Liberaler Klimaschutz



„Als eine weitere Maßnahme gegen den Klimawandel sollte Deutschland regelmäßig Regenwald-Stücke in Lateinamerika, Afrika oder Asien kaufen und schützen. Wir geben hierzulande allein rund 28 Milliarden für die Förderung der erneuerbaren Energien aus. Dem Klima bringt dies jedoch nichts. Schon für einen Bruchteil dieser Summe könnte man eine große Menge Regenwald erwerben – ein sehr einfaches Rezept, mit dem Deutschland einen globalen Beitrag gegen den Klimawandel leisten könnte.“


Das fordert die FDP auf ihrer Website zum Klimaschutz unter dem Motto „global statt national handeln„.

So unverschämt muss man erst einmal sein. Als der FDP-Mann Dirk Nebel sich anschickte, im subsaharischen Afrika Entwicklung voranzutreiben, entstand ein von Europa kontrolliertes und finanziertes Grenzregime, das die Freizügigkeit innerhalb Afrikas drastisch einschränkt und Flüchtlinge bereits in Eritrea am fliehen hindert. (s. Jakob/Schlindwein: Diktatoren als Türsteher Europas)
Der Karthoum-Prozess versprach das Blaue vom Himmel, belebte aber vor allem die kolonialen Grenzen wieder. Nun droht Lindner damit, Afrika ein vergleichbares Wirtschaftswunder verpassen: Afrika werde „mit unserer Hilfe zum Kontinent des blauen Wachstums ohne Ressourcenverbrauch werden.“ (dpa)

Wie Afrika das „blaue Wachstum“ schaffen soll, zu dem Deutschland nicht im Geringsten in der Lage ist, darüber schweigt sich Lindner natürlich aus. Daher denken wir das einmal durch: Wenn die FDP Regenwald „retten“ will, und dafür 28 Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung hat, ist folgendes Szenario erwartbar: An staatliche oder private Landeigner wird Geld zum Kauf von Regenwald überwiesen. Daran stoßen sich dann ganz bestimmte Parteien und Regierungen gesund, die Land, das mit einiger Sicherheit ohnehin bereits Schutzstatus hält, noch einmal an Deutschland „verkaufen“. Damit das von den ursprünglichen Landbesitzern wie Kleinbauern oder Indigenen „bedrohte“ Land dann nicht zufällig doch ausgebeutet wird, muss es von diesen Regierungen geschützt werden – der Schutz des Eigentums ist schließlich die wichtigste Staatsaufgabe im liberalen Weltbild. Daher fallen dann Kosten für den „Schutz“ an. Das Personal braucht effektive Rüstung aus Deutschland: Nachtsichtgeräte, Zielfernrohre, Schlagstöcke, Helme, Infrarotgerät, Hubschrauber, zufällig alles Dinge, die für die Grenzsicherung und zur Abwehr von Fluchtbewegungen, aber auch für die Niederschlagung von Streiks gebraucht werden. Schließlich gefährden auch Streiks das Wirtschaftswachstum und dazu hat FDP-Chef Lindner eine ganz eigene Meinung:


„Nur mit Investitionen in anderen Teilen der Welt lasse sich dasKlima effektiv schützen, erklärte Lindner. Eine Perspektive ohne Wachstum sehe er dagegen nicht. Wachstum liege in der Natur des Menschen. „Wachstum und damit den Gestaltungswillen zu strangulieren wäre antihumanistisch.“

https://www.welt.de/politik/deutschland/article181229064/Lindners-Klimaschutz-Vorschlag-Kein-Kolonialismus-Deutschland-sollte-Regenwald-in-Asien-kaufen.html

Denken wir das Ganze weiter, wird Deutschland also anstatt seine Braunkohle und Steinkohle und seinen Ressourcenverbrauch einzuschränken einfach immer mehr Regenwald kaufen. Eine Spitzenidee mit nur wenigen rechtlichen Problemen, die aber zum einen den Marktpreis für Regenwald rasch in die Höhe treiben wird, zum Anderen Privatpersonen und Unternehmen in ihrem Wachstum einschränkt, die bislang an der Abholzung des Regenwaldes profitiert haben. Also Bauern, die aus Südamerika Soja beziehen, Eigenheimbesitzer, die ihre Terrassen mit Tropenholz beplanken, Autobauer, die seltene Metalle aus dem Regenwald brauchen, Autofahrer, die mittels Marktpreis zumindest indirekt auf die Förderung von Öl aus Nigeria und Venezuela angewiesen sind. Schließlich entscheidet sich Deutschland im Angesicht der Krise, mit „seinem“ Regenwald eben doch so zu verfahren, wie es der Markt will: ihn auszubeuten.

2018 schlägt die FDP also vor, den Regenwald zu kaufen. Um 1988 herum kaufte ich zwei Micky-Maus-Hefte, um 20 m² Regenwald zu besitzen. Die Besitzurkunden sind irgendwann im Müll gelandet – vermutlich ebenso wie die 20m² Regenwald. Habe ich für 50 Pfennig 20 m² Regenwald gekauft? Oder für damals etwa fünf Mark zwei Micky-Maus-Hefte? Die Suche zu „Micky-Maus Regenwald“ oder „Mickey Mouse Rainforest“ ergibt nichts Brauchbares. Spulen wir noch einmal zwanzig Jahre vor:
2008 stand zur Debatte, ob Deutschland Ecuador entschädigt für Ölförderung im Regenwald. Wer das Ganze torpedierte, war ein FDP-Mann: Dirk Nebel. Genauer: Die gesamte FDP-Fraktion stellte sich quer mit dem Argument: „Präzedenzwirkung im Hinblick auf Kompensationsforderungen der erdölproduzierenden Länder in den Klimaverhandlungen.“

