Being Charles Hebdovich

Im Film “Being John Malkovich” gibt es eine Etage, in der sich alle bücken müssen, weil sie zu niedrig gebaut wurde. Der ehemalige Puppenspieler und frischbackene Bürokrat Craig entdeckt in seinem Büro eine Tür, durch die man in das Gehirn des berühmten Schauspielers John Malkovich rutscht. Der wird natürlich nach Kräften ausgebeutet, bis der Schauspieler der Kontrolle des Puppenspielers völlig unterworfen ist und nun die vorher unerreichbare Maxine heiratet, die diese Manipulation zum eigenen machtlüsternen Vergnügen orchestriert.

Der Anschlag auf Charles Hebdo ist eine solche Tür. Er erlaubt den kurzzeitigen Ausbruch aus dem gebückten Leben der Bürokraten und auf einmal sind diese sich sicher: “Je suis Charlie”. Die Tür geöffnet und schon ist man eine Berühmtheit. Selten wurde aus einem Mord schneller Geschäft und Werbung. Zeitungen, die gewiss nie eigenständig eine Mohammedkarikatur in Auftrag gegeben haben, dünken sich nun als Vorreiter der Freiheit.

Das allgemeine Problem von Avantgarde, Märtyrertum und Solidarität ist, dass es unendlich viel leichter ist, die Avantgarde gut zu finden als Avantgarde zu sein. Vor diesem Anschlag war es gefährlich, die Karikaturen zu veröffentlichen, die Charles Hebdo auf den Titel hievte. Das von den Überlebenden noch sinnhaft entworfene schwarze “Je suis Charlie”-Schild hingegen ist als Massenprodukt noch Zensur, schwarzer Balken über jenen Karikaturen, die zu den bösesten gehören und die zu veröffentlichen tatsächlich Mut bedurfte.

Da ist jene Karikatur, auf der ein Salafist einem Kugelhagel einen braunen Koran entgegenhält und übersetzt etwa spricht: “Der Koran ist ja voll scheiße. Der hält ja nicht mal Kugeln ab!” Das Bild war mehr als andere prophetisch.

Nun herrscht die übliche Stimmung: Menschen denken, sie wären durch diese Morde nach ihrer Meinung gefragt worden, schon am selben Tag wurde darüber debattiert, was Satire nun ist oder nicht, was sie darf oder nicht, als wäre das Massaker eine durch einen Souverän ausgerufene Volksabstimmung über Satire. Hinzu kommt das Missverständnis, man befinde sich in einer globalen Online-Demokratie, in der man nur seine Meinung (für oder gegen das Böse, den Krieg, das Gute, die Legalisierung von Cannabis, Hundesteuer, etc.) abgeben müsse um Gesellschaft mitzugestalten.

Im April vergangenen Jahres wurden 300 Schulmädchen durch die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram entführt. Auf der ganzen Welt befleißigten sich Menschen, Schilder anzufertigen und sich damit online zu präsentieren. “Bring back our girls!” hieß der virtuelle Auftrag der desorganisierten, vereinzelten, atomisierten Individuen, die ahnen, dass es auf Solidarität ankäme, die aber längst nicht mehr wissen, wie solche zu organisieren wäre. Nur logisch erstarb die “Bring back our Girls!”-Kampagne (ironischerweise im Kugelhagel eines anderen islamistischen Massakers, dem an den Yeziden und Kurden) und die Mädchen wurden nie wirklich befreit, einige konnten fliehen, andere wurden verkauft in die Sklaverei. Dass die Charles-Hebdo-Solidarität nach ebendiesem Prinzip funktioniert, droht schon an, dass sie auf eine sehr ähnliche Weise scheitern und in Nebendebatten versanden wird. Diese Nebendebatten – etwa was Satire darf und kann – sind bereits auf einer Intensität angedreht, die Gradmesser der Wucht der Verdrängung ist. Nur konsequent steht Boko Haram nach “Bring back our Girls” besser da als je zuvor und hat just nach den Anschlägen in Frankreich ein Dutzend Siedlungen in Nordnigeria dem Erdboden gleichgemacht mit hunderten, wenn nicht tausenden Toten. Nach den antisemitischen Attacken in Frankreich, nach dem Karikaturenkrieg hat die französische Polizei offenbar nicht das Bedürfnis gesehen, Charles Hebdo angemessen zu schützen. Nach Boko Haram sah lediglich die USA die Notwendigkeit, ein paar Flugzeuge vorbeizuschicken, im Zweifelsfall sind “Militärausbilder” auch beliebt, aber den militärischen und ideologischen Flächenkrieg gegen den globalen Islamismus zu führen verweigert der Westen konsequent.

Die Parole von der Informationsgesellschaft suggerierte das Ende der Industriegesellschaften. Die erfolgreiche Auslagerung von industrieller Arbeit an Informationstechnologie in asiatische Tigerstaaten trug dazu bei, die Illusion dieser aus Informationen bestehenden Gesellschaft zu stärken, als würde nur noch Werbung gehandelt und keine industriell gefertigten Produkte mehr, die jene Kosten einfahren müssen, von denen sich Google und co. ernähren. Ebenso verhält es sich mit der Freiheit. Weite Teile der Öffentlichkeit hängen der Illusion an, man könne nunmehr Freiheit online produzieren, durch den Austausch von Informationen und auf bloße bürokratische Verwaltung der jeweilig zur Abstimmung gestellten Gegenstände: Liken oder abwählen, 2 oder 5 Sterne, Lol- oder Kotzsmiley. Dass Freiheit industriell produziert wird, durch Soldaten und Polizisten, durch Reporter und Journalisten, durch Vereinskader und Lobbyisten, dass diese Produktion intrinsisch vermittelt ist mit der Unfreiheit anderer, mit der Ausbeutung hinter den in der Datenflut eher einschrumpfenden Horizonten, das vermag die Ideologie der Informationsgesellschaft zu überdecken. Und diese Ideologie, falsche gesellschaftliche Praxis, diese Ideologie ist auch in “Bring back our Girls!” und “Je suis Charlie Hebdo!” enthalten.

Die Position, ein Schild mit einer Forderung hochzuhalten ist primär eine infantile. Sie richtet sich an einen imaginären Vater im Internet, von dem man etwas erledigt haben möchte. Sie ist das Versprechen, sich selbst nicht darum zu kümmern, Ausdruck der Erwartungshaltung, jemand anderes solle sich doch bitte darum kümmern. Sie ist nicht schlecht an sich sofern sie Solidarisierung ist und Botschaft an die Islamisten – sie ist schlecht, weil jeder Islamist weiß, dass es bei diesen Schildchen bleiben wird, dass diese Schildchen an der intellektuellen Aushöhlung des Westens nichts ändern werden, dass ihnen keine wirkliche Organisation nachfolgt und dass das schlimmste, was sie vom Westen befürchten müssen nunmehr Präzisionsraketen sind, die zugleich das beste sind, was hartgesottenen Islamisten passieren kann, weil sie das gemütliche Mobiliar ihrer Welt darstellen.

Ebenso infantil ist es, wenn ausgerechnet Vertreter der CDU/CSU sich gegen PEGIDA aussprechen, weil diese fremdenfeindlich sei. PEGIDA, die ideologische Kreuzung aus Ariosophie, Ufologie, Franz Josef Strauß, Thilo Sarrazin und Roland Koch hat soweit man weiß, noch keinen Menschen gelyncht, auch wenn das der Mentalität vieler beteiligter Neonazis entspräche. Die CDU/CSU und ihre Schwesterpartei SPD allerdings haben mithilfe ihrer Koalitionspartner kaltblütig, wissentlich und seit über 20 Jahren im Mittelmeer und Grenzflüssen mehr als 20.000 Menschen in den Tod getrieben, weil sie aus Angst vor ihrem PEGIDA gleichsehenden Wählerklientel eines gewiss nicht einführen werden: Das Recht auf Asyl und das bedeutet das Recht, dieses Recht wahrzunehmen ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen: An den Botschaften.
Solange selbst die Politik des mächtigsten Landes Europas denkt, es gehe um Gut- oder Nichtgutfinden, solange die Praxis allen demokratischen Bekundungen völlig zuwiderläuft, solange man jenen, die Freiheit in Syrien und Irak wirklich verteidigen, den dort kämpfenden Bäckern, KFZ-Mechanikern, Wäscherinnen und Kindern nicht einmal ein paar Panzer und Luftabwehrraketen zur Verfügung stellt, weil man denkt, es genüge, gegen Islamismus und für Demokratie zu “sein” und nicht etwa selbst etwas zu tun, solange wird der Terror auch und gerade im Westen leichtes Spiel haben, Gefolgsleute zu rekrutieren, die an dieser gärenden Melange von praktischer Unfreiheit und Freiheitsversprechen irre wurden und sich mit aller Kraft für die zynischste Unfreiheit entscheiden, weil ihnen das immerhin ehrlicher dünkt.

Der Anschlag auf Charles Hebdo war ein Anschlag auf das, was tatsächlich eine der letzten wirkmächtigen Institutionen des Westens gegen den Islamismus ist: ein kleines Satiremagazin mit einer Auflage von 10.000 wurde Ziel, nicht die Mainstream-Zeitungen, die von sich behaupten, sie würden Wahrheit und Objektivität anhängen und das Rückgrat der Demokratie bilden. Die Botschaft ist deutlich: Von den Zeitungen, von der Politik, von Militärbasen, von allen anderen gesellschaftlichen Institutionen hatten Islamisten weniger zu befürchten als von diesem Magazin. Der Islamismus fürchtet die letzten Zellen von radikaler Religionskritik im Westen mehr als alles andere. Solche Religionskritik aber wird systematisch stillgestellt in Zeitungen, die auf einen atheistischen Kommentar noch fünf Pfarrer und einen Mattussek für “objektive” Gegendarstellungen anheuern. Sie wird stillgestellt, wo ein Staat Religionsgruppen die rituelle Genitalverstümmelung von Jungen erlaubt, die von Mädchen aber verbietet. Sie wird dort stillgestellt, wo man statt der bösesten Karikaturen des Charlie Hebdo ein “Je suis Charlie” druckt oder halbgare Bleistift-Karikaturen, in denen man andeutet, dass ja alle Journalisten gemeint seien.

