisemitismus im Westen.
https://www.facebook.com/events/2061079500837742/
Donnerstag, 19.4., Marburg: Bildvortrag zur Feier „70 Jahre Israel – ein Grund zum Feiern“. Café Trauma, Afföllerwiesen 3a, Marburg, 20 Uhr.

Die Angriffe auf Israel – Ideologieproduktion am Beispiel eines Kommentars in der Oberhessischen Presse

Unter dem Titel „Israels Stärke, Israels Schwäche“ in der Oberhessischen Presse legt Marina Kormbaki den Leserinnen und Lesern eine gefälschte Interpretation der jüngsten Angriffe der Hamas auf Israel nahe:

„Die Hamas hat derzeit keinerlei militärische Option gegen Israel, also unterstützt sie den friedlichen „Marsch der Rückkehr“. Er könnte ihr nutzen. Denn Israels Strategen drohen zu übersehen: Jeder von einer israelischen Kugel getötete Palästinenser spielt den Radikalen in die Hände.

So sind die verstörenden Bilder von Scharfschützen, die auf Zivilisten im Sand feuern, letztlich auch Ausdruck des Unvermögens: Israel weiß keine Antwort auf die Frage, wie Israelis und Palästinenser eines Tages in Würde und Frieden mit- oder zumindest nebeneinander leben könnten.“

Das ist eine Anhäufung von Fehlinformationen. Die erste: Die Hamas unterstütze „friedliche Proteste“. Sie unterstützt die wenig friedlichen Proteste nicht, sondern sie bezahlt sie und erzwingt sie. Tote und Verwundete sind das Ziel der Hamas.

„Hamas announced on Thursday it would pay $3,000 to the family of anyone killed in the protests, $500 to Palestinians critically wounded and $200 to those who sustain more minor injuries.“ (Jerusalem Post)

Bei dem zynisch orchestrierten „Suicide by Cop“ wurden professionelle Präzisions- und Distanzschleudern, Brandsätze, händisch geworfene Steine und in gezielten militärischen Angriffen auf die Soldaten hinter dem Zaun Schusswaffen verwendet, um die israelischen Soldaten zu Schusswechseln zu zwingen. Dass Israel aufgrund der anhaltenden Messerattacken und versuchten Selbstmordattentate keine einzige Infiltration durch potentielle Terroristinnen und Terroristen dulden können würde, war der Hamas vorab klar. Spiegel und Rauch sollten die Trennung zwischen Bewaffneten und Unbewaffneten erschweren, nicht konkrete Ziele erreichen. Dass ein Feuer aus 11,000 Reifen in die Nähe einer Giftgasattacke gerät und ökologische Schäden auf beiden Seiten der Grenze verursacht, ist der Hamas egal. Sie hat kein anderes Ziel, als auf Effekte abstellende Bilder zu produzieren, die als Propagandarchiv im globalen Antisemitismus dienen. Daher ist auch dieser Satz von Kormbaki falsch:
„Denn Israels Strategen drohen zu übersehen: Jeder von einer israelischen Kugel getötete Palästinenser spielt den Radikalen in die Hände.“
Das ist zum einen nicht richtig: Die Hamas hat in den vergangenen Jahren an Popularität in Gaza eingebüßt, weil die von ihr angezettelten Kriege so verlustreich waren. Nur 30,000 machten sich zum Grenzzaun auf – für die Hamas ein Flop. Im Ausland hingegen erhält sie die gewünschten und berechenbaren Reaktionen. Israel muss nicht von Kormbaki über die mediale Wirkung von getöteten Arabern belehrt werden, weil man den zynischen Zirkus in Israel nur zu gut kennt. Die israelische Armee hat nur keine andere Wahl, als die Grenze zu verteidigen. Eine Wahlmöglichkeit zu unterstellen ist anmaßend und bigott. Hier wird nicht mehr über einzelne Todesfälle diskutiert, sondern Israel das Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen.
Gegen unbewaffnete Kriegsflüchtlinge hat die EU ohne jede Not auf dem Balkan, in Ungarn und in der Türkei Soldaten positioniert. Israel wird hingegen von gewaltbereiten und gewalttätigen Djihadisten angegriffen, die mit dem „Recht auf Rückkehr“ nichts anderes meinen als ein Massaker an den Juden in Israel. Die Angreifer wollen nicht einfach nur überleben, sondern Menschen töten.
Und doch schiebt Kormbaki Israel die Verantwortung zu:
„Israel weiß keine Antwort auf die Frage, wie Israelis und Palästinenser eines Tages in Würde und Frieden mit- oder zumindest nebeneinander leben könnten.“
Israelische Politikerinnen und Politiker haben immer wieder dieses Fernziel verteidigt. Golda Meir nannte einst die Bedingungen dafür: Frieden werde herrschen, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie die Juden hassen. Auch Benjamin Netanyahu hat das Versprechen einer friedlichen Koexistenz verteidigt: Wenn Israel seine Waffen niederlegte, gebe es kein Israel mehr. Wenn die Araber ihre Waffen niederlegten, gebe es keinen Krieg mehr.
Die Wahrheit ist, dass die arabische Seite keinerlei Fragen stellt an die Naherwartung einer Vernichtung Israels. Die gesamte Politik von Fatah, Hamas und PFLP ist auf dieses Ziel ausgerichtet, Denkmäler, Schulbücher, Predigten und Reden machen gar kein Geheimnis aus der genozidalen Alltagskultur.
Auch Kormbakis Verdrehungen sind nichts Außergewöhnliches, sondern journalistische Pflichtübung. Das Vermarktungsinteresse ist das, was Medien mit der Hamas verbindet und zu idealen Komplizen macht. Hamas liefert die Story, Medien verkaufen sie – ein endloses Snuff-Video.Was wäre anderes möglich gewesen? Zu Beginn der „Proteste“ war ihr angedrehter, inszenierter Charakter offensichtlich. Es stellte sich eher die Frage, was für ein Interesse die Finanziers der Hamas haben, jetzt die Medien zu füllen. Ein Grund ist die Militärintervention in der Türkei, von der Erdogan ablenken will. Der andere Grund ist viel einfacher: Die Hamas will Israel einfach den anstehenden siebzigsten Geburtstag verderben, weil der die Angehörigen der islamistischen Terrororganisation daran erinnert, dass sie selbst zur Bildung eines demokratischen, prosperierenden Staates einfach unfähig waren und sind.

