Hauptsache nicht gutgeworden

„Niemandem gelang es besser, diese Paradoxie, die Wiedergutwerdung der Deutschen an den Flüchtlingen, besser auf den Punkt zu bringen als Karl Lagerfeld. „Wir können nicht Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.” Wer dieser trivialen Aussage nicht zustimmen kann, der ist offenbar bereit, zwecks Aufnahme von Menschen in Millionenhöhe, die nur zum Teil tatsächlich verfolgt werden und denen zum größten Teil auch anders geholfen werden könnte – all dies könnte man mittlerweile wissen –, die Möglichkeit jüdischen Lebens dort preiszugeben, wo es einmal fast ausgelöscht wurde.“

Das schreibt Felix Perrefort auf der Achse des Guten und es ist nur eine Wiederholung der ewig gleichen zynischen Suggestion, Flüchtlinge seien „geholt“ worden und hätten sich nicht unter Lebensgefahr, durch das Mittelmeer, Kälte und Wasser dezimiert, und unter Aufwand von Kapital für Schlepper an jeder Grenze hierher gerettet.
Man hätte „anders“ helfen können, meint der Autor hier, und sagt aber nicht wie und wer. Anders hilft etwa die Organisation WADI e.V., die nicht das erste Mal feststellen muss, dass aus temporären Lagern für vom IS verfolgte Menschen dauerhafte Einrichtungen werden, während das internationale Interesse und damit die Gelder schwinden. Für solche „andere“ Hilfe wirbt Perrefort aber gar nicht erst: es geht ihm eher darum, dass „Andere“ und vor allem „woanders“ helfen sollen.

Allein der erste Teil der Aussage Lagerfelds ist trivial und wahr: „Wir können nicht Millionen Juden töten.“ Sobald der Nebensatz hinzutritt, wird aus ersterem eine Option. Wann kann man „Millionen Juden töten“? Wenn man danach nicht ihre Gegner ins Land „holt“? Ist es dann erlaubt? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Was ist mit Schweden, Frankreich, England? Sollen die Millionen Judenfeinde ins Land „holen“ dürfen?

Lagerfelds unausgegorender Unmut ist schon im Ansatz falsch und dieses Falsche ist Ursache dafür, dass wenig Hoffnung auf Heilung vom Antisemitismus besteht: Weder in den Herkunftsländern von Flüchtlingen, die arabische Diktaturen bleiben, noch in Europa, wo man vom Gewordensein des Antisemitismus so wenig wissen will, dass man kein Rezept zur Re-Education von Millionen parat hat.

Wenn Europa nicht eine Million Flüchtlinge im Jahr gegen Antisemitismus bilden kann, wie soll es dann mit den Dezimillionen eingebürgerter und indigener Antisemiten verfahren können? Wie mit den gebildeten Antisemiten in den Universitäten, in den Zeitungen? Der Anti-Antisemitismus scheitert nicht an den Geflüchteten, sondern an den europäischen Eliten, am fehlenden öffentlichen Bewusstsein über den Antisemitismus. Es geht dem Anti-Antisemitismus von Rechts nicht um Aufklärung gegen Antisemitismus, sondern um bequeme, kollektivierende Lösungen, die mit Notständen gerechtfertigt werden sollen. Weil nicht wenige Antisemiten unter den Geflüchteten sind, soll man am besten alle in der libyschen Wüste oder im Mittelmeer oder am besten ganz „woanders“ sterben lassen. Das ist ohnehin Praxis, nur noch knapp 200,000 Menschen schafften es 2017 lebend bis nach Deutschland. Ein Großteil der Geflüchteten sitzt nun in der Türkei fest, wo sie nun den antisemitischen Reden des Islamisten Erdogan zuhören.

Die höhnische Rede von der „Wiedergutwerdung“ hat ihren kritischen Gehalt, den es im spezifischen Wandel vom Antisemitismus zum sekundären Antisemitismus einmal hatte, längst verloren und verbreitet ausschließlich Hass auf den Humanismus der gegen die staatliche Bigotterie Flüchtlingshelfer, zu dem man nicht fähig ist.