Noch einmal: Es wurde nicht die Le monde oder die Zeit attackiert, sondern ein kleines Satiremagazin. Gemeint war nicht der Bleistift oder die Redefreiheit an sich, sondern der religionsfeindliche Geist, der dahinter steckte. Derselbe Geist vermochte nicht, eine andere als eine ästhetische Praxis gegen den Islamismus zu vollziehen. Dass diese ästhetische Praxis schon wirksam genug war, spricht immerhin Bände darüber, was mit einer bewussten politischen Praxis, einer Organisation gegen den Islamismus und die Zumutungen der Religion im Allgemeinen möglich wäre. Bislang verbleiben diese Organisationen von Atheisten allerdings auf dem Niveau von Positivisten, die wie die GWUP esoterische Thesen mit wissenschaftlichen Experimenten (und nicht wie Jahrtausende von Philosophie in der Logik) widerlegen wollen; und wo man mit Dawkins einen Vordenker einer atheistischen Philosophie sucht, zeugt man vom Wunsch, mit Marx und Freud zu brechen und endlich in Sachen Moralphilosophie ohne Gott hinter Nietzsche zurückfallen zu dürfen, der im Tod Gottes noch ein Problem sah, den Anfang aller Arbeit am Menschen und nicht das Ende. Bisweilen ist aber auch das langsame Verharren im Anfang das Ende: Die fortgesetzte Unreife der Menschen erhält eine andere Qualität als zu Zeiten Kants, sie wird faul, weil sie den Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt hat. Das gleiche gilt für die Charles Hebdo-Solidarität.

Stellengesuch

Der Autor dieses Weblogs, Ethnologe (alias Kultur- und Sozialanthropologe, Völkerkundler), M.A. (“sehr gut”) und “cum laude”- Dissertation (Titelberechtigung ab Publikation, vrs. 4/2015), mit den Nebenfächern Friedens- und Konfliktforschung, Grafik und Malerei, sucht ab sofort eine anspruchsvolle Tätigkeit in den Bereichen Redaktion (Wissenschaftsjournalismus, Feuilleton, Kommentar), Politikberatung, Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Auftragsforschung, Lehre, Verlagswesen, Think-Tank, Lobby.

Fachkenntnisse liegen vor in den Bereichen Ethnologie (Südamerika, Afrika, Asymetrische Konflikte – Guerilla Warfare & Counterinsurgency, Religionsethnologie, Konfliktanthropologie), internationale Politik, Nahost-Konflikt, kulturwissenschaftliche Psychoanalyse, Filmanalyse, Kritische Theorie, Ökologie und Naturkunde, Gender, Genocide Studies.
Im Fach Ethnologie publizierte ich über moderne Hexenjagden, meine Expertise erstreckt sich auch auf die transdisziplinären Nachbarfelder der Esoterikforschung, Theorien magischer Vorstellungen, Aufklärungsforschung, Gewaltanthropologie, Psychologie der Schuldprojektion, Psychosomatik von spiritistischen Körper-Geist-Konzepten.

Forschungsaufenthalte: (9 Monate) in Ghana, 150 Interviews mit Flüchtlingen (Hexenjagdflüchtlinge), Medienforschung (ghanaischer Film).
Ich liefere stilsichere Publikationen auf Deutsch oder Englisch.
Umfassende ehrenamtliche Betätigung und Vereinserfahrung habe ich gesammelt in:
Jugendumweltarbeit, Programmkino, Entwicklungszusammenarbeit (www.hexenjagden.de).

Meine Publikationsliste findet sich in dem Verzeichnis “Gesammelte Werke” dieses Weblogs, wissenschaftliche und journalistische Publikationen unter dem Publikationsverzeichnis: http://felixriedel.net/forschungsgebiete/16-2/

Ich freue mich über Angebote und Vermittlungen (via Kontaktformular unten) von Stellen/Aufträgen, die meinem Profil entsprechen oder darauf aufbauen.

Felix Riedel

 

Schmalziger Antisemitismus – Mit National Geographic bei den jüdischen Warlords

Adorno beobachtete in seinen medienwissenschaftlichen Studien, dass Journals wie Psychologiemagazine analog zum sekundären Okkultismus einen „mild terror“ erzeugen, der dann ebenso sachte besänftigt werden kann durch ein kultiviertes Bescheidwissen. Was gesehen wurde, was bekannt ist, wird schon als kontrollierbar erfahren. Ein „Kenn’ ich“ ist schon so viel wert wie ein „kann ich“.

Die National Geographic muss sich natürlich in regelmäßigen Abständen auch politischen Themen widmen, um ihrer Kundschaft dieses Gefühl der Beherrschung von kompliziertem zu vermitteln. Die fragt sich auf dem Titelbild: „Drei Weltreligionen entstanden im vorderen Orient. Wieso eigentlich?“

Ja genau. Wieso eigentlich. In zwei Wörtern ist der mild terror des Nichtwissens hergestellt. Zwei Beiträge zu Israel enthält dann die Ausgabe vom Dezember 2014, nach denen man dann bescheid weiß. Auf dem Niveau der Titelfrage erklärt ein fett gedrucktes Schmuckzitat:

„Religion fällt nicht vom Himmel. Sie entwickelt sich, weil Menschen Verstand haben und Furcht vor dem, was sie nicht verstehen.“

Offenbar nahm man sich diesen Satz zu Herzen und befragte einen Theologen, Wolfgang Zwickel. Der erklärt nun nicht, warum in einem Industrieland wie Deutschland auf ein Institut für Psychoanalyse zehn Theologieinstitute kommen, sondern warum Menschen angefangen haben, an Götter zu glauben. Und weil am Anfang alles einfach ist, ist auch der Glaube des Anfangs „ein sehr einfacher Götterglaube“.

Der entwickelt sich dann rasch fort zu einem Konflikt zwischen einem Fruchtbarkeitsgott (Baal) und einem Kriegsgott (Isra-El). Da geht es dann ein paar Zeilen durch die Archäologie bis zum König David, an dessen Bild der Theologe „ein paar historische Korrekturen“ anbringt:

„Ich vergleiche ihn gerne mit Saddam Hussein. Er war eine Art Warlord, der eine erfahrene, man könnte auch sagen abgebrühte Gruppe von Haudegen und Desperados um sich sammelte und den zerstrittenen Clans mit eiserner Faust seinen Willen aufzwang.“ (54)

Der Satz steht dann auch noch mal als fettes Readbaiting-Zitat in der Mitte der Seite. Dass Zwickel diesen Vergleich „gerne“ vollzieht, sagt viel über halbverdrängte Faszination an einem solchen Warlord aus, mehr aber noch über abgeschmackte Vergleiche. Zwar schätzt heute ein Gutteil der europäischen Durchschnittsbürger an Saddam Hussein, dass unter ihm „alles besser war“, wie auch Putin, Castro, und Assad ihre Freunde finden. Gadaffis Sozialsystemen trauern bald mehr Menschen nach als er zu Lebzeiten Freunde hatte. Aber auch ohne tieferes Wissen um die baathistische „republic of fear“ zu haben, in der hunderttausende Menschen ums Leben gebracht wurden, gilt der Vergleich mit Saddam Hussein doch denen mit Restvernunft als einer mit dem Inbegriff des Bösen. Man erfährt nicht so genau, was die 400-600 Kämpfer Davids außer einer erzwungenen Einigung, von der es in der Geschichte tausende gibt, noch verbrochen haben sollen, das sie in die Nähe des Massenmörders Saddam Hussein treten lässt. Aber es geht ja nun nicht um Information, sondern um Sensation, eine Sprache in Bildern, die „die Menschen“ verstehen.

El, der Kriegsgott (es wird noch einmal betont, „Isra-el“), tritt nun in Konkurrenz zu Davids Privatgott, Jahwe, der ein regelrechter Vampirgott zu sein scheint.

„Mit der Machterweiterung des Königs wächst auch Jahwes Macht. Er saugt die Fähigkeiten anderer Götter auf und zieht immer mehr von ihren Kompetenzen an sich.“ (54)

 Im Zuge seiner Machterweiterung auch als neuer Kriegsgott wird der heraufziehende Monotheismus aggressiv gegen seine Konkurrenz, und Zwickel erklärt: „Man kann diese religiöse Richtung beinahe als fundamentalistisch beschreiben.“

 Nun kann man das nicht nur beinahe, sondern ohne weiteres. Suggeriert wird aber, dass es Verbote gäbe, die einen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus hier unterbinden würden – in Wahrheit hat man lediglich keinen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus. Man assoziiert einfach frei. Ohne Begriffe, im Stande der sekundären Bilder, steht die Assoziationskette: Judentum – Kriegsgott – Saddam Hussein – Fundamentalismus.

Ausschließlich spricht man pathisch kalt über Israel, über Juden. Etwas „Seltsames“ (und nicht Schreckliches) geschieht. Babylon überfällt Israel. Kurioserweise verlieren Juden nicht ihren „Glauben an Jahwe, der als Kriegsgott ja mindestens ebenso versagt hatte wie Baal als Wettergott.“ (55) Da wird auch der NatGeo der Theologe zu heikel und man fand das Nächstgelegene, einen Religionswissenschaftler, der aber auch das Christentum in Schutz nimmt und das Judentum hier zur Ausnahme, nämlich einer völlig realitätsfremden Religion erklärt:

„Das ist eine erstaunliche weltgeschichtliche Ausnahme“, sagt Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler in Berlin. „In der Regel wird die alte Religion nach einer schweren militärischen Niederlage entwertet, die Menschen verlassen ihre alten Götter und übernehmen die offenbar überlegenen Gottheiten der Sieger, oder sie bilden Mischformen.“ (55)

Als hätte nicht jeder christliche Märtyrer den Heiligenkult genährt, als hätten die militärischen Siege über die Islamisten deren Glauben geschwächt und als hätte nicht die Magie (wie Frazer, Mauss und Levy-Bruhl noch lehrten) trotz ihrer Niederlagen gegen die Realität überlebt. Einen ganz „anderen Weg“ als alle anderen Religionen findet das Judentum:

„Der Gedanke, dass Gott sein Volk für dessen Ungehorsam bestraft, hat seinen Ursprung im babylonischen Exil und durchzieht das jüdische Denken bis zum Holocaust.“ (55)

 Nicht gesagt wird, dass die umgebenden Religionen diesen Gedanken, dass die Juden am ihnen zugefügten Leid selbst schuld seien, in weitaus größerem Maße hegen als die sehr wenigen jüdischen Rabbiner, die tatsächlich den Holocaust als Strafe für eigene Sünden interpretieren. Vom Antisemitismus liest man ohnehin nichts, wenn es in der NatGeo um Weltreligionen geht.

