Rezension: „…wenn die Stunde es zulässt.“ Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie.

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Rezension: „…wenn die Stunde es zulässt.“ Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie.

Hg. von Malte Völk, Oliver Römer, Sebastian Schreull, Christian Spiegelberg, Florian Schmitt, Mark Lückhof, David Nax.

Westfälisches Dampfboot

386 Seiten

€ 34,90

Kritische Theorie als sich schreibende steht heute vor dem Berg wie der Aufklärer Sysiphos, gezwungen zur ewigen Wiederholung, weil es ihr wie jenem nicht gelang, das falsche Leben zu überwinden. Unkritische Theorie steht vor demselben Berg, jedoch wie der Ochse, dumpf feuilleton-taugliche Zuckerwatte produzierend, die der universitäre Betrieb seinen Abhängigen abverlangt. Wer sich daran einmal den Magen verdorben hat, wird verständlicherweise etwas misstrauisch zu einem neuen Werk greifen, das verspricht, kritische Theorie zu „aktualisieren“.

Das Marburger Bändchen lässt sich aber schon optisch gut an, das rasengrüne Titelzitat beißt ins deckende Dunkelblau, Chamois und Petrol intervenieren. Das Dampfboot treibt unter lautem Signalhorn zum Betreten des angenehm großzügig berandeten Textkörpers, die Bindung und das Papier versprechen auch einer zweiten Lesung und einigen Regallagerspuren standzuhalten, ohne am Suhrkamp-Syndrom zu erliegen.

Gegen das Diktat der Verwertungslogik hat man darauf verzichtet, die Prominenz in die Herausgeberschaft zu heben, wohltuend verhalten kündigt sie sich erst im Inhaltsverzeichnis an: Alex Demirović schreibt über „Heinz Maus oder die Genealogie der Kritischen Theorie“, Frank Benseler rückt „Heinz Maus – nah in perspektive“, Christoph Menke will in die „Zweite Natur, Kritik und Affirmation“, natürlich ist das mit der Natur schon bei der ersten nicht so ernst gemeint, Michael Weingarten gibt sich bescheiden mit einem „Versuch einer Bestimmung des Verhältnisses“ natürlich des politischen der Ökonomie, in einem zweiten Beitrag trägt er „Notizen zum Begriff der Kritik bei Marx“ zusammen. Claus Baumann bittet gleich drei Heroen zum Assessment Center über die Kunst der Avantgarde: Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Guy Debord sollen zusammen „kritische Reflexionen der Kunst“ und ihr „Verhältnis zum Klassenkampf“ erdenken. Eine ähnlich kumulativ-komparative Strategie ertüftelt Alexander García Düttmann, der Sokrates, Adorno und Jaques Vergès als Zeugen gegen den „Verblendungszusammenhang“ verhört.

Dazwischen finden sich noch sage und schreibe weitere neun Texte, immerhin drei Frauen wurden mit Ruth Sonderegger, Cornelia Klinger und Christine Zunke für die Expedition in „aktuelle“ Gestade kritischer Theorie rekrutiert und das dürfte ein Rekordverhältnis im androzentrischen Betrieb sein.

Damit wäre schon alles gesagt, was eine Kaufempfehlung ausmacht: Wer in Sachen neuere kritische Theorie nicht hinter allen Saturnmonden weilt, wird hier ein paar wohlformulierte Zitatensets erwarten dürfen und jede Person vom Fach darf sich auf ein paar besserwissende Nasenschnauber bei der Lektüre freuen, dafür hat sie auch einen völlig angemessenen Preis gezahlt. Vorausgeschickt sei die Warnung, dass es sich hier um eine sehr ernsthaft arbeitende seriöse Textkollektion handelt, und nicht um jenen oberflächlichen akademischen Lack, den Exzellenzcluster und „Nachwuchswissenschaftler“ in spe seriell für Gutachten und Lebensläufe produzieren müssen.

Nun erwarten die Autoren aber nicht nur marktfeile Lobreden, sondern fordern geradezu Kritik als Respektsbekundung ein, achtsame und qualifizierte zumal. Immerhin wurde René König längst pensioniert, von dem man zu solchen Werken wahrscheinlich so hochkarätige Urteile erwarten durfte wie jenen Satz im Nachwort zu Durkheims Selbstmord, dass Adorno inzwischen „vielleicht hätte erfahren können, daß es in dieser Welt nicht nur Dialektik gibt.“ Unvergessen auch seine Fußnote am gleichen Ort, in der er den Marxismus als „Original“ für die „Kopie“ des Nationalsozialismus verklagt. Lassen wir also die bürgerliche deutsche Soziologie schon einmal außen vor, sie hat von diesem Band nicht viel zu wollen und fällt als Adressat aus.

Der Vollblutmarxist Heinz Maus stellt den sinnstiftenden Anlass für den Band zur Verfügung, weil es ihm gefiel, vor etwas über hundert Jahren das Licht der Welt zu erblicken. Seinen hundertsten Geburtstag im Jahr 2011 konnte er Thanatos offenbar nicht abluchsen, aber ein paar aufmerksame junge Adepten kritischer Theorie erinnerten sich in Marburg mit einer Tagung an sein Wirken. Von Heinz Maus, soviel muss man vorab wissen, sind zwei prominente Bücher erhältlich, die sich beide exzellent lesen lassen. „Die Traumhölle des Justemilieu“ umfasst eine größere Abhandlung über Schopenhauer und das Entstehen des bürgerlichen Ideals der „gerechten Mitte“, daneben eine ganze Anzahl überaus kostbarer kleinerer Aufsätze, die zuallermeist um die historische Entstehung des Konfliktes zwischen positivistischer Wissenschaft insbesondere nach Comte und materialistischer Denkweise insbesondere nach Marx kreisen. In seiner „Geschichte der Soziologie“, die in Ziegenfuss’ „Handbuch der Soziologie“ enthalten ist, entwirft der belesene Ideenhistoriker eine fulminante Geschichte nun ja, der Soziologie natürlich, was bei Maus auf einen andauernden Konflikt zwischen der tendenziell revolutionären Sozialphilosophie der Aufklärung und der tendenziell reaktionären Soziologie Comtes hinausläuft. Man lese selbst und mit Gewinn, idealerweise schon zur Vorbereitung der weiterführenden Texte im ersten Drittel des vorliegenden Sammelbandes. Darin wird von Alex Demirović und Frank Benseler, sowie von David Salomon und dem Autorenquartett Römer/Lückhof/Nax/Spiegelberg ein wenig nachgearbeitet, mit Anekdoten gefüllt und eingeholt.

Nicht notwendig mit Maus zu grundieren ist der zweite Teil mit dem Obertitel: „Arbeit am Begriff – Momente kritischer Theorie“. Städtler ist hier etwas zu rasch mit dem Begriff der Utopie fertig, der, wie man es in der Frankfurter Schule gelernt hat, „sich immer nur an die Erfahrung anlehnen [kann], die sie zu überwinden vorgibt.“ Hier will der Adorno-Leser doch etwas mehr als eine Fußnote zu weiterführenden Werken, nämlich einen halben Gedanken nur zur Stellung der lebendigen Erfahrung und der glücklichen Kindheit, die bei Adorno einen doch erheblichen Rang einnehmen und ihn mitunter in recht positiven Bildern des „Stillstands“ verweilen lassen. Auch Horkheimers Gedanken über Fortschritt gehört doch in jene Konkretisierungen, ja politischen Empfehlungen hinein, von denen nicht nur die dogmatischen Sozialisten der Zeit, sondern auch die Marxistenjäger an amerikanischen und deutschen Universitäten die postnazistische Frankfurter Schule fernhielten – nicht immer aber die orthodoxe Reinheit der Negativität. Über aktualisierte maoistische („Entbarbarisierung des platten Landes“) und sozialdemokratische (Reformierung Nachkriegsdeutschlands) wie auch interventionistische (post-kolonialistische/sozialistische Weltordnung) Problemlagen kritisch-theoretischer Praxis heute erfährt man von den im Band versammelten Philosophen doch etwas wenig, wenn das berühmte Verhältnis von Theorie und Praxis auf den Seziertisch gelegt wird.