Perrefort fährt fort:

„Dass Weltoffenheit und Vielfältigkeit nur die ideologischen Schlagworte sind, mit welchen die Kritik an solchen Zuständen als Fremdenfeindlichkeit denunziert werden soll, dürfte mittlerweile genauso ersichtlich sein, wie das „Willkommenskultur“ geheißene Destruktionspotenzial einer an seiner nationalsozialistischen Vergangenheit erkrankten Gesellschaft, welches beispielsweise darin zum Ausdruck kommt, dass von der polizeilichen Kriminalstatistik empirisch belegten Gewaltkriminalität seitens der Zuwanderer geflissentlich geschwiegen wird.“

Der verstorbene Demagoge Udo Ulfkotte sprach vom „Vernichtungspotential“ der Einwanderer, hier wird aus Flüchtlingshilfe ein „Destruktionspotential“. Wie jeder Agitator suggeriert Perrefort, es werde über Gewaltkriminalität von Geflüchteten, die er im szeneüblichen Jargon als „Zuwanderer“ tituliert, „geflissentlich geschwiegen“. Als würde nicht jede CDU-Postille die Ausländerkriminalität beklagen, als wäre das Internet nicht voll von faszinierten „Berichten“ über angebliche und reale Vergewaltigungen. Wovon tatsächlich geschwiegen wird, sind humanistische Strategien, sowohl für die Kriege in Syrien und Jemen als auch für die Situation von Geflüchteten als auch für den Antisemitismus.

Gesellschaft im Brutkasten

Die BILD hat ein Filmchen produziert, in dem Brutkästen die Gebärmutter ersetzen. Explizit ist von einer „Idee“ die Rede und auch wenn die Brutkasten für Frühchen immer ausgereifter werden, wird solche Technologie auf absehbare Zeit nicht existieren, weil die Nidation einfach ein sehr komplexer Prozess ist und spätere Umverpflanzungen des Embryos ein unzumutbares Risiko darstellen werden. Der Uterus ist unter optimalen Bedingungen eine recht ausgereifte Technologie. 

Auffälliger ist eher, dass auf einen Reiz hin alle sich befleißigt fühlen, etwas zu diskutieren, das nicht existiert. In die Gegenrichtung zu blicken ist bei solchen kurzlebigen vormanipulierten Massenobsessionen ratsam. Um was geht es wirklich? Werbung für das Immergleiche: Eine sterile bourgeoise Familie, die sich im Homeoffice nützlich macht und im Austausch für ein bisschen Wein und Naturkost die Doppelbelastung systemgerecht auf neue Standards bringt.
Das, was Eltern und insbesondere Frauen fertig macht, ist nicht die Schwangerschaft, sondern die Zeit danach und insbesondere die Lebensjahre 3-7, die aus hunderten täglichen Ermahnungen und Verboten bestehen, den tausenden von Entscheidungen, die damit einhergehen: vom Schulranzen über die Schuhmarke bis zum Hauskauf. Die Ortsbindung durch das Kind schränkt die Berufswahl empfindlich ein, in einem hochspezialisierten Arbeitsmarkt auf Mindestlohnjobs oder Schlimmeres. In den Akademien ist es für beide Geschlechter überhaupt nicht mehr ratsam, nach dem Studium und vor der Professur Kinder zu bekommen. Frauen beschäftigt in der Regel nicht die Frage, ob man die Schwangerschaft nicht an eine Maschine abtreten kann. Sondern dass sie nach der Schwangerschaft mit Maschinen und dynamisierten kinderlosen hyperflexiblen und doch hochspezialisierten „Hochleistungsmenschen“ in Konkurrenz treten oder zumindest einen solchen aufziehen sollen. Ob Problem oder Utopie – der Brutkasten ist ein Ablenkungsmanöver, das Versprechen, gesellschaftliche Regression mit technologischem Fortschritt zu begleiten.

Alles bleibt

Die fortschrittlichste Forderung im Wahlkampf äußerte ausgerechnet eine Partei, die noch nie in ihrere Geschichte einen nennenswerten Fortschritt für die Freiheit erstritten hat: Die FDP.
In ihrem Parteiprogramm heißt es:

„Wir Freie Demokraten halten das Menschenrecht auf Asyl für nicht verhandelbar. Wir lehnen deshalb auch jede Form von festgelegten Obergrenzen bei der Gewährung von Asyl klar ab. […] Um Menschen die lebensgefährliche Flucht zu ersparen, möchten wir es ermöglichen, Asylanträge auch bereits im Ausland zu stellen. Ein Visum aus humanitären Gründen sollte nach Schweizer Vorbild ebenfalls erteilt werden, wenn im Einzelfall offensichtlich ist, dass Leib und Leben des Antragstellers oder der Antragstellerin unmittelbar, ernsthaft und konkret gefährdet sind.“

