Der kalkulierte Skandal

Talkshows sind nicht mit mit Aufklärung zu versöhnen. Ihre Form reduziert jedes Argument zum Geschwätz, jeder entfaltete Gedanke, jedes Material wird schon auf die Meinung der eingeladenen „Positionen“ reduziert. Noch die sechsstündigen Monologe Castros und Chavez‘ enthielten mehr kritisches Potential als diese telemedialen Inszenierungen von Demokratie, die sich nicht scheuen würden, Nazis und KZ-Opfer in einen Raum zu setzen.

Kalt wechselt Anne Will daher beim paraten Stichwort vom Opfer des Islamismus, dem sie nicht einmal ein „das tut mir leid“ zum Abschluss sagen kann, zur Täterin, die in der szenetypischen Codierung zum heroischen Kampf aufruft – freilich sagt sie den prospektiven Heldinnen, dass ihre „Zivilcourage“ kein Zuckerschlecken wie in der gewärmten Stube wird, wohl wissend, dass die Rekrutinnen sich gerade deshalb einschreiben.

Die Islamistin konnte nur gewinnen. Der größte Fehler von Moderatoren ist es, eine verächtliche Person öffentlich vorzuführen, sie mit einer hier auch noch männlichen Übermacht zu konfrontieren. Dieser Overkill produziert Underdogs, denen Mitleid und Sympathien zukommen. Das wusste die Moderation. Sie hat das aber in Kauf genommen, um kulturindustrielle Quote zu machen. So verkehrte sich alles in Gegenaufklärung. Die parallel laufende Dokumentation von Al-Jazeera über die Tuareg in Mali und Niger belegt trotz der Inszenierungen der Jeep-Shows von Wüstenkämpfern, dass das deutsche Fernsehen durchaus aus eigenem Antrieb eine kultürliche Entscheidung zur Verdummung trifft und dass eine andere Aufklärung auch im Bestehenden möglich wäre.

Anton und die Mädchen – eine Kritik

„Anton und die Mädchen“ ist eine im Kinderbuchsegment populäre Geschichte, die sowohl als Pixie-Buch als auch als Animation publiziert wurde. Die Geschichte folgt Anton, der mit seinem Spielzeugauto, seinem Eimer und seiner Schaufel auf den Spielplatz kommt und um die Aufmerksamkeit von zwei Mädchen im Sandkasten buhlt. Die beachten seine rituellen Werbeversuche nicht. Er wird „sauer“ und baut ein „Haus“ aus einem Stuhl und seiner Schaufel. Er fällt um und fängt an zu weinen. In der Animation heißt es nun:
„Jetzt gucken die Mädchen. Anton kriegt einen Keks. Anton darf mitspielen. Anton hat es gut.“

Feminist Bookshelf findet es gut, dass die Geschichte Machismus kritisiert. Mädchen aber buhlen in diesem Alter noch genauso um Aufmerksamkeit und zwar nicht von anderen Kindern, sondern von Erwachsenen. Streit gibt es eher um Autos (und andere Spielsachen) als dass diese selbst zum Mittel werden.

Die Szene ist ein klassischer Infantilismus: Ein Verhalten von Erwachsenen wird auf Kinder projiziert. Das ist legitim, solange der Adressat auch Erwachsene sind. Wenn der Adressat aber das Kind selbst sein soll, ist es überfordert, weil das Szenario nicht seiner Lebenswelt entspricht.
Die Botschaft an Mädchen ist, traditionellem Rollenverständnis von weiblicher Kooperationskompetenz und Emotionalität zu entsprechen: Mädchen interessieren sich nicht für Autos, auch nicht für Jungen mit Autos, sondern für das gemeinsame Bauen von Sandburgen und für das Trösten (und Ernähren) von Jungen.

Fataler noch ist die Botschaft an das männliche Kind. Es lernt, dass es die Aufmerksamkeit nicht durch Verhalten, sondern durch Selbstverletzung gewinnen kann. Es lernt auch, dass man, wenn man sich wehgetan hat, einen Keks erhält, anstatt in den Arm genommen und gestreichelt zu werden, wie das Kinder oft auch anderen Kindern gewähren. „Anton hat es gut“ – so wird nicht eine spezifische, außerordentliche und daher zu Recht für Aufmerksamkeit sorgende Handlung belohnt, sondern das mitmachen an sich, das Angepasstsein.