Kurz: Man befürchtete, dass andere Länder nun Geld fordern, dafür, dass sie auf Erdölförderung verzichten. Was motivierte die FDP weitere zehn Jahre später zu einem kompletten Umschwenken? Intern müssen große Schlachten geschlagen worden sein. Oder aber, es gab gar kein Umdenken und der Vorschlag dient ausschließlich dazu, die Abkehr von Braunkohle und Steinkohle zu sabotieren mit einer Schimäre, wie es eigentlich anders gehen könnte. Wenn es jedoch zusätzlich zum Kohleausstieg anders gehen soll, wird man mit Sicherheit nicht auf die Stimmen der FDP rechnen können.
Die FDP Münsterland verbreitet derweil Fake-News, wie in der liberalen „Profi“-Szene üblich:

„Im Ausschuss outeten sich SPD und Grüne: Sie wollen den Fleischkonsum drastisch reduzieren – das ist eine Politik vorbei am Verbraucher. Und klimaschädlich ist das auch. Denn in Brasilien wird der Anbau von Nahrungspflanzen u.a. auf Waldflächen verdrängt.“




Kinder, Klima, Klassenkampf

Verena Brunschweiger bringt den Antinatalismus, also die Philosophie, dass Existenz Leiden ist und der Mensch mit Kindern Leid erzeugt, auf deutsches Niveau: Sie kombiniert ihn mit Nützlichkeitsdenken und implizitem Rassismus.

Wenn Kinder an der Klimakatastrophe schuld sind und nicht die Erwachsenen, die sie hervorbringen, dann ist logisch, dass jene am meisten Schuld tragen, die viele Kinder bekommen. Brunschweiger hält zwar noch inne und benennt den Unterschied zwischen Kindern in Afrika und Kindern in Deutschland. Aber kinderreich sind auch in Deutschland vor allem die unteren Schichten und Minderheiten.
Also nicht die tendenziell kinderlosen AkademikerInnen, die mehrheitlich irrelevanten Unsinn zusammenforschen anstatt zur Aufklärung beizutragen. Auch nicht die tendenziell kinderlosen ManagerInnen, die den Raubbau an Natur organisieren und mit Spenden an reaktionäre Parteien für die ideologische Begleitung des Raubbaus sorgen. Auch nicht die RentnerInnen, die alleine auf 200 Quadratmetern leben und ihr Lebtag Parteien gewählt haben, die jede Anstrengung hin zu einer vernünftigen Gesellschaft in konservativem Sumpf erstickten. Und auch nicht die Lehrerinnen und Lehrer, die als bedeutende Mittelstandsschicht in größerem Ausmaß verantwortlich ist für ökologisch tote und überdimensionierte Neubaugebiete.

Die kinderreichen Familien würden sich, so Brunschweiger, die Kinder von Kinderlosen „finanzieren lassen“, als wäre es nicht umgekehrt. Menschen ohne Kinder würden bei der Stellenvergabe disrkiminiert – offenbar hat sie sich noch nie an einer Universität oder in der freien Wirtschaft beworben. Auch ansonsten leidet sie als Kinderlose schwer:

„Vor ein paar Jahren musste ich zum Beispiel aus meiner Wohnung ausziehen, weil die Familie über mir ständig Krach gemacht hat. Die Eltern hatten ihre drei Kinder, die in der Wohnung Fußball spielten und immer herumschrien, einfach nicht im Griff. Insofern möchte ich die Eltern, für die Ihr Kind der größte Schatz ist, der sich alles erlauben kann und schlicht unerzogen ist, einfach mal dazu einladen, sich stärker über ihre Pflichten als Eltern, nämlich einer angemessenen Erziehung, bewusst zu werden, damit am Ende ein sozialverträglicheres Miteinander herauskommt.“

Das ist nicht Feminismus, nicht Solidarität mit Frauen in Reproduktionsarbeit – das ist Verachtung dieser Frauen, zumal solcher, die zu liberaler Erziehung in der Lage sind. Im gleichen Tenor will sie von Fluggesellschaften für Kindergeschrei entschädigt werden.
Brunschweiger fördert mit diesem Ressentiment gegen das laute Kind einen gesellschaftlichen Druck auf Mütter, ihre Kinder mit Smartphones und Süßigkeiten still zu stellen. Das schreiende Kind gilt als Zeichen schlechter Erziehung. Dann wirft sie jenen Kindern vor, verwöhnt zu sein – dabei sind es die Erwachsenen, die Kinder nicht mehr aushalten können.

Brunschweigers zentrale Leistung dürfte sein, kinderlosen Menschen ein gutes Gewissen zu bereiten: Schließlich erzeuge ein Kind im Jahr soviel CO², dass ein Transatlantikflug dagegen Peanuts ist. So kann man aus den Shopping-Malls in New York die Großfamilien verachten und sich zum Klimaschützer erklären.

Bürgerlicher Reformismus trägt ihre Vorstellung, man könne die Gesellschaft rascher gesundschrumpfen als ihren Umbau in eine vernünftige zu gestalten, in der Menschen weder aus Not Kinder bekommen noch Kindern Not aufbürden. Brunschweiger rechnet einfach 42 Millionen Menschen als Überbevölkerung:

„Für Deutschland zum Beispiel wäre eine Bevölkerung von circa 38 Millionen optimal, was die Biokapazität bzw. den ökologischen Fußabdruck betrifft.“

So ein Gesundschrumpfen kann man sich nur vorstellen, wenn man davon ausgeht, dass Abschottung der derweil weiter wachsenden Gesellschaften weiter funktioniert. Selbstverständlich will sie vom Gesundschrumpfen nicht betroffen sein, sondern profitieren: mit 50,000 Euro, die sie wie andere kinderlose Frauen erhalten soll. Soviel zum bürgerlichen Egoismus: Stets geht es um den Gewinn an der Sache. Anstatt Mütter mit Kindern zu unterstützen, sollen also diejenigen ohne Kinder belohnt werden. Das macht aus einem Solidarprinzip ein reaktionäres Bestrafungs- und Belohnungssystem.