Zu Shlomo Sands Brief an Macron

Emmanuel Macron hatte an Gedenkfeiern zu den Vel d’Hiv-Deportationen am 16/17 Juli 1942 teilgenommen und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu eingeladen. Mehr noch, Macron verurteilte den Antizionismus als „Neuauflage des Antisemitismus“.

 Gegen dieses in Europa leider immer noch revolutionäre Bekenntnis wendet sich der an der Universität Tel Aviv lehrende israelische „Historiker“ Shlomo Sand in einem offenen Brief. Bemerkenswert ist seine Professur an der Universität Tel Aviv insbesondere deshalb, weil ein „Task-Force-Bericht“ der „American Association of Anthropologists“ (AAA) behauptet, regierungskritische Positionen würden an den israelischen Universitäten unterdrückt. Sand war Mitglied der Matzpen-Partei, die 1962 gegründet und 1970 und 1972 in PLO-nahe Gruppen zerfiel.

Sein Schluss aus Macrons Rede:

Yes, we must continue to fight all forms of racism. I saw these positions as standing in continuity with the courageous statement you made in Algeria, saying that colonialism constitutes a crime against humanity.

Im nächsten Satz kommt diese Gleichsetzung auf ihren Grund, die Täter-Opfer-Umkehr:

But to be wholly frank, I was rather annoyed by the fact that you invited Benjamin Netanyahu. He should without doubt be ranked in the category of oppressors, and so he cannot parade himself as a representative of the victims of yesteryear.