Das wäre eine erfreuliche Wendung, wenn sie glaubhaft wäre. Schließlich war es die FDP, die einst das Grundrecht auf Asyl zu stürzen half. Und in Koalitionsverhandlungen mit der CSU wird deren rechtlich ohnehin unhaltbare Forderung nach einer Obergrenze rasch gegen die FDP-Forderung nach einem „Botschaftsasyl“ eingetauscht werden, so dass beide als Sieger auftreten können ohne etwas zu verändern. Alles bleibt. Ob nun mit gelbgrün oder nach Neuwahlen doch mit der SPD: Die CDU/CSU ist von den Wählern nicht für ihre Verbrechen gegen das Menschenrecht abgestraft worden, sondern weil sie zu wenige davon begangen hat. Das weiß die CSU und sie wird mit der AFD im Bunde die CDU genüßlich vor sich hertreiben, routiniert mit Koalitionsbruch drohen, und am Ende doch den mörderischen status quo erhalten und das Ganze – aus ihrer Perspektive völlig zu Recht – als Sieg verkaufen.

Die Aufregung über die AFD ist Spektakel. So war es bei den Erfolgen der NPD in den 1960-ern, mit der DVU und Republikanern in den 1990-ern. Die rechtsextremen Parteien entstehen gerade weil sie wissen, dass die CDU/CSU ihre Forderungen umsetzen wird. So konnte CDU/CSU im Bündnis mit der FDP die Massaker an Flüchtlingen durch Abschneiden von Fluchtmöglichkeiten und Treiben in lebensgefährliche Situationen (Wüsten, Meere, Flüsse), die Privatisierung von Post und Krankenhäusern, die Zerschlagung eines halbwegs funktionierenden Universitätswesens und die weitere Verschärfung der den Grünen von der SPD aberpressten HartzIV-Reformen organisieren, bevor man von der AFD je hörte. Die Furcht, dass die AFD nun mit ihren 94 Abgeordneten und dem dazugehörigen Mitarbeiterstab marodieren kann ist so begründet, wie sie verhamlosend ist. Ohne die von der CDU/CSU und der SPD vorbereitete Verdummung von Schülern und Studierenden, ohne die generelle ideologische Obdachlosigkeit, die der intellektuelle Infarkt der Linken hinterlässt, gäbe es nichts zu befürchten. Der Schaden ist schon längst angerichtet. Die AFD ist das Ergebnis dessen, was die CDU/CSU den Wählern jahrzehntelang vor Augen führte: Dass man ohne Strafangst sadistische, aggressive Gelüste gegen Schwächere in Politik umsetzen, in ein paar rationalistische Floskeln verkleiden und damit langfristige Erfolge feiern kann.

 

http://nichtidentisches.de/2016/12/die-besondere-widerwaertigkeit/

Zum Engagement der Linkspartei gegen Filme in denen Deutsche sterben

Eine „seltene Dummheit und Geschmacklosigkeit“ nannte der Bundessprecher der Linkspartei, Hendrik Thalheim, einen Facebook-Eintrag von Sarah Rambatz. Geschmacklosigkeit, das ist eines der verräterischen, euphemistischen Anstandswörter, an denen man eine bigotte Position erkennt.

Sarah Rambatz (24) aus Hamburg hätte es riechen müssen. Man kann in Deutschland von durchrasster Gesellschaft sprechen, aber: don’t mention the war. Sie wollte von ihren Twitterfreundinnen und -freunden „antideutsche Filme“, in denen „Deutsche sterben“. Unter Filmwissenschaffenden, die weitaus rüderere Genrebildungen gewohnt sind, würde nun einfach gesammelt: Inglorious Bastards, Inglorious BastErds, Iron Sky, Defiance, Raiders of the lost Ark, Captain America, The Rocketeer, X-Men First Class, Enemy at the Gates, etc. pp.
Filmwissenschaffende würden auch darauf verweisen, dass die korrekte Genrebezeichnung eher „Nazi-punching“ lautet, als „Filme, in denen Deutsche sterben“. Aber im Prinzip läuft es auf dasselbe hinaus.

