Berlins Southpark und der romantische Wald-Mythos der Rationalisten

Nachdem das Bürgerbegehren um das Tempelhofer Feld in Berlin beendet ist, kursiert unter einer modernistischen, rationalistischen, vielleicht auch liberalen oder marxistischen Gruppierung Empörung darüber, dass dort ein leerer Raum, Ödnis, verehrt würde. Manche fühlen sich zu Zeitdiagnostik veranlasst, die das Treiben der sonst als Ökospinner beglimpften Berliner zu lebloser Wüste in irgendeine dialektische Pathologie zu pressen versuchen. Die Essenz lässt sich als Beschwerde verallgemeinern: “Nicht einmal einen Wald wollen sie“.

Gegen solche Ignoranz erfolgt hier ein wenig ehrenamtliche Aufklärung gegen romantische Naturvorstellungen derer, die sich sonst als anti-romantisch bezeichnen würden.

Das Tempelhofer Feld hat etwas über 300 ha Fläche, das sind ungefähr 3,5 Quadratkilometer, also einen Kilometer im Durchmesser und 3,5 in der Länge. Berlin beherbergt in naher Zukunft vier, vielleicht auch in der weiteren Metropolenregion sieben oder acht Millionen trendige, hippe Weltbürger, die aber partout nicht in Hochhäusern leben wollen wie in New York City, wo etwa 8,4 Millionen Menschen leben und dort Zugang zum Central Park genießen mit etwa 350 ha Fläche. Insgesamt hat New York City eine Parkfläche von 11 700 ha, davon das meiste Küste und Strand, aber auch stattliche 2700 ha Waldfläche, die in natürlichen Zustand gebracht wird. Wie das vonstatten geht, erklärt die Forstpraxis:

“Vor der Bepflanzung wurden die Böden beider Standorte mit Herbiziden behandelt und aggressive exotische Pflanzen entfernt. Aufforstungszonen sind häufig von Kletterpflanzen bedeckt und müssen von ihnen befreit werden, um sie zugänglich zu machen (Abb. 3). Ziel ist es, die Bäume eng zu pflanzen, um so schnell wie möglich einen Dichtschluss zu erreichen, der durch Lichtmangel Neophyten an der Entwicklung hindert. “

Danach wird noch erheblicher Aufwand betrieben, um die Bäume zu wässern und Neophyten zu jäten. Warum das alles? Weil es im rationalistischen Naturschutz um die Erhaltung von Artenvielfalt geht, mehr noch: Um die Vielfalt innerhalb von Arten, also die Subspecies, die an lokale Klimata angepassten Formen. Man möchte nicht nur eine überlebensfähige Restpopulation, sondern nach Möglichkeit verschiedene Populationen in gesunden Stärken, die sich dann innerartlich unterscheiden, aber auch austauschen können. Daher erfahren manche Spezies einen besonderen Schutz in der Fläche, obwohl ihr Überleben durch Restpopulationen in Zoos auch gesichert werden könnte. Andere Arten, Neophyten und Neozoen, möchte man regional lieber wieder ausrotten, weil sie Artenvielfalt stark senken – so etwa die in Florida aus Terrarien ausgewilderten tropischen Reptilien wie den Tigerpython oder die Hauskatze, die auf aller Welt Vogelpopulationen das Fürchten lehrt.

Gesellschaft kann sich das einigermaßen leisten, auch wenn mitunter die Frage nach der Relationalität in der Gewichtung der einzelnen Arten entsteht – die wird zuallererst unter Naturschutzfachleuten lebhaft und meist auch kompetent diskutiert. Mit dem Aussterben von Arten hat man sich längst abgefunden – man möchte dennoch bestimmte Biotopmodelle erhalten, um an ihnen Evolutionsbiologie oder das Prinzip Artenvielfalt im Allgemeinen zu demonstrieren. Für die Biomedizin, die Physik und die Bionik hat das bereits erahnbaren, ökonomischen Nutzen – in Deutschland dürfte der eher in der allgemeinen Bildung über Evolutionsbiologie, der antiklerikalen Wissenschaft schlechthin, liegen. Darwin widerlegte einst an den karnivoren Pflanzen die göttliche Ordnung, in der die Pflanzen den Tieren untergeordnet seien.

Was bedeutet das für das Tempelhofer Feld? Dort gibt es Ödland, Beton, Ruinen, Steppe – dem naiven Augenschein nach nichts, was schützenswert wäre. Da soll also wenigstens ein Wald oder ein Park hin. Grün und vor Leben strotzend, so imaginiert sich gerade der von Natur entfernte, etwas spießige, engagierte Bürger seine Natur. Tatsächlich ist Deutschland zu etwa 33% von Wald in unterschiedlichsten Formen bedeckt: Fichtenforst, Buchenforst, Eichenmischwald, Hartholzaue, Weichholzaue, und viele der pflanzensoziologischen Bezeichnungen mehr.

Wiesen aber sind auf weniger als 5 % zurückgedrängt worden. Das meiste davon wiederum unterliegt intensiver Nutzung: dreischürige Mahd, Gülleverklappung, Kunstdüngung. Es sind Monokulturen aus zwei bis drei Gräser- und Kleearten, auf denen nur noch zwei Heuschrecken-Arten leben können. Was nicht befahren werden kann, wird aufgeforstet. Wo noch Magerrasenflächen, Meso- und Xerobrometen übrig blieben, wird von benachbarten Flächen und über den Regen Stickstoff eingetragen, also gedüngt. Das hat die meisten deutschen Orchideenarten an den Rand des Aussterbens gebracht, die wenigsten kennen noch die changierenden Farben blütenreicher Spezialstandorte wie Küchenschellenwiesen, die man allenfalls in Reservaten und auf Geheimtipps hin gezielt mit Auto oder Zug aufsuchen muss. Solche “Ödnis” muss aufwändig erhalten werden durch Landschaftspflege mit Maschinen oder Weidevieh, die Stickstoff in Form von Gras austragen und Baumaufwuchs verhindern.

Artenvielfalt, das ist ein Paradox, das man in der Schule lernen sollte, entsteht in nährstoffarmen Biotopen. Dort, wo die Konkurrenz Spezialisten Raum schafft, denen dann andere Arten sich anpassen. Beispiel Korallenriff: In absolut nährstoffarmen Wasser entstehen Korallen und einige wenige Algen, um die ganze Abhängigkeitsketten bis hin zum Hai entstehen. Die wenigen Nährstoffe werden ständig umgesetzt in einem sagenhaften Formenreichtum ausbildenden Konkurrenzkampf. Der Regenwald am Amazonas steht auf wenigen Zentimetern Humusschicht, Lateritgestein und Zweischicht-Tonmineralen. Er wird fast nur von Saharasand gedüngt – auch hier würde das Ausbringen von Dünger zu rapider Verarmung der Artenvielfalt führen.

Das gleiche Prinzip herrscht in Deutschland vor. Insektenreichtum findet sich auf extrem nährstoffarmen Wiesen und Mooren. Hier können Brennnesseln und fette Gräser nicht zu Monopolisten werden und schwächere Pflanzen, Spezialisten, insbesondere Orchideen, erhalten eine Chance. Historisch bestanden solche Flächen an Erdrutschen, Moränen, Binnendünen, Waldbrandflächen, Flussgeröllflächen – sogenannten Primärbiotopen. Diese Primärbiotope hat vor allem die Flurbereinigung und die Flussbegradigung zerstört. Kilometerbreite Geröllflächen an Alpenflüssen lassen sich erst wieder in Slowenien und Italien beobachten.

Mitteleuropa ist eigentlich ein Hotspot an Artenreichtum. Vom Süden und Norden lässt sich noch der Einfluss der Eiszeiten spüren, subarktische Libellenarten fliegen in kühleren Mooren, während am Kaiserstuhl mediterrane Arten sich finden und an Harz und Rhön die Steppenarten Osteuropas Grenzen ihres Ausbreitungsgebietes erfahren. Dazu kommen noch einige endemische Arten, also solche, die nur an eng begrenzten Standorten vorkommen. Hessen etwa beherbergt weltweit die meisten Vorkommen des dunklen Wiesenknopfameisenbläulings, einem Falter, dessen Raupe die Blüten des Wiesenknopfes frisst, um sich später von Ameisen in deren Bau bis zur Puppenreife ernähren zu lassen.