Kindergeld ist keine Mutterprämie, sondern geringwertiger Ausgleich für gesellschaftliche Reproduktionsarbeit. Der Staat überlässt prinzipiell die Entscheidung den Einzelnen, stellt auch keine wesentlichen Anreize, leistet aber auf jahrzehntelangen gewerkschaftlichen und feministischen Druck hin einige Ausgleichszahlungen, für die das Kindergeld steht. Das ist ein hochgradig defizitärer, aber gewerkschaftlich vermittelter Vorgang und damit grundverschieden von den Mutterprämien, die Viktor Orban auslobt, um eine rein „ungarische“ Bevölkerung zu mehren.

Brunschweigers Volte gegen die klimaschädlichen Kinder kommt nicht von ungefähr: Seit Wochen streiken Schülerinnen und Schüler gegen die Katastrophe, die ihnen aufgebürdet wird. Dass sie einen Klassenkampf führen, haben die Erwachsenen längst erkannt. Solidaritätsbekundungen bleiben beim betulichen Tätscheln, anstatt sich den Schülerinnen und Schülern zu einem Generalstreik anzuschließen. Hämisch erinnert man sie an die Schulpflicht – als würden AkademikerInnen und LehrerInnen ihre Pflicht erfüllen und den Kindern auf Grundlage besserer Erkenntnis die Arbeit der Reform abnehmen. Ebenso hämisch macht man sie auf den eigenen Konsum aufmerksam – als würden die Erwachsenen etwas an ihrem ändern. Und nicht minder hämisch ist daher Brunschweigers Klage über klimaschädliche Kinder, deren CO²-Ausstoß und ihre schlechte Erziehung. Sie passt in den Klassenkampf von oben, der heute einer der Älteren gegen die Kinder wird.

Quelle: Interview Brunberger im Fokus: https://www.focus.de/familie/kind/keine-kinder-wegen-der-umwelt-jetzt-legt-die-lehrerin-nach-mit-steilen-thesen_id_10421302.html?rnd=a8912c1ed39d9b69db2a646907926737


Oh Broder, where art thou?

Henryk M. Broder hat sich der Form nach als konsequenter Liberaler verhalten, als er vor der AFD sprach. In dem was er dort sagte, hat er sich aber wie längst gewohnt, als neurechter Agitator erwiesen. Gegen das berechnende Kalkül von „Welt“ und „Achgut“, die nun stolz den wahren, vermeintlich missverstandenen und vermeintlich liberalen Text von Broders Rede publizieren, gestehe ich jedem zu, der AFD die Leviten zu lesen und stelle aber fest, dass Broder genau das nicht getan hat. Seine recht harmlose Schelte von ohnehin unbelehrbaren Nazis in der AFD verpackte er in soviel Bestätigung des neurechten Weltbildes, dass die stürmische Umarmung von Alice Weidel nur konsequent war.

Broder liefert im ersten Teil der Rede, „zum Aufwärmen“, ein Projektionsziel, von dem er weiß, dass es dem neurechten Publikum passt, weil sie sich nicht wehren kann: Greta Thunberg. Und das schreibt er:

Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus, noch an Moses oder Mohammed glauben. Dazu hat bereits der britische Schriftsteller Edgar Keith Chesterton, der Erfinder von Pater Brown, das Richtige gesagt: „Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sie glauben allen möglichen Unsinn.“
Der weltweite Hype um eine 16-jährige Schwedin, die sich für eine Wiedergängerin von Jeanne d’Arc hält, hat das in diesen Tagen wieder bewiesen.


Der menschengemachte Klimawandel als Unsinn, das ist nichts Neues auf AchGut. Neu ist, dass man eine Jugendliche braucht, um das eigene ideologische Elend zu projizieren. Broder behauptet, sie halte sich für eine Wiedergängerin von Jeanne d’Arc. Aber nicht sie selbst, sondern AchGut-Autoren wie Thomas Rietzschel bezeichnen Greta Thunberg mit erheblichem Lustgewinn als Jeanne d’Arc und drohen ihr mit dem Scheiterhaufen. Broder reicht das nicht, er möchte ihre Aktivität als „Kindesmissbrauch“ verfolgt sehen:

Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können, wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.

Warum Broder vor der AFD hier eine 16-jährige erst als Gegnerin, dann als Opfer von Kindesmissbrauch inszeniert, ist aus propagandistischer Sicht logisch: Er objektiviert sie zunächst, um ihr für alte Männer und autoritär geprägte Frauen beängstigendes Selbstbewusstsein lächerlich zu machen, und dann die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden.

Natürlich führt der Anblick einer größeren Zahl aktivistischer, für ihre Interessen streikenden Kinder zu reflexhafter Abwehr, die sich in reaktionären Ressentiments artikuliert. Diese SchülerInnen erkennen schließlich den transgenerationalen Klassenkampf, den der Kapitalismus als Raubbau gegen die nachkommenden Generationen führt. Und da die AFD die Einheit von nationalistischer Restauration und kapitalistischer Expansion erzwingen will, ist sie auf die Imagination vermeintlicher fremder und personifizierter Krisenursachen (Geflüchtete) ebenso angewiesen wie auf die ökoromantische Leugnung von Schranken der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Um bei der durchaus sinnigen Rede von Ersatzreligionen zu bleiben: Broders Achse des Guten wie auch die AFD und die ihr verwandte FDP sehen in Natur eine Art ewig gebende Göttin. Der Verweis auf die Endlichkeit und Schwäche und damit Profanität von Natur ist aus dieser Perspektive Gotteslästerung. Die Rede von Jeanne d’Arc und Scheiterhaufen ist damit gar nicht so unernst gemeint, wie es klingt. Die Anhänger der kruden Religion vom krisenfreien Kapitalismus ohne natürliche Schranken, der Nationalstaat und Expansion, autoritären Staat und Liberalismus versöhnt, diese Dogmatiker machen ihr in allen Foren virtuell die Hölle heiß, und auch Achgut lässt es sich nicht nehmen, sie als Kranke, Leidende, Schwache und Manipulierbare zu verhöhnen. Broder gab der AFD mehr, als er ihr nahm: die Bestätigung ihrer Ideologie, bei allfälligem Schimpfen auf extremistische Auswüchse.