Jüdische Elite vs. Jesus

 Großaufnahme Masada: „Der jüdische Elitarismus förderte die Sehnsucht nach einem Heiland wie Christus.“ (57)

Die jüdischen Eliten kommen nun im babylonischen Exil, so NatGeo, auf eine geniale Idee:

„Die Schriftgelehrten frisieren die Geschichte. Da man das Wort Gottes ja nicht plötzlich erfinden kann, müssen die Autoren die von ihnen erwünschten Worte Jahwes zurückdatieren und früheren Propheten in den Mund legen.“ (58)

Da ist nun die erste und einzige Religion, die das Wort Gottes „plötzlich erfindet“. Mehr noch, eine Religion, die das Leben ihrer Bürger regelt: „Jetzt wird nicht mehr gefragt: „Wer sind wir?“, sondern verordnet, wer man zu sein hat.“ (58)

„Damit ist ein religiöses Korsett für rechtgläubige Juden geschaffen, das so eng sitzt und so stabil ist, dass es ihnen für Hunderte von Jahren überall auf der Welt Halt und Haltung gibt und die Kultur des „Schtetls“ ermöglicht.“ (59)

Obwohl Unterdrückte, verarmte Ghettobewohner und Schtetl-Bauern und Handwerker in Osteuropa durch das „Korsett“ stabilisiert wurden, schließt NatGeo auf einmal:

„Besonders praktisch aber ist dieses Korsett nicht. Nur eine kleine Elite kann es sich leisten, in ihm zu leben. Für einen einfachen Handwerker oder Tagelöhner dürfte es unmöglich seinn, alle 248 Gebote und 365 Verbote einzuhalten, die der jüdische Verhaltenskodex Talmud auflistet […]“. (59)

 „Ein weiterer Mangel: Die Religion ist ethnisch festgelegt und exklusiv.“ (59)

Diesen Mangel beklagen die anderen Religionen nun seit zweieinhalb Jahrtausenden, was gerade der Grund ist, dass NatGeo das Ressentiment tradiert, im Interesse des Kunden. Die unpraktische Religion der Eliten nämlich brachte Jesus von Nazareth hervor, der „keinerlei Einhaltung von Vorschriften“ verlange, aber trotzdem „an die vorbabylonische Frömmigkeit“ anknüpft. (59)

Ob es nun eine Vorschrift ist, das eigene Auge auszureißen und wegzuwerfen, oder sich, so Matthäus – ein christlicher Schriftgelehrter, der Geschichte auch mal frisiert – das Bein abzuhacken, wenn es einen ärgere – geschenkt. Die eigentliche Botschaft „des Nazareners“ laute: „Kehrt euren Sinn um! Denkt nach!“ (60) Und darauf sind tausend Jahre jüdischer elitärer Theologie eben einfach noch nicht gekommen.

Natürlich geht es auch um Liebe, die „eine Botschaft von revolutionärer Wucht“ „in eine Welt scharfer sozialer Gegensätze zwischen Klassen und Rassen“ wirft. „Nicht nur der Elitarismus des Judentums plagt das Volk“, auch die Römer. Daher breitet sich angeblich Jesu Botschaft „aus wie ein Buschfeuer“. Das stimmt zwar nicht, das Urchristentum war marginal und fand erst spät größere Anhängerzahlen – vor allem unter Nichtjuden. Aber man hat ja wieder den Theologen gefragt und der ist nun in seinem Element, er ist vor Ort im heiligen Land zu Jesu Zeit. Er sieht, wie sich eine „revolutionäre, junge Lehre“ mit einem „neuen Menschenbild“ (eigentlich entstammen alle humanistischen Zitate der jüdischen Orthodoxie) ausbreitet „wie ein Buschfeuer“.

 „Die Priester der Christen lassen sich nicht bezahlen wie die der antiken Tempel, sie bestechen ihren Gott nicht mit teuren Opfergaben wie die Jerusalemer Priester, sondern vertrauen seiner Liebe. Die Christen halten zusammen wie Familien und kümmern sich um Arme, Schwache, Kranke. Da ist eine völlig neue Verheißung spürbar, die Kraft eines Gottes, der liebt und Liebe erweckt. Kein Wunder, dass die christlichen Gemeinden stürmisch expandieren.“ (61)

Für die Entstehung des Islam gibt er ähnliche Gründe an: Die Menschen sind arm, die heidnischen Götter ungerecht, erdbeben und Naturkatastrophen erschüttern den Glauben der Menschen. Das Leid erzeugt Nachfrage, allein das Angebot, es fehlt: „Der christliche Gott aber ist unbekannt […]“. (62) Hätte man den schon gehabt, man hätte den Islam nicht erfinden müssen.

Den mag der Theologe nun doch irgendwo gern:

„Der Islam hat sich keineswegs mit Feuer und Schwert durchgesetzt, sondern im Laufe einer langen und sehr friedlichen Inkulturation.“ (63)

Kein Lektor fragt sich offenbar bei NatGeo, warum Zwickel die islamische Expansion, die noch Mohammed auf die arabische Halbinsel ausdehnen konnte, als „sehr friedliche Inkulturation“ werten kann, aber in David einen antiken „Saddam Hussein“ wertet. Das ist nicht nur dick aufgetragen oder schlecht abstrakt, das ist pathisch projiziert.

„Gesegnet. Besetzt. Verflucht.“

Hat man nun schon den schmalzigen christlichen Antisemitismus reproduziert, der im Judentum eine baathistische fundamentalistische abergläubische Elitenreligion sieht, kann man auch über das moderne Israel erst recht schreiben, was der Kundschaft lustig ist.

Man geht mit einem jüdischen Archäologen mit und der ist „zersauster Intellektueller mit den wässrig blauen Augen eines Träumers und Jude.“ Der Autor muss offenbar die Augenfarbe blau notieren, dann aber ein wässrig hinterherschieben. Das verweist auf ganz vielschichtige Konnotationen, von denen kaum eine zu einem positiven Resultat führen dürfte.

Als Ausgleich zu diesem “zersausten Träumer” mit nicht ganz echten blauen Augen nimmt der noch einen palästinensischen „Freund und Fotograf“ mit, der keine wässrigen Augen hat, sondern ein „unermüdlicher Wanderführer“ ist. Der träumende Jude, Goren, arbeitet nun an einem Klär- und Bewässerungsprojekt, von dem Palästinenser und Israelis profitieren sollen. Allein: „Er scheint so unmöglich, so naiv, Gorens Traum.“ Immerhin gibt es hier ja schon „2500 Generationen der Verzweiflungen, Niederlagen, Glaubenskrisen.“ (71)

Man würde von dem Lektorat der NatGeo zumindest erwarten, dass man die Zahl der Generationen kennt, die in ein Jahrtausend passen. Es sind etwa 33-60, je nach Reproduktionsalter (33-15). Nimmt man, wie bei großen ontologischen Geschichtsentwürfen beliebt, die neolithische Revolution vor 10.000 Jahren zum Ausgangspunkt der endlosen Litanei, die nur jüdische Träumer beenden wollen, so wären es immer noch nur 600 Generationen. Aber es geht ja auch gar zu munter zu, als Epigone Karl Mays durchs wilde Israel und Palästina zu wandern, man zischt vom Instantkaffee zu den vor zwei Millionen Jahren aus Afrika einwandernden Flusspferdjägern und wieder zurück zum Wüstenregen, der nichts anderes macht als „klitschnass“ und den Lastesel „triefend“. Zwangsläufig kommt man an Checkpoints und weil man schon vier Seiten in nichts anderem als Klischee-Bildern gesprochen hat, kommt auch hier noch eine flache Metapher:

 „Die politische Landkarte des Territoriums sieht wie ein Röntgenbild aus: ein krankes Herz, marmoriert, gefleckt, verklumpt, ausgehöhlt.“ (81)

Das „Territorium“ (die Indianer grüßen) ist nicht nur ein Herz, ein krankes, sondern klein:

„Gerade mal doppelt so groß wie Luxemburg, aber bevölkert mit 2,7 Millionen Menschen – das besetzte Westjordanland.“ (81)

Die Fläche des Westjordanlandes beträgt 5800 m², das ist tatsächlich etwa doppelt so viel wie Luxemburg, das nur 550000 Einwohner hat, dafür aber 45,3% Ausländer beherbergt, im Westjordanland würde man sagen, Siedler.

Es ist aber mehr als 15-mal so viel wie München, das bei 310,71 km² ganzen 1,4 Millionen Einwohnern die allerprächtigsten Lebensbedingungen bietet. Freilich prozentual nur halb so vielen Ausländern wie Luxemburg und nur 9700 Juden.

Im Westjordanland aber eine Vielzahl von Zonen (exakt drei, A, B und C) und weil man unbedingt zu Fuß durch Naturschutzgebiete, Checkpoints und die judäische Wüste will, bricht man „in Betlehem (zurück in Zone A) erschöpft zusammen.“ Araber und Juden nehmen übrigens gern auch den Bus oder das Auto und bis in die Hochzeit des PLO-Terrors konnten Araber auch noch ungehindert nach Tel Aviv an den Strand zum Baden fahren.

Der Archäologe begegnet bei einer solchen erschöpfenden Höllentour auch Haredim, die tanzen und feiern und da liegt die Frage nahe: „Dieses gottesfürchtige Volk – ist es durchgedreht?“ Immerhin, ganz so wild wird man es nicht treiben:

 „Nein. Die Sache ist die: Nachdem ich die alten Horizonte Afrikas hinter mir gelassen habe, stehe ich nun an einer komplexen Wegkreuzung der Welt, wo die Landschaft sich liest wie ein Sakrament, in einem Labyrinth widerhallender Religionen namens Naher Osten. Der sonderbare Eifer in Bnei Berak ist ein Fest der Freude, des Überlebens: Purim.“ (85)

Immerhin so viel erfährt man über die verrückten Juden an der Wegkreuzung der Welt, mit denen man dann doch feiern kann, dass sie vor 2500 Jahren einen Genozid durch die Perser verhinderten. Es endet die archäologische Pilgerfahrt mit seichtem Abgesang, der irgendwie alles assoziiert und kennt, die wildesten geschichtlichen Verbindungen ahnt, Bilder fantasiert und dann exakt so religiös wird wie man es vorher schon war:

„Das war die einzige Theologie der Wanderung. Der Beduine. Die Menschen in dem Hotel. Die Straße, die sie trennte und verband.“ (85)

 Die Verbindung, man könnte sagen, Synthese, ist der zweite Bestandteil der Kulturindustrie. Nicht nur muss der “mild terror” in jedem zugleich und doch spezifisch präsent sein, auch müssen die Lösungen so formuliert sein, dass sie sowohl auf jeden einzelnen als auch auf jeden von ihnen passen. So geht es in der Astrologie und so geht es beim Infotainment von NatGeo.

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Im Gastland

Der italienische Außenminister Paolo Gentiloni und Frank-Walter Steinmeier formulieren in der Frankfurter Rundschau den dernier cri der Asylpolitik: “Abschottung reicht nicht“.

Abschottung also, so der drohende Subtext, sei schon recht. Man müsse aber mehr tun, so die beiden unter Verweis auf einen ominösen “Karthum-Prozess”. Der Karthum-Prozess war eine Tagung vom 13. bis zum 16. Oktober in Karthoum, eine Tagung, wie es sie auch schon zu Hunderten zur Abschaffung von Hunger, Klimawandel, Umweltschäden und Armut gab, ohne dass dieselben sich verflüchtigt hätten.