Wer aber wissen wollte, wie Adorno mit und gegen Hegel zu lesen wäre, warum „der negative Begriff des Ganzen“ bei Hegel „in absolute Positivität“ umschlägt, Adorno aber „die erkenntnistheoretische Anstrengung“ unternimmt „empirische Wirklichkeit durch allgemeine Begriffe zu denken, ohne diese absolut zu setzen“ und dann bekanntermaßen das Ganze als Unwahres zu behaupten, der wird mit Städtler eine flotte Denkstütze finden und schätzen.

Fehlstelle im gesamten Band ist ein irgend sinnhaft entfaltetes Verhältnis von Reflexion philosophischer Art und jener revolutionären Neuerung, mit der Freud die Menschheit kränkte: die Psychoanalyse, den Grundstein kritischer Theorie, ohne die sie nur ein undogmatischer Marxismus wäre. Ohne die Psychoanalyse wäre keine Reflexion denkbar, die das Individuum wirklich zum Agens und Katalysator gesellschaftlicher Prozesse erhebt und somit auch zum Ziel theoretischer Kritik macht. Auch die zweite Leerstelle gilt für das ganze Konvolut: Die verschwommene Nebensächlichkeit konkreter gesellschaftlicher historischer Gewalt. Die heißt bei Sonderegger auch „Gewaltzusammenhang“, zu dem sie allerdings, bei Fanon landend, Kritik als westliche selbst rechnet. In allen Beiträgen bleibt gesellschaftliche Gewalt abstrakt und universal, wo sie Adorno in der „Negativen Dialektik“, mit der philosophischen Praxis untrennbar verschweißt und als konkrete benennt. War für kritische Theorie die Ermordung der europäischen Juden noch eine höchst konkrete Herausforderung, wird in der aktuellen philosophischen Praxis das Problem von Theorie und Praxis selbst doch verphilosophiert. Das historisch Revolutionäre an Hegel noch gerinnt zur bloßen Marotte des denkenden Individuums. Die pulsierenden Adern, durch die kritische Theorie bestimmt und bewusst, unkritische Philosophie unbestimmt und unbewusst, mit gesellschaftlicher Praxis kommuniziert, erscheinen in den „Aktualisierungen“ gekappt. Adornos intensives Drängen auf einem Zusammenhang von philosophischer Praxis, die den Moment ihrer Verwirklichung versäumt hat und philosophischer Praxis, die als Positivismus jener Abtrennung von Gegenständen Vorschub leistete, die wiederum Voraussetzung für die industrielle Massenvernichtung von Menschen wurde – jenes Drängen ist nicht als bloßes konsensuales Hintergrundrauschen aufzuheben, sondern es liefert den einzigen Grund, warum überhaupt aktualisiert werden muss. Aktualisierung kritischer Theorie bedeutet zuallererst, sich jene Situationen vor Augen zu führen, in denen nach Adorno wieder die Axt der Barbarei Millionen aus dem Leib der „Gesellschaft“ gehauen hat. Was Kambodscha, Rwanda, Darfur, Congo, was generell die Mahlbacken des kalten Krieges und seine Nachwehen an Leichen ausspuckten, dem hat sich Kritische Theorie heute zuerst zu stellen, erst daraus wird ihr Anspruch auf „Praxis“ und „Wahrheit“ bestimmbar: am Eingeständnis, dass trotz kritischer Theorie sich die äußerste Barbarei wiederholt hat – mehrfach; dass Philosophie immer noch eine zu spät gekommene ist, so sehr sie sich auch als Avantgardismus profiliert. Noch einmal: Das merkwürdige Verweilen akademisierter Kritischer Theorie in der Vergangenheit ist nicht allein Kriterium des vorliegenden Bandes, sondern Strukturmerkmal fast aller kritisch-theoretischer Schriften nach Adorno, die vielleicht noch Auschwitz beflissen nennen, aber sich generell immunisiert haben gegen das, wogegen kritische Theorie einmal antrat: Die höhnische Aktualität der Barbarei.

Das Typische und durchaus neue an kritischer Theorie, an den Schriften Horkheimer/Adornos, war jene Elastizität zwischen Gegenständen, Konkretionen, Besonderem und philosophischer Reflexion, Begriffen, Allgemeinem. Der philosophische Gegenstand in den beiden Monolithen im Band, Städtler und Menke, ist unleugbar hegelianisch: es ist der sich denkende Gedanke. Er wird aber trotz emsiger und überaus professioneller und geschmeidiger Berufung auf Adorno nicht kritisch-theoretisch, er bleibt einzelwissenschaftliche Philosophie, die kritisch-theoretisch erst in einem bestimmt arbeitsteiligen Verhältnis sein könnte. Die Fehlstellen aber tauchen den Referenzrahmen in die ungesunde Dunkelheit einer unbewussten, unbestimmten Arbeitsteilung.

Nun weiß man, wie solche Bände entstehen und den jeweiligen akzidentiell zusammengefundenen Texten als isolierten tut es keinen Abbruch, dass die ehrenamtlichen Autoren sich nicht mit den Blutbädern der Moderne den Schlaf verderben wollten, sondern mit den harten Nüssen der Philosophie, die sie auch sehr passabel knacken. Nur als Caveat für das Ganze, für ein generelles Verständnis von kritischer Theorie (und ihrer Aktualität) sei also darauf insistiert, dass die Studien zum Autoritären Charakter, die Gruppeninterviews, die Studien an Propagandamaterial und Material der Kulturindustrie, an den scholastischen Verirrungen der bürgerlichen Psychoanalyse, dass solche zentralen Gegenstände kritischer Theorie im vorliegenden Band nicht nur zu kurz kamen, sondern fehlen und dass diese Fehlen nicht reflektiert wird. Ebenso fehlt eine auch nur ansatzweise Einholung des ethnographischen Defizits, das Horkheimer noch aussprach, als er betrauerte, über Asien oder Afrika so gut wie nichts zu wissen. Die Unterernährung mit internationalen Diversifizierungen dessen, was Gesellschaft als lebendiger Begriff meint, dauert fort und erzeugt Idealismus.

Zwei Texte möchte der Autor dieser Rezension den interessierten Lesern noch besonders ans Herz legen, weil Sammelbände leider doch häufig sehr selektiv und nach Prominenz gelesen werden. Das ist der sehr schön gelungene Versuch Sebastian Schreulls, den Begriff „Invagination“ von Derrida einzuführen, ohne dass es arriviert oder ornamental wirken würde, ja, ihn sogar zu entfalten, zumal in einem Text, der das Stiefkind der Philosophie, den Aphorismus, und seinen ungewaschenen Bruder, den Essay, als Formen zu verteidigen, die als Form einen „Prozess über das Gesetz der Gattung anstreben“, genauer gesagt, einen Reflexionsprozess. Den Schreull dann noch ein gutes Stück an die Hand nimmt und in die Ästhetik begleitet, von wo aus er hoffentlich alleine nicht nach Hause, sondern in die Fremde findet.

Christine Zunke entstaubt ein sehr altes und mächtiges philosophisches Problem des Materials und des Geistes, das mind-body-Problem. Den von Descartes bis zur Hirnforschung reichende Disput zwischen Identitätstheorie und dualistische Theorie führt sie in eine Antinomie über, in der beide ihr wechselseitiges Recht erhalten. Das Gehirn erzeugt Denken als materielle Wirkung, deren Komplexität sich dem Verständnis von Kausalität entziehe. Wenn nun Zunke von der Emergenztheorie berichtet, nach der hohe Komplexität einen Umschlag erzeuge in eine neue Qualität, „dass höhere Systeme neue Eigenschaften haben, die nicht aus dem weniger organisierten Zustand ableitbar seien“, dann erinnert das natürlich sofort an die Passagen, in denen Adorno historische Kontinuitäten bewahrt, aber das Novum durch gesteigerte Intensität begründet – so etwa in seinen Überlegungen zum modernen Okkultismus. Zunke begnügt sich nicht mit der Assoziation. Emergenztheorien seien nicht in der Lage, die Qualität des Geistes als Besondere zu bestimmen, sondern eben nur aus ihrer quantitativen Komplexität heraus abzuleiten. Das wäre eine gute Grundlage, so etwas wie einen Fetischismus des Geistes weiter zu denken, um nichts weniger als der religiösen Metaphysik den coup de grace zu gewähren, ohne sich als unsolidarisch gegen Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes zu entpuppen.