Kurzum: dem Artenschutz mangelt es in Deutschland massiv an “Ödnis”, an heißen, steinigen, trockenen, nährstoffarmen Standorten. Bei Flächen wie dem Tempelhofer Feld hat man diese trockenheißen und nährstoffarmen Flächen künstlich geschaffen. Hier findet sich daher die italienische Schönschrecke und die blauflügelige Ödlandschrecke. Beide würden verschwinden, wenn dort Wald wäre, oder schlimmer: ein öder deutscher Park mit Rasenflächen. Beides dort anzulegen wäre nicht nur immens teuer – es wäre vom naturschutzfachlichen Standpunkt aus kontraproduktiv. So etwas machen Kommunen, um Zwangsgelder für “Ausgleichsmaßnahmen” zu verprassen, ohne kommunale Fläche zu verschwenden. Man “intensiviert” einfach eine Wiese mit 30 teuer gepflanzten Apfelbäumen,  um die Zerstörung einer anderen Wiese durch ein Neubaugebiet zu kompensieren. Oder man “bepflanzt” einen neu geschaffenen Teich mit Gehölz, das binnen zwei Jahren ohnehin dort aufkommen würde. Wer davon profitiert, sind Baumschulen, Landschaftsgärntner und Bauunternehmen – die kommunale Ökonomie. Billiger wäre es, einfach der Natur ihren Lauf zu lassen und sogenannte “Sukzessionsstadien” abzuwarten. Also die Übergänge zwischen einer Ruderalfläche, entstehendem Aufwuchs aus Brombeeren und Anfluggehölz und irgendwann der natürliche Buchen- oder Birkenwald – der aber im Vergleich zur Ruderalfläche eher arm an seltenen Arten wäre. Der Sukzession vorzuziehen wäre die extensive Beweidung oder das Freihalten durch Brände, wie sie auf Truppenübungsplätzen durch Schießübungen entstehen.

Ob und wie Berlin seine im Vergleich mit Hamburg doch eher moderate Wohnungsnot löst, ist eine andere Frage. Die Erfahrung mit kapitalistischer Naturvernutzungsprozessen zeigt, dass die Konkurrenzstellung zwischen Mensch und Natur meist nur ein Popanz ist, weil von der Naturvernutzung die Arbeiter ebenso wenig haben wie von der Vernutzung ihrer Lebenszeit in den Verwertungsprozessen. Erst in einer anderen Gesellschaft würde sich ernsthaft die Frage stellen, ob man diesen oder jenen Biotop gegen das Wohl von Menschen aufwiegt. Bis dahin wird nur der leere, unbestimmte, menschengemachte, aber nicht bewusst vollzogene Verwertungsprozess weiter in seinem Selbstzweck, der Akkumulation von Kapital zerstörerische Kreise treiben – kurzum, Rohstoffe durch Hinzufügung menschlicher Arbeitskraft in billige Gadgets, in Plastikschrott und hässliche Wegwerfmöbel umzuwandeln.

Auf einer tiefenpsychologischen Ebene gilt Adorno/Horkheimers Diktum: “Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur immer tiefer in den Naturzwang hinein.” Zunächst herzustellen wäre ein Bewusstsein dessen, was Natur ist, was Formenreichtum ist, und was sich daran an Differenzierung und Denken von Interdependenzen und Verwertungsprozessen, von Ästhetik und Fetischismus lernen ließe. Historisch war der Anfang aller Philosophie die Naturbeobachtung.

Warum es in Syrien schon lange nur noch um ein zu befreiendes Land geht – Eine Antwort auf Justus Wertmüllers Aufruf für die kurdische Autonomie in Syrien

In der aktuellen Bahamas Nr. 68 hat Wertmüller unter dem Titel Autonomie für die syrischen Kurden! Warum es in Syrien schon lange nicht mehr um ein zu befreiendes Land geht eine Kritik des Aufrufes „Freiheit für Syrien“ verfasst. Darin häuft er einige schiefe Projektionen und Irrtümer an, die symptomatisch für die Arbeiten der Bahamas zum sogenannten “arabischen Frühling” sind.

Der im Aufruf erstellten literarischen Analogie zum Bürgerkrieg in Spanien hält Wertmüller entgegen, dass der spanische Bürgerkrieg in der „unaufhaltbar ausblutenden spanischen Republik“ vergeblich war, weil er verloren wurde.  Der spanische Bürgerkrieg ist sicher kein antifaschistischer Sonntagsspaziergang gewesen, wie die geschichtsvergessenen „no-pasaran“-Parolen auf Antifa-Demonstrationen gern behaupten – er war aber eine Zwangslage, der sich spanische und europäische Antifaschisten stellen mussten. Jene, die dort gefallen sind, haben die Wette gegen den Weltgeist zwar verloren, aber sie haben wenigstens dagegen gewettet.

Ist der spanische Antifaschismus schon vergeblich gewesen, meint Wertmüller, dass Solidaritätsadressen an syrische Demokraten diese nur von der Einsicht in die notwendige Niederlage abhalten.

„Wäre das wirklich so gemeint, was nicht der Fall ist, dann handelte es sich bei diesem „Aufruf“ um den zynischen Versuch, die Kampfmoral von Rebellengruppen, die längst verloren haben, aufrecht zu erhalten; dann wäre es der ideelle Marschbefehl in den unausweichlichen Heldentod für eine demokratische Sache, der sicher nicht an „uns“ ergeht, sondern an unbekannte „demokratische“ syrische Kämpfer, die längst als Märtyrer abgetan sind.“

Wertmüller vertritt gegen den irrationalen Heldentod die Rationalität der Fügsamkeit ins Unausweichliche: „Realpolitik“. Nur wer wie die Kurden eine realistische Chance im nahöstlichen Krieg der Rackets habe, genieße das Recht auf Widerstand und verdiene Solidarität. Den 300 Unterzeichnern des Aufrufs wirft er aber vor, sie hätten „mit dem Weltgeist paktiert“.

Dass den Demokraten in Syrien die Exekution durch Islamisten oder der sichere Foltertod und ein Grab in Assads Massengräbern droht, dass ihre bislang gar nicht so vergebliche Schlacht ein Überlebenskampf ist, dass ihre “Kampfmoral” gewiss nicht von Solidaritätsadressen aus Europa abhängt, taucht in Wertmüllers Realpolitik nicht auf. Er wägt, ganz preisbewusster Europäer, die Optionen ab und produziert Flachheiten vom Niveau eines Peter Scholl-Latour, die der Bahamas trotz aller jüngerer Anstrengungen immer noch schlecht zu Gesicht stehen:

„Verglichen mit den Internationalisten Allahs schneidet das Regime Assads, auch in seiner noch brutaleren Variante als Aufstandsbekämpfer, jedenfalls nicht schlechter ab. Zwischen beiden nach Kriterien wenn schon nicht des Fortschritts, so doch der Schonung von Menschenleben – zu entscheiden, ist fast unmöglich. Erst die Schreckensvision eines djihadistischen Endsieges lässt erahnen, dass es tatsächlich etwas Schlimmeres gibt als das Baath-Regime.“

Abgesehen davon, dass die djihadistisch regierten Areale bereits Realität sind und keine „Schreckensvision“: Die Trennung in Djihadisten und Baath-Regime ist hinfällig, weil das Baath-Regime, das seinen loyalen Truppen kaum noch traut, von Djihadisten der Hisbollah und iranischen Revolutionsgarden verteidigt wird. Der israelischen Presse ist bewusst, dass in Syrien längst nicht mehr Assad, sondern Iran wenn nicht ums Überleben so doch um den letzten Zugang zur israelischen Grenze kämpft.

Assad ist, soweit müsste eigentlich selbst Wertmüller begriffen haben, keine Alternative, die Wahlsituation zwischen Assad und Al-Qaida, Schlechtem und Schlimmeren, die er (wie Assad auch) entwirft, stellt sich nicht. Daher lautet die dialektische Position in den nennenswerten israelischen Stabsstellen, die durchaus abseits des Eigeninteresses humanitäre Belange in Syrien in ihre Überlegungen einbeziehen, dass zunächst Assad weg muss, damit man die Djihadisten effektiv bekämpfen kann. Oder umgekehrt: Dass die Djihadisten wegen Assad erstarkten. Wie schon in Ägypten, Libyen und Irak haben die Diktaturen den Islamismus nie geschwächt, sondern am Leben erhalten und ihm die Weihen der demokratischen Opposition verliehen. Der Westen hingegen hat Assad schon wieder akzeptiert – und Al-Qaidas neuester Staat scheint ihn wenig zu kümmern.