In Karthoum lockten die üblichen Lunch- und Coffeebreaks, die Tagungen interessant machen, und man konsumierte viertelstündige Referate von Staatsvertretern. Letztlich hatte man dann auch eine Stunde vorgesehen für Lösungen:

11:30 – 12:30:    Ministerial Dialogue
Ministers are expected to discuss the realities and fundamental reasons
for irregular migration (including human trafficking and smuggling) and
how  to  effectively  address  the  issues  through  cooperation,  as  well  as
dealing  with  the  challenges  in  ensuring  legitimate  labour  migration
through effective labour migration management.  

Moderator:     Prof. Adebayo OLUKOSHI, Director of IDEP
Discussants:   Ministers from participating countries

Und was Steinmeier und Gentiloni in dieser Stunde alles beschlossen haben, ist wahrhaft messianisch:

Nicht nur das Horn von Afrika, sondern auch die “Transitländer” werden eine Verbesserung ihrer “sozio-ökonomischen und rechtlichen Bedingungen” erfahren, so dass Flüchtlinge fortan gar nicht weg müssen. Nur ein Spaßverderber würde jetzt einwenden, dass einem eine solche geniale Idee eigentlich früher hätte einfallen müssen. Steinmeier und Gentiloni haben schon mehr in der Auslage als Altbackenes:

Ein “umfassender” und “partnerschaftlicher” Ansatz wurde entworfen, man wird, nein fast hat man es schon vollbracht: die “Stabilitätsdiplomatie in der Region intensivieren”. Aufgrund der vielen Erfolge solcher Diplomatie in letzter Zeit (Stichwort: Syrien bleibt stabil) gibt es auch hier wieder “Mediation zur Beilegung von Konflikten” satt, natürlich irgendwie in allen Ländern, nur “z.B. in Sudan und in Somalia”. Warum das so übertragbare Geheimrezept nicht auch gegen Boko Haram, Islamischer Staat, Taliban und Abu Sayyaf angewendet werden kann, ist wohl der schon sehr ausgefeilten Raffinesse der Strategie geschuldet, die man ins Blaue hinein kompetenten EU-Politikern wohl unterstellen darf.

Beim Thema “Unterstützung von Friedensmissionen der Vereinten Nationen und der EU” könnte man aus dem Lullaby aufhorchen, aber Spezifik ist der Todfeind des Wohlfühlprogramms, auch für Assad und Afewerki werden vermutlich dieselben Mediationen reichen müssen wie für Al Shabaab, AQIM, Boko Haram und IS.

Aus dem gleichen Fortunatussäckel prasseln dann ganze “Initiativen gegen Kleinwaffenhandel und für Abrüstung”. Entworfen hat man spezielle “Programme”, denn: “Wenn die Menschen bereits in ihren Ländern die Chance auf akzeptable Lebensalternativen vorfinden, kann das den Druck mindern, immer weiter ziehen zu müssen.”

Damit die “Programme” funktionieren, will man “helfen”, also: “Gastländer dazu befähigen, Migranten den Zugang zu staatlichen Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheitsvorsorge zu eröffnen” und “die örtlichen Behörden bei der Umsetzung von Asyl- und Ausländerrecht beraten”.

Auf deutsch, der Sprache des Gastlandes, das Migranten in der Vergangenheit ja sehr üppigen Zugang zu Bildung und allem Schnickschnack wie Lebensmittelpakete, Residenzpflicht und Arbeitsverbot eröffnete, also auf deutsch übersetzt heißt das vermutlich die Wiedereröffnung der libyschen Wüstenlager, die man in der EU seit Gaddafis Sturz doch schmerzlichst vermisst.

Das alles sei, so wird noch einmal vergewissert: ein Beitrag zur Stabilisierung “schwacher staatlicher Institutionen” und dies könne “eine Tür öffnen für einen Dialog über gute Regierungsführung”.

Diese Prahlhanselei, die sich vor allem selbst in Sachen “guter Regierungsführung” über den grünen Klee lobt, vertüncht, dass Steinmeier wie die Regierungsparteien der letzten 20 Jahre Verantwortung trägt für die 20.000 Toten an den EU-Außengrenzen. Dass mit “Mare Nostrum” und der aufgrund des Erfolges erheblich abgespeckten “Triton”-Mission erst 2014 effektive Rettungsmaßnahmen für Flüchtlinge angelaufen sind, die man schon in den 90-ern forderte.

Heute maskieren sich Steinmeier und Gentiloni mit Wortgirlanden als Wohltäter und Strategen, wo sie sich zuallererst der EU-Schuld stellen müssten. Hier will ein Staatenbündnis, das 20.000 Menschen in den Tod trieb und in Syrien ein morbides, ekelhaftes Szenario zulässt, also nun afrikanischen Staaten Regierungsführung erklären.

Es sei daher nur der Korrektheit halber darauf hingewiesen, dass die afrikanischen Staaten Niger, Tschad, Ghana, Tansania, Nigeria, Kenia einen Großteil der 15 Millionen afrikanischen Flüchtlinge bereits beherbergen, ohne besonders stabil und in den meisten Fällen auch ohne demokratische Musterländer zu sein. Die arabischen Staaten Libanon und Jordanien gewähren zwar Arabern mit Vorfahren in Israel oder Westjordanland keine Rechte, haben aber immerhin einen Großteil der 2,6 Millionen Syrer aufgenommen, die es außer Landes geschafft haben, während innerhalb Syriens noch einmal 9 Millionen als “auf der Flucht” befindlich gelten.

Aus der europäischen Erfahrung heraus müssten eigentlich Wohlstand und Demokratie diese Länder dazu bewegen, sich gegen Flüchtlinge stärker abzuschotten, nationalistisch zu werden und um ihren Wohlstand zu fürchten. Dafür spricht auch das Beispiel Südafrika, das gegen Flüchtlinge aus Simbabwe doch zusehends allergisch reagiert, während man im vergleichsweise armen Ghana liberianische Flüchtlinge als Brüder herzlich willkommen heißt (was wiederum nicht für Nigerianer gilt). Selbst in der äußersten Krise können Flüchtlinge in Afrika auf mehr Hilfe durch ihre Nachbarn hoffen als in der reichen EU. Zu einem Preis von 9,3 Millionen Euro hat die die Operation “Mare Nostrum” binnen 8 Monaten 80.000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Das ist, soviel weiß man nun, ein halbes Prozent der Flüchtlinge, die afrikanische Staaten bereits beherbergen.

Der Trick der medienwirksamen Aktion Steinmeiers ist, das optimistische Selbstbild Europas auf Kosten der Abwertung Anderer aufzupolieren. Der Wohlklang der einzelnen Strategeme zerfällt zu einer tausendmal gehörten Werbemelodie. Nicht um Flüchtlinge geht es, sondern um die Illusion, dass in Europa alles zum Besten stehe, während draußen, vor den Mauern, die Barbarenstaaten nicht wissen würden, wie man Flüchtlinge menschlich behandelt. Über Jahrzehnte hat Europa mit afrikanischen und arabischen Diktatoren kooperiert, zuletzt mit Gaddafi in Sachen Asylpolitik.
Wo man von Assad und Afewerki nicht sprechen will, die für die meisten der ohnehin zum Asyl berechtigten Flüchtlinge sorgen, wo man Afghanistan am liebsten schon zum sicheren Drittland erklären würde, wo ganze europäische Staaten in den Faschismus abgleiten, ohne dass es Konzepte dagegen gäbe, da hat man wenig Recht, afrikanischen Staaten zu erklären, wie Demokratie mit ein paar “Programmen” hergestellt werden soll.

Der Fall Kobani

Kobani fällt

Die als Hoffnungschimmer angepriesenen Luftschläge der merkwürdigen Allianz aus NATO-Staaten und Hardcore-Islamisten entpuppen sich als Alptraum. Im Abstand von ganzen Tagen verirrt sich gelegentlich ein Kampfflugzeug der Koalition nach Kobani, tötet dort ein halbes Dutzend Kämpfer – zu wenig, um den Kurden zu helfen, genug, um den IS-Terroristen den propagandistischen Effekt eines siegreichen Kampfes gegen die USA einzutragen.

Die Luftschläge an anderen Orten trieben IS-Kämpfer zusätzlich in Richtung Kobani, dem Dorn im Fleisch der IS. Dort wollte man das schwere Gerät noch einmal nutzen, bevor es durch Luftangriffe zerstört würde. Dauerhafter Widerstand war dort am wenigsten zu erwarten. Diese Kurden, so hat man es öffentlich von allen Seiten verkündet, würden keine Hilfe erhalten. Sie hatten “falsche Hände”, waren auf Terrorlisten gebrandmarkt und damit vogelfrei. Die Türkei unterband zuverlässig den Nachschub an kurdischen Kämpfern über die Grenze.

Während Kobani schon  seit Monaten belagert war, redete die deutsche Politik von “falschen Händen”, um ihre weltpolitisch etwas hinter dem Berg gehaltene Wählerschaft zu beruhigen, dass die Waffen diesmal nicht an “Terroristen” fallen würden. Die Berufskomödianten von Priol bis Nuhr mokierten sich indes pflichtgemäß über die “falschen Hände”, weil sie schon den Peshmerga die fünf leicht gepanzerten Minibusse nicht gönnten, mit denen diese in den Krieg gegen tausende erbeutete Humvees und hunderte Panzer geschickt werden sollten.

Genozideure, zumal islamistische, sind für ihre Medienkompetenz bekannt. Sie lesen aus solchen Phrasen wie jenen “falschen Händen” die offizielle Genehmigung zur ethnischen Säuberung. Die deutsche Politik und die Berufskomödianten haben mit dieser Phrase zum Sturm des IS auf Kobani geblasen. Die IS hat den Aufruf gehört.

Wenn Kobani heute oder morgen oder in drei Tagen fällt, (die ersten Fotos von IS-Flaggen auf Gebäuden in Kobani sind bereits online) so haben sie nicht gegen den islamischen Staat gekämpft – die gesamte NATO hat ihren Beitrag geleistet. Waffenarsenale, Nichtinterventionsgarantien, aus Europa angereiste Verstärkungstruppen – es gibt nichts, was der Westen nicht geliefert hätte, außer Waffen an jene, die sie am dringendsten bräuchten: die FSA, die Ezidenmilizen, die YPG. Und ausgerechnet an diesen wollte man beweisen, dass man auch Waffen liefern könne, ohne “die falschen” zu stärken.

Das war Projektion und Ersatzhandlung zugleich, narzisstisches Ausblenden des grotesken Ausmaßes, in dem sich der Westen gegenüber jenen Gruppen schuldig gemacht hat.