2013-14, publ. 19.5.2015

Hyänen

In Eritrea, so erzählt T., gelten Hyänen als tödliche Bedrohung. Auf den dreißig Jahre währenden Schlachtfeldern des Krieges mit Äthiopien haben sie gelernt, Menschen zu fressen und jede Furcht vor ihnen verloren. Die Hyänen der Diktatur aber treiben zehntausende in die Flucht – jedes Jahr. Wen sie nicht in Armee oder Gefängnis zwingen, dem schießen sie an der Grenze hinterher. Danach kommt der lange Weg durch Äthiopien, Sudan und Libyen. Diese Länder haben bereits Millionen Flüchtlinge aufgenommen, es sind auch Diktaturen und Kriegsländer. Sie produzieren auch die Erpresser, die Lösegeld aus den Flüchtlingen herauspressen. Bis zur libyschen Küste haben viele von ihnen zehntausende von Euro bezahlt. Frauen werden vor allem in Libyen Opfer von Vergewaltigungen. Kaum einer schafft es nach Europa ohne Tote zu sehen. Fluchthilfe und Schleppermafias gehen fließend ineineander über, und die Propaganda Europas will von Fluchthilfe nichts wissen, die Schleppermafias nur an der europäischen Grenze bekämpfen, nicht um Flüchtlingen zu helfen, sondern um sie in Libyen zu halten.

In Italien wurde T. das erste mal bewusst, wie groß Europa ist. Er wollte nach Deutschland, weil er als Kind ein T-Shirt der deutschen Fußballmannschaft besaß. Italien sei furchtbar, die Flüchtlingsslums schlimmer als Teile Afrikas. Über Frankreich hat er es nach Deutschland geschafft. Nun wartet er in einem Zimmer von 8 Quadratmetern seit einem Jahr auf seinen Asylbescheid, er fürchtet nur ein Jahr zu erhalten, hofft auf drei Jahre.

Auch N. aus Eritrea wartet seit einem Jahr in Angst vor der Abschiebung nach Italien oder gar Eritrea. In einem kleinen hessischen Städtchen sagte er  zu mir: Schlafen hier alle? Tatsächlich waren die Straßen menschenleer. Mit Glück trifft man einen Rentner auf einem der leeren Spielplätze an. Unermesslicher Reichtum liegt hier brach, eifersüchtig gemehrt und bewacht von konservativen Deutschen.

N. musste nach den 10.000 Euro für die Flucht noch 300 Euro Strafe zahlen, weil er ohne Visum die Grenze nach Deutschland übertreten hat. Braucht er aber eine Geburtsurkunde, muss er zur eritreischen Botschaft. Dort lauern wieder die Hyänen. Der eritreische Präsident fordert 2% der Sozialhilfe oder des Einkommens, die nach Ausreise entstanden sind. Deutschlands Behörden fördern diese Besteuerung durch ihre Dokumentengläubigkeit, die nichts anderes ist als die rassistische Angst, jemanden zuviel hereinzulassen.

Dem zweijährigen Mädchen, das mit ihrer vierköpfigen Familie, die hier auf 15 Quadratmetern lebt, demnächst in den Kosovo abgeschoben werden soll, wo es wahrscheinlich ohne Heizung und Toilette aufwachsen wird, wird niemand schlüssig erklären können, warum es nicht weiter auf einem Spielplatz in Deutschland den Sand schaufeln durfte, der genausogut für hundert weitere Kinder reichte. Man darf ihm getrost erklären, dass die meisten wählenden Menschen in der EU einfach Rassisten sind, die bei aller aufgesetzter Freundlichkeit und Nächstenliebe im Innersten böse und selbsüchtig sind.

20.000 Flüchtlinge aus Syrien will nun die EU aktiv aufnehmen. Binnen zwei Jahren. So viele werden in einem halben Jahr in den Camps geboren.
Die Funktionäre dieses Staatenbündnisses haben gelernt, dass sie Menschen ungestraft in den Tod schicken dürfen. Die Brutalität hinter dieser vorgeschützten Weltfremdheit der EU droht sie letztlich ihren eigenen Bürgern an. Solange kein Architekt des Kriegs gegen die Flüchtlinge in Den Haag landet, wird die Aufnahme der Überlebenden weiter als großzügige Wohltat verkauft, als hätte man nicht alles getan, um sie an der Wahrnehmung ihrer Rechte zu verhindern.
Jeder Vernunft ist evident, dass man zumindest an den schlimmsten Fluchtländern Eritrea, Syrien und Afghanistan Botschaftsasyl und Aufnahmestellen einrichten müsste, damit Flüchtlinge ihr Recht wahrnehmen können, ohne ihr Leben zu riskieren. Die aktive Aufnahme von einer Million Flüchtlingen binnen eines Jahres wäre noch zu kleingeistig gedacht. Die EU denkt, sie könnte sich sowohl das Befrieden des syrisch-irakischen Gemetzels sparen, von iranischer und saudischer Diktatur profitieren, und dann noch zehntausende von so erzeugten Flüchtlingen in Lebensgefahr, Folter, Vergewaltigung und Armut zwingen. Weil man jedem, der einen derart raffinierten Grenzzaun so gründlich und vorausschauend plant und errichtet auch eines Plans hinter den verursachten Folgen verdächtigen darf, sollte man hier grundsätzlich von einer Dezimierungsabsicht ausgehen, die an alle Stationen bis in die stumme libysche Wüste reicht. Und weil der Psychologie kein Abgrund fremd ist, sollte man auch eine sadistische Motivation bei den Funktionären der EU und deren Wählern vermuten, die Lust aus dem seriell und bewusst produzierten Elend, den sogenannten “Flüchtlingsdramen” gewinnen, von denen man offenbar nicht genug bekommen kann.

Praxis gegen eine solche stummen und dummen Massen lässt sich kaum noch denken. Zum Möglichen gehört noch, den Menschen, die in den Heimen von Bürokraten und Polizei weiter gequält werden, beizustehen und ihnen zuzuhören. Hilfe brauchen sie jetzt erst recht.

Täter Israel – Die Opferumkehr bei Moshe Zuckermann

Das eigentliche Rätsel von Moshe Zuckermanns Texten ist nicht, warum er sie schreibt, sondern warum renommierte Zeitungen sich befleißigt sehen, sie zu drucken.  Zuckermann insistiert in seinem jüngsten Beitrag “Kommt nach Israel?” in der taz auf einer Täter-Opferumkehr, die charakteristisch für den Antisemitismus nach und wegen Auschwitz ist.

Anlass ist das öffentliche Angebot Netanjahus an die Juden in Europa, nach Israel auszuwandern. Hinter diesem Angebot versteckt sich, diplomatisch geschickt, die Mahnung an die Europäer, die Konsequenz ihrer ideologischen Kollaboration mit dem Antisemitismus oder zumindest ihrer Agonie zu reflektieren: Ein Europa ohne Juden.

Unter dem Getrommel von antizionistischen Organisationen und den ganz normalen Europäern kam es in den letzten Jahren zu einem exorbitanten Anstieg an antisemitischen Angriffen. Juden aus Schweden ziehen schon seit Jahren die Konsequenz aus der Melange aus sozialdemokratischem, islamistischen und neonazistischem Antisemitismus, der ihnen ein Leben in Schweden beispielsweise verleidet. Nicht erst seit Netanjahus Rede stellen Juden aus Frankreich die größte Einwanderungsgruppe nach Israel dar, 4500 in 2014. 29% der europäischen Juden erwägen die Auswanderung, 76% sehen den Antisemitismus ansteigen, 1/3 fühlt sich nicht sicher. (Jerusalem Post)

Für Zuckermann sind das alles Wahlkampfparolen Netanjahus. Er sieht das Hauptproblem in der jüdischen Flucht in “ihr „Heim“”, er setzt die Anführungsstriche bewusst, und fügt hinzu, dass diese Flucht ” den Tod unzähliger palästinensischer Kinder und Frauen verursacht hat und […] auch 70 Israelis ums Leben kamen”

Er imaginiert “unzählige” Opfer des Gaza-Krieges, wo etwa 2100 Todesopfer auf palästinensischer Seite zu verzeichnen sind, davon ein Gutteil Djihadisten. Dass er diesen Krieg dann noch der Flucht von Juden nach Israel in die Schuhe schiebt, ist böswillig.