Die Geschichte von „Anton und den Mädchen“ kann auch als Versuch von Eltern verstanden werden, ihr eigenes Verhalten zu rationalisieren. Kinder im Alter von 3-6 Jahren haben kaum ein Problem damit, wenn andere Kinder, insbesondere gegengeschlechtliche, nicht „gucken“. Sie suchen noch nach Anerkennung durch Erwachsene. Diese verhalten sich dabei oft wie die stereotypen Mädchen: Sie achten nicht darauf, ignorieren. Erst wenn das Kind weint, wird gesorgt, im schlechtesten Fall nur mit einem „Keks“.

Das schlechte Fazit der Geschichte: kleine Jungen sollen sich dafür schämen, dass größere Jungen und erwachsene Männer sich infantil verhalten, mit großen Autos und Mutproben um die Aufmerksamkeit gleichaltriger Geschlechtspartnerinnen buhlen.

Ein Buch, das mit dem Problem von Aufmerksamkeit und Ignoranz souveräner umgeht und auf wechselseitige Reifung hinarbeitet, ist „Pass auf, Willi Wiberg!“. Willi Wiberg wird von seinem Vater alleine erzogen. Der sitzt am liebsten hinter Zeitung und Fernseher. Willi bastelt also alleine mit dem Werkzeugkasten. Der Vater ist auf seine Schutzfunktion konzentriert: „Nimm nicht die Säge, Willi!“ mahnt er immer wieder hinter seiner Zeitung. Als Willi sich mit dem Hammer auf den Daumen haut, zuzelt er selbst daran und verheimlicht das – eine nicht ganz unrealistische Reaktion, die noch nicht die Erziehung zur Härte kommuniziert, sondern Selbstfürsorge.
Weil er aber den Vater zum Spielen animieren will, erfindet er ein fiktives Bedrohungsszenario („Hilfe Papa, ein Löwe, ich brauche die Säge, um mich aus meinem Hubschrauber herauszusägen!“). Darauf reagiert der auf die bedrohliche Säge fixierte Vater. In einem Akt der Versöhnung steigt er mit in den Hubschrauber und sie entrinnen dem Löwen – und damit auch der potentiellen Selbstverletzung, die von „Anton und die Mädchen“ empfohlen wird.

In Katzengewittern

Über den »Animismus der Kritischen Theorie«.

Hinlänglich durchs Feuilleton gereicht wurde das Bestiarium Adornos: die Gazellengiraffe Gretel, das Mammut Max, die mütterliche Nilfpferdstute und er selbst als Nilpferdkönig Archibald. Indem Adorno seine Nächsten in Tiere verwandelte, würdigte er in ihnen das von böse gewordener Zivilisation noch nicht Verwüstete. Diese romantische Ader ist nicht Lapsus, sondern Kern Kritischer Theorie. Sie wird an entscheidenden Stellen animistisch und dieser Animismus läuft dem Gestus der »Ausrottung des Animismus« durch den »Anthropomorphismus« der Aufklärung zuwider.

Weiterlesen unter:
http://versorgerin.stwst.at/artikel/jun-8-2015-1347/katzengewittern

Schmalziger Antisemitismus – Mit National Geographic bei den jüdischen Warlords

Adorno beobachtete in seinen medienwissenschaftlichen Studien, dass Journals wie Psychologiemagazine analog zum sekundären Okkultismus einen „mild terror“ erzeugen, der dann ebenso sachte besänftigt werden kann durch ein kultiviertes Bescheidwissen. Was gesehen wurde, was bekannt ist, wird schon als kontrollierbar erfahren. Ein „Kenn’ ich“ ist schon so viel wert wie ein „kann ich“.

Die National Geographic muss sich natürlich in regelmäßigen Abständen auch politischen Themen widmen, um ihrer Kundschaft dieses Gefühl der Beherrschung von kompliziertem zu vermitteln. Die fragt sich auf dem Titelbild: „Drei Weltreligionen entstanden im vorderen Orient. Wieso eigentlich?“

Ja genau. Wieso eigentlich. In zwei Wörtern ist der mild terror des Nichtwissens hergestellt. Zwei Beiträge zu Israel enthält dann die Ausgabe vom Dezember 2014, nach denen man dann bescheid weiß. Auf dem Niveau der Titelfrage erklärt ein fett gedrucktes Schmuckzitat:

„Religion fällt nicht vom Himmel. Sie entwickelt sich, weil Menschen Verstand haben und Furcht vor dem, was sie nicht verstehen.“

Offenbar nahm man sich diesen Satz zu Herzen und befragte einen Theologen, Wolfgang Zwickel. Der erklärt nun nicht, warum in einem Industrieland wie Deutschland auf ein Institut für Psychoanalyse zehn Theologieinstitute kommen, sondern warum Menschen angefangen haben, an Götter zu glauben. Und weil am Anfang alles einfach ist, ist auch der Glaube des Anfangs „ein sehr einfacher Götterglaube“.