Das manichäische Denken von richtigen und falschen Truppen und Körpern, hier Körperteilen, ist stets schon die Voraussetzung für das Massaker und die damit einhergehende unterlassene Hilfeleistung. Es frisst sich als Gift immer weiter in Gesellschaft hinein. Teilte die deutsche Politik in gute und schlechte Kurden, so wussten auch Berliner Antifaschisten und frisch abgeklärte Politikwissenschaftler, dass die PKK eine totalitäre terroristische Organisation sei, die Peshmerga aber die demokratischen Gründerväter des neuen Irak. Welcher Konflikt die PKK als stalinistische Truppe hervorbrachte und welche internationalen Zwänge letztlich dem türkischen Staat mit seinen Todesschwadronen und Terrorgruppen den Gefallen taten, die PKK zur Terrororganisation zu erklären, das war da schon irrelevant.
Die Rede von der Terrororganisation verbot auch jedem den Mund, der es im konfomistischen Staatswesen fortan zu etwas bringen wollte – eine Strafanzeite wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung kann niemand riskieren, der sich an Universitäten oder im Beamtenwesen bewerben möchte. Nur konsequent exekutierte die Berliner Polizei die türkische Staatsräson und zeigte Menschen an, die auf einer Demonstration die Aufhebung des Verbotes der PKK gefordert hatten. Ein bestehendes Verbot zu kritisieren ist zwar von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber man geht im Kampf gegen den Terror (der PKK) eben bis an die “Grenze des Machbaren”. So half auch die Berliner Polizei dem IS, sie schloss damit an deutsche Polizeipraxis an, die IS-Kämpfer auf Staatskosten ins Kriegsgebiet zu vermitteln, bevor sie etwa im idyllischen Bayern unbequem werden konnten.

War Kobani eine PKK-Hochburg, so mussten die YPG, kurdische Selbstverteidigungskräfte, bald auch die PKK selbst sein. Das erleichterte das Vermeiden von Differenzierung noch einmal erheblich. Wenn Terroristen des IS die Terrororganisation PKK aufreiben, dann gilt schon wieder die deutsche Logik vom Sack in dem es keinen Falschen trifft. Die hunderttausend zu Flüchtlingen herabgedemütigten Kurden, wurden wie Opfer einer Katastrophe präsentiert.

Bald ging Kobani auf die Nerven. Wer seit über sechs Monaten unter Dauerfeuer steht und wagt, penetrant um Beistand zu bitten, gelegentlich sogar Triumphe zu feiern, hat selbst Schuld oder verhält sich nach der medialen Logik wie das Kind, das zu oft “Wölfe” ruft.

Wo man zur Intervention nicht in der Lage ist, entsteht Schuld. Die kann am leichtesten auf die Opfer der eigenen Feigheit abgewälzt werden. Auch an der Kälte mancher Äußerungen über Kobani konnte man die Möglichkeiten des IS heute abmessen.

Weil die Kurden in Kobani es wagten, mit Videoschnipseln Einblicke in die Kämpfe zu gestatten galten sie rasch als sensationslüsterne Aufschneider. Man ertrug nicht, das verhasste und verworfene Ich-Ideal der Unterworfenen, den Helden, zu sehen als Wirklichkeit. Wer selbst kein Held werden kann, schlägt sich auf die Seite der Schurken, identifiziert sich mit dem Aggressor.

Man warf der Peshmerga Opferideologie vor, weil diese zum Sterben bereit sind, und sterben war den Bourgeois von je irrationaler als unfrei zu leben oder Qualen zu erdulden. Es war Sache der Citoyen, für die Freiheit ihre Leben zu riskieren, mitunter trotzig zu opfern. Die Spaltung in Citoyen und Bourgeois gelang gründlich – heute wird jeder als wahnhafter Fanatiker geschmäht, der für die Freiheit anderer sterben würde. Und so werfen ausgerechnet die linken Bourgeois den Kurden vor, sie seien gar keine Citoyen, sondern miese Autokraten, die totalitäre Praktiken betreiben würden.

Also griff man in den Sack, und drosch zusammen mit der IS auf deren Opfer ein, schmähte die Aufnahmen von vornherein als Propaganda, um zu verdrängen, dass bis vor kurzem kein einziger Journalist nach Kobani gefahren war, um objektiv Bericht zu erstatten. (Für kurze Zeit gab es ein oder zwei, die exakt das berichteten, was man vorher aus kurdischen Tweets und Shares, http://www.ekurd.net/ und von der YPG freigegebenen Videoaufnahmen auch schon herauslesen konnte)

Der Human Right Watch-Bericht zu Rojava

Man weiß nicht, ob die kurdischen Frauen und Männer, die in den letzten Monaten gegen IS gefallen sind, Oppositionelle mundtot gemacht haben oder sogar in einem Gefängnis gefoltert haben oder ob sie prächtige Demokratinnen gewesen sind, mit denen man gern auch befreundet gewesen wäre. Einfacher ist es gewiss, die emotionale Distanz zu halten. Das gelingt am leichtesten mit Texten, die man nicht gelesen hat.

Der vielzitierte und wenig gelesene Human Rights Watch-Bericht zur Lage in Rojava – syrisch-Kurdistan – jedenfalls musste sich mit permanenten Wiederholungen und Banalitäten, Lageerklärungen und Dutzenden Seiten Anhang aus irrelevanten Gesetzestexten zur “Untersuchung” von über 100 Seiten aufblähen. Im Kern sind die Vorwürfe, dass in den vergangenen drei Jahren neun Oppositionelle unter ungeklärten Umständen verschwunden sind, dass eine Handvoll Jugendliche schon mit 14 oder 17 als Laufburschen in YPG-Kasernen und an Straßensperren dienten, dass in einigen Gefängnissen, in denen HRW generell passable Haftbedingungen in Sachen Unterkunft und Essen notiert, wohl auch gefoltert wurde.

Der größte Skandal war der gewaltsame Tod von drei oder vier Menschen, die während einer Demonstration erschossen wurden von YPG-Truppen. Die Einheiten kehrten gerade von einem Fronteinsatz gegen IS zurück, hatten einen Gefallenen dabei. Bei der Durchfahrt wurden sie von Anhängern der Oppositionspartei mit Steinwürfen empfangen. Aufrufe, die Demonstration aufzulösen, wurden von einem harten Kern nicht erhört – dieser hatte offenbar wenig Sorge vor schlimmeren Repressionen durch die YPG.

Ob nun ein Warnschuss von anderen YPG-Kämpfern fehlinterpretiert wurde, ob alle durch die Situation überfordert waren und im Kampfmodus Steine als Granaten vermuten mussten, ob die YPG-Kämpfer die Gelegenheit nutzten, um die Opposition einzuschüchtern, oder ob tatsächlich Schüsse aus der Menge erfolgten, bleibt auch im HRW-Bericht ungeklärt. Am darauffolgenden Tag sperrten andere YPG-Truppen mehrere Dutzend Protestierende Oppositionsanhänger über Nacht ein, offenbar ohne Wasser und Brot. Davon hat sich die YPG-Leitung vehement distanziert. Noch aber hat sich kein europäischer Staat von Frontex und der demozidalen Asylpolitik distanziert, die zehntausende das Leben kostete und die seriell in Folter und elenden Zuständen in europäischen Flüchtlingsgefängnissen resultiert.

Kurzum, man wollte der PYD und der YPG heimzahlen, dass syrisch-Kurdistan im Vergleich mit Europa oder der Türkei recht gut abschneidet, und so wurde auch in der sogenannten emanzipatorischen oder antideutschen Linken in gute und unbequeme Kurden getrennt. Wer für Kobani ist, ist naiv, unterstützt die PKK – so geht es dann tagein tagaus auf Facebook hin und her. Wer sich gar der Emotion verdächtig macht, dem mangelt an Routine und Überblick aufs Gesamte.

Es wäre ja kein Stalingrad und schon gar kein genozidales Massaker, so beruhigt sich mancher. In Kobani seien nur noch Kämpfer und kein Massaker könne daher stattfinden. Dass viele YPG-Kämpfer vor wenigen Wochen noch Bäcker oder Handyverkäufer waren, dass zuletzt noch 14-jährige sich der YPG in Kobani und Rentner der Peshmerga angeschlossen hatten, dass mit der Flucht von Hunderttausenden die ethnische Säuberung schon vollzogen ist, dass Flüchtlinge stets hohe Sterberaten erleiden, das hat die strikt kategorisierende Logik schon zensiert.

Richtige Hände

Die Finanziers der schwarzen Aaskrähen, Qatar und Saudi-Arabien erhalten derweil unbesorgte Panzer aus Deutschland. Saudi-Arabien richtet mit dem Schwert hin, seit 1995 wurden 2015 Menschen getötet, wegen Drogenhandel, Ehebruch, Hexerei, Rebellion. Qatar lässt Menschen wegen Alkoholkonsums oder sexuellen Ausschweifungen die Haut und die Rückenmuskulatur mit 50-100 Peitschenhieben zerfetzen. Iran, der neue Bündnisparter des Westens gegen IS, lässt Homosexuelle und Oppositionelle zu hunderten hinrichten und erhält zur Belohnung ein Atomkraftwerk ohne Entsorgungskosten.

Der YPG will man keine Waffen geben, ihren Mördern, dem IS, hatte man bedenkenlos jegliches hochmoderne militärisches Material frei Haus vor die Türe gestellt.

Wäre noch etwas ins rechte Verhältnis zu rücken, so stünde die unverzügliche Lieferung von mehreren hundert Panzern und mehreren tausend Humvees an die Kurden aus, um zumindest nach der Versklavung und Ermordung tausender von Kurden einen Fehler einzugestehen. Hätte der Westen ernsthaft Sorgen um die missbräuchliche Verwendung seiner Waffen, so würde er die Konsequenz ziehen und sofort Bodentruppen einsetzen.

Heute nacht jedoch ließ sich der Westen in Kobani von Jugendlichen und Rentnern verteidigen, gegen seine eigenen Waffen und kein französisches, kein amerikanisches, kein deutsches, kein britisches Schiff kommt am Horizont am letzten Morgen zur Hilfe. Es gibt kaum Worte, die einen solchen archaischen Verrat, Verrat ohne jede Belohnung und gegen das eigene Interesse, beschreiben könnten. Die kurdische und arabische Lyrik wird sich der Aktualisierung von Franz Werfels Musa Dagh eines Tages im Exil annehmen.