Wertmüller aber produziert in völligem Widerspruch zu seinem Wissen darum, dass das Geschehen eben seit dem Einströmen von Djihadisten der Hisbollah, Irans und Iraks, längst nicht mehr „auf Syrien beschränkt“ zu halten ist, halbgare Politikberatung fürs containment:

„So bleibt der Realpolitik nur der Versuch, das Geschehen möglichst auf Syrien beschränkt zu halten und zugleich zu verhindern, dass eine der drei Parteien im Bürgerkrieg die Oberhand gewinnt und danach für das ganze Land Fakten schafft. Da es unwahrscheinlich ist, dass das Assad-Regime den Bürgerkrieg noch in vollem Umfang für sich entscheiden kann, ist die Zukunft Syriens schon besiegelt.“

Wertmüller kennt den Verlauf einer solchen „besiegelten“ Zukunft: dass es zu „Bevölkerungstransfers“, zu “Ermordungen und Vertreibungen von Christen und Alaviten” kommen wird, zu einem „Gottesstaat“, oder einem „Gangland“, ein „Aufmarschgebiet für die Kämpfer des weltweiten Djihads.“

Aus Scheu vor den Anstrengungen einer Differenzierung zensiert Wertmüller in seiner Argumentation, die keine ist, vollständig den bereits erfolgten Giftgaseinsatz durch baathistische Truppen. Giftgas gegen Djihadisten – das ist in den “realpolitischen” Teilen des Westens heute noch genauso legitim wie man einst gegen die Kommunisten in Indonesien, Südostasien und Südamerika faschistische Milizen zu genozidalen Massakern ermunterte. Assad hat nicht nur schrittweise getestet, welche Methoden ihm die Welt bei den anstehenden Säuberungen in den wieder eroberten Gebieten konzedieren würde, er hat explizit und mehrfach gedroht mit Giftgaseinsätzen gegen Israel im Falle einer Intervention. Vorerst setzt er wieder auf die vom Westen genehmigten und von Russland geförderten Massenmordinstrumente: Barrel-Bombs, Hunger und Folter. Wertmüller aber findet sich mit diesem status quo ab, weil ein Moloch keine Differenzierung mehr erfordert. Wie der Mainstream kann man sich bequem an der Abscheu über die allseitige Barbarei ergötzen. Durch und durch autoritär ist die Haltung zum Sack, in dem es keine Falschen trifft.

Und genau in diesem Gestus wirft Wertmüller den Verfassern des Aufrufes vor:

„Die „Freiheit für Syrien“ , wie sie im Aufruf gefordert wird, steht also schon deshalb nicht zur Debatte, weil es weder 2011 noch 2014 auch nur annähernd genug Unterstützer in Syrien gab und gibt, um ihr durch militärische und logistische Hilfe von außen zum Durchbruch zu verhelfen.“

Von Durchbrüchen spricht der Aufruf nicht. Zu genau haben die Verfasser erfahren, dass die demokratischen Stimmen längst in die Folterkammern wanderten, dass die letzte Hoffnung von ausharrenden Demokraten in Syrien auf eine Intervention Europas und der USA nach dem beispiellosen Verrat des Westens an ihnen gestorben ist. Russland und Iran halten ihre Hände über Assad, Saudi-Arabien und Qatar über die Djihadisten, der Westen folgt der guten alten Tradition, dass man vor den Toren Europas noch jede Barbarei dulden wird, die nicht das Geschäft stört. Wer hier noch kämpft, weiß, dass er auf sich allein gestellt ist – und mit den Islamisten aus dem Nachbardorf den einen oder anderen Pakt schließen muss, um zu überleben.

Im Aufruf ist daher auch nur von Verteidigung die Rede, Verteidigung eben jener wenigen Städte und Landstriche, die noch nicht von Islamisten und nicht mehr von Assad drakonisch regiert werden. Diese Städte kennt Wertmüller freilich nicht, weil das Ressort Syrien Sören Pünjer hält, der schon früh auf irgendeinem Blog der Syrian Electronic Army gelesen hat, dass Assad der Bürgerkrieg von Islamisten aufgezwungen wurde.

“Sich – wie Ende 2011 geschehen – über die Finanzierung des billigen und enorm hässlichen Hauses des deutschen Bundespräsidenten das Maul zu zerreißen, schafft der mündige Chatter genauso locker allein wie einen von djihadistischen Terrorbanden angezettelten aktuellen Bürgerkrieg gegen Alaviten, Christen und Laizisten in Syrien in ein neues Kapitel des arabischen Freiheitskampfes umzulügen: Die Beweise für die jüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Quellen vom Hörensagen aus den Foren von Islamisten, oder Zeugenaussagen von Opfern, die gestern noch als irreguläre Soldaten reguläre angeschossen haben, findet man genauso gut in den berüchtigten Qualitätszeitungen wie im Netz.” (Bahamas 63, S. 14)

Wertmüller tätschelt 2014 dann doch noch posthum einer im wahrsten Sinne des Wortes „verschwindenden“ Minderheit das Haupt, um die an Pünjers Lapsus peinlich erinnernden Überlebenden im gleichen Zug vollständig aus dem Gedächtnis zu löschen:

„Dass nur eine verschwindende Minderheit, die aber mutig ganz vorne stand, wirklich für ein freies und geeintes Syrien eintrat, die überwiegende Mehrheit aber auch damals schon einen theokratischen Staat […] wünschte und die Abrechnung […] mit allen unter dem alten Regime halbwegs unbehelligt lebenden Minderheiten […] diese Wahrheit über den syrischen Bürgerkrieg sprengte jedes westliche Vorstellungsvermögen. Entsprechend gibt es auch keine „demokratischen Rebellenfraktionen“ im syrischen Bürgerkrieg, die für ein besseres Syrien kämpfen würden, wie der Aufruf nahe legt.“

Es gibt also keine demokratischen Rebellenfraktionen in Syrien. Gäbe es die demokratischen Rebellen aber doch, man würde ihnen nur falsche Hoffnungen machen und sie in den „unausweichlichen Heldentod“ schicken. Der Weltgeist solcher self-fulfilling-prophecies wird Wertmüller wohl sehr bald recht geben. Was Wertmüller hier als schwer verständliche Wahrheit verkauft ist unter allen, die das Thema in den letzten Jahren nicht nur in der Bahamas verfolgt haben, eine Binsenweisheit. Nun, weil die Situation also zumindest heute hoffnungslos und bedrohlich ist, gibt Wertmüller sie verloren. Das ist ein Verrat. Gäbe es nur noch 1000 demokratische Kämpfer in Syrien, sie hätten alle Unterstützung verdient oder wenigstens eine Forderung nach Sicherheitszonen, nach Fluchthilfe. Sie für „nichtexistent“ zu erklären, ist nichts anderes als ein journalistisches Massaker, eine Aufforderung an Assad, mit den Nichtexistenten zu verfahren, wie ihm beliebt. Und wäre es tatsächlich so, man müsste in Kenntnis der Lage mit umso mehr Nachdruck das Eingreifen von ausländischen Interventionstruppen fordern: Syrien ist ein „zu befreiendes“ Land.

Aus der verlorenen Schlacht der Nichtexistenten versucht Wertmüller zu retten, was vermeintlich noch zu retten ist: Kurdistan. Wertmüller will daher eine Debatte über den Internationalismus führen, den er aber nicht der bedrohten Minderheit von demokratischen Rebellen in umkämpften Enklaven angedeihen lassen will, die es ja nicht geben darf, sondern den Kurden. Die haben allerdings trotz einiger Offensiven der sunnitischen Djihadisten aktuell gar keinen Bedarf an internationalen Hilfstruppen. Aus Irakisch-Kurdistan können sie auf Kämpfer und Öldevisen hoffen, in der Türkei und Europa auf jahrzehntealte, kriegserprobte Netzwerke bauen, auch diplomatisch dürften ihnen einige Türen offen stehen. Die Kurden sind dabei, ihre Geschichte im nahen Osten ohne jede paternalistische Unterstützung von außen zu erschaffen. Die syrischen und irakischen Islamisten sind für sie eine Last, die man ihnen vom Halse wünscht, aber sie sind keine Bedrohung.

Die Kurden sind auch nicht, wie Wertmüller suggeriert, „die wenigen, die bewaffnet ihre Loslösung von Syrien anstreben“. Das ist schlichtweg falsch. Die syrischen Kurdenvertreter haben mit Assad sehr früh ein Abkommen getroffen, wie sie auch zeitweise mit Iran ein Abkommen gegen Saddam Hussein hatten. Widerstand im eigenen Lager, Solidarisierungen mit der syrischen Opposition wurden in einigen Schießereien gedeckelt. Die Unabhängigkeit der syrischen Kurden wurde nicht von Kurden mit dem Gewehr erstritten, sondern von den syrischen Rebellen, die Assad in die halbherzige Einigung mit den Kurden zwangen.