Der entwickelt sich dann rasch fort zu einem Konflikt zwischen einem Fruchtbarkeitsgott (Baal) und einem Kriegsgott (Isra-El). Da geht es dann ein paar Zeilen durch die Archäologie bis zum König David, an dessen Bild der Theologe „ein paar historische Korrekturen“ anbringt:

„Ich vergleiche ihn gerne mit Saddam Hussein. Er war eine Art Warlord, der eine erfahrene, man könnte auch sagen abgebrühte Gruppe von Haudegen und Desperados um sich sammelte und den zerstrittenen Clans mit eiserner Faust seinen Willen aufzwang.“ (54)

Der Satz steht dann auch noch mal als fettes Readbaiting-Zitat in der Mitte der Seite. Dass Zwickel diesen Vergleich „gerne“ vollzieht, sagt viel über halbverdrängte Faszination an einem solchen Warlord aus, mehr aber noch über abgeschmackte Vergleiche. Zwar schätzt heute ein Gutteil der europäischen Durchschnittsbürger an Saddam Hussein, dass unter ihm „alles besser war“, wie auch Putin, Castro, und Assad ihre Freunde finden. Gadaffis Sozialsystemen trauern bald mehr Menschen nach als er zu Lebzeiten Freunde hatte. Aber auch ohne tieferes Wissen um die baathistische „republic of fear“ zu haben, in der hunderttausende Menschen ums Leben gebracht wurden, gilt der Vergleich mit Saddam Hussein doch denen mit Restvernunft als einer mit dem Inbegriff des Bösen. Man erfährt nicht so genau, was die 400-600 Kämpfer Davids außer einer erzwungenen Einigung, von der es in der Geschichte tausende gibt, noch verbrochen haben sollen, das sie in die Nähe des Massenmörders Saddam Hussein treten lässt. Aber es geht ja nun nicht um Information, sondern um Sensation, eine Sprache in Bildern, die „die Menschen“ verstehen.

El, der Kriegsgott (es wird noch einmal betont, „Isra-el“), tritt nun in Konkurrenz zu Davids Privatgott, Jahwe, der ein regelrechter Vampirgott zu sein scheint.

„Mit der Machterweiterung des Königs wächst auch Jahwes Macht. Er saugt die Fähigkeiten anderer Götter auf und zieht immer mehr von ihren Kompetenzen an sich.“ (54)

 Im Zuge seiner Machterweiterung auch als neuer Kriegsgott wird der heraufziehende Monotheismus aggressiv gegen seine Konkurrenz, und Zwickel erklärt: „Man kann diese religiöse Richtung beinahe als fundamentalistisch beschreiben.“

 Nun kann man das nicht nur beinahe, sondern ohne weiteres. Suggeriert wird aber, dass es Verbote gäbe, die einen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus hier unterbinden würden – in Wahrheit hat man lediglich keinen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus. Man assoziiert einfach frei. Ohne Begriffe, im Stande der sekundären Bilder, steht die Assoziationskette: Judentum – Kriegsgott – Saddam Hussein – Fundamentalismus.

Ausschließlich spricht man pathisch kalt über Israel, über Juden. Etwas „Seltsames“ (und nicht Schreckliches) geschieht. Babylon überfällt Israel. Kurioserweise verlieren Juden nicht ihren „Glauben an Jahwe, der als Kriegsgott ja mindestens ebenso versagt hatte wie Baal als Wettergott.“ (55) Da wird auch der NatGeo der Theologe zu heikel und man fand das Nächstgelegene, einen Religionswissenschaftler, der aber auch das Christentum in Schutz nimmt und das Judentum hier zur Ausnahme, nämlich einer völlig realitätsfremden Religion erklärt:

„Das ist eine erstaunliche weltgeschichtliche Ausnahme“, sagt Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler in Berlin. „In der Regel wird die alte Religion nach einer schweren militärischen Niederlage entwertet, die Menschen verlassen ihre alten Götter und übernehmen die offenbar überlegenen Gottheiten der Sieger, oder sie bilden Mischformen.“ (55)

Als hätte nicht jeder christliche Märtyrer den Heiligenkult genährt, als hätten die militärischen Siege über die Islamisten deren Glauben geschwächt und als hätte nicht die Magie (wie Frazer, Mauss und Levy-Bruhl noch lehrten) trotz ihrer Niederlagen gegen die Realität überlebt. Einen ganz „anderen Weg“ als alle anderen Religionen findet das Judentum:

„Der Gedanke, dass Gott sein Volk für dessen Ungehorsam bestraft, hat seinen Ursprung im babylonischen Exil und durchzieht das jüdische Denken bis zum Holocaust.“ (55)

 Nicht gesagt wird, dass die umgebenden Religionen diesen Gedanken, dass die Juden am ihnen zugefügten Leid selbst schuld seien, in weitaus größerem Maße hegen als die sehr wenigen jüdischen Rabbiner, die tatsächlich den Holocaust als Strafe für eigene Sünden interpretieren. Vom Antisemitismus liest man ohnehin nichts, wenn es in der NatGeo um Weltreligionen geht.