Aleppo fällt

Während von Kobani zumindest gesprochen wird, darf Assad in der allerfinstersten Nacht der medialen Zensur agieren. Die Luftschläge gegen die mit IS verfeindete Al-Nusra-Front lieferten Aleppo seinen Gangs und Folterknechten aus, die Garantie zum Machterhalt hatte er sich schon mit seinen Giftgasangriffen erkauft. Der Westen wird den entstandenen Trümmerhaufen nicht einmal gegen Bezahlung zurückerobern. Diese wastelands wird Assad regieren. Auch ihm sicherte man schlecht kodiert Unterstützung aus dem Westen zu: Der FSA wurden 500 Millionen Euro zugesagt von Seiten der USA. 500 symbolische Millionen, die in den nächsten zehn Jahren vermutlich nicht eintreffen, weil man sich über genauere Verwendung erst mit anderen Staaten beratschlagen müsse:

“We also intend to ramp up U.S. support to the moderate Syrian opposition. We are therefore requesting $500 million for a proposed authority to train and equip vetted elements of the Syrian armed opposition to help defend the Syrian people, stabilize areas under opposition control, facilitate the provision of essential services, counter terrorist threats, and promote conditions for a negotiated settlement.”

Assad wird diese Botschaft erhalten haben: “stabilize areas” heißt es da, nicht “topple the regime” oder “conquer areas held by Hezbollah and iranian death-squadrons”. Sollte Assad nach dem Gelächter wirklich ein wenig Sorge verbleiben, wird er die nächsten Wochen noch die letzten Geländegewinne mit doppelter Barbarei durchsetzen, um das künftige, vielleicht doch noch gehaltene Rebellenreservat nach Kräften zu verkleinern. Auch der FSA bringen die homöopathischen Placebo-Luftangriffe keine Erleichterung, die ihren Erzfeind nur noch zu Eile und Gründlichkeit anspornen.

Sindschar fiel

Hatten die Special Forces des Westens noch die von der YPG geretteten Eziden aus dem Sindschar-Gebirge in Empfang genommen, so herrscht heute immer noch die Sklaverei des IS über der Stadt, die längst keine Meldung mehr wert ist, während die Flüchtlingslager überquellen. Europa wird ihnen eines Tages die Infrarotkameras der Frontex entgegenstellen und an Grenzzäunen und von Push-Back-Schiffen beim Sterben zusehen, während man in der Linken dann darüber räsoniert, ob die kurdischen Eziden eigentlich nun die PKK unterstützen oder die Peshmerga und ob denn nun eines von beiden endlich politisch korrekt sei.

“Was einer fürchtet, wird ihm angetan.”

 

 

 

Schwarze Ernte

Die Waffenlieferungen an die Peshmerga – 30 MILAN, 16000 Sturmgewehre und diverses Gerät – erfolgen gegen den Willen der Mehrheit der deutschen Gesellschaft. Dass sie nach endlosen Wochen endlich verladen werden, dürfte einigen Verfolgten im Irak das Leben retten – die Umstände bleiben katastrophal.

Wird nicht die zutiefst peinliche Beteiligung an der Bewaffnung der IS stets auf Neue ins Gedächtnis genommen, der systematische Verrat des gesamten Westens an der syrischen Revolution erinnert, bleiben auch die Waffenlieferungen und die euphorisch kommentierten Luftschläge nur eine neue Etappe in der wahnsinnigen suizidalen und genozidalen Nicht-Strategie des Westens gegen den Islamismus.

Man hätte denken können, dass im Zustand der Totalüberwachung jeglicher Telekommunikation und Öffentlichkeit im Westen einige Informationen über konkrete Pläne und Strategien dieser islamistischen Armee gesammelt und in Aktivität umgesetzt worden wären – stattdessen gab sich die US-Regierung  ebenso wie die irakische Armee “überrascht” von der Offensive des IS, die nunmehr auch schon Monate andauert. Die nicht aktiveren großen Medien, von deutschen Geheimdiensten und Regierungsorganen zu schweigen, schlossen sich dieser “Überraschung” dankbar an. An der fehlenden Plausibilität solcher Überraschungei-Mentalität entzündeten sich Wahnvorstellungen bei zahllosen Verschwörungstheoretikern, die nicht glauben können, dass auf der höchsten politischen Ebene derartig barbarische Dummheit vorherrschen kann.

Über die letzten drei Jahre hinweg breitete sich kontinuierlich ein islamistisches Kalifat in Nordsyrien aus, das lediglich noch nicht als das Kalifat ausgerufen war, das es nun ist. Viel älter ist Al-Qaida im Irak, aus dem IS wesentlich hervorging und deren ganz ähnlich verlaufender Versuch der Machtergreifung im Irak halbwegs erfolgreich von US-Truppen und ihren sunnitischen Bündnispartnern abgewehrt wurde. Seit drei Jahren beobachteten Aktivisten – kurdische, syrische, westliche – die schrittweise Ausbreitung und Verhärtung islamistischer Staatenbildung, die schon immer grenzüberschreitend war und mit der Eroberung Raqqas durch die Al-Nusra-Front im März 2013 eine Hauptstadt bekam.

Die Probleme von möglichen Interventionen in Syrien waren bekannt, aber nie unlösbar. Primat für die westliche Politik hatte das politische Gesicht, das nach dem C-Waffen-Massaker an syrischen Zivilisten durch die Neutralisierung eines Gutteils der Chemiewaffenbestände Assads gewahrt werden wollte.

Putin hat den Westen in gewisser Weise vor größeren Peinlichkeiten bewahrt, die durch eine halbgare (“incredibly small and limited strikes“) Intervention, wie sie Obama ankündigte, entstanden wären. Putin wurde aber durch seinen diplomatischen Erfolg – die mittelfristige Sicherung der Macht seines Waffenbruders und Geschäftspartners Assad – quasi mit Gewalt darauf gestoßen, dass der Westen nach Jahren des “War on Terror” keinerlei strategisches Konzept hat und noch weniger Willen, tatsächlich diese Region oder irgendeine Region aktiv zu gestalten. Die Ideologie des Luftkrieges wurde durch die kurzfristigen Erfolge der Einsätze in Libyen und Mali noch einmal verstärkt. So war es fast im Sinne des Westens, dass Putin auf Assad beharrte – ohne Bodentruppen des Westens, ohne dezidiertes Konfliktmanagement hatte eine Strafaktion kaum Aussicht auf stabilisierende Effekte. Und es war ebenso logisch, dass Putin die beispiellose Chance nutzte und sein Areal auf der Krim und nun in der Ostukraine mit derselben Strategie erweiterte, die seine Medien in Syrien testeten: Die Propaganda der Terrorismusbekämpfung, des Antifaschismus, der Stabilität und die Verschwörungstheorie, dass Islamisten die Gasangriffe gestartet hätten. Nachdem diese Behauptung ernsthaft auf fruchtbaren Boden fiel, konnte er sich gewiss sein, mit jeder noch so absurden Manipulation Erfolg zu haben – so auch mit dem “Referendum” in der Krim oder mit dem “antifaschistischen” Kampf der Separatisten im Donbass. Die Ukraine-Krise ist ein direktes Resultat der Absenz westlicher Politik in Syrien und Irak.

Hinzu kam, dass die mit der vergleichsweise banalen Ukraine-Krise völlig überforderte westliche Diplomatie und Medienlandschaft über Monate hinweg Syrien dankbar vergaß – es war, als hätte es eine Medienzensur zu Syrien gegeben. Jeder Schritt russischer Truppen auf der Krim und im Donbass stärkte Assad, der im Schatten dieser Ereignisse ungestört mit Chlorgas und Barrel-Bombs vorgehen konnte. Die syrischen Flüchtlinge wurden im deutschen Fernsehen wie Opfer einer Naturkatastrophe präsentiert.

Eben diese Ideologie der Naturkatastrophe wird mitgeschleppt mit den neueren Statements zu den Waffenlieferungen. Ausgeblendet wird die aktive Partizipation durch Inaktivität an der genozidalen Situation in Syrien und Irak. Allein aus den USA wurden seit 2005 modernste Waffen für 8 Mrd. US-Dollar in den Irak gepumpt, während gleichzeitig US-Truppen abgezogen wurden, um der Ideologie vom angeblich “gescheiterten Irakkrieg” des George W. Bush gerecht zu werden und vor allem, um dieses enervierend große Leck im amerikanischen Haushalt zu stopfen.

Unter den an den Irak gelieferten Waffen waren zum Beispiel M198 Haubitzen, wie sie Kämpfer des Islamischen Staates in Irak und Syrien eroberten. Diese “erreichen eine Geschwindigkeit von bis zu 6000 Metern pro Sekunde und töten ungeschützte Menschen innerhalb eines Radius von 50 Metern mit höchster Wahrscheinlichkeit und verursachen in bis zu hundert Metern Entfernung Verletzungen.” (Quelle: Wikipedia)

Die mehreren tausend erbeuteten HMMWV mögen zwar reparaturanfällig sein, sie sind aber immer noch in Verwendung in der US-Armee und der militärische Standard. Auch wenn der Ausbau eines Motors zur Reparatur wohl mehrere Tage dauert, reichen einige Dutzend von ihnen, um hunderte von Kämpfern rasch und relativ sicher durch feindliche Linien, zumal durch schlecht bewaffnete, zu bringen. Hinzu kommen die gewaltigen erbeuteten Bargeldvorräte und geplünderte Wertgegenstände, zu denen auch antike Kunstwerke von beispiellosem Wert gehören dürften, sofern IS sie nicht schon zerstört hat.

Die Hoffnungen der letzten Demokraten im Westen sind wieder einmal naiv und auf Stellvertreter ausgerichtet: weibliche kurdische Kämpfer würden IS in die Flucht schlagen, weil deren Kämpfer nicht von einer Frau getötet werden wollten. Das dürfte eine Facebook-Ente sein. IS hat selbst Frauenbatallione und lehrt Frauen in Rape Camps das Fürchten. Die Präsenz von Kämpferinnen in der YPG war IS bekannt, die dennoch den Angriff auf die PKK-Hochburg Kobane durchführte.

Dass die Peshmerga, Kampfmacht des bislang friedlichsten Teils des Irak, eher schlecht auf die Bedrohung durch IS vorbereitet waren, wurde durch ihre Geländeverluste und die Intervention syrisch-kurdischer YPG-Truppen gegen IS-Elitegarden am Mosul-Damm in Irak sichtbar. Vormals galt dieser Teil Kurdistans als Bastion, die Peshmerga als kampferprobt gegen Saddam Hussein. Die syrisch-kurdische YPG hat ihr diesen Rang abgelaufen.

Die YPG hingegen ist und bleibt trotz aller Erfolge in der Defensive und hat es noch längst nicht geschafft, alle kurdischen Dörfer und Städte in Nordsyrien von IS zu befreien. Die PKK-nahe YPG steht für ihre totalitäre Politik in der Kritik, was Hoffnungen auf einen kurdischen Staat als “zweites Israel” trübt – das wahrscheinlichere Szenario ist ein innerkurdischer Bürgerkrieg. Unheilige Allianzen, beispielsweise der Peshmerga mit Iran, sind Vorzeichen für eine weitere Expansion eher als für eine baldige Eindämmung des Krieges. Nicht nur für einige Berliner Antifaschisten wurde das allerdings prompt wieder zur Ausrede gemacht, sich äquidistant zu verhalten und vom Sack, in dem es wohl keinen falschen treffe, zu klagen – aus der obligaten Mahnung gegen prokurdische Euphorie wurde eine Ausrede für das eigene Wohlbefinden beim prolongierten Zusehen.