Benjamin Netanyahu ist Zielscheibe von tausenden antisemitischen Karikaturen. Sein Bruder Yonatan Netanyahu wurde im Einsatz gegen eine antisemitische Geiselnahme in Uganda getötet. Er ist als Vertreter des jüdischen Staates nicht nur legitimer Repräsentant der Opfer des Nationalsozialismus, er ist selbst Opfer des Antisemitismus. Sands Versuch der Historisierung als „yesteryear“ ist in sich eine Abwehr der Kontinuität des Antisemitismus und für sich eine Entwertung des Gedenkaktes und der Opfer. Sand fährt fort:

I stopped being able to understand you when, in the course of your speech, you stated that “Anti-Zionism . . . is the reinvented form of antisemitism.”

Was this statement intended to please your guest […]?

Hier suggeriert Sand eine umgekehrte Hierarchie: Frankreichs Präsident würde Netanyahu „schmeicheln“ oder „zufriedenstellen“ wollen und nicht aus innerer Überzeugung,  sondern aus politischem Kalkül handeln.
Sand beruft sich auf eine Reihe von Juden, die er als „antizionistisch“ versteht und die demnach keine Antisemiten sein könnten. Nicht zufällig arbeitet er seinem Publikum die Information zu, dass Marcon für eine Rothschild-Bank gearbeitet habe und führt dann ein Zitat Nathan Rothschilds an, in dem dieser Herzls Plan Skepsis entgegenbringt.

Nonetheless, I suppose that you do not particularly appreciate people on the Left, or, perhaps, the Palestinians. But knowing that you worked at Rothschild Bank, I will here provide a quote from Nathan Rothschild. […] A Jewish state “would be small and petty, Orthodox and illiberal, and keep out non-Jews and the Christians.”

Sands nächster Schritt ist die Gleichsetzung von antizionistischem Antisemitismus und einem vermeintlichen zionistischen Antisemitismus:

Of course, there have been, and there are, some anti-Zionists who are also antisemites, but I am also certain that we could find antisemites among the sycophants of Zionism. I can also assure you that a number of Zionists are racists whose mental structure does not differ from that of utter Judeophobes: they relentlessly search for a Jewish DNA (even at the university that I teach at).

Selbst wenn es eine solche Forschung gäbe (gemeint ist vermutlich die medizinisch sinnvolle Genom-Forschung an tatsächlich in bestimmten jüdischen Gruppen entstandene Neigung zu bestimmten Krankheiten), ist diese Gleichsetzung ein völlig aus den Fugen geratene Verhältnis. Den antizionistischen Antisemitismus kann Sand offenbar weder in seiner Genozidalität erkennen noch kritisieren. Das macht das Chiastische der gleichzeitigen Verharmlosung des Antisemitismus und Dämonisierung Israels so typisch.

Sands historische Analyse läuft auf die Aussage hinaus, dass Juden auch in die USA hätten emigrieren können:

Up until that point, the mass of the Yiddish-speaking people who wanted to flee the pogroms of the Russian Empire preferred to migrate to the American continent. Indeed, two million made it there, thus escaping Nazi persecution (and the persecution under the Vichy regime).

Die zwei Millionen flohen vor dem Zarismus. Diese Fluchtbewegung in den Nationalsozialismus auszudehnen ist schlicht und einfach eine Lüge. Die USA verweigerten jüdischen Flüchtlingen systematisch Obdach und Fluchtmöglichkeiten. Lediglich 200.000 schafften es, bis 1941 zu fliehen, ab dem Zeitpunkt war es praktisch unmöglich, in die USA zu gelangen. 1938 war außer Haiti keine Nation mehr bereit, auch nur mehr als zehntausend jüdische Flüchtlinge aus Europa aufzunehmen. War der russische Antisemitismus bereits Auslöser und Grund genug für die Schaffung eines jüdischen Staates, so belegte spätestens der Holocaust den Sachverstand Theodor Herzls und der Zionisten. Sands aggressiver Verharmlosung der Situation jüdischer Flüchtlinge folgt sein Hauptziel, die Gleichsetzung von Zionismus mit dem Nationalsozialismus:

A child born as the result of a rape does indeed have the right to live. But what happens if this child follows in the footsteps of his father? And then came 1967.

Der hier offensichtliche Bruch mit jeder noch so marginalen Restvernunft, der vollständige Aufklärungsverrat, führt eher in die Frage,  was für ein absurd liberaler Staat Israel ist, dass er diese aggressive Inkompetenz Sands mit einer Professur honoriert hat.