Broder hatte seinen Höhenflug in einer Publikation: „Der ewige Antisemit“. Zwanzig Jahre vor dem Aufkommen von prozionistischen Blogs hat er eine tiefe, materialreiche Kritik an antiisraelischer Medienkultur abgeliefert. Bewundernswert waren manche seiner gar nicht so satirischen Reduktionen, mit denen er im deutschen Feullieton zu glänzen vermochte. Dass sich seine Ideen seit Längerem mit neurechten Ideologen überschneiden, ist mitnichten ein Anbiedern, wie es fälschlich unterstellt wird, es ist auch nicht Identifikation mit dem Aggressor, es ist einfach Verfall in eitlen Altherren-Gestus, ins Bescheidwissertum.


Der Erfolg des Antisemitismus in der American Anthropological Association (AAA)

Ich mache hier das Flugblatt zum Erfolg der BDS-Bewegung in der American Anthropological Association und den Antragstext meines Antrages zur DGV-Tagung 2017 öffentlich zugänglich:

Ethnologie_BDS

Da die Vorgänge über Jahre hinweg zu keinerlei Reaktion von Seiten der deutschen Ethnologie führten, habe ich als nicht institutionell eingebundener, freiberuflicher Ethnologe folgenden Antrag bei der DGV-Tagung 2017 in Berlin gestellt. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt:

Antrag: „Verurteilung der antiisraelischen Agitation in der American Anthropological Association“

Auf der Mitgliederversammlung (2017) der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde soll folgende Resolution beschlossen werden:
Die Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) verlautbart große Sorge über die anhaltenden Forderungen nach der Ausgrenzung von israelischen akademischen Institutionen durch einen großen Teil der Mitglieder der AAA. Die Mitgliederversammlung fordert Vorstand und Mitglieder der AAA auf, wissenschaftliche und wissenschaftsethische Standards in der geschichtswissenschaftlichen und konfliktethnologischen Forschung einzuhalten, die in dem „Task-Force“-Bericht über Israel verletzt werden. Die DGV bekennt sich zu ihrer Verpflichtung zu Kooperation und solidarischen Unterstützung israelischer akademischer Institutionen gerade auch dort, wo deren Forschungen an der militärischen Selbstverteidigung gegen die ständige existentielle Bedrohung der Einwohner Israels durch islamistische Guerillas und Regimes teilhaben.

Begründung:

Mehr als 1100 Ethnologen haben online die Forderung nach einem Boykott Israels unterzeichnet.[1] Als Reaktion darauf erschien am 1.10.2015 im Auftrag der AAA der „Report to the Executive Board – The Task Force on AAA Engagement on Israel-Palestine“[2]. Der Bericht entstand auf Grundlage von 120 Interviews[3], davon wurden in Israel und dem Westjordanland 100 binnen 10 Tagen im Mai 2015 aufgenommen.
Der Bericht enthält keine wissenschaftlichen Standards entsprechende konfliktethnologische Ursachenanalyse. Er stellt die israelische Politik als einziges Hindernis akademischer Freiheit im Westjordanland und Gaza dar, Einschränkungen des israelischen und palästinensischen Universitätsbetriebes durch den Terror von Hamas, Fatah und PFLP bleiben unberücksichtigt. Der Antisemitismus von Fatah, Hamas und PFLP, den größten organisierten Gruppen, wird nicht als Konfliktursache erwähnt. Polizeiliche Restriktionen infolge des alltäglichen Terrorismus erscheinen als böse Absicht eines israelischen „settler-colonialism“. Die Funktion Israels als jüdischer Staat beinhaltet jedoch nicht die zwangsläufige Diskriminierung anderer Nationalitäten im Inland, sondern im Gegensatz dazu die Verpflichtung zur Integration von Jüdinnen und Juden jedweder Nationalität, und damit eine über andere Nationalstaaten hinausgehende Offenheit. Die Bewegung zur Schaffung einer jüdischen Heimstatt, der Zionismus, ist Reaktion auf zwei Jahrtausende der Diskriminierung und Pogrome. Sie kann keiner ernsthaften konfliktethnologischen Analyse sinnhaft mit dem Kolonialrassismus (Apartheid, Siedlerkolonialismus) gleichgesetzt werden, wie das der Task-Force Bericht der AAA zugrundelegt.
Die Quellenauswahl ist stark gefärbt und berücksichtigt weder wissenschaftliche Standardwerke zum Konflikt noch die Position der israelischen Konfliktpartei. An drei Stellen wird die israelische Politik mit den Methoden der Nationalsozialisten gleichgesetzt.[4] Es wird zudem fälschlich unterstellt, das palästinensische Territorium sei um „90%“ gesunken.[5] Es fehlt schlussendlich eine Einordnung der Verhältnismäßigkeit eines Boykotts akademischer Institutionen. Sobald dieses Mittel etabliert wird, ist jede Forschung einer erfolgreichen kollektivierenden Boykottkampagne ausgesetzt (z.B. als Mittel gegen Diktaturen, der land-grab, die Gefängniskultur in den USA, die Flüchtlingspolitik der EU, den Raubbau im Trikont). Der Fokus auf den ohne eigenes Risiko auszugrenzenden Kleinstaat Israel dient zur Projektion von größeren Problemen unter anderem in den USA und Europa.