Die Projektion von Schuld und das manische Hochgefühl über diesen Ablass gehen häufig zusammen: Zuckermann freut sich vor allem, einen Widerspruch aufgefunden zu haben in Netanjahus Rede. Zum einen sei Israel sicherer als Europa – zum Anderen aber bedroht in seiner Existenz durch den islamischen Antisemitismus. Man darf Zuckermann gleichermaßen einen Widerspruch aufzuzeigen. Er behauptet:

Israel ist in seiner Existenz durch keines seiner Nachbarländer bedroht, auch nicht durch den Iran und schon gar nicht durch die Palästinenser. Jedes Land der Region, das Israel in seiner Existenz zu bedrohen trachtete, würde (aus bekannten Gründen) unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben.

Israel ist also gar nicht bedroht. Wie also kommt Zuckermann dann zu folgendem Befund?

Nicht zuletzt wegen der von Netanjahu und seinesgleichen betriebenen Politik ist das Leben von Juden schon seit Jahrzehnten gerade in Israel wie nirgendwo sonst gefährdet.”

Für Netanjahu und die Juden Europas ist dieser Widerspruch real existent und sie müssen eine Abwägung vollziehen: Wollen sie in einem Staat leben, den der Westen allem Anschein nach ohne zu Zögern dem Iran als Beute überlassen wird? Oder wollen sie in Europa in der ständigen Angst vor Übergriffen, Schmähbriefen, Hetzreden und Morddrohungen leben? Im ersten Fall können sie sich in Israel selbstbewusst organisieren, vorbereiten und wehren gegen Angriffe und ihren Alltag als Juden (religiös oder nicht) leben. In Europa ist ihre Sicherheit hingegen Spielball der Willkür der Lokalpolitik, auf den Willen der Polizei und auf die erfahrungsgemäß marginale Fachkompetenz von Judikative und Legislative ausgeliefert. Und so mancher, der eine Synagoge als Kulturgut beschützt, wird hinterher die Vernichtung Israels fordern oder zumindest den Vertretern jüdischer Organisationen abnötigen, sich von der Politik Israels zu distanzieren.

Für Zuckermann ist das alles nebensächlich, er ignoriert den realen Widerspruch aus einem anderen Grund: Ihm geht es um die Täter-Opfer-Umkehr. An allem soll Netanjahu schuld sein. Die Politiker Dänemarks und Frankreichs fantasiert er als “indigniert” in ihrer Reaktion auf “Benjamin Netanjahus fremdbestimmte Ideologisierung des Unglücks in ihrem Land”.

Zuckermanns ganze Sprache ist eine der Verharmlosung und Verschiebung. Der djihadistische Terrorangriff auf Juden, der größte der jüngeren Zeit, wird ihm im Zitat oben zum abstrakten “Unglück”. Die Opfer verschwimmen, es sind nicht einmal mehr Juden, sondern die europäischen Nationen:  “in ihrem [sic!] Land”. Kritik daran wird als “fremdbestimmt” bezeichnet, eine Vokabel, die gerade in diesem Zusammenhang dem Wörterbuch des Unmenschen entsprungen scheint.

Zuckermanns Hass auf den Zionismus reicht so tief, dass er das demagogische Bündnis mit den Antisemiten Europas nicht einmal im Geringsten zu vermeiden trachtet:

Israel strebt den für eine solche Lebensrealität unabdingbaren Frieden nicht an, weil es diesen Frieden nicht will.

Oder auch:

Die Möglichkeit, das Sicherheitsproblem mit einem realen Frieden zu lösen, ist von der israelischen Politik nie ernsthaft erwogen worden.

Israel erklärt Zuckermann zum Schuldigen für Djihadismus und Terror, die weit vor die Gründung des israelischen Staates zurückreichen. Mehr noch: den globalen Antisemitismus halte der Zionismus “am Leben“.

Und gerade weil er dies Ideologische immer wieder zum Faktor der Selbstvergewisserung erhob, mithin „Beweise“ zur Rechtfertigung des von ihm begangenen historischen Wegs suchte, musste er den Antisemitismus gleichsam als ideologischen Odem seiner Existenzberechtigung stets am Leben halten.” 

Und noch einmal, weil Zuckermann keinesfalls missverstanden werden will (und weil Wiederholung das Rezept des Demagogen ist):

Israel hat den Antisemitismus nie bekämpft, auch nie bekämpfen wollen, sondern vielmehr zum Argument erhoben, ja war nachgerade immer schon daran interessiert, dass es ihn gebe, um eben mit dem Angebot der historischen Alternative für die Juden, dem Zionismus, aufwarten zu können.

Zuckermann wähnt den Antisemitismus mal nicht existent, mal ist er gleichsam nützlicher Idiot der Zionisten und wo er doch als “grassierend” sich aufdrängt, fragt er sich sofort, wie es um den “Kausalzusammenhang bestellt ist zwischen dem in der Welt grassierenden Antisemitismus und der von Israel praktizierten völkerrechtswidrigen Okkupationspolitik.

Dieses Oszillieren zwischen Verharmlosung und Schuldzuweisung macht Zuckermann systematisch, und darin folgt er im ganzen Duktus dem revisionistischen, antisemitischen Diskurs in Europa.

Zu diesem Zweck ist auch das Schoah-Andenken von Anbeginn ideologisch instrumentalisiert und die „Sicherheitsfrage“ – ungeachtet ihrer realen Dimension – zum nationalen Fetisch erhoben worden.

Der Demagoge Zuckermann weiß sich im Herzen seiner antisemitischen Leserschaft, wenn er ihnen die jüdische Stimme der Kritik anbietet, Kritik am Apostrophieren jeglicher Kritik an Israel, besonders wenn sie aus Europa kommt, als antisemitisch“.

Netanjahu wird ihm zum idealen Zerrbild eines Juden, mehr noch, “des Juden” als Personalisierung aller Juden, wie ihn der Antisemit imaginiert. “Fremdbestimmend” über die indignierten, (sprich: angeekelten) Nationen Europas, instrumentell, rational und kalt, rücksichtslos, mithin der Feind aller Völker:

Nun, dass der israelische Premier um des Machterhalts willen auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, ist bekannt. Selbst die bilateralen Beziehungen mit den USA ist er mit Affronts gegen deren Präsidenten aufs Spiel zu setzen bereit.

Weil der Leser stets rationale Motive hinter der blutgebadeten Dialektik der Geschichte vermutet, gilt als Surrogat der zumindest in westlichen Intellektuellenkreisen doch etwas altbackenen jüdischen Weltverschwörung immer irgendein Wahlkampf in Israel zur Erklärung. Kriege, Kritik und Krisen – was Netanjahu auch umtreibt, er inszeniert all das offenbar lediglich, weil er sich seinem Wähler verpflichtet fühlt. Dass Juden in Europa keine nennenswerte Wählerschicht bilden, der sich Politik auch widmen müsste, die sich durch Wahlen legitimieren muss, das kann über solcher Empörung vertuscht werden, in der sich zumal allzuoft noch ein zutiefst antisemitisches, dem 19. Jahrhundert entsprungenes Unbehagen über das Wahlrecht von emanzipierten Juden sedimentiert hat.

Noch einmal: Zuckermann hat mit solcher Propaganda vor allem die Täter-Opfer-Umkehr im Sinn. Israel, der Zionismus und als deren Personalisierung, Netanjahu werden zu Tätern und Profiteuren des Antisemitismus ernannt. Dass es dem Medium, der taz, durchaus ernst damit ist, beweist sie durch einen anderen jüdischen Antizionisten, Micha Brumlik, der sich zu einem Gesetz von Netanjahus Regierung äußert, nach dem der jüdische Staat auch offiziell als solcher definiert wird – unter expliziter Betonung der gleichen Rechte für alle Einwohner. Brumlik schließt seine Kritik an diesem Gesetz in “Was ist der Staat Israel” mit den hämischen Worten:

“Historisch Interessierte werden an das Römische Reich denken, an den vom Historiker Flavius Josephus geschilderten “Jüdischen Krieg”, der schließlich – der selbstmörderischen Politik der Zeloten wegen – in die Zerstörung des Tempels und das Ende jeder jüdischer Staatlichkeit mündete.