Jüdische Elite vs. Jesus

 Großaufnahme Masada: „Der jüdische Elitarismus förderte die Sehnsucht nach einem Heiland wie Christus.“ (57)

Die jüdischen Eliten kommen nun im babylonischen Exil, so NatGeo, auf eine geniale Idee:

„Die Schriftgelehrten frisieren die Geschichte. Da man das Wort Gottes ja nicht plötzlich erfinden kann, müssen die Autoren die von ihnen erwünschten Worte Jahwes zurückdatieren und früheren Propheten in den Mund legen.“ (58)

Da ist nun die erste und einzige Religion, die das Wort Gottes „plötzlich erfindet“. Mehr noch, eine Religion, die das Leben ihrer Bürger regelt: „Jetzt wird nicht mehr gefragt: „Wer sind wir?“, sondern verordnet, wer man zu sein hat.“ (58)

„Damit ist ein religiöses Korsett für rechtgläubige Juden geschaffen, das so eng sitzt und so stabil ist, dass es ihnen für Hunderte von Jahren überall auf der Welt Halt und Haltung gibt und die Kultur des „Schtetls“ ermöglicht.“ (59)

Obwohl Unterdrückte, verarmte Ghettobewohner und Schtetl-Bauern und Handwerker in Osteuropa durch das „Korsett“ stabilisiert wurden, schließt NatGeo auf einmal:

„Besonders praktisch aber ist dieses Korsett nicht. Nur eine kleine Elite kann es sich leisten, in ihm zu leben. Für einen einfachen Handwerker oder Tagelöhner dürfte es unmöglich seinn, alle 248 Gebote und 365 Verbote einzuhalten, die der jüdische Verhaltenskodex Talmud auflistet […]“. (59)

 „Ein weiterer Mangel: Die Religion ist ethnisch festgelegt und exklusiv.“ (59)

Diesen Mangel beklagen die anderen Religionen nun seit zweieinhalb Jahrtausenden, was gerade der Grund ist, dass NatGeo das Ressentiment tradiert, im Interesse des Kunden. Die unpraktische Religion der Eliten nämlich brachte Jesus von Nazareth hervor, der „keinerlei Einhaltung von Vorschriften“ verlange, aber trotzdem „an die vorbabylonische Frömmigkeit“ anknüpft. (59)

Ob es nun eine Vorschrift ist, das eigene Auge auszureißen und wegzuwerfen, oder sich, so Matthäus – ein christlicher Schriftgelehrter, der Geschichte auch mal frisiert – das Bein abzuhacken, wenn es einen ärgere – geschenkt. Die eigentliche Botschaft „des Nazareners“ laute: „Kehrt euren Sinn um! Denkt nach!“ (60) Und darauf sind tausend Jahre jüdischer elitärer Theologie eben einfach noch nicht gekommen.

Natürlich geht es auch um Liebe, die „eine Botschaft von revolutionärer Wucht“ „in eine Welt scharfer sozialer Gegensätze zwischen Klassen und Rassen“ wirft. „Nicht nur der Elitarismus des Judentums plagt das Volk“, auch die Römer. Daher breitet sich angeblich Jesu Botschaft „aus wie ein Buschfeuer“. Das stimmt zwar nicht, das Urchristentum war marginal und fand erst spät größere Anhängerzahlen – vor allem unter Nichtjuden. Aber man hat ja wieder den Theologen gefragt und der ist nun in seinem Element, er ist vor Ort im heiligen Land zu Jesu Zeit. Er sieht, wie sich eine „revolutionäre, junge Lehre“ mit einem „neuen Menschenbild“ (eigentlich entstammen alle humanistischen Zitate der jüdischen Orthodoxie) ausbreitet „wie ein Buschfeuer“.

 „Die Priester der Christen lassen sich nicht bezahlen wie die der antiken Tempel, sie bestechen ihren Gott nicht mit teuren Opfergaben wie die Jerusalemer Priester, sondern vertrauen seiner Liebe. Die Christen halten zusammen wie Familien und kümmern sich um Arme, Schwache, Kranke. Da ist