Als Reaktion auf den Bericht hat am 20.11.2015 eine Versammlung der AAA einen Boykott israelischer akademischer Institutionen mit einer Stimmenmehrheit von 1040-136 gefordert. Die Resolution wurde in einer Urwahl bis zum am 31.5.2016 knapp abgelehnt mit 2,423 zu 2,384 Stimmen. Die Führung der AAA hat dennoch eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, die im Sinne der Resolution von der israelischen Politik unverhältnismäßige Maßnahmen (etwa den Abbau von Checkpoints und Sicherheitsmaßnahmen) fordern.[6]

Die DGV hat eine dreifache Verantwortung, sich öffentlich gegen jeden Ruf nach einem Boykott Israels auszusprechen. Sie ist erstens an der Wahrung wissenschaftlicher Standards interessiert, die durch die kritiklose Annahme des Task-Force-Berichts durch die AAA verletzt wurden. Sie ist zweitens aus grundlegenden ethischen Gründen zur Solidarität mit dem jüdischen Staat gegen eine genozidale Bedrohung durch islamistische Bewegungen verpflichtet. Sie steht drittens als deutsche Ethnologie in besonderer Verantwortung, gegen aktuelle und künftige Bedrohungen des jüdischen Staates durch den modernisierten Antisemitismus Stellung zu beziehen.

 

 

[1] https://anthroboycott.wordpress.com/signatories/.

[2] Perez, Ramona/Besnier,  Niko/Clarkin, Patrick et alii 2015: Report to the Executive Board. The Task-Force on AAA-Engagement on Israel-Palestine. Via:  http://s3.amazonaws.com/rdcms-aaa/files/production/public/FileDownloads/151001-AAA-Task-Force-Israel-Palestine.pdf.

[3] Task-Force-Report: 5.

[4] „creating a system of oppression with echoes of the very system they had managed to escape.“ Task-Force-Report: 71.
„Israelis have their own powerful claims to victimhood and the irony of a situation in which they have recreated some of the same forms of victimization to which they were subjected.“ Task-Force-Report: 15.
„Concentration Camp“. Task-Force-Report: 18.

[5] „Palästinian Territory has shrunk by about 90%.“ Task-Force-Report: 15.

 

[6] S. Waterston, Alisse 24.6.2016: http://www.americananthro.org/ParticipateAndAdvocate/AdvocacyDetail.aspx?ItemNumber=20835&navItemNumber=592-

Arbeitsbedingungen in der Ethnologie

Als Handreichung für Studierende und Nachwuchswissenschaftler mache ich diesen Text zugänglich:

Arbeitsbedingungen in der Ethnologie.pdf

 

Zur Kontextualisierung: Die folgenden, von mir eingebrachten Anträge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Ethnologie wurden von der Mitgliederversammlung der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde 2017 abgelehnt. Hier die ungekürzten Antragstexte:

 

Antrag: „Öffentliche Forderung nach einer Sonderstellung für ethnologische Forschungen“

Auf der Mitgliederversammlung (2017) der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde soll folgende Resolution beschlossen werden:

Die Mitgliederversammlung der DGV fordert private und öffentliche Institutionen zur Wissenschaftsfinanzierung (Deutsche Forschungsgesellschaft, Parteienstiftungen, Volkswagenstiftung, etc.) öffentlich auf,

  1. die Qualität ethnologischer Forschungen durch Anerkennung der besonderen Voraussetzungen sicher zu stellen und bei Promotionsforschungen pauschal den spezifischen Mehraufwand von ethnologischen Forschungen mit mindestens einem zusätzlichen Jahr Literaturrecherche und
  2. mindestens einem zusätzlichen Jahr Feldforschungsstipendien zu gewährleisten;
  3. sowie die Förderungsdauer für Promotionen auf mindestens 5,5 Jahre, die durchschnittliche Dauer geisteswissenschaftlicher Promotionen, anzuheben.

Begründung: Ethnographische Forschungen erfordern im Durchschnitt ein höheres Maß an Vorbereitung als Forschungen im Durchschnitt der anderen Fächer. Der Erwerb einer fremden Sprache wird allgemein mit zwei Jahren veranschlagt. In Regionen mit überlappenden Sprachen ohne linguistisches Grundlagenwerk oder mit komplexer Schrift wird der Spracherwerb zusätzlich erschwert. Die gründliche Kenntnis einer Region und Gesellschaft sind unabdingbar, um vorschnelle Urteile und falsche Handlungsanweisungen zu vermeiden. Das Einlesen in eine fremde Landes- und Regionalgeschichte erfordert zusätzliche Akribie, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Die Multifaktorialität insbesondere von konfliktanthropologischen Themen erfordert eine sehr gute Kenntnis allgemeiner theoretischer Grundlagen und lokal- und themenspezifisch Fachwissen in Philosophie, Psychologie, Ökologie, Medizin. Der für die Ethnologie charakteristische Dialog zwischen  Mikro- und Makroebene kann nicht annähernd mit geisteswissenschaftlichen Arbeiten in eigener Sprache und im eigenen Land verglichen werden. Feldforschung entfernt zudem von Netzwerken, Tagungen, Institutskultur. Gerade deshalb muss eine längerfristige Sicherheit für ethnologische Promotionsforschungen gewährleistet sein.

 

Antrag: „Schaffung eines humanitären Budgets für ethnologische Forschungen in prekären Verhältnissen“

Die Mitgliederversammlung (2017) der DGV fordert die DFG und vergleichbare Forschungsinstitutionen öffentlich auf, ein humanitäres Budget für Forschungen in prekären Verhältnissen bereit zu stellen, das auch nach der Forschung und nach einem Ende des Beschäftigungsverhältnisses abrufbar bleibt.

Begründung: Für Forschende aus Industrieländern bedeutet das Leben in einer Gesellschaft mit einer um bis zu 30 Jahren verringerter Lebenserwartung eine Vielzahl von existentiellen Entscheidungen. Wo das Überleben von SchlüsselinformantInnen nicht gesichert ist und staatliche Institutionen auf absehbare Zeit versagen wird den Forschenden aufgebürdet, zwischen dem wahrscheinlichen Tod und Krankheit von Informanten und der eigenständigen Übernahme der Kosten von Krankenhausaufenthalten und Nahrung zu wählen. Diese Situation zwingt Forschende entweder in eine altruistische, selbstschädigende oder in eine zynische Position.
Die DGV setzt einen Ausschuss ein, der einen Richtwert für ein abrufbares humanitäres Budget ermittelt. Dafür müssen Forschungsgegenstand und Region einer spezifischen Prüfung unterzogen werden. Ein Teil des Budgets soll langfristig verfügbar sein: Ethnographie erlaubt keine Forschung im Anonymen, sondern beruht auf der Bildung langfristiger sozialer Bande mit den ForschungspartnerInnen, deren spätere Krisen auch nach Ende der Feldforschung noch Dringlichkeit haben und deren Verantwortung direkte Folge der Forschung ist.