Auch hier erfolgt wieder die Täter-Opfer-Umkehr: Schuld an der Zerstörung der letzten Reste jüdischer Souveränität sind wiederum “selbstmörderische” Juden, jene zumal, die es wagten, im Angesicht der für die massenhaften Kreuzigungen von Juden gerodeten Wälder noch Widerstand gegen den genozidalen Furor der Römer leisteten.

Veranstaltungshinweis: “Der „Islamische Staat“, Syrien und der kurdische Widerstand.”

Podiumsdiskussion im Peter-Weiss-Haus, Rostock, am 05. März 2015, 19.00
Referenten: Thomas von der Osten-Sacken, Danyal und Felix Riedel, im Rahmen des PolDo.

Mehr Informationen:
https://freundeskreisdialektik.wordpress.com/2015/02/11/der-islamische-staat-syrien-und-der-kurdische-widerstand/

Being Charles Hebdovich

Im Film “Being John Malkovich” gibt es eine Etage, in der sich alle bücken müssen, weil sie zu niedrig gebaut wurde. Der ehemalige Puppenspieler und frischbackene Bürokrat Craig entdeckt in seinem Büro eine Tür, durch die man in das Gehirn des berühmten Schauspielers John Malkovich rutscht. Der wird natürlich nach Kräften ausgebeutet, bis der Schauspieler der Kontrolle des Puppenspielers völlig unterworfen ist und nun die vorher unerreichbare Maxine heiratet, die diese Manipulation zum eigenen machtlüsternen Vergnügen orchestriert.

Der Anschlag auf Charles Hebdo ist eine solche Tür. Er erlaubt den kurzzeitigen Ausbruch aus dem gebückten Leben der Bürokraten und auf einmal sind diese sich sicher: “Je suis Charlie”. Die Tür geöffnet und schon ist man eine Berühmtheit. Selten wurde aus einem Mord schneller Geschäft und Werbung. Zeitungen, die gewiss nie eigenständig eine Mohammedkarikatur in Auftrag gegeben haben, dünken sich nun als Vorreiter der Freiheit.

Das allgemeine Problem von Avantgarde, Märtyrertum und Solidarität ist, dass es unendlich viel leichter ist, die Avantgarde gut zu finden als Avantgarde zu sein. Vor diesem Anschlag war es gefährlich, die Karikaturen zu veröffentlichen, die Charles Hebdo auf den Titel hievte. Das von den Überlebenden noch sinnhaft entworfene schwarze “Je suis Charlie”-Schild hingegen ist als Massenprodukt noch Zensur, schwarzer Balken über jenen Karikaturen, die zu den bösesten gehören und die zu veröffentlichen tatsächlich Mut bedurfte.

Da ist jene Karikatur, auf der ein Salafist einem Kugelhagel einen braunen Koran entgegenhält und übersetzt etwa spricht: “Der Koran ist ja voll scheiße. Der hält ja nicht mal Kugeln ab!” Das Bild war mehr als andere prophetisch.

Nun herrscht die übliche Stimmung: Menschen denken, sie wären durch diese Morde nach ihrer Meinung gefragt worden, schon am selben Tag wurde darüber debattiert, was Satire nun ist oder nicht, was sie darf oder nicht, als wäre das Massaker eine durch einen Souverän ausgerufene Volksabstimmung über Satire. Hinzu kommt das Missverständnis, man befinde sich in einer globalen Online-Demokratie, in der man nur seine Meinung (für oder gegen das Böse, den Krieg, das Gute, die Legalisierung von Cannabis, Hundesteuer, etc.) abgeben müsse um Gesellschaft mitzugestalten.

Im April vergangenen Jahres wurden 300 Schulmädchen durch die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram entführt. Auf der ganzen Welt befleißigten sich Menschen, Schilder anzufertigen und sich damit online zu präsentieren. “Bring back our girls!” hieß der virtuelle Auftrag der desorganisierten, vereinzelten, atomisierten Individuen, die ahnen, dass es auf Solidarität ankäme, die aber längst nicht mehr wissen, wie solche zu organisieren wäre. Nur logisch erstarb die “Bring back our Girls!”-Kampagne (ironischerweise im Kugelhagel eines anderen islamistischen Massakers, dem an den Yeziden und Kurden) und die Mädchen wurden nie wirklich befreit, einige konnten fliehen, andere wurden verkauft in die Sklaverei. Dass die Charles-Hebdo-Solidarität nach ebendiesem Prinzip funktioniert, droht schon an, dass sie auf eine sehr ähnliche Weise scheitern und in Nebendebatten versanden wird. Diese Nebendebatten – etwa was Satire darf und kann – sind bereits auf einer Intensität angedreht, die Gradmesser der Wucht der Verdrängung ist. Nur konsequent steht Boko Haram nach “Bring back our Girls” besser da als je zuvor und hat just nach den Anschlägen in Frankreich ein Dutzend Siedlungen in Nordnigeria dem Erdboden gleichgemacht mit hunderten, wenn nicht tausenden Toten. Nach den antisemitischen Attacken in Frankreich, nach dem Karikaturenkrieg hat die französische Polizei offenbar nicht das Bedürfnis gesehen, Charles Hebdo angemessen zu schützen. Nach Boko Haram sah lediglich die USA die Notwendigkeit, ein paar Flugzeuge vorbeizuschicken, im Zweifelsfall sind “Militärausbilder” auch beliebt, aber den militärischen und ideologischen Flächenkrieg gegen den globalen Islamismus zu führen verweigert der Westen konsequent.

Die Parole von der Informationsgesellschaft suggerierte das Ende der Industriegesellschaften. Die erfolgreiche Auslagerung von industrieller Arbeit an Informationstechnologie in asiatische Tigerstaaten trug dazu bei, die Illusion dieser aus Informationen bestehenden Gesellschaft zu stärken, als würde nur noch Werbung gehandelt und keine industriell gefertigten Produkte mehr, die jene Kosten einfahren müssen, von denen sich Google und co. ernähren. Ebenso verhält es sich mit der Freiheit. Weite Teile der Öffentlichkeit hängen der Illusion an, man könne nunmehr Freiheit online produzieren, durch den Austausch von Informationen und auf bloße bürokratische Verwaltung der jeweilig zur Abstimmung gestellten Gegenstände: Liken oder abwählen, 2 oder 5 Sterne, Lol- oder Kotzsmiley. Dass Freiheit industriell produziert wird, durch Soldaten und Polizisten, durch Reporter und Journalisten, durch Vereinskader und Lobbyisten, dass diese Produktion intrinsisch vermittelt ist mit der Unfreiheit anderer, mit der Ausbeutung hinter den in der Datenflut eher einschrumpfenden Horizonten, das vermag die Ideologie der Informationsgesellschaft zu überdecken. Und diese Ideologie, falsche gesellschaftliche Praxis, diese Ideologie ist auch in “Bring back our Girls!” und “Je suis Charlie Hebdo!” enthalten.

Die Position, ein Schild mit einer Forderung hochzuhalten ist primär eine infantile. Sie richtet sich an einen imaginären Vater im Internet, von dem man etwas erledigt haben möchte. Sie ist das Versprechen, sich selbst nicht darum zu kümmern, Ausdruck der Erwartungshaltung, jemand anderes solle sich doch bitte darum kümmern. Sie ist nicht schlecht an sich sofern sie Solidarisierung ist und Botschaft an die Islamisten – sie ist schlecht, weil jeder Islamist weiß, dass es bei diesen Schildchen bleiben wird, dass diese Schildchen an der intellektuellen Aushöhlung des Westens nichts ändern werden, dass ihnen keine wirkliche Organisation nachfolgt und dass das schlimmste, was sie vom Westen befürchten müssen nunmehr Präzisionsraketen sind, die zugleich das beste sind, was hartgesottenen Islamisten passieren kann, weil sie das gemütliche Mobiliar ihrer Welt darstellen.