Wertmüller kennt einen der Erstunterzeichner recht gut: der Bahamas-Autor Thomas von der Osten-Sacken hat jahrzehntelang Erfahrung in kurdischen und arabischen Gebieten gesammelt. Ausgerechnet ihn will er auf dem Feld der Kurdenpolitik belehren.

„Eine Entscheidung des Westens für eine der in Syrien operierenden Widerstandsgruppen gegen Assad – das wissen die Aufrufer selbst am besten – würde automatisch den Druck auf die kurdischen Autonomiegebiete erhöhen.“

Wo angeblich alle gleich schlimm sind, eine uralte Konfliktmythologie gegen die das Orwell-Zitat gedacht war, verleiht die Sicherheit der Kurden Wertmüller endgültig die Legitimation dazu, sich für Assad zu entscheiden, dem man das Loblied vom schlechten aber rechten Beschützer der ethnischen Minderheiten in Syrien singt.

Wertmüller wähnt seine zweieinhalb Seiten voller Chimären und Platitüden komplexer als den Aufruf:

„Solche Beschränktheiten noch nicht einmal anzusprechen, den eigenen dennoch vernünftigen Vorschlag nicht offensiv zu begründen, fällt auf die Verfasser des Aufrufs und seine ca. 300 Unterzeichner peinlich zurück.“

Nun liefert die im Aufbau begriffene Website des Vereins auch einige Hintergrundinformationen zu den konkreten unterstützen Gruppen, die man natürlich nicht zu lesen braucht. Was peinlich auf die Bahamas zurückfällt, ist der Versuch, sich auf Kosten von Verlierern, von Nichtexistenten und 300 Unterzeichnern, zu profilieren als souveräne Politikberatung, als realpolitisches Konfliktmanagement, das auch nichts anderes zu bieten hat als Gehirngespinste über internationalistische Solidaritätstruppen für Kurden und die Duldung von Massakern als containment und „Aufstandsbekämpfung“.

Es ist vielleicht das „automatisch“, an dem sich Wertmüllers Hilflosigkeit, ein treffenderes Wort für Beschränktheit, ausdrückt. Sobald die Naturgesetze des Weltgeistes durchschaut sind, bedarf es keines Widerstandes mehr. Adorno hat gegen solchen Rationalismus einmal eingewandt, dass man sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen lassen solle. Kritische Theorie insistiert auch und gerade in vermeintlichen Naturzwängen auf Differenzierungsvermögen. Würde Wertmüller ein wenig israelische Zeitungen lesen, er wüsste, wie deutlich sich israelisches Feuilleton und Politik gegen Assad ausspricht. Die Luftangriffe der IAF in Syrien richteten sich nicht gegen sunnitische Djihadisten, sondern gegen die Hisbollah. Dasselbe Israel versucht, Opfer des Krieges zu versorgen, die von Regimetruppen massakriert werden, wenn ihre Flucht zum Feind ruchbar wird. Daher lösen auch Israelis jeden Hinweis auf israelische Produktionsorte von Hilfsgütern, die sie nach Syrien schmuggeln. Bahamas-Artikel gehören vorerst nicht dazu.

Nachtrag:

Die kurdische Armee YPG hat in Offensiven Ende 2013 und Anfang 2014 beachtliche Gebiete zurückerobert:

http://kurdistantribune.com/2014/isis-terror-around-rojava-marchapril-diary-of-death/

http://pietervanostaeyen.wordpress.com/2013/12/02/guest-post-rojava-kurdish-forces-expell-islamist-rebels/

Die kurdischen Truppen sind exzellent ausgebildet und erfahren, haben aber politische Probleme, die gerade untrainierte internationale Interventionisten gewiss nicht lösen werden.

http://www.rudaw.net/NewsDetails.aspx?PageID=40751

So existiert auch eine Kurdish Islamic Front, die mit ISIS zusammen gegen die YPG kämpfte:

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-24403003

http://carnegieendowment.org/syriaincrisis/?fa=54367

Die drusischen Milizen stehen vorerst auf der Seite Assads und damit gegen die YPG, die inzwischen doch sehr deutlich äußert, dass sie von Assad nichts zu erwarten hat und zwangsläufig dem Krieg stellen muss:

http://www.meforum.org/3668/druze-militias-syria

Es gibt keinen Grund, sich darüber hinwegzutäuschen, dass die Kämpfer der FSA in Assads Syrien aufgewachsen ist, und die überwiegende Mehrheit daher eben nicht säkular ist, sondern islamisch bis islamistisch – weil sie in Assads Syrien keine säkularistische Schulbildung genossen haben.

Allerdings ist hier Differenzierung essentiell. Es gab und gibt kleine Brigaden, die Frauen, Christen, Kurden und Alaviten als Kämpfer aufnahmen, und die sich explizit auf säkularistische Vorkämpfer berufen – einige hundert davon wurden inzwischen von Djihadisten massakriert.

Hinzu kommen eben die konservativ islamischen Gruppen, die auch in der FSA dominieren und deren Politikansatz in etwa der CDU/CSU entsprechen mag: Eine nichtsäkulare Demokratie mit Leitkultur. Das gleiche gilt für die Dachorganisation der Islamic Front, die mit Abstand stärkste Rebellenfraktion, deren sieben Untergruppen zumindest nicht auf der Terrorliste der USA stehen und die sich heftige Auseinandersetzungen mit Al-Nusra und ISIS liefern. Mit diesem Syrien der Islamic Front wird man sich vorerst einrichten müssen – die Alternative ist der aktuelle systematische Massenmord, die Barrel Bombs, die Giftgasattacken, die Folterkeller Assads, die Massengräber.

Dennoch hat man sich natürlich keine Illusionen darüber zu machen, dass in solchen extrem kleinparzelligen Kriegen die absurdesten spontanen Bündnisse entstehen und dass auch FSA-Truppenteile mit ISIS-Truppenteilen gegen Assad kämpften oder es Überschneidungen gibt. Es war auch nicht Motivation dieses Artikels, eine illusionäre Einheit oder säkularistische Struktur der FSA zu behaupten, sondern gerade im Bewusstsein der Unmöglichkeit der Kategorie “FSA” auf Differenzierung zu beharren zugunsten der wenigen Tausend, die tatsächlich noch der Versuchung widerstehen, sich von Saudi-Arabien oder schlimmeren Bündnispartnern aushalten zu lassen. Die kurdische Armee kennt diese Situation und kooperiert daher inzwischen in weiten Teilen mit der FSA, die sich bisweilen auf kurdisches Gebiet flüchtet. Daher wird auch eine undifferenzierte Unterstützung der FSA auch nicht “den Druck auf die kurdischen Autonomiegebiete erhöhen”, wie das Wertmüller suggeriert.

Dann gibt es natürlich auch Überraschungen wie jene Oppositionellen, die sich für einen Frieden mit Israel aussprechen – zu den üblichen anmaßenden Bedingungen (Golan), aber dennoch mit weitreichenden Reflexionsebenen und erstaunlichem Mut gegen eine penetrant auf panarabischen Antizionismus getrimmte Moderatorin: “Hezbollah is attacking us while Israel treats the wounded”.

Sieben Leben (Seven Pounds) – Der fürsorgliche Staat und die Organspende

In “Sieben Leben” spielt Will Smith einen Mann, Tim Thomas, der einen Unfall verschuldet hat und dabei seine Frau tötete. Daraus entsteht ein interessanter sexueller Fetischismus: Er beginnt eigene Organteile zu spenden, vorgeblich, um seine Schuld zu tilgen. Am Ende erfolgt sein Suizid – interessanterweise mit einer tödlich giftigen Würfelqualle im Eisbad. So bleiben seine Organe unversehrt und alle von ihm begünstigten Personen erhalten ihren Körperteil vererbt – die vom Tod bedrohte Geliebte sein rettendes Herz. Er schafft es auf diese Weise, körperlich in sieben Personen einzudringen, gleichsam als Widerruf seiner eigenen Geburt. Die vermeintlichen Schützlinge, in Wahrheit seine Opfer, können sich gegen diesen Übergriff nicht wehren – sie haben keine Wahl. Die “Bedeutungslosigkeit” oder totale Ersetzbarkeit, größte Furcht des Narzissten Tim Thomas, ist durch das Spektakel seines Suizids gebannt.

Der technisch erwartbar glänzende Film führt vor, was geschehen kann, wenn Organspender sich ihre Empfänger aussuchen können und dürfen. Die Empfänger werden von Tim Thomas einem raffinierten Auswahlverfahren unterzogen, ihr Leben überwacht und auf Schwachstellen getestet. Wer andere ausnutzt oder in den Worten von Tim Thomas “ein Arschloch ist”, erhält kein Organ.