Die just beschlossenen deutschen Waffenlieferungen sind dagegen ein gutes Zeichen, man würde den Kurden zum irgendwann versprochenen fünf Unimog-Dingos auch Schützenpanzer vom Typ Marder 2 wünschen, um die selbstgebastelten Panzer zu ersetzen. Auch wenn Gabriel nun ächzt, ausgerechnet die Entscheidung, gegen einen Genozid Waffen zu liefern, sei die schwerste in seinem Leben gewesen, hat auf einer politischen Ebene der Pazifismus nicht mehr das alleinige Wort, was Christian Geyer in der FAZ unter dem etwas verfrühten Titel “Pazifismus – ein Abgesang” verzeichnet. Die Alternative zur dringend notwendigen Bewaffnung der Kurden wurde in Deutschland gar nicht erst verhandelt – ein Bundeswehreinsatz zur Verhinderung genozidaler Akte in Irak und Syrien. Dasselbe gilt für die USA, deren “no boots on the ground”-Ideologem nach all den Opfern und im Angesicht der ökonomischen Kosten verständlich ist, aber noch lange nicht legitim. Mit ein paar Luftschlägen gegen die eigenen Waffensysteme ist wenig erreicht, der Straßenkampf in bewohntem Gebiet ist aus der Luft nicht zu gewinnen. In Deutschland schwebt über den Verlautbarungen Merkels über den Völkermord an den Yeziden und Christen im Irak auch der Hautgout der religiösen Präferenz – als Muslime von IS und Assad in genozidalen Akten umgebracht wurden, als die Kurden in Kobane von vollständiger Auslöschung bedroht waren, als kurdische Kinder in Syrien entführt und kurdische Kämpfer massenhaft geköpft und gekreuzigt wurden, hörte man nichts ähnlich drastisches. An deutschen Kirchen prangen demnach nur Solidaritätsbotschaften “mit verfolgten Christen in Syrien und Irak”.

Aus den jüngeren Genoziden zu lernen hieße zuallererst eines: Dass internationale Einsätze zu spät kommen und diese Konflikte nicht dauerhaft befrieden konnten. Soviel ist wahr am Argument gegen militärische Lösungen. Es bedarf auch eines Konzeptes und des äußersten Willens, diese Regionen dauerhaft zu gestalten, zu befrieden und zu befreien. Das ist eine Binsenweisheit aus der Counterinsurgency in Südamerika, Afrika und Asien. Solche groß angelegten Konzepte aber laufen auf die langwierige Kolonisierung auf vielen Ebenen hinaus und davor schreckt der Westen zurück. Er hängt gleichsam noch marxistischen Krisentheorien nach, dass durch Sanktionen Krisen erzeugt werden könnten, die zum Sturz der Unterdrücker führen könnten. Damit scheiterte der Westen in Irak, in Iran, in Nordkorea, in Ungarn und es wird dennoch gegen Russland wieder auf Sanktionen gesetzt.

Obamas Klage, man könne ja nicht “whack a mole” mit Islamisten spielen, die sich erdreisten, nicht nur in Mali, sondern eben global zu agieren, blieb ohne Folgen für eine echte, ausgereiftere Strategie. Das Problem ist altbekannt aus dem Kalten Krieg. Wo der Westen aus Kostengründen oder aus diplomatischen Problemen heraus nicht in der Lage war, die Konfrontation mit Guerillas direkt zu suchen, hatte er das Instrument der Counterinsurgency genutzt – meist zum Nachteil der Gesellschaften, die in Südamerika und Asien prowestlichen faschistischen Todesschwadronen ausgesetzt waren und durch diese dann genozidale Gewalt erlitten, nicht selten schlimmere als sie die marxistischen und maoistischen Guerillas androhten. Das bedeutet aber nicht, dass das grundlegende Konzept der Counterinsurgency verloren wäre.

Heute braucht der kriegsmüde Westen dringend eine kostengünstige und engagierte Counterguerilla gegen die gar nicht kriegsmüden Islamisten unter ihrem aktuellen Franchise-Label “IS”. Kämpfer der zwar widersprüchlichen, aber immer noch existierenden FSA wie auch die YPG hätten alle Chancen, IS und Assad gleichermaßen den Garaus zu machen, wenn man ihr Luftraumdefizit mit einer Flugverbotszone austarierte. Davon aber ist seit einem Jahr nicht mehr die Rede gewesen. Die zögerlichen und sehr späten Waffenlieferungen der USA an einzelnde FSA-Gruppen sind indes noch kein eindeutiges Bekenntnis zu einer konsequenten Parteinahme.

Seit drei Jahren wurden von den meisten Staaten größere Waffenlieferungen noch an die diszipliniertesten kleineren Rebellenfraktionen in Syrien mit ihren bisweilen nur wenige hundert bis tausend Kämpfern ausgeschlossen mit dem Verweis darauf, dass die Waffen in falsche Hände fallen könnten, dass die FSA kein effektiver und berechenbarer Partner sei. Wie ernst es mit diesem Argument war, zeigte IS überdeutlich. Es war ein Vorwand.

Da hat man noch die vielversprechendsten Rebellenfraktionen, und die gab und gibt es, auflaufen lassen, zuletzt mit dem Argument, dass sie nicht groß genug seien und beklagt nun, da viele von ihnen tot, geflohen oder in Foltergefängnissen sind, über mangelnde Bündnispartner und Zwangslagen. Die hohen Standards, die an syrische Rebellenfraktionen angelegt wurden und werden, gelten aber spätestens dann nicht mehr, wenn es um die Kooperation mit Iran geht, um IS-Bastionen auszuheben oder um irakische Politik sozialverträglicher zu gestalten. In Iran läuft, unbefleckt von Völkermordvorwürfen durch Merkel, die ethnische Säuberungskampagne gegen die Bahai, gegen Homosexuelle und Opposition weiter, die meisten Gesetze, die IS in seinem Kalifat durchsetzt, sind auch in Iran in Kraft. In Nordnigeria ruft derweil die der IS vergleichbare Terrorgruppe Boko Haram ihr Kalifat aus, in Kenia bleiben die Strände leer, nachdem somalische Al-Shabab-Kämpfer  Touristen erschossen haben.

Hinter den Kulissen wird sich zumindest eine Regionalmacht langfristig in Irak und Syrien engagieren müssen: Israel. Das Programm der IS ist nicht die Emanzipation der Sunniten in Irak oder der Sturz Assads. Das Kalifat ist Mittel zum Zweck aller islamistischer Bestrebungen: Die Vernichtung des einzigen demokratischen und überdies jüdischen Staates im traditionellen islamischen Herrschaftsbereich.

“Rather, its [IS] actions  speak louder than its words and it is only a matter of time and patience before it  reaches  Palestine  to fight the barbaric jews and kill those  of  them  hiding  behind the gharqad trees – the trees of the jews.” (Werbebroschüre des IS)

Nur hat Israel mit seiner winzigen Armee und seinen begrenzten ökonomischen Ressourcen wesentlich weniger Mittel als die NATO-Staaten. Sich von hier spontanes Eingreifen in den erforderlichen größeren Maßstäben zu erhoffen, ist müßig. Auf einen politischen Kurswechsel mit den nächsten Wahlen in den USA bestehen ebensowenig Hoffnungen. Die Tea-Party hat die Republikaner in der Mangel, die Kriegsmüdigkeit der Demokraten steigt mit der Unabhängigkeit vom arabischen Öl. Es bleibt vorerst den Kurden überlassen, den Westen gegen seine ärgsten Feinde zu verteidigen. Indes: es gibt nur wenig Hoffnung darauf, dass die Kurden die IS-Hochburgen in Syrien befreien können, nur um sich dann auch noch Assad oder Al-Nusra oder der Islamic Front entgegenzustellen. Man braucht eine internationale, hochmobile, militärisch, diplomatisch und intellektuell gut ausgerüstete Counterinsurgency gegen jegliche islamistischen Gruppierungen, die sich nicht auf das Niveau der CIA und faschisierter Folterknechte herablässt. Und es bedarf eines größeren Demokratisierungsplanes, der den Westen aus seiner elenden Langsamkeit und Defensive herausdenkt. In Wahrheit hat sich der Westen vom antiaufklärerischen britischen Kolonial-Ideologem der “indirect rule” nie entfernt. Es ist kostengünstiger, Chiefs und Machthaber einzusetzen, die effektiv unter Wahrung der Traditionen regieren. Man will eigentlich mit den komplexen Verhältnissen auf lokaler Ebene nichts zu tun haben und erst recht nicht mit rückständigen Verhältnissen, die man mühevoll und unter Einsatz von differenzierter Kritik ändern müsste, Kritik, die am Ende im Westen selbst treffen könnte, etwa den säkularen Grundwerten selbst gerecht zu werden.

Es ist womöglich das Fehlen von bürgerlicher Ideologie, das jede Initiative gegen den Islamismus hemmt. Im Bewusstsein der Uneinlösbarkeit des eigenen Glücksversprechens, dass man den zivilisatorisch Befreite stets nur “das letzte Gute nehme und das Bessere nicht gebe” (Adorno) florieren Relativismus, Besitzstandswahrung, Nihilismus und Verdrängung. Das fehlende Maß wird allenfalls partiell und mühsam in extremen Notständen, wie eben der akuten genozidalen Situation restauriert. Dann vermag selbst Gabriel, wenngleich mit vielen Bauchschmerzen noch zu differenzieren zwischen Peshmerga und Genozideuren unter schwarzer Flagge. Zwischen Assad und Hazzm-Movement oder YPG allerdings wird dann schon wieder nicht mehr getrennt. Da winkt man lieber mit dem Sack, in dem es keinen falschen trifft.

Berlins Southpark und der romantische Wald-Mythos der Rationalisten

Nachdem das Bürgerbegehren um das Tempelhofer Feld in Berlin beendet ist, kursiert unter einer modernistischen, rationalistischen, vielleicht auch liberalen oder marxistischen Gruppierung Empörung darüber, dass dort ein leerer Raum, Ödnis, verehrt würde. Manche fühlen sich zu Zeitdiagnostik veranlasst, die das Treiben der sonst als Ökospinner beglimpften Berliner zu lebloser Wüste in irgendeine dialektische Pathologie zu pressen versuchen. Die Essenz lässt sich als Beschwerde verallgemeinern: “Nicht einmal einen Wald wollen sie“.

Gegen solche Ignoranz erfolgt hier ein wenig ehrenamtliche Aufklärung gegen romantische Naturvorstellungen derer, die sich sonst als anti-romantisch bezeichnen würden.