 

Antrag: „Ermittlung und Anerkennung von Berufskrankheiten und Berufsrisiken von EthnologInnen.“

Die Mitgliederversammlung (2017) der DGV beschließt:

Die DGV ruft EthnologInnen öffentlich dazu auf, Daten und Schriften zu übermitteln, die einen Rückschluss auf Todesursachen und berufsgefährdende Erkrankungen unter EthnologInnen ermöglichen. Die Daten werden einer vom DGV-Vorstand zu ermittelnden medizinischen Forschungsgruppe übermittelt. Sie soll insbesondere das Risiko von EthnologInnen ermitteln, durch die Feldforschung an Hautkrebs, Tropenerkrankungen, Schädigung durch Umweltgifte und Unfälle, Traumatisierung und psychische Beeinträchtigung geschädigt oder getötet zu werden. Das Ergebnis soll Grundlage für eine Anerkennung von spezifischen Berufskrankheiten von Ethnologen bilden und zur künftigen Ermessung einer Risikozulage für ethnologische Forschungen dienen.

Veranstaltungshinweise

Mittwoch, 7.11., Mainz: „Psychoanalyse in der ethnologischen Methodologie.“

https://www.facebook.com/events/389070674968050/

Donnerstag, 8.11., Stuttgart: „Antirassismus – Notwendigkeit, Misere, Feindbild.“

Antirassismus – Notwendigkeit, Misere, Feindbild

Mittwoch, 21.11., Bamberg: „Okkulte Ökonomien: Hexereivorstellungen, Cargo-Kulte und der Antisemitismus.“

https://www.facebook.com/events/1479973422136329/

Donnerstag, 22.11., Berlin: „Antirassismus. Notwendigkeit, Misere, Feindbild.“

https://www.facebook.com/events/1996338160453685/

Freitag, 23.11., Pirna: „Psychologie des Antisemitismus.“
Samstag, 24.11., Pirna: „Psychologie des Djihadismus.“

 

Querfront im Wasserglas

Am 17. August 2017 wurden von einem djihadistischen Attentäter in Barcelona 15 Menschen ermordet und 118 verletzt. Bei der Flucht tötete die Terrorzelle eine weitere Frau und verletze sieben Menschen.

Einen Tag später demonstrierten in Las Ramblas, Barcelona, Anhänger der rechtsextremen Partei „Democracia nacional“ (die unter anderem mit dem Schlagwort „Schwulenlobby“ gegen Homosexuelle hetzt), offen als solche erkennbare Neonazis, Faschisten der „La Falange“ und Identitäre gegen die „Islamisierung Europas“. Filme von vorherigen Aktionen und Demonstrationen (1, 2, 3) belegen, dass es sich hier nicht um eine spontane Unmutsbekundung handelte, sondern um eine gut organisierte Klientel, die den deutschen „autonomen Nationalisten“ und den „Hooligans gegen Salafismus“ entspricht und gern den faschistischen Gruß mit beiden Armen praktiziert.
Eine große Anzahl Gegendemonstranten, die sich unter dem Motto „Kein Terror, keine Islamphobie“ versammelt hatten, erkannte in dieser Gruppe die zugrundeliegende Gesinnung und blockierte deren Demonstration.

Am 18.8.2017 kommentierte eine Internetnutzerin aus Norddeutschland die Gegendemonstrationen:

„Die antifaschistische Zivilgesellschaft Barcelonas lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Mörder von La Rambla nicht nur nicht als Hauptfeind, sondern als Bündnispartner gegen Rechts betrachtet. Mir ist nicht sehr wohl bei dem Gedanken, dass dieses Katalonien demnächst ein neuer (postnationaler Un-)Staat in Europa werden könnte.“

Dazu schreibt Tjark Kunstreich:

Wie Joel Naber schon in einem anderen Thread zum gleichen Thema sagte: Wo ist die Barbarei je ohne Querfront besiegt worden – sowohl die Résistance als auch die Alliierten waren der politischen Logik der Linken zur Folge nichts anderes. Ich habe die Schnauze so voll von diesen indentitären Linken, die wissen, wo es lang geht, aber sich die Finger keinesfalls schmutzig machen wollen. Sie haben nicht begriffen, worum es geht.

Der Beitrag wurde unter anderem geliked von Dieter Sturm und Joel Naber, beide keine Unbekannten in der sogenannten Szene.

Kunstreich verdrängt zunächst die Geschichte des Begriffes Querfront. Das, was Querfront genannt wurde, ging historisch eher von der Rechten aus, die versuchte, die ärmeren Bevölkerungsschichten mit der Imagination einer Revolution zu ködern. Politisch real wurde die Querfront zuerst als Bündnis von nationalistischen Sozialisten mit rechten Antisemiten. Diese Querfront wurde unter dem Namen „Nationalsozialisten“ erfolgreich. Zur Erinnerung: Die „linken“ Elemente in der NSDAP um Röhm wurden mit dem „Röhm-Putsch“ eliminiert.
Querfront als faschistische Revolutionsmystik ist für den Nazismus überhaupt nichts außergewöhnliches, sondern die Regel – ansonsten wäre er Konservativismus ohne jeden revolutionären Gestus. Daher entstehen seit einigen Jahrzehnten Autonome Nationalisten, die Habitus und Parolen der Linksautonomen kopieren. Man sollte also gegen Kunstreich einwenden: Was an der Idee Querfront ist nicht dieser „Barbarei“, wie man den NS heute so gern verniedlichend nennt, verpflichtet? Wann gab es je eine Querfront GEGEN den Nationalsozialismus, der DIE Querfront schlechthin war?