Solche berechnende “Vernunft” erzeugt die Suggestion eines fürsorglichen Überwachungsstaates. Tim Thomas manipuliert durch seine Organgeschenke die Empfänger, bis sie seinen moralischen Idealvorstellungen folgen und ihm sogar dabei helfen Gesetze zu übertreten. Sein eigener Bruder erhält eine Lungenhälfte von ihm, dafür stiehlt er ihm dessen Ausweis vom Finanzamt und gibt sich fortan als sein Bruder aus. Der wird abgewimmelt, als er aufbegehrt:  “Hast du etwas mitgenommen, als du letztesmal hier warst?” (Den Ausweis) “Nein, ich habe sogar etwas dagelassen!” (Seine Lungenhälfte).

Seine Opfer sucht er als vermeintlicher freundlicher Beamter vom Finanzamt auf, konfrontiert sie mit Intimissima wie Arztbriefen und abgehörten Telefongesprächen, die er von der Empfängerin seiner Leberhälfte erhält, er bricht in Wohnungen ein – und jedesmal ist seine “Hilfe” erfolgreich. Einer misshandelten Mutter von zwei Kindern schenkt er sein Elternhaus am Meer, glücklich spielt die vaterlose Familie am Strand. Seine große Liebe findet er in einer verschuldeten kinderlosen Herzpatientin – die sich in ihn trotz aller Übergriffe verliebt.

Dieser eiskalte narzisstische Fetischismus wird vom Film nicht kritisch ad absurdum geführt oder durch Überzeichnung ironisiert, sondern durchweg honoriert und idealisiert. Ein konsequent dialektisch angelegter kritischer Film hätte Tim Thomas Größenwahn wenigstens punktuell scheitern lassen oder die posthume Aggression der Opfer offen gelegt. Das Aggressive in den übergriffigen Handlungen wird zwar angedeutet – so beschuldigt ihn die Herzpatientin, ihren vegetarischen Hund “vergiften” zu wollen, nachdem er diesem ungefragt ein Stück Fleisch füttert. Die tatsächliche Aggression aber, den Suizid, präsentiert der Film als durchaus respektable und gelungene Lösung von realer Schuld.

Für dieses Wohlwollen kann der Film auf tief inkulturierte christliche Mythologie bauen. Das christliche Selbstopfer befreit in der Filmlogik erfolgreich von realer Sünde. Die Geliebte mit seinem schlagenden Herzen blickt in der Schlussszene gerührt in seine Augenhornhaut, die ein blinder Klavierspieler erhalten hat, der Kindern kostenlosen Klavierunterricht anbot.

Solche mühsam angewärmte, in Wahrheit kalt berechnende Projektion entspricht der ökonomisierten Vorstellung der christlichen Kleinbürger von der Organspende. Die sehen verständlicherweise und ganz rationell nicht ein, warum Raucher oder Trinker ein Spenderorgan erhalten sollen – in der Fortführung ist es dann nur logisch, dass auch anders schuldhafte Menschen nicht erlöst werden.

Hatte das Christentum einst mit der abstrakten Erbsünde noch die Versöhnung mit eigener Sündhaftigkeit durch das deligierte, abstrakte Selbstopfer angeboten und darin auch den konkreten Sünder selbst erlösen wollen, wird es hier auf sich selbst zurückgeführt im banalen Tauschakt Leben gegen Leben. Sieben verschuldete Leben werden durch sieben gerettete Leben bezahlt, individuelle konkrete Sünde durch das das individuelle konkrete Opfer. Der Sünder muss im hier und jetzt büßen und wird nicht mehr im Diesseits erlöst.

Solches Opfer streicht Individualität und Besonderes durch – ein zerstörtes Leben ist eben nicht durch ein anderes austauschbar. Gerettet wird lediglich der Narzisst, der sein Opfer mit der Befreiung von Schuldgefühlen und dem Spektakel der Grandiosität gratifiziert.  Dass ein solches Modell erhebliche Attraktivität ausstrahlen dürfte und in systematisch vom Alltag denarzissierten Menschen die narzisstische Sehnsucht nach dem sinnvollen, sozial nützlichen Tod verstärkt wird von professionellen Rezensenten in medienkompetenter Manier zur Teenage-Suicide-Hysterie verharmlost.

Am Ende behält Tim Thomas recht – daran lässt der Film keinen Zweifel. Die moralischen Einwände einiger Protagonisten erreichen nie den Rang eines Argumentes, sie werden zum kleinkarierten, legalistischen Spießertum verurteilt, dem es an Einsicht in die Größe des angelegten Planes mangele. Der Ausnahmezustand des versagenden Herzens rechtfertigt selbst die übergriffigen Marotten des Tim Thomas als harmlose. tolerable neurotische Nebeneffekte – dabei sind sie der Kern der Motivation, nicht Begleiterscheinung.

Dass Will Smith, der aus dem Stereotyp des schwarzen Clowns (“Wild wild West”, “Men in Black”, “Independence Day”) erfolgreich ausgebrochen ist, sich nun für solche autoritäre Propaganda hergibt, kann weder aus Restschulden beim Finanzamt noch aus seiner mutmaßlichen Sympathie für Scientology erklärt werden. Vielmehr ist der Film Exponat einer viel tieferen und gründlicheren Wendung des Systems Hollywoods zum modernisierten Evangelikalismus.

In “I am Legend”, einer ungleich genialeren narzisstischen Projektion, opferte sich Will Smith schon einmal – für ein Serum, das einer christlichen Sekte überreicht wird und diese zur Heilung von Zombievampiren ermächtigt, während die säkulare Wissenschaft das Virus erst durch Krebsheilung erzeugte. Aber auch andere Darstellerfilme, deren Absatz über den Hauptdarsteller sich garantiert, setzen immer häufiger auf pfingstkirchliche Dämonologien und das narzisstische Selbstopfer.

Es trennt Nollywood und Hollywood bisweilen nur noch die Qualität der Effekte und die psychologische Raffiniertheit der Szenarien. Ob “Priest” oder “Der letzte Tempelritter” oder “Duell der Magier”: stets wimmelt es von Dämonen und Regressionen zu neoplatonistischen Ritualen, die vom katholischen Ballast befreit, demokratisiert und technologisiert werden – meist noch im Auftrag von wohlwollenden Geheimorganisationen.

Der Plan des Organspenders und der Plan von überdauernden Tempelrittern, Geheimkulten und Zirkeln sind ins Positive verkehrte Verschwörungstheorien, Wunschprojektionen vom sinnvollen Verlauf von Geschichte, von erfolgreicher Organisation gegen das Zeitgeschehen, von erfolgreicher Tradition, von wohlwollender Autorität. Panoptische Überwachung und emotionale Manipulation erscheint plötzlich nicht nur erträglich, sondern notwendig, mitunter trickreich. Wenn es der gerechten Verteilung von knappen Organen dient, ist das Private schutzlos: überschießende Kontrollwünsche angesichts der eigenen Sterblichkeit und der Abhängigkeit von den gefürchteten Ärzten.

Besetzt und zugenäht

Eine Eigentümlichkeit kapitalistischer Verhältnisse ist, dass auch ihre Gegner ihren Zwängen nicht entraten können. Als einst Arbeiter begannen, die Maschinen zu zerstören, die ihre einzige Ware, die Arbeitskraft, dem Preisverfall auslieferten, handelten sie vernünftig und wahnsinnig zugleich. Vernünftig, denn sie konnten nicht darauf hoffen, dass ihnen durch die krisenhafte Fortentwicklung auf einer höheren Stufe und mit höheren Bildungsstandards wieder ein Auskommen zugeteilt würde.

Sie durchschauten die Konkurrenz, die ihnen Maschinen bedeuteten, die wussten instinktiv, dass bald die ersten unter ihnen verhungern würden, obwohl die Maschinen doch ein Mehrfaches produzierten und doch ihre Körper und die ihrer Kinder nur in härteren, barbarischeren Schichten zugrunde richteten.

Unvernünftig, weil diese Maschinen ihre Befreiung von der barbarisch harten Körperarbeit bedeuten konnten und ihre kurzfristige Zerstörung mitnichten die Arbeiter befreite.  Heute gelten die Maschinenstürmer als Exponate naiver, verkürzter und lächerlicher Kapitalismuskritik schlechthin, obwohl sie im falschen Ganzen doch auch nicht wesentlich unvernünftiger oder wahnsinniger handelten, als beispielsweise Gewerkschafter, Banker, Schnäppchenjäger oder Hausbesetzer. Sie alle suchen den bestimmten Vorteil und setzten damit nur allgemeine Zwänge fort oder geben sie nach dem Recht des Stärkeren an Schwächere weiter.