Was überparteilich abgewehrt wird, ist die alte Kollektivschuld. Von „Deutschen“ zu sprechen, und damit Nazis zu meinen, ist die eigentliche Tabuverletzung. Die spezifische Abwehr der Linken ist hingegen schlichtweg Projektion. Erinnern wir uns: Oskar Lafontaine hatte vor „Fremdarbeitern“gewarnt – ohne auf Kandidaturen verzichten zu müssen. Das Wort „Fremdarbeiter“ wurde von historischen Nazis verwendet, um Zwangsarbeit zu verharmlosen. Nun wird es von Oskar Lafontaine in der Gesinnung der aktuellen Nazis verwendet, um weiße Arbeiter aufzuputschen gegen ihre Konkurrenten, die ihnen die Arbeitsplätze „wegnehmen„. Seine Genossin, Sahra Wagenknecht, schlägt in die gleiche Bresche: „Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt.“ Als wäre das Asylrecht ein „Gastrecht“. Inge Höger und Annette Groth ließen sich mit einem Schal fotografieren, auf dem Israel in ein „Palestine from the River to the Sea“ verwandelt wurde. Christine Buchholz unterstützte die Teilnahme von Linken an der Gaza-Flotilla. Und Wolfgang Gehrke lieferte in Buchform die zusammenhangslose Leugnung dieses Antisemitismus in der Linken ab.

Das „kalte Kotzen“ will der Spitzenkandidat Fabio de Masi aber erst bei Rambatz‘ Tweet bekommen haben. Eine Karte, deren Aussage die Forderung nach 6,5 Millionen toten israelischen Juden ist, eine Bootsfahrt mit den Leuten, die das in terroristische Praxis umsetzen, Agitation mit Nazipropaganda an der Parteispitze, das alles führt nicht zu Aufständen der Basis – aber eine aussichtslose Kandidatin darf ihre wie auch immer zu analysierenden Rachephantasien gegen Deutsche nicht tweeten. Das ist die Realität der Linkspartei und der einzige Vorwurf, der Rambatz zu machen ist: Dass sie dachte, man könne in einer Linkspartei mitmachen, die es auch nach Jahrzehnten nicht geschafft hat, rudimentäre zivilisatorische Schranken wenigstens für die Parteispitzen aufzurichten. Die sexuelle Gewalt, die Rambatz nun von rechten Trolls erfährt, ist Resultat der breiteren Vergesellschaftlichung solcher Schrankenlosigkeit ebenso wie der Solidaritätsentzug, den sie von der Linkspartei erfahren hat.

Tod einer Fledermaus (P. Pipistrellus) in meinem Kaktus (Mammilaria spec.)

Ein betrüblicher Morgenfund. Eine Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) hatte sich in den Hakenstacheln meiner Mammilaria verfangen.

Bei genauerem Hinsehen waren keine Lebenszeichen zu sehen, die Leichenstarre hatte schon eingesetzt. Gegen die Widerhaken hatte das vermutlich am Vorabend zufällig eingeflogene Tier mit seinen 4-7 Gramm Gewicht keine Chance.

Der graue Penis unterscheidet Pipistrellus Pipistrellus von Pipistrellus pygmaeus. Das zweite Merkmal am Flügel war aufgrund der Leichenstarre nicht zugänglich.

Eine Wunde am Hals, die vermutlich vom Reißen an den Kaktusstacheln verursacht wurde.

 

Zu Shlomo Sands Brief an Macron

Emmanuel Macron hatte an Gedenkfeiern zu den Vel d’Hiv-Deportationen am 16/17 Juli 1942 teilgenommen und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu eingeladen. Mehr noch, Macron verurteilte den Antizionismus als „Neuauflage des Antisemitismus“.

 Gegen dieses in Europa leider immer noch revolutionäre Bekenntnis wendet sich der an der Universität Tel Aviv lehrende israelische „Historiker“ Shlomo Sand in einem offenen Brief. Bemerkenswert ist seine Professur an der Universität Tel Aviv insbesondere deshalb, weil ein „Task-Force-Bericht“ der „American Association of Anthropologists“ (AAA) behauptet, regierungskritische Positionen würden an den israelischen Universitäten unterdrückt. Sand war Mitglied der Matzpen-Partei, die 1962 gegründet und 1970 und 1972 in PLO-nahe Gruppen zerfiel.

Sein Schluss aus Macrons Rede:

Yes, we must continue to fight all forms of racism. I saw these positions as standing in continuity with the courageous statement you made in Algeria, saying that colonialism constitutes a crime against humanity.