Dass Kunstreich die demonstrierenden Nazis ausgerechnet mit Alliierten und der Resistance in eins setzt (das Gleiche aber den „Linken“ unterstellt), zeugt von einem Bedürfnis nach Verharmlosung. Er suggeriert nicht nur einen Notstand, in dem der Rechtsstaat nicht mehr funktioniere und keine andere Wahl mehr bleibe als ausgerechnet das Bündnis mit Nazis, um Schlimmeres abzuwehren. Er täuscht auch vor, und das ist vielleicht noch schlimmer, dass das verbale Bündnis einer bedeutungslosen Gruppe von Internetkonsumenten mit diesem flaggenschwenkenden Grüppchen Nazis tatsächlich irgend wirksam gegen den Islamismus würde.

Aus der realen Geschichte, auf die er sich beruft, wird Kitsch. Mussten sich linke Antifaschisten historisch tatsächlich in Kriegszuständen mit konservativen und monarchistischen Kräften verbünden, wie in Italien, so geschah dies in einem Krieg gegen das größere Übel, den deutschen Faschismus. Wer sich hingegen mit Faschisten verbündete, hat den Faschismus gefördert, nicht den Kampf dagegen. Wer glaubt, sich gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ oder gegen Terrorattentate mit Identitären und Nazis gemein machen zu müssen, ist schon bereit dazu, alle Freiheit aufzugeben, die Djihadisten angreifen.

Dass Terrorismus und Gewalt auch Kunstreich nicht fremd sind, bezeugt sein Lamento über Linke, die sich „die Hände nicht schmutzig machen wollen“. Seine neu erwählten BündnispartnerInnen von der Democrazia nacional und Konsorten wissen, wie man sich die Hände schmutzig macht: Mit faschistischen Grüßen, Maschinengewehren auf den T-Shirts, der ganz praktischen Verfolgung von Homosexuellen und Flüchtlingen. All das wird den Islamismus in Pakistan, Bangladesch, Indonesien, Irak, Syrien, Saudi-Arabien, Iran, Mali oder dem Maghreb in keinster Weise eindämmen. Der ins Riesenhafte projizierte Notstand („worum es geht“) ist nicht Ursache einer gefälschten Wahrnehmung, sondern Konsequenz der Verlockung, die der vom Notstand angeblich erzwungene „Schmutz“, also das Bündnis mit der gewalttätigen Autorität, ausübt. Nicht Angst, sondern Lust liegt solchen Äußerungen zugrunde.

N-Wörter

Während eines Vortrags über Rassismus in Leipzig meldete sich eine Frau mit dunkler Hautfarbe und beschwert sich, dass ich das N-Wort so häufig verwenden würde. Ich solle das doch nicht tun, es würde ihr so wehtun.
Obwohl ich diesen Moment gut vorbereitet glaubte, versagen mir die Instrumente, die ich mir bereit gelegt zu haben glaubte. Ich erwiderte etwas forsch, dass es mir leidtue, ich zitierte eben und im Zitat hielte ich es für notwendig, die gewaltförmige Sprache nicht zu glossieren. Acht anwesende Menschen mit dunkler Hautfarbe verließen aus Protest geschlossen den Saal, gefolgt von einigen Weißen. Das betrachte ich auch als mein Scheitern, weil es nicht oder nicht nur kalkulierte Eskalation war. Da ich vorab vor „Störungen“ gewarnt wurde, habe ich den Modus der Abwehr im Nachhinein zu früh beschritten.

Eine angemessene Strategie wäre gewesen, die Person ernster zu nehmen und sie aufzufordern, darüber zu sprechen: etwa wie häufig ihr das Wort pejorativ im Alltag begegnet oder was sie selbst vorschlägt um mit Zitaten umzugehen. Und ihr dann zu versichern, dass ich das Wort nicht verwende, um sie zu ärgern, sondern um ein Publikum in ihrem Sinne gegen dessen künftige Verwendung im Alltag zu impfen.
Eine andere, konfrontative, Strategie wäre die Gegenfrage gewesen, warum ihr die Verwendung des Wortes „Neger“ im Zitat mehr Schmerzen bereitet als die davor erfolgte Darstellung der Ermordung und Versklavung von Millionen Menschen aus Afrika im Zuge der Sklaverei.

Sicher aber wäre es hilfreich gewesen, meine eigenen Regeln, nach denen ich das Wort verwende, ausführlicher zu erläutern, was ich hiermit nachhole und künftig vor den Vortrag schalte, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden.

1. ich zitiere das ganze Wort (und sage nicht „N-Wort“), um den in der Literatur nicht unwesentlichen Unterschied zwischen den Begriffen „Neger“ und „Nigger“ deutlich zu machen. Wenn Marx etwa in öffentlichen Texten das seinerzeits und bis in die 1950-er Jahre politisch korrekte Wort „Neger“ (engl. „Negro“) verwendet, aber in Briefen über den „jüdischen Nigger Lasalle“ herzieht, dann reicht „N-Wort“ nicht hin, um den Unterschied (und den Absturz) sichtbar zu machen. Ebenso verhält es sich mit Literatur generell.

2. mit revisionistischen Versuchen, das Wort „Neger“ wieder zu etablieren oder sich für Zensuren durch die ostentative Verwendung etwa durch Tarnzitate zu rächen habe ich nichts gemein. Die affirmative Verwendung des Wortes „Neger“ zur Bezeichnung von Menschen mit dunkler Hautfarbe lehne ich ab und verwende, auch wenn ich den Begriff für schlecht halte, das gesellschaftlich akzeptierte Wort „Schwarze“ oder „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ dort, wo Hautfarbe tatsächlich relevant ist.