Das Tempelhofer Feld hat etwas über 300 ha Fläche, das sind ungefähr 3,5 Quadratkilometer, also einen Kilometer im Durchmesser und 3,5 in der Länge. Berlin beherbergt in naher Zukunft vier, vielleicht auch in der weiteren Metropolenregion sieben oder acht Millionen trendige, hippe Weltbürger, die aber partout nicht in Hochhäusern leben wollen wie in New York City, wo etwa 8,4 Millionen Menschen leben und dort Zugang zum Central Park genießen mit etwa 350 ha Fläche. Insgesamt hat New York City eine Parkfläche von 11 700 ha, davon das meiste Küste und Strand, aber auch stattliche 2700 ha Waldfläche, die in natürlichen Zustand gebracht wird. Wie das vonstatten geht, erklärt die Forstpraxis:

“Vor der Bepflanzung wurden die Böden beider Standorte mit Herbiziden behandelt und aggressive exotische Pflanzen entfernt. Aufforstungszonen sind häufig von Kletterpflanzen bedeckt und müssen von ihnen befreit werden, um sie zugänglich zu machen (Abb. 3). Ziel ist es, die Bäume eng zu pflanzen, um so schnell wie möglich einen Dichtschluss zu erreichen, der durch Lichtmangel Neophyten an der Entwicklung hindert. “

Danach wird noch erheblicher Aufwand betrieben, um die Bäume zu wässern und Neophyten zu jäten. Warum das alles? Weil es im rationalistischen Naturschutz um die Erhaltung von Artenvielfalt geht, mehr noch: Um die Vielfalt innerhalb von Arten, also die Subspecies, die an lokale Klimata angepassten Formen. Man möchte nicht nur eine überlebensfähige Restpopulation, sondern nach Möglichkeit verschiedene Populationen in gesunden Stärken, die sich dann innerartlich unterscheiden, aber auch austauschen können. Daher erfahren manche Spezies einen besonderen Schutz in der Fläche, obwohl ihr Überleben durch Restpopulationen in Zoos auch gesichert werden könnte. Andere Arten, Neophyten und Neozoen, möchte man regional lieber wieder ausrotten, weil sie Artenvielfalt stark senken – so etwa die in Florida aus Terrarien ausgewilderten tropischen Reptilien wie den Tigerpython oder die Hauskatze, die auf aller Welt Vogelpopulationen das Fürchten lehrt.

Gesellschaft kann sich das einigermaßen leisten, auch wenn mitunter die Frage nach der Relationalität in der Gewichtung der einzelnen Arten entsteht – die wird zuallererst unter Naturschutzfachleuten lebhaft und meist auch kompetent diskutiert. Mit dem Aussterben von Arten hat man sich längst abgefunden – man möchte dennoch bestimmte Biotopmodelle erhalten, um an ihnen Evolutionsbiologie oder das Prinzip Artenvielfalt im Allgemeinen zu demonstrieren. Für die Biomedizin, die Physik und die Bionik hat das bereits erahnbaren, ökonomischen Nutzen – in Deutschland dürfte der eher in der allgemeinen Bildung über Evolutionsbiologie, der antiklerikalen Wissenschaft schlechthin, liegen. Darwin widerlegte einst an den karnivoren Pflanzen die göttliche Ordnung, in der die Pflanzen den Tieren untergeordnet seien.

Was bedeutet das für das Tempelhofer Feld? Dort gibt es Ödland, Beton, Ruinen, Steppe – dem naiven Augenschein nach nichts, was schützenswert wäre. Da soll also wenigstens ein Wald oder ein Park hin. Grün und vor Leben strotzend, so imaginiert sich gerade der von Natur entfernte, etwas spießige, engagierte Bürger seine Natur. Tatsächlich ist Deutschland zu etwa 33% von Wald in unterschiedlichsten Formen bedeckt: Fichtenforst, Buchenforst, Eichenmischwald, Hartholzaue, Weichholzaue, und viele der pflanzensoziologischen Bezeichnungen mehr.

Wiesen aber sind auf weniger als 5 % zurückgedrängt worden. Das meiste davon wiederum unterliegt intensiver Nutzung: dreischürige Mahd, Gülleverklappung, Kunstdüngung. Es sind Monokulturen aus zwei bis drei Gräser- und Kleearten, auf denen nur noch zwei Heuschrecken-Arten leben können. Was nicht befahren werden kann, wird aufgeforstet. Wo noch Magerrasenflächen, Meso- und Xerobrometen übrig blieben, wird von benachbarten Flächen und über den Regen Stickstoff eingetragen, also gedüngt. Das hat die meisten deutschen Orchideenarten an den Rand des Aussterbens gebracht, die wenigsten kennen noch die changierenden Farben blütenreicher Spezialstandorte wie Küchenschellenwiesen, die man allenfalls in Reservaten und auf Geheimtipps hin gezielt mit Auto oder Zug aufsuchen muss. Solche “Ödnis” muss aufwändig erhalten werden durch Landschaftspflege mit Maschinen oder Weidevieh, die Stickstoff in Form von Gras austragen und Baumaufwuchs verhindern.

Artenvielfalt, das ist ein Paradox, das man in der Schule lernen sollte, entsteht in nährstoffarmen Biotopen. Dort, wo die Konkurrenz Spezialisten Raum schafft, denen dann andere Arten sich anpassen. Beispiel Korallenriff: In absolut nährstoffarmen Wasser entstehen Korallen und einige wenige Algen, um die ganze Abhängigkeitsketten bis hin zum Hai entstehen. Die wenigen Nährstoffe werden ständig umgesetzt in einem sagenhaften Formenreichtum ausbildenden Konkurrenzkampf. Der Regenwald am Amazonas steht auf wenigen Zentimetern Humusschicht, Lateritgestein und Zweischicht-Tonmineralen. Er wird fast nur von Saharasand gedüngt – auch hier würde das Ausbringen von Dünger zu rapider Verarmung der Artenvielfalt führen.

Das gleiche Prinzip herrscht in Deutschland vor. Insektenreichtum findet sich auf extrem nährstoffarmen Wiesen und Mooren. Hier können Brennnesseln und fette Gräser nicht zu Monopolisten werden und schwächere Pflanzen, Spezialisten, insbesondere Orchideen, erhalten eine Chance. Historisch bestanden solche Flächen an Erdrutschen, Moränen, Binnendünen, Waldbrandflächen, Flussgeröllflächen – sogenannten Primärbiotopen. Diese Primärbiotope hat vor allem die Flurbereinigung und die Flussbegradigung zerstört. Kilometerbreite Geröllflächen an Alpenflüssen lassen sich erst wieder in Slowenien und Italien beobachten.

Mitteleuropa ist eigentlich ein Hotspot an Artenreichtum. Vom Süden und Norden lässt sich noch der Einfluss der Eiszeiten spüren, subarktische Libellenarten fliegen in kühleren Mooren, während am Kaiserstuhl mediterrane Arten sich finden und an Harz und Rhön die Steppenarten Osteuropas Grenzen ihres Ausbreitungsgebietes erfahren. Dazu kommen noch einige endemische Arten, also solche, die nur an eng begrenzten Standorten vorkommen. Hessen etwa beherbergt weltweit die meisten Vorkommen des dunklen Wiesenknopfameisenbläulings, einem Falter, dessen Raupe die Blüten des Wiesenknopfes frisst, um sich später von Ameisen in deren Bau bis zur Puppenreife ernähren zu lassen.

Kurzum: dem Artenschutz mangelt es in Deutschland massiv an “Ödnis”, an heißen, steinigen, trockenen, nährstoffarmen Standorten. Bei Flächen wie dem Tempelhofer Feld hat man diese trockenheißen und nährstoffarmen Flächen künstlich geschaffen. Hier findet sich daher die italienische Schönschrecke und die blauflügelige Ödlandschrecke. Beide würden verschwinden, wenn dort Wald wäre, oder schlimmer: ein öder deutscher Park mit Rasenflächen. Beides dort anzulegen wäre nicht nur immens teuer – es wäre vom naturschutzfachlichen Standpunkt aus kontraproduktiv. So etwas machen Kommunen, um Zwangsgelder für “Ausgleichsmaßnahmen” zu verprassen, ohne kommunale Fläche zu verschwenden. Man “intensiviert” einfach eine Wiese mit 30 teuer gepflanzten Apfelbäumen,  um die Zerstörung einer anderen Wiese durch ein Neubaugebiet zu kompensieren. Oder man “bepflanzt” einen neu geschaffenen Teich mit Gehölz, das binnen zwei Jahren ohnehin dort aufkommen würde. Wer davon profitiert, sind Baumschulen, Landschaftsgärntner und Bauunternehmen – die kommunale Ökonomie. Billiger wäre es, einfach der Natur ihren Lauf zu lassen und sogenannte “Sukzessionsstadien” abzuwarten. Also die Übergänge zwischen einer Ruderalfläche, entstehendem Aufwuchs aus Brombeeren und Anfluggehölz und irgendwann der natürliche Buchen- oder Birkenwald – der aber im Vergleich zur Ruderalfläche eher arm an seltenen Arten wäre. Der Sukzession vorzuziehen wäre die extensive Beweidung oder das Freihalten durch Brände, wie sie auf Truppenübungsplätzen durch Schießübungen entstehen.

Ob und wie Berlin seine im Vergleich mit Hamburg doch eher moderate Wohnungsnot löst, ist eine andere Frage. Die Erfahrung mit kapitalistischer Naturvernutzungsprozessen zeigt, dass die Konkurrenzstellung zwischen Mensch und Natur meist nur ein Popanz ist, weil von der Naturvernutzung die Arbeiter ebenso wenig haben wie von der Vernutzung ihrer Lebenszeit in den Verwertungsprozessen. Erst in einer anderen Gesellschaft würde sich ernsthaft die Frage stellen, ob man diesen oder jenen Biotop gegen das Wohl von Menschen aufwiegt. Bis dahin wird nur der leere, unbestimmte, menschengemachte, aber nicht bewusst vollzogene Verwertungsprozess weiter in seinem Selbstzweck, der Akkumulation von Kapital zerstörerische Kreise treiben – kurzum, Rohstoffe durch Hinzufügung menschlicher Arbeitskraft in billige Gadgets, in Plastikschrott und hässliche Wegwerfmöbel umzuwandeln.

Auf einer tiefenpsychologischen Ebene gilt Adorno/Horkheimers Diktum: “Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur immer tiefer in den Naturzwang hinein.” Zunächst herzustellen wäre ein Bewusstsein dessen, was Natur ist, was Formenreichtum ist, und was sich daran an Differenzierung und Denken von Interdependenzen und Verwertungsprozessen, von Ästhetik und Fetischismus lernen ließe. Historisch war der Anfang aller Philosophie die Naturbeobachtung.