Im nächsten Satz kommt diese Gleichsetzung auf ihren Grund, die Täter-Opfer-Umkehr:

But to be wholly frank, I was rather annoyed by the fact that you invited Benjamin Netanyahu. He should without doubt be ranked in the category of oppressors, and so he cannot parade himself as a representative of the victims of yesteryear.

Benjamin Netanyahu ist Zielscheibe von tausenden antisemitischen Karikaturen. Sein Bruder Yonatan Netanyahu wurde im Einsatz gegen eine antisemitische Geiselnahme in Uganda getötet. Er ist als Vertreter des jüdischen Staates nicht nur legitimer Repräsentant der Opfer des Nationalsozialismus, er ist selbst Opfer des Antisemitismus. Sands Versuch der Historisierung als „yesteryear“ ist in sich eine Abwehr der Kontinuität des Antisemitismus und für sich eine Entwertung des Gedenkaktes und der Opfer. Sand fährt fort:

I stopped being able to understand you when, in the course of your speech, you stated that “Anti-Zionism . . . is the reinvented form of antisemitism.”

Was this statement intended to please your guest […]?

Hier suggeriert Sand eine umgekehrte Hierarchie: Frankreichs Präsident würde Netanyahu „schmeicheln“ oder „zufriedenstellen“ wollen und nicht aus innerer Überzeugung,  sondern aus politischem Kalkül handeln.
Sand beruft sich auf eine Reihe von Juden, die er als „antizionistisch“ versteht und die demnach keine Antisemiten sein könnten. Nicht zufällig arbeitet er seinem Publikum die Information zu, dass Marcon für eine Rothschild-Bank gearbeitet habe und führt dann ein Zitat Nathan Rothschilds an, in dem dieser Herzls Plan Skepsis entgegenbringt.

Nonetheless, I suppose that you do not particularly appreciate people on the Left, or, perhaps, the Palestinians. But knowing that you worked at Rothschild Bank, I will here provide a quote from Nathan Rothschild. […] A Jewish state “would be small and petty, Orthodox and illiberal, and keep out non-Jews and the Christians.”

Sands nächster Schritt ist die Gleichsetzung von antizionistischem Antisemitismus und einem vermeintlichen zionistischen Antisemitismus:

Of course, there have been, and there are, some anti-Zionists who are also antisemites, but I am also certain that we could find antisemites among the sycophants of Zionism. I can also assure you that a number of Zionists are racists whose mental structure does not differ from that of utter Judeophobes: they relentlessly search for a Jewish DNA (even at the university that I teach at).

Selbst wenn es eine solche Forschung gäbe (gemeint ist vermutlich die medizinisch sinnvolle Genom-Forschung an tatsächlich in bestimmten jüdischen Gruppen entstandene Neigung zu bestimmten Krankheiten), ist diese Gleichsetzung ein völlig aus den Fugen geratene Verhältnis. Den antizionistischen Antisemitismus kann Sand offenbar weder in seiner Genozidalität erkennen noch kritisieren. Das macht das Chiastische der gleichzeitigen Verharmlosung des Antisemitismus und Dämonisierung Israels so typisch.

Sands historische Analyse läuft auf die Aussage hinaus, dass Juden auch in die USA hätten emigrieren können:

Up until that point, the mass of the Yiddish-speaking people who wanted to flee the pogroms of the Russian Empire preferred to migrate to the American continent. Indeed, two million made it there, thus escaping Nazi persecution (and the persecution under the Vichy regime).

Die zwei Millionen flohen vor dem Zarismus. Diese Fluchtbewegung in den Nationalsozialismus auszudehnen ist schlicht und einfach eine Lüge. Die USA verweigerten jüdischen Flüchtlingen systematisch Obdach und Fluchtmöglichkeiten. Lediglich 200.000 schafften es, bis 1941 zu fliehen, ab dem Zeitpunkt war es praktisch unmöglich, in die USA zu gelangen. 1938 war außer Haiti keine Nation mehr bereit, auch nur mehr als zehntausend jüdische Flüchtlinge aus Europa aufzunehmen. War der russische Antisemitismus bereits Auslöser und Grund genug für die Schaffung eines jüdischen Staates, so belegte spätestens der Holocaust den Sachverstand Theodor Herzls und der Zionisten. Sands aggressiver Verharmlosung der Situation jüdischer Flüchtlinge folgt sein Hauptziel, die Gleichsetzung von Zionismus mit dem Nationalsozialismus:

A child born as the result of a rape does indeed have the right to live. But what happens if this child follows in the footsteps of his father? And then came 1967.