Als Prinzen und Gräfinnen den Bauern Englands den Boden unter den Füßen wegbesetzten, weil sie darauf Schafwolle zu produzieren gedachten, kümmerten sie traditionelle Rechtsbestände ebenso wenig wie die Hausbesetzer des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Legitimationsbasis war das Recht des Stärkeren verbrämt mit Modernismus: das Objekt produzierte nicht auf der Höhe der Zeit. Provozierend war die Privatnutzung des Landes für die Subsistenz der Kleinbauern, wo doch die Welt nach Schafwolle verlangte; Skandal für die Hausbesetzer ist der Leerstand noch halbwegs bewohnbaren Materials bei bester Marktlage.

Sie handeln gewieft wie nur ein Immobilienmakler, wenn sie Schwachstellen im Immobilienmarkt aufspüren, ihr eigenes Potential prüfen, das Marktrisiko, den Mietpreis, die Zahl der Mitinvestoren – und dann zum kollektiven Raub des Objektes sich entscheiden. Allein ihre Masse und die Wertlosigkeit des Objekts können in bestimmten ökonomischen, lokalen und gesellschaftlichen Konstellationen bewirken, dass ihr Raub folgenlos bleibt, sogar honoriert wird als ursprüngliche Akkumulation.

Ursprüngliche Akkumulation war von je her rasch vergessen, wenn das Kapital sich bestimmungsgerecht vermehrte. Niemand käme heute noch auf die Idee, Nachfahren von Adel und Klerus zu enteignen. Diebstahl war demnach nie ein eindeutig verurteilter Akt. Als dauernde Aneignung von in Waren geronnener Lebenszeit durch die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ist sie Grundbestand der Produktionsweise. Diese systematische Nähe bürgerlicher Produktionsweise zum Raub, den Diebstahl im Eigentum, ahnen Hausbesetzer und sie versuchen, das Risiko einer Ahndung ihrer Tat ökonomisch zu erhöhen, um ihren Diebstahl nachträglich zu legalisieren – sie haben die geschichtliche Erfahrung verinnerlicht, dass das gehen kann. Entglasungen, Brandstiftungen und Krankenhausrechnungen von Polizisten müssen nur teurer sein als der Gewinn, der aus der Räumung gezogen werden kann.

Hausbesetzungen haben in Krisenzeiten eine rationale Funktion als mehr oder weniger unpolitischer Mundraub – aus der Zeit der Wirtschaftskrise der Weimarer Republik ist das Bild der besetzten Häuser in Berlin bekannt, auf dem Naziflaggen und rote Fahnen nebeneinander wehen. In Deutschland ist dieser Notstand zwar wieder etwas öfter gegeben, wie etwa in der Berliner Eisfabrik, aber von Linken werden oder bleiben Häuser in aller Regel nicht mehr besetzt, weil man sonst erfrieren würde. Ginge es nur um Wohnungsnot oder Antifaschismus, man könnte in Bernburg oder Neustadt/Sachsen jedes dritte Haus für einen Bruchteil der Prozesskosten der jüngsten Ausschreitungen erstehen, es sich in herrlicher Landschaft recht gemütlich machen, und die Nazis quasi schon dort konfrontieren, wo sie wohnen.

Die Glorifizierung des Hausbesetzertums als allgemein subversive Strategie fordert letztlich eben jene Ellenbogenmentalität ein, die am Kapitalverhältnis kritisiert wird. Die hypothetische Situation eines totalen Sieges der Hausbesetzerbewegung impliziert nicht die Aufhebung von Eigentumsverhältnissen, sondern des Rechtsstaates, die Niederlage der Schwächsten, die fortan in den elendesten Außenbezirken und Plattenbauten wohnen müssen, weil die stärksten Autonomen die Bestlagen erobert haben. Die Aneignung von Häusern ist die Affirmation, nicht die Abschaffung des Eigentums, wie es die Besetzer so häufig  behaupten.

Dass sie ihr Stück vom Kuchen, mitunter auch die ganze Bäckerei haben wollen, sei ihnen gegönnt. Aber nur mit einiger Weltfremdheit könnte man die besetzten Häuser als Keimzellen definieren, an denen etwa die vom Marxismus vorgeschlagene aufgeklärte Expropriation der Expropriateure in den Fabriken vorbereitet und geübt wird. Sobald das Eigenheim erobert ist, kommen notwendig die Sorgen, die jeder Bausparer und Ratenzahler und jeder Immobilieninvestor mit seinem Häuschen hat: Wie hält man diesen in den 50-ern oder noch früher verbrochenen Klumpatsch nur instand, wie drückt man die Energiekosten ohne zuviel zu investieren? Wer versetzt die Heizkörper, schafft neue an, isoliert die Heizkörpernischen und Rolladenkästen, setzt neue Fenster ein, isoliert die Fassade oder Innenräume fachgerecht, tauscht uralte Wasser- und Stromleitungen aus, isoliert das Dach oder wenigstens die Geschossdecke, beseitigt die Wärmebrücken, regelt die Brandschutzversicherung und befüllt die neue Scheitbefeuerungsanlage oder den Grundofen? Und wie drückt man aus eigenem Interesse die Löhne der Handwerker, der Ingenieure, die Solarkollektoren entwerfen, der Arbeiter, die die Türklinken aus gebürstetem Edelstahl herstellen?

An solchen Folgekosten scheiterte so mancher Hauskauf und so manche Hausbesetzung. Die Renovierungsbedarf ganzer verelendeter Stadtteile – man denke an die fachbewerkten denkmalgeschützten Studentenslums der Marburger Oberstadt – werden in der Ideologie von der Gentrifizierung einfach veredelt zur Kultur, die Investitionskosten wegretuschiert. Tatsächlich sind die Renovierungskosten eines Hauses in Stadt, Speckgürtel und Land weitgehend identisch, während die Mieten und Grundstückspreise exorbitant divergieren. In beiden Fällen lohnt es sich kaum noch, irgendetwas in Häuser zu investieren, wenn nicht eine lückenlose Vermietung das Risiko zumindest berechenbar macht. Das Zielobjekt zahlloser Rentner und ihre prospektiven jugendlichen Erben ist die Mietwohnung in der westdeutschen Großstadt, eine halbwegs bezahlbare Einheit mit beherrschbaren Folgekosten und bleibendem Gebrauchswert für Familienmitglieder. In der Gentrifizierungsideologie werden solche Marktmechanismen in den üblen Willen und böse Absicht von „Spekulanten“ und „Investoren“ personifiziert. Man will nicht an den Mietkosten spüren müssen, wie wenig man in der Produktionssphäre als Äquivalent für seine in Waren transformierte Lebenszeit erhält, und dafür nimmt man dann Abstriche am Komfort und erhebliche Energiekosten in Kauf. Die Form der Verelendung wird zur Rebellion verklärt.

Hausbesetzer haben in Hamburg die Rote Flora in einer historisch günstigen Situation mit dem Recht des Stärkeren gewonnen. Man gönnt ihnen und den anderen Hausbesetzern der Wendezeit ihre expropriierte Bleibe von Herzen. Kritische Theorie weigert sich, jenen Störungen der verkehrten Ordnung in den Arm zu fallen, die selbst zumindest noch ein Bewusstsein von der Verkehrtheit haben oder deren Eigeninteresse in einem ungleichen Klassenkampf rational nachvollziehbar bleibt. Wenn aus den äußerst beschränkten Möglichkeiten aber eine große Ideologie von Freiräumen, Anti-Gentrifizierung und der „Buntheit“ einer womöglichen Revolution in Naherwartung gemacht wird, verdient das Kritik.

Im Fall der Roten Flora kaufte ein Investor in den 1990-ern für 350.000 DM das damals schon besetzte Haus mit zahlreichen Auflagen von der Stadt, darunter die Verpflichtung, alles beim Alten zu lassen. Warum die damaligen Besetzer vorher den Mietvertrag mit der Stadt platzen ließen, warum sie nicht selbst die Summe zusammentrugen und noch etwas drauflegten, ist Gegenstand von Spekulation. Heute jedenfalls wird der Kaufwert der roten Flora laut Eigentümer zwischen 9-20 Millionen Euro veranschlagt, wohl weitere 9 Millionen haben die Besetzer in mehr als 20 Jahren Dauerbetrieb durch Veranstaltungen, tägliche Kundschaft, Mieten eingenommen oder gespart.