Ebenso infantil ist es, wenn ausgerechnet Vertreter der CDU/CSU sich gegen PEGIDA aussprechen, weil diese fremdenfeindlich sei. PEGIDA, die ideologische Kreuzung aus Ariosophie, Ufologie, Franz Josef Strauß, Thilo Sarrazin und Roland Koch hat soweit man weiß, noch keinen Menschen gelyncht, auch wenn das der Mentalität vieler beteiligter Neonazis entspräche. Die CDU/CSU und ihre Schwesterpartei SPD allerdings haben mithilfe ihrer Koalitionspartner kaltblütig, wissentlich und seit über 20 Jahren im Mittelmeer und Grenzflüssen mehr als 20.000 Menschen in den Tod getrieben, weil sie aus Angst vor ihrem PEGIDA gleichsehenden Wählerklientel eines gewiss nicht einführen werden: Das Recht auf Asyl und das bedeutet das Recht, dieses Recht wahrzunehmen ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen: An den Botschaften.
Solange selbst die Politik des mächtigsten Landes Europas denkt, es gehe um Gut- oder Nichtgutfinden, solange die Praxis allen demokratischen Bekundungen völlig zuwiderläuft, solange man jenen, die Freiheit in Syrien und Irak wirklich verteidigen, den dort kämpfenden Bäckern, KFZ-Mechanikern, Wäscherinnen und Kindern nicht einmal ein paar Panzer und Luftabwehrraketen zur Verfügung stellt, weil man denkt, es genüge, gegen Islamismus und für Demokratie zu “sein” und nicht etwa selbst etwas zu tun, solange wird der Terror auch und gerade im Westen leichtes Spiel haben, Gefolgsleute zu rekrutieren, die an dieser gärenden Melange von praktischer Unfreiheit und Freiheitsversprechen irre wurden und sich mit aller Kraft für die zynischste Unfreiheit entscheiden, weil ihnen das immerhin ehrlicher dünkt.

Der Anschlag auf Charles Hebdo war ein Anschlag auf das, was tatsächlich eine der letzten wirkmächtigen Institutionen des Westens gegen den Islamismus ist: ein kleines Satiremagazin mit einer Auflage von 10.000 wurde Ziel, nicht die Mainstream-Zeitungen, die von sich behaupten, sie würden Wahrheit und Objektivität anhängen und das Rückgrat der Demokratie bilden. Die Botschaft ist deutlich: Von den Zeitungen, von der Politik, von Militärbasen, von allen anderen gesellschaftlichen Institutionen hatten Islamisten weniger zu befürchten als von diesem Magazin. Der Islamismus fürchtet die letzten Zellen von radikaler Religionskritik im Westen mehr als alles andere. Solche Religionskritik aber wird systematisch stillgestellt in Zeitungen, die auf einen atheistischen Kommentar noch fünf Pfarrer und einen Mattussek für “objektive” Gegendarstellungen anheuern. Sie wird stillgestellt, wo ein Staat Religionsgruppen die rituelle Genitalverstümmelung von Jungen erlaubt, die von Mädchen aber verbietet. Sie wird dort stillgestellt, wo man statt der bösesten Karikaturen des Charlie Hebdo ein “Je suis Charlie” druckt oder halbgare Bleistift-Karikaturen, in denen man andeutet, dass ja alle Journalisten gemeint seien.

Noch einmal: Es wurde nicht die Le monde oder die Zeit attackiert, sondern ein kleines Satiremagazin. Gemeint war nicht der Bleistift oder die Redefreiheit an sich, sondern der religionsfeindliche Geist, der dahinter steckte. Derselbe Geist vermochte nicht, eine andere als eine ästhetische Praxis gegen den Islamismus zu vollziehen. Dass diese ästhetische Praxis schon wirksam genug war, spricht immerhin Bände darüber, was mit einer bewussten politischen Praxis, einer Organisation gegen den Islamismus und die Zumutungen der Religion im Allgemeinen möglich wäre. Bislang verbleiben diese Organisationen von Atheisten allerdings auf dem Niveau von Positivisten, die wie die GWUP esoterische Thesen mit wissenschaftlichen Experimenten (und nicht wie Jahrtausende von Philosophie in der Logik) widerlegen wollen; und wo man mit Dawkins einen Vordenker einer atheistischen Philosophie sucht, zeugt man vom Wunsch, mit Marx und Freud zu brechen und endlich in Sachen Moralphilosophie ohne Gott hinter Nietzsche zurückfallen zu dürfen, der im Tod Gottes noch ein Problem sah, den Anfang aller Arbeit am Menschen und nicht das Ende. Bisweilen ist aber auch das langsame Verharren im Anfang das Ende: Die fortgesetzte Unreife der Menschen erhält eine andere Qualität als zu Zeiten Kants, sie wird faul, weil sie den Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt hat. Das gleiche gilt für die Charles Hebdo-Solidarität.

Stellengesuch

Der Autor dieses Weblogs, Ethnologe (alias Kultur- und Sozialanthropologe, Völkerkundler), M.A. und abgeschlossener Dissertation (Titelberechtigung ab Publikation, vrs. 4/2015), mit den Nebenfächern Friedens- und Konfliktforschung, Grafik und Malerei, sucht ab sofort eine anspruchsvolle Tätigkeit in den Bereichen Redaktion (Wissenschaftsjournalismus, Feuilleton, Kommentar), Politikberatung, Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Auftragsforschung, Lehre, Verlagswesen, Think-Tank, Lobby.

Fachkenntnisse in den Bereichen Ethnologie (Südamerika, Afrika, Asymetrische Konflikte – Guerilla Warfare & Counterinsurgency, Religionsethnologie, Konfliktanthropologie), internationale Politik, Nahost-Konflikt, kulturwissenschaftliche Psychoanalyse, Filmanalyse, Kritische Theorie, Ökologie und Naturkunde, Gender, Genocide Studies. Die Expertise erstreckt sich auf die transdisziplinären Nachbarfelder der Esoterikforschung, Theorien magischer Vorstellungen, Aufklärungsforschung, Gewaltanthropologie, Psychologie der Schuldprojektion, Psychosomatik von spiritistischen Körper-Geist-Konzepten.

Forschungsaufenthalte: 9 Monate in Ghana, 150 Interviews mit Hexenjagdflüchtlingen, Medienforschung (v.a. ghanaischer Film). Umfassende ehrenamtliche Betätigung und Vereinserfahrung  in der Jugendumweltarbeit, Programmkino, Entwicklungszusammenarbeit. Meine Publikationsliste findet sich in dem Verzeichnis “Gesammelte Werke” dieses Weblogs, wissenschaftliche und journalistische Publikationen unter dem Publikationsverzeichnis: http://felixriedel.net/forschungsgebiete/16-2/ Ich freue mich über Angebote und Vermittlungen (via Kontaktformular unten) von Stellen/Aufträgen, die meinem Profil entsprechen oder darauf aufbauen.

Schmalziger Antisemitismus – Mit National Geographic bei den jüdischen Warlords

Adorno beobachtete in seinen medienwissenschaftlichen Studien, dass Journals wie Psychologiemagazine analog zum sekundären Okkultismus einen „mild terror“ erzeugen, der dann ebenso sachte besänftigt werden kann durch ein kultiviertes Bescheidwissen. Was gesehen wurde, was bekannt ist, wird schon als kontrollierbar erfahren. Ein „Kenn’ ich“ ist schon so viel wert wie ein „kann ich“.

Die National Geographic muss sich natürlich in regelmäßigen Abständen auch politischen Themen widmen, um ihrer Kundschaft dieses Gefühl der Beherrschung von kompliziertem zu vermitteln. Die fragt sich auf dem Titelbild: „Drei Weltreligionen entstanden im vorderen Orient. Wieso eigentlich?“

Ja genau. Wieso eigentlich. In zwei Wörtern ist der mild terror des Nichtwissens hergestellt. Zwei Beiträge zu Israel enthält dann die Ausgabe vom Dezember 2014, nach denen man dann bescheid weiß. Auf dem Niveau der Titelfrage erklärt ein fett gedrucktes Schmuckzitat:

„Religion fällt nicht vom Himmel. Sie entwickelt sich, weil Menschen Verstand haben und Furcht vor dem, was sie nicht verstehen.“

Offenbar nahm man sich diesen Satz zu Herzen und befragte einen Theologen, Wolfgang Zwickel. Der erklärt nun nicht, warum in einem Industrieland wie Deutschland auf ein Institut für Psychoanalyse zehn Theologieinstitute kommen, sondern warum Menschen angefangen haben, an Götter zu glauben. Und weil am Anfang alles einfach ist, ist auch der Glaube des Anfangs „ein sehr einfacher Götterglaube“.