Der hier offensichtliche Bruch mit jeder noch so marginalen Restvernunft, der vollständige Aufklärungsverrat, führt eher in die Frage,  was für ein absurd liberaler Staat Israel ist, dass er diese aggressive Inkompetenz Sands mit einer Professur honoriert hat.

„Rechtslastige und islamophobe Internetseite“ – Replik auf Bernd Nitzschke

In seiner begeisterten Rezension des neuen Buches von Moshe Zuckermann nennt Bernd Nitzschke mein Blog eine „rechtslastige und islamophobe Internetseite“:

Warum stellen ausgerechnet „renommierte Zeitungen“ in Deutschland Zuckermann eine Plattform für Kritik an der Regierungspolitik des Landes zur Verfügung, in dem er lebt und arbeitet? Liefert er damit nicht wohlfeile Argumente für als ‚Israelkritiker‘ verkleidete Antisemiten? So steht es auf einer (von vielen) rechtslastigen und islamophoben Internetseiten geschrieben: „Das eigentliche Rätsel von Moshe Zuckermanns Texten ist nicht, warum er sie schreibt, sondern warum renommierte Zeitungen sich befleißigt sehen, sie zu drucken. Zuckermann insistiert … auf einer Täter-Opferumkehr, die charakteristisch für den Antisemitismus nach und wegen Auschwitz ist“ (http://nichtidentisches.de/2015/02/taeter-israel-die-opferumkehr-bei-moshe-zuckermann/ Aufruf 23.06.2017).

Die zitierte Aussage ist Teil der Fake-News-Kampagne, mit der rechte Fanatiker jeden zu diskreditieren versuchen, der sich ihrer politischen Zielsetzung – Stichwort ‚Groß-Israel‘ – widersetzt.

Ein solches Zitat gibt Auskunft über den Zustand der redaktionellen Arbeit von „literaturkritik.de“. Man wird schwerlich eine andere „rechtslastige Internetseite“ finden, die derart systematisch das Recht auf Asyl verteidigt und die aktive Aufnahme von Flüchtlingen direkt aus den Herkunftsländern fordert.  Ich spare mir jede weitere Arbeit an dieser projektiven Verkehrung von den „Fake News“ mit einigen Originalzitaten von Moshe Zuckermann, die ich in meinem Blog kritisierte:

Israel hat den Antisemitismus nie bekämpft, auch nie bekämpfen wollen, sondern vielmehr zum Argument erhoben, ja war nachgerade immer schon daran interessiert, dass es ihn gebe, um eben mit dem Angebot der historischen Alternative für die Juden, dem Zionismus, aufwarten zu können.“

„Und gerade weil er [der Zionismus] dies Ideologische immer wieder zum Faktor der Selbstvergewisserung erhob, mithin „Beweise“ zur Rechtfertigung des von ihm begangenen historischen Wegs suchte, musste er den Antisemitismus gleichsam als ideologischen Odem seiner Existenzberechtigung stets am Leben halten.“ 

Israel ist in seiner Existenz durch keines seiner Nachbarländer bedroht, auch nicht durch den Iran und schon gar nicht durch die Palästinenser. Jedes Land der Region, das Israel in seiner Existenz zu bedrohen trachtete, würde (aus bekannten Gründen) unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben.“

Nicht zuletzt wegen der von Netanjahu und seinesgleichen betriebenen Politik ist das Leben von Juden schon seit Jahrzehnten gerade in Israel wie nirgendwo sonst gefährdet.“

Schon 2006 dokumentierte ich, wie sich Zuckermann endgültig aus jeder Diskursfähigkeit verabschiedete:

Aber der Antisemitismus wird heute auch durch die Geschehnisse im nahen Osten gespeist. Ich sage nicht, dass der Nahostkonflikt den Antisemitismus schafft. [ggvgl. oben MZ: „Der Hass speist sich aus dem Nahostkonflikt und nicht umgekehrt“ d.A.] Aber die israelische Politik verleiht dem Antisemitismus Legitimation.

Solche Sätze könnten ebensogut auf einer rechtslastigen, ziophoben Internetseite stehen wie in den eher linken Medien, in denen sie gedruckt werden.