3. In einem Vortrag über Rassismus geht es unter anderem gerade darum, das Wort „Neger“ in seiner Geschichtlichkeit etwa in Kinderbüchern darzustellen. Die Kritik daran muss die Verwendungen benennen – oder sie glossiert. Ebenso verhält es sich mit dem humanistischen Realismus Mark Twains in „Huckleberry Finn“ und „Tom Sawyer“, der darauf angewiesen ist, das Wort „Nigger“ in der Alltagssprache abzubilden – alles Andere wäre eine Verharmlosung des literarisch dargestellten rassistischen Systems. Ein Gewaltverhältnis lässt sich nicht kritisieren, indem ein entscheidendes Moment darin, sprachliche Zurichtung, ex post verborgen wird. Über Antisemitismus aufzuklären, aber Zuschauer vor Goebbels Hetzreden, Bildern von antisemitischen Karikaturen oder von Leichenbergen zu schonen, ist ebensowenig möglich, wie über Rassismus aufzuklären ohne die Wörter „Neger“ und „Nigger“ zu zitieren.

4. Die Zensur des affirmativ verwendeten Wortes „Neger“ und entsprechender rassistischer Passagen aus Kinderbüchern kann ich nur begrüßen. Bei Bedarf historisch-kritische Editionen zu suchen kann Erwachsenen zugemutet werden. Kindern kann hingegen nicht von vornherein eine kritische Lektüre abverlangt werden. Vollends schief steht der scheinbar nach Authentizität verlangende Protest gegen die Zensur, weil umgearbeitete, kindgerechte oder um Gewalt und Sexualität verkürzte Versionen von Märchen und Erzählungen gang und gebe sind.

Kalkulierte Eskalationen

„Beim EU-Gipfel in Brüssel hatten sich die Teilnehmer darauf verständigt, die mögliche Einrichtung von Aufnahmelagern in Drittstaaten beispielsweise in Nordafrika zu prüfen. Dorthin sollten Migranten zurückgebracht werden, die versucht hatten, über das Meer nach Europa zu gelangen. Neben Ägypten lehnten jedoch auch Tunesien, Algerien und Marokko ab, Sammellager einzurichten.“
(https://www.deutschlandfunk.de/eu-asylpolitik-aegypten-lehnt-aufnahmezentren-ab.1939.de.html?drn:news_id=898763)
Der Versuch, die Dezimierung der Flüchtlinge aus afrikanischen Staaten an afrikanische Staaten zu deligieren ist nicht neu. Dänische und britische Politiker, dann Otto Schily und Thomas de Maizière und jetzt Donald Tusk, Jean-Claude Juncker und Markus Söder wollen, was die EU in Libyen und Australien in Papua-Neuguinea längst praktiziert: Sammellager, in denen Flüchtlinge in großer Zahl inhaftiert werden, bis sie freiwillig woandershin fliehen oder ihr elender Zustand zur Abschreckung weiterer Geflüchteter dient. Die eskalative Natur aktueller politischer Logik macht diese Zentren ebenso wahrscheinlich wie die Mauer um Europa, die seit 2000 kontinuierlich ausgebaut wurde.

Ebenso wie die Anker-Zentren werden außereuropäische Lager nach ihrer Etablierung auf absehbare Zeit nicht wieder aufgelöst werden, sondern wie heute die Mauer als fait accompli zu dem gerechnet werden, was als gesellschaftliche Realität und damit als „vernünftig“ gilt. Weil aber der agitatorische Trieb in Seehofer und anderen HeimatschützerInnen nie zufrieden sein wird und der inneren Logik zufolge sadistische Energie weiter nach außen richten muss, selbst wenn wie derzeit kaum noch Flüchtlinge den lebensgefährlichen Versuch wagen, wird die Zukunft dieser Lager ebenso eskalativ gestaltet werden.

Denn sollten dort menschenwürdige Bedingungen herrschen, würden sie als reale Option für Millionen Mendschen in den subsaharischen Staaten fungieren. Immerhin haben Staaten wie Sudan oder Äthiopien bereits fünfzehn Millionen afrikanischer Flüchtlinge aufgenommen, eine sichere Option auf afrikanischen Boden würde weitere verzweifelte Millionen aus Nigeria, Tschad, Niger, Mali und Zentralafrika anziehen. Daher muss in solchen Anlaufstellen entweder ein kontinuierlicher Abzug von Menschen durch Asyl und Aufnahme stattfinden, was angesichts der Zahl an Menschen, die objektiv ein Recht auf Asyl hätten, sehr unwahrscheinlich ist; oder es wird die exakt gleiche Dynamik einsetzen wie sie derzeit offene Politik der CDU/CSU für Lager auf EU-Boden ist: Abschreckung durch menschenunwürdige Bedingungen. Begleitet vom Druck zur Kostenersparnis, die aus den Lagern Billiglohnzentren, Organspendebanken und nicht zuletzt von islamistischen Organisationen, Milizen oder Privatfirmen autoritär verwaltete Elendsquartiere jenseits der journalistischen Zugänglichkeit machen wird, aus denen ein kontinuierlicher Brain-drain die wenigen verbleibenden Fachkräfte nach Europa rekrutiert. Menschenwürdige Flüchtlingslager außerhalb der EU-Grenzen sind ein Paradox.
Die arabischen Staaten wissen um die unerfüllbaren Anforderungen solcher Lager und lehnen sie daher vorerst ab. Sie müssen ohnehin auf Dezimillionen Umweltflüchtlinge aus Iran und afrikanischen Staaten vorbereitet sein, weil Europa sich demonstrativ in seiner infantilen Weltabgewandtheit einrichtet. Man hat sich unter dem Druck der CSU entschieden, nicht einmal ein paar lächerliche hunderttausend zu akzeptieren – ein Realitätsbruch mit dem Rest der Welt. Das Resultat kann nur deligierte Gewaltherrschaft über jene sein, die daran erinnern und die EU wird schrittweise den Weg dahin vorbereiten.