Der entwickelt sich dann rasch fort zu einem Konflikt zwischen einem Fruchtbarkeitsgott (Baal) und einem Kriegsgott (Isra-El). Da geht es dann ein paar Zeilen durch die Archäologie bis zum König David, an dessen Bild der Theologe „ein paar historische Korrekturen“ anbringt:

„Ich vergleiche ihn gerne mit Saddam Hussein. Er war eine Art Warlord, der eine erfahrene, man könnte auch sagen abgebrühte Gruppe von Haudegen und Desperados um sich sammelte und den zerstrittenen Clans mit eiserner Faust seinen Willen aufzwang.“ (54)

Der Satz steht dann auch noch mal als fettes Readbaiting-Zitat in der Mitte der Seite. Dass Zwickel diesen Vergleich „gerne“ vollzieht, sagt viel über halbverdrängte Faszination an einem solchen Warlord aus, mehr aber noch über abgeschmackte Vergleiche. Zwar schätzt heute ein Gutteil der europäischen Durchschnittsbürger an Saddam Hussein, dass unter ihm „alles besser war“, wie auch Putin, Castro, und Assad ihre Freunde finden. Gadaffis Sozialsystemen trauern bald mehr Menschen nach als er zu Lebzeiten Freunde hatte. Aber auch ohne tieferes Wissen um die baathistische „republic of fear“ zu haben, in der hunderttausende Menschen ums Leben gebracht wurden, gilt der Vergleich mit Saddam Hussein doch denen mit Restvernunft als einer mit dem Inbegriff des Bösen. Man erfährt nicht so genau, was die 400-600 Kämpfer Davids außer einer erzwungenen Einigung, von der es in der Geschichte tausende gibt, noch verbrochen haben sollen, das sie in die Nähe des Massenmörders Saddam Hussein treten lässt. Aber es geht ja nun nicht um Information, sondern um Sensation, eine Sprache in Bildern, die „die Menschen“ verstehen.

El, der Kriegsgott (es wird noch einmal betont, „Isra-el“), tritt nun in Konkurrenz zu Davids Privatgott, Jahwe, der ein regelrechter Vampirgott zu sein scheint.

„Mit der Machterweiterung des Königs wächst auch Jahwes Macht. Er saugt die Fähigkeiten anderer Götter auf und zieht immer mehr von ihren Kompetenzen an sich.“ (54)

 Im Zuge seiner Machterweiterung auch als neuer Kriegsgott wird der heraufziehende Monotheismus aggressiv gegen seine Konkurrenz, und Zwickel erklärt: „Man kann diese religiöse Richtung beinahe als fundamentalistisch beschreiben.“

 Nun kann man das nicht nur beinahe, sondern ohne weiteres. Suggeriert wird aber, dass es Verbote gäbe, die einen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus hier unterbinden würden – in Wahrheit hat man lediglich keinen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus. Man assoziiert einfach frei. Ohne Begriffe, im Stande der sekundären Bilder, steht die Assoziationskette: Judentum – Kriegsgott – Saddam Hussein – Fundamentalismus.

Ausschließlich spricht man pathisch kalt über Israel, über Juden. Etwas „Seltsames“ (und nicht Schreckliches) geschieht. Babylon überfällt Israel. Kurioserweise verlieren Juden nicht ihren „Glauben an Jahwe, der als Kriegsgott ja mindestens ebenso versagt hatte wie Baal als Wettergott.“ (55) Da wird auch der NatGeo der Theologe zu heikel und man fand das Nächstgelegene, einen Religionswissenschaftler, der aber auch das Christentum in Schutz nimmt und das Judentum hier zur Ausnahme, nämlich einer völlig realitätsfremden Religion erklärt:

„Das ist eine erstaunliche weltgeschichtliche Ausnahme“, sagt Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler in Berlin. „In der Regel wird die alte Religion nach einer schweren militärischen Niederlage entwertet, die Menschen verlassen ihre alten Götter und übernehmen die offenbar überlegenen Gottheiten der Sieger, oder sie bilden Mischformen.“ (55)

Als hätte nicht jeder christliche Märtyrer den Heiligenkult genährt, als hätten die militärischen Siege über die Islamisten deren Glauben geschwächt und als hätte nicht die Magie (wie Frazer, Mauss und Levy-Bruhl noch lehrten) trotz ihrer Niederlagen gegen die Realität überlebt. Einen ganz „anderen Weg“ als alle anderen Religionen findet das Judentum:

„Der Gedanke, dass Gott sein Volk für dessen Ungehorsam bestraft, hat seinen Ursprung im babylonischen Exil und durchzieht das jüdische Denken bis zum Holocaust.“ (55)

 Nicht gesagt wird, dass die umgebenden Religionen diesen Gedanken, dass die Juden am ihnen zugefügten Leid selbst schuld seien, in weitaus größerem Maße hegen als die sehr wenigen jüdischen Rabbiner, die tatsächlich den Holocaust als Strafe für eigene Sünden interpretieren. Vom Antisemitismus liest man ohnehin nichts, wenn es in der NatGeo um Weltreligionen geht.

Jüdische Elite vs. Jesus

 Großaufnahme Masada: „Der jüdische Elitarismus förderte die Sehnsucht nach einem Heiland wie Christus.“ (57)

Die jüdischen Eliten kommen nun im babylonischen Exil, so NatGeo, auf eine geniale Idee:

„Die Schriftgelehrten frisieren die Geschichte. Da man das Wort Gottes ja nicht plötzlich erfinden kann, müssen die Autoren die von ihnen erwünschten Worte Jahwes zurückdatieren und früheren Propheten in den Mund legen.“ (58)

Da ist nun die erste und einzige Religion, die das Wort Gottes „plötzlich erfindet“. Mehr noch, eine Religion, die das Leben ihrer Bürger regelt: „Jetzt wird nicht mehr gefragt: „Wer sind wir?“, sondern verordnet, wer man zu sein hat.“ (58)

„Damit ist ein religiöses Korsett für rechtgläubige Juden geschaffen, das so eng sitzt und so stabil ist, dass es ihnen für Hunderte von Jahren überall auf der Welt Halt und Haltung gibt und die Kultur des „Schtetls“ ermöglicht.“ (59)

Obwohl Unterdrückte, verarmte Ghettobewohner und Schtetl-Bauern und Handwerker in Osteuropa durch das „Korsett“ stabilisiert wurden, schließt NatGeo auf einmal:

„Besonders praktisch aber ist dieses Korsett nicht. Nur eine kleine Elite kann es sich leisten, in ihm zu leben. Für einen einfachen Handwerker oder Tagelöhner dürfte es unmöglich seinn, alle 248 Gebote und 365 Verbote einzuhalten, die der jüdische Verhaltenskodex Talmud auflistet […]“. (59)

 „Ein weiterer Mangel: Die Religion ist ethnisch festgelegt und exklusiv.“ (59)

Diesen Mangel beklagen die anderen Religionen nun seit zweieinhalb Jahrtausenden, was gerade der Grund ist, dass NatGeo das Ressentiment tradiert, im Interesse des Kunden. Die unpraktische Religion der Eliten nämlich brachte Jesus von Nazareth hervor, der „keinerlei Einhaltung von Vorschriften“ verlange, aber trotzdem „an die vorbabylonische Frömmigkeit“ anknüpft. (59)

Ob es nun eine Vorschrift ist, das eigene Auge auszureißen und wegzuwerfen, oder sich, so Matthäus – ein christlicher Schriftgelehrter, der Geschichte auch mal frisiert – das Bein abzuhacken, wenn es einen ärgere – geschenkt. Die eigentliche Botschaft „des Nazareners“ laute: „Kehrt euren Sinn um! Denkt nach!“ (60) Und darauf sind tausend Jahre jüdischer elitärer Theologie eben einfach noch nicht gekommen.