Der von den deutschen Linken vorgeschützte Notstand, die moralische Überlegenheit ist vom bürgerlichen Egoismus durchtränkt wie der des Eigentümers auch. Beide spekulierten auf Risiko, beide versuchen nun, ihren Preis in die Höhe zu treiben. Das in Politik maskierte Vorgehen ist von anderen Orten hinlänglich bekannt, routiniert und erprobt. Einem provozierten Eingreifen der Polizei gegen eine Demonstration folgen provozierte Reaktionen oder umgekehrt. Wer auch immer begonnen hat: dass sich die Autonomen überhaupt darauf berufen, nach 40 Jahren Erfahrung im politischen Kampf in eine Straßenschlacht ohne eigenes Zutun und gegen den eigenen Willen hinein „provoziert“ worden zu sein, zeugt von ihrer Lust an der Provokation. Sie machten sich so berechenbar, wie das die Einsatzleiter für ihre opake Strategie schon voraussetzten.

Unabhängig von den jüngsten Unruhen: Wie an zahllosen linken Institutionen, die einmal ihre Vervielfachung und Ausbreitung bedeuteten und dann in Agonie erstarrten, ist auch in der Roten Flora ein linker Nationalismus entstanden. Historische Parallele ist das Ausbleiben der Weltrevolution und die Zwangslage der Sowjets, sich vorerst als Sozialismus in einem Land zu arrangieren. Horkheimer nannte das in seinem Vortrag mit dem harmlosen Titel „Die Zukunft der Ehe“: „linker und rechter, in Wahrheit identischer Nationalismus“.

Der eigene Kiez, ohne den wähnt man sich heimatlos und verloren, weil echter Klassenkampf ausbleibt. Hier wird eigenes Recht durchgesetzt bis in die intimsten Bereiche des Strafrechtes – Vergewaltiger erhalten Hausverbot, aber keine Anzeige, weil man nicht mit der Polizei kooperieren will. Wer mit nacktem Oberkörper Schlagzeug spielt, wer einer Frau einen Drink zuviel spendiert, wer schlechte Polemik schreibt, wer einmal aufgefallen ist ohne den Schutz des Kollektivs, erhält ebenfalls Hausverbot – Exil von der linken Scholle als schlimmste vorstellbare Einheitsstrafe für wiederum alles vom Schwerverbrechen zu Bagatellen der Devianz. In der neugeschaffenen heilen Welt wird das Wohlfühlen zum obersten Prinzip gemacht, wo man einst notorisch unzufrieden sein wollte und in den Räumen lediglich Basen für die weitere Ausbreitung sah. Solche Verhältnisse reproduzieren Kulturindustrie in den linken Räumen: Fun regiert und Miesepeterei oder was über verordnete, zuschauergerechte prüde Sexyness hinausgeht wird ausgeschlossen. Wenn es gar zu langweilig wird, hängt man Schilder auf, dass hier theoretisch dauernd „sexuelle Übergriffe“ (und dazu zählt dann so ziemlich alles, was unter […] definiert sein will) passieren könnten – wohliger Grusel der sexuell Frustrierten über Verbotenes, Tabuiertes, der den Morden und Vergewaltigungen im Feierabendkrimi der Berufstätigen gleichsieht.

Anstelle von Refugien von alternativen Praktiken und Horten der Liberalität entstanden linke Assessment-Center höherer Ordnung, in denen die gewinnen, die erfolgreich durch alle Plena sich quälen und Zwänge und Redeverbote am erfolgreichsten internalisierten.

Zwei Textsammlungen kommen zu ganz ähnlichen Schlüssen und seien ausdrücklich empfohlen:

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sw&dig=2008/09/27/a0051&cHash=8c1e824b3c

„So sah das zynischerweise auch der damalige Berliner Kripoleiter Schenk: “Es ist doch prima, wenn die jungen Leute sich dabei handwerklich in sinnvoller Weise betätigen: Da lernen die was – und kommen nicht auf dumme Gedanken.”“

http://www.squatter.w3brigade.de/content/geschichte/die-hausbesetzerbewegung-ost-berlin-teil1

„Politniks aus Autono­men und Antiimpkreisen profilierten sich großmäulig und propagierten den Revolutionä­ren Häuserkampf gegen den Imperialismus.“

Puritanische Philanthropie und Prostitutionsfeindschaft

Jean Rouch filmte in seinem Meisterwerk “Les Maitres fous” unter anderem eine Demonstration in Accra, Ghana. Die Protestierenden waren Prostituierte, sie forderten höhere Löhne ein.

Im heutigen Frankreich haben Prostituierte diese Freiheit nicht mehr. 2003 hatten die Konservativen Prostituierte mit Strafen bedroht, wenn sie Freier anwerben. Die Sozialisten schaffen das gerade ab zugunsten des schwedischen Modells, nach dem die Freier bestraft werden.(1) In den protestantischen und sozialdemokratischen Staaten  Schweden, Norwegen und Island ist Prostitution jeweils für Freier illegal, Island untersagt selbst das Strippen.(2) Finnland diskutiert aktuell das schwedische Modell, in Deutschland agitiert die Illustrierte “Emma” dafür.

Dass man nicht die Prostituierten, sondern die Freier bestrafen müsse, das erscheint den einfacher gestrickten Philanthropen schon wie ein gewitzter Kniff, um etwas richtig zu rücken. Tatsächlich verschleiert das nur die Aggression auf die Prostituierten. Die Folge ist die gleiche: Prostituierte können ihr Geschäft aufgeben. Das schwedische Modell ist etwas gerechter, dafür wohl ungleich effektiver als das konservative in der Unterdrückung der Prostitution im eigenen Land. Letztlich geht es um ihre Abschaffung oder zumindest Verschiebung – nach Deutschland und in die Peripherien, wo man dann wiederum den Anstieg der Prostitution skandalisiert.

Prostitution beruft sich auf das Recht, die eigene Arbeitskraft frei zu verkaufen. Dieses Recht ist eines der Kernbestände liberaler Demokratie. Nun gab es von je her Einschränkungen: Kinderarbeit wurde verboten. Die Zustände in den britischen Kohleminen, in denen Kinder wegen ihrer Größe in den besonders niedrigen Schächten eingesetzt wurden, die Kinderarbeit in Webereien sind bei Engels beschrieben. (Natürlich findet Kinderarbeit nach wie vor statt in den Peripherien, für Baumwolle, Kakao, Fussbälle und Teppiche) Bei der Kinderarbeit ist der zentrale Konflikt die Unmündigkeit. Ein kleiner Mensch kann diese Arbeiten nach wie vor ausüben, auch wenn sie ihn zugrunde richtet und er weniger Gehalt erhält, als vorher das ebensogroße Kind. Nicht die individuell zerstörerische Wirkung von Arbeit interessiert die Gesellschaft, sondern die gesellschaftliche. Mündigkeit ist durch das Verbot der Prostitution Minderjähriger in allen EU-Staaten gegeben. Die Prostitution hat darin etwas den anderen Berufen voraus, die teilweise schon mit 15 erlernt werden dürfen, ab 17 darf man sich in der Bundeswehr härtestem Drill und Lebensgefahr aussetzen, Zeitungsaustragen dürfen schon sehr kleine Kinder, Schauspielern die kleinsten.

Minderjährigkeit und direkter Zwang sind bei jeglicher Arbeit, auch bei der Prostitution illegal. Das Verbot der Zwangsarbeit fokussiert aber nicht auf den Zwang an sich, sondern auf die Vermitteltheit des Zwangs. Abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse gelten als die natürlichen, hinzunehmenden Voraussetzungen der freien Selbstausbeutung, auch wenn darunter Zwänge wie Hunger, Tod und soziale Isolation gefasst werden müssen.

In der Prostitutionsfeindschaft will man von vermittelten Zwängen nichts mehr wissen. Bordelle, die ihre Ausbeuter fraglos haben, sind aber in ihrer grundsätzlichen Vermitteltheit des Zwangs nicht zu unterscheiden von den Baustellen oder Fabriken, in denen sich Männer wie Frauen aus “freien Stücken” zugrunde richten dürfen. Das Ziel der Prostitutionsfeinde ist daher stets die Verschleierung der strukturellen Gleichheit der vermittelten Ausbeutung. Diese Verschleierungstaktik bedient sich zweier Strategien: Statistik und Spezifik.