Natürlich geht es auch um Liebe, die „eine Botschaft von revolutionärer Wucht“ „in eine Welt scharfer sozialer Gegensätze zwischen Klassen und Rassen“ wirft. „Nicht nur der Elitarismus des Judentums plagt das Volk“, auch die Römer. Daher breitet sich angeblich Jesu Botschaft „aus wie ein Buschfeuer“. Das stimmt zwar nicht, das Urchristentum war marginal und fand erst spät größere Anhängerzahlen – vor allem unter Nichtjuden. Aber man hat ja wieder den Theologen gefragt und der ist nun in seinem Element, er ist vor Ort im heiligen Land zu Jesu Zeit. Er sieht, wie sich eine „revolutionäre, junge Lehre“ mit einem „neuen Menschenbild“ (eigentlich entstammen alle humanistischen Zitate der jüdischen Orthodoxie) ausbreitet „wie ein Buschfeuer“.

 „Die Priester der Christen lassen sich nicht bezahlen wie die der antiken Tempel, sie bestechen ihren Gott nicht mit teuren Opfergaben wie die Jerusalemer Priester, sondern vertrauen seiner Liebe. Die Christen halten zusammen wie Familien und kümmern sich um Arme, Schwache, Kranke. Da ist eine völlig neue Verheißung spürbar, die Kraft eines Gottes, der liebt und Liebe erweckt. Kein Wunder, dass die christlichen Gemeinden stürmisch expandieren.“ (61)

Für die Entstehung des Islam gibt er ähnliche Gründe an: Die Menschen sind arm, die heidnischen Götter ungerecht, erdbeben und Naturkatastrophen erschüttern den Glauben der Menschen. Das Leid erzeugt Nachfrage, allein das Angebot, es fehlt: „Der christliche Gott aber ist unbekannt […]“. (62) Hätte man den schon gehabt, man hätte den Islam nicht erfinden müssen.

Den mag der Theologe nun doch irgendwo gern:

„Der Islam hat sich keineswegs mit Feuer und Schwert durchgesetzt, sondern im Laufe einer langen und sehr friedlichen Inkulturation.“ (63)

Kein Lektor fragt sich offenbar bei NatGeo, warum Zwickel die islamische Expansion, die noch Mohammed auf die arabische Halbinsel ausdehnen konnte, als „sehr friedliche Inkulturation“ werten kann, aber in David einen antiken „Saddam Hussein“ wertet. Das ist nicht nur dick aufgetragen oder schlecht abstrakt, das ist pathisch projiziert.

„Gesegnet. Besetzt. Verflucht.“

Hat man nun schon den schmalzigen christlichen Antisemitismus reproduziert, der im Judentum eine baathistische fundamentalistische abergläubische Elitenreligion sieht, kann man auch über das moderne Israel erst recht schreiben, was der Kundschaft lustig ist.

Man geht mit einem jüdischen Archäologen mit und der ist „zersauster Intellektueller mit den wässrig blauen Augen eines Träumers und Jude.“ Der Autor muss offenbar die Augenfarbe blau notieren, dann aber ein wässrig hinterherschieben. Das verweist auf ganz vielschichtige Konnotationen, von denen kaum eine zu einem positiven Resultat führen dürfte.

Als Ausgleich zu diesem “zersausten Träumer” mit nicht ganz echten blauen Augen nimmt der noch einen palästinensischen „Freund und Fotograf“ mit, der keine wässrigen Augen hat, sondern ein „unermüdlicher Wanderführer“ ist. Der träumende Jude, Goren, arbeitet nun an einem Klär- und Bewässerungsprojekt, von dem Palästinenser und Israelis profitieren sollen. Allein: „Er scheint so unmöglich, so naiv, Gorens Traum.“ Immerhin gibt es hier ja schon „2500 Generationen der Verzweiflungen, Niederlagen, Glaubenskrisen.“ (71)

Man würde von dem Lektorat der NatGeo zumindest erwarten, dass man die Zahl der Generationen kennt, die in ein Jahrtausend passen. Es sind etwa 33-60, je nach Reproduktionsalter (33-15). Nimmt man, wie bei großen ontologischen Geschichtsentwürfen beliebt, die neolithische Revolution vor 10.000 Jahren zum Ausgangspunkt der endlosen Litanei, die nur jüdische Träumer beenden wollen, so wären es immer noch nur 600 Generationen. Aber es geht ja auch gar zu munter zu, als Epigone Karl Mays durchs wilde Israel und Palästina zu wandern, man zischt vom Instantkaffee zu den vor zwei Millionen Jahren aus Afrika einwandernden Flusspferdjägern und wieder zurück zum Wüstenregen, der nichts anderes macht als „klitschnass“ und den Lastesel „triefend“. Zwangsläufig kommt man an Checkpoints und weil man schon vier Seiten in nichts anderem als Klischee-Bildern gesprochen hat, kommt auch hier noch eine flache Metapher:

 „Die politische Landkarte des Territoriums sieht wie ein Röntgenbild aus: ein krankes Herz, marmoriert, gefleckt, verklumpt, ausgehöhlt.“ (81)

Das „Territorium“ (die Indianer grüßen) ist nicht nur ein Herz, ein krankes, sondern klein:

„Gerade mal doppelt so groß wie Luxemburg, aber bevölkert mit 2,7 Millionen Menschen – das besetzte Westjordanland.“ (81)

Die Fläche des Westjordanlandes beträgt 5800 m², das ist tatsächlich etwa doppelt so viel wie Luxemburg, das nur 550000 Einwohner hat, dafür aber 45,3% Ausländer beherbergt, im Westjordanland würde man sagen, Siedler.

Es ist aber mehr als 15-mal so viel wie München, das bei 310,71 km² ganzen 1,4 Millionen Einwohnern die allerprächtigsten Lebensbedingungen bietet. Freilich prozentual nur halb so vielen Ausländern wie Luxemburg und nur 9700 Juden.

Im Westjordanland aber eine Vielzahl von Zonen (exakt drei, A, B und C) und weil man unbedingt zu Fuß durch Naturschutzgebiete, Checkpoints und die judäische Wüste will, bricht man „in Betlehem (zurück in Zone A) erschöpft zusammen.“ Araber und Juden nehmen übrigens gern auch den Bus oder das Auto und bis in die Hochzeit des PLO-Terrors konnten Araber auch noch ungehindert nach Tel Aviv an den Strand zum Baden fahren.

Der Archäologe begegnet bei einer solchen erschöpfenden Höllentour auch Haredim, die tanzen und feiern und da liegt die Frage nahe: „Dieses gottesfürchtige Volk – ist es durchgedreht?“ Immerhin, ganz so wild wird man es nicht treiben:

 „Nein. Die Sache ist die: Nachdem ich die alten Horizonte Afrikas hinter mir gelassen habe, stehe ich nun an einer komplexen Wegkreuzung der Welt, wo die Landschaft sich liest wie ein Sakrament, in einem Labyrinth widerhallender Religionen namens Naher Osten. Der sonderbare Eifer in Bnei Berak ist ein Fest der Freude, des Überlebens: Purim.“ (85)

Immerhin so viel erfährt man über die verrückten Juden an der Wegkreuzung der Welt, mit denen man dann doch feiern kann, dass sie vor 2500 Jahren einen Genozid durch die Perser verhinderten. Es endet die archäologische Pilgerfahrt mit seichtem Abgesang, der irgendwie alles assoziiert und kennt, die wildesten geschichtlichen Verbindungen ahnt, Bilder fantasiert und dann exakt so religiös wird wie man es vorher schon war:

„Das war die einzige Theologie der Wanderung. Der Beduine. Die Menschen in dem Hotel. Die Straße, die sie trennte und verband.“ (85)

 Die Verbindung, man könnte sagen, Synthese, ist der zweite Bestandteil der Kulturindustrie. Nicht nur muss der “mild terror” in jedem zugleich und doch spezifisch präsent sein, auch müssen die Lösungen so formuliert sein, dass sie sowohl auf jeden einzelnen als auch auf jeden von ihnen passen. So geht es in der Astrologie und so geht es beim Infotainment von NatGeo.

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