Statistik soll suggerieren, dass der Notstand in der Prostitution so akut ist, dass in der Rechtsgüterabwägung das Recht auf freien Verkauf der eigenen Arbeitskraft unter den Tisch fallen kann. Wenn erst die Vorherrschaft unmittelbaren Zwangs, also Zwangsprostitution, in der Prostitution nachgewiesen ist, ist das Gewissen der puritanischen Philantropen für den Angriff auf die nur vermittelt erzwungene Prostitution gereinigt. Der Verweis auf die prinzipielle Möglichkeit der emanzipierten Prostitution, die von ähnlichen ausbeuterischen Verhältnissen und Marktzwängen geprägt sein wird wie jede andere Arbeit, kann angesichts der Statistik und Drastik der Ausbeutung in Extremfällen jederzeit als zynisch denunziert werden. Wen kümmern die wenigen Edel-Escorts, die Gelegenheitsprostituierten, die masochistischen Fetischisten in ihren jeweiligen hetero- und homosexuellen Ausprägungen, wenn die Abschaffung ihrer Rechte Andere aus so extremer Sklaverei befreit. Die Legitimationsform ist die gleiche wie bei der Abschaffung bürgerlicher Freiheiten für die Terrorismusbekämpfung oder die Aufhebung des Datenschutzes zur Bekämpfung von Kriminalität: Notstand.

Das zweite, emotionalere Standbein der Prostitutionsgegner ist die Spezifik. Prostitution ist demnach verwerflich, weil sie grundsätzlich “andere” Arbeit ist, weil sie die Geschlechtsteile involviert. Wenn die gleichen Geschlechtsteile lebenslang auf Bürostühlen oder Kassiererinnenstühlen eingequetscht werden bis Hämorrhoiden, Stressinkontinenz und Frühableben wegen Bewegungsmangel eintreten, gilt das als weniger skandalös als die berufsmäßige Penetration oder Masturbation. Bandscheibenvorfall und Hexenschuss – notwendige Folgen moderner Arbeitsverhältnisse – fügen extremsten Schmerz zu und können lebenslange Verkrüppelung bedeuten. Dennoch werden sie als Berufskrankheiten toleriert, einkalkuliert und akzeptiert. Was die Arbeitswelt mit der Psyche von Menschen anstellt, ist täglich zu beobachten. Penetrationen hingegen gelten als barbarisch und nicht hinnehmbar. In einer solchen Trennung sind Sexualtabus wirksam, hochidealisierte Vorstellungen von “normaler” Sexualität, die sich kopfschüttelnd gegen die Vorstellung richten, Sex mit womöglich täglich oder mehrfach täglich wechselnden Geschlechtspartnern sei etwas Erstrebenswertes oder auch nur annähernd Auszuhaltendes. Und selbst die freieste Gelegenheitsprostitution, die sich ihre Kunden ohne ökonomische Zwänge aussuchen kann und für die gebotene Schönheit, Zeitaufwand und Seriosität einen Gegenwert einfordert, wird dem Verbot anheim fallen. Es geht den Prostitutionsfeinden nicht um Gewalt oder Zwang, sondern um die Existenz der Idee von Prostitution.

Der Neid auf diese Möglichkeit, sich mittels Sex dem übrigen Verwertungszwang zu entziehen, tritt in der Abwertung zutage. Das insgeheime Begehren auf solcherarts vereinte Bedürfnisbefriedigung – Sex, Nahrung und Obdach – wird mit Kastrationsdrohungen wie Vergewaltigung und sei es als Voraussetzung solcher Perversion verdrängt. Eine Frau, die solch unnatürliche Lust an Sex hat, oder die ihn akzeptieren kann, müsse zwangsläufig als Kind sexuell misshandelt worden sein. Statistik trumpft hier wiederum auf, schafft Mehrheiten. Warum aber die sexuelle Gewalt in der Kindheit zur Prostitution führt, ob sie vereinzelt nicht auch Coping bedeutet, ob sie eine für das Individuum gelungene Kompromisslösung für innere Spannungen und Ambivalenzen darstellt, warum diese Prostituierten mitunter Sex und partnerschaftliche/familiäre Nähe trennen wollen – solche differenzierenden Überlegungen fallen dem autoritären paternalistischen Schutzdrang anheim, der aus traumatisierten Opfern von sexueller Misshandlung in der Kindheit ewige Kinder und ewige Opfer machen muss.

Prostitutionsfeinde wirken mit an der Durchsetzung von “normalem” Sex als gesellschaftlichem Standard. Tabuiert werden lustvoller Sex mit älteren, “hässlichen”, behinderten oder reichen Männern, weiblicher Exhibitionismus, Masochismus und Narzissmus, Nymphomanie, zwanghafter Sex, Sex als Verrichtung.

Sex für Geld wird verboten, Sex und Geld für sich bleiben aber legal und jeweils glücksverheißend. Das ist nichts anderes als ein Inzesttabu, das vor allem auf weibliche und Homosexualität abzielt. Lust an Sex für Geld – diese Phantasie bleibt jungen Männern vorbehalten. Die dürfen von den zahllosen Liebhaberinnen spinnen, mit denen sie womöglich täglich Sex haben würden, während die noch dafür zahlen. Normiert werden Frauen, denen die narzisstische Befriedigung, ihre Begehrenswertigkeit tatsächlich in Geldform oder in der Zahl der Freier – als Tauschwert – aufgerechnet zu sehen, versagt wird.

Tatsächlich verschleiert die Prostitutionsfeindschaft einfach ihren bürgerlichen Egoismus, der hinter der groß aufgemachten Moral der Schwarzers und der sozialdemokratischen Feministen steckt. Das Prostitutionsverbot mag sich gegen die Rechte der freiwilligen Prostituierten richten, aber es scheint als der billigste Weg, Zwangsprostitution einzudämmen. Man beschneidet ein Grundrecht in der Absicht, Ausgaben für Polizei, Sozialarbeit, Gerichte zu sparen, die die mühsame Differenzierungsarbeit vornehmen. Die Beschaffungsprostitution durch die Legalisierung von Drogen aufzuheben wagt indes keine der sozialdemokratischen Regierungen. Auch bleibt offen, wie die Zwangsprostitution nach dem Verbot der Prostitution effektiv bekämpft werden soll, wenn doch bislang schon wenig Erfolge gegen Menschenhandel erzielt werden.

Die schlechter gestellten Prostituierten kommen zumeist aus Staaten, in denen Prostitution illegal oder stark reglementiert ist. Nicht die Legalität erzeugt unfreie Prostitution und Menschenhandel, sondern Armut. Armut erst steigert die Unlust, die notwendig ist, um herkömmliche Moralvorstellungen zu überwerfen, was teilweise dann als Befreiung erlebt werden kann. Für Frauen, die in der Heimat auch nur der Tausch lebenslanger Dienerschaft gegen ein paar an die Eltern gezahlte Ziegen oder Geld erwartet hätte, neben einem Leben in Unbildung und Armut, ist die freie Prostitution in Europa allemal das kleinere Übel. Solange die EU dabei zusieht, wie an ihren Außengrenzen ein failed state nach dem anderen entsteht, solange sie Bürgerkriege ignoriert, die Millionen in die Flucht treiben, solange Tausende an den Außengrenzen in den Tod getrieben werden, solange syrische Flüchtlinge ihre Nieren und Töchter verkaufen müssen, um zu überleben, solange braucht kein EU-Staat zu denken, er würde mit einem Prostitutionsverbot etwas gegen Menschenhandel unternehmen und solange wohnt der Prostitutionsfeindschaft immer auch die Abwehr des Fremden inne.

Ein weiteres Moment der bürgerlichen Egoismus ist die primitive Akkumulation an den Prostituierten. Die Prostituierte hat eine Sonderstellung im Arbeitswesen: Sie besitzt ihr zentrales Produktionsmittel selbst und bringt es von Natur aus mit. Sie ist partout nicht zur doppelt freien Lohnarbeit zu bringen. Diese Möglichkeit, aus sich selbst Wert zu erzeugen, ohne die Vermittlung von Produktionsmitteln, die ihr nicht mehr gehören, zieht Neid auf sich. Man entzieht ihr dieses Produktionsmittel und gibt vor, das zu ihrem Besten zu tun – tatsächlich stößt man sie in die Abhängigkeit der doppelt freien Lohnarbeiterin, zwingt sie an die Kassen und Förderbänder.

Wo die Ehe historisch akzeptierte Tauschform von Waren und Sexualität ist, noch nicht allzulange die Mitgift und der Brautpreis abgeschafft wurden, kann gegen den Erwerb von Sex auf dem freien Markt nichts Inhaltliches sprechen. Entleert wird unter den vorherrschenden Produktionsbedingungen beides: Arbeit und Sexualität. “Echte”, “befreite” Lust gibt es wohl nur noch in Inseln, zu tief hat sich das Tauschverhältnis ins Privateste eingegraben. Der Versuch, die wahre Liebe unter freien Individuen auf Kosten der freien Frauen in der Prostitution zu bewahren verdirbt schon wieder die Freiheit dieser Individuen, die für die wahre Liebe erst Voraussetzung wäre, die sich nicht an Besitzidealen wie Treue oder Sexualität aufrichtet, sondern an Hingabefähigkeit und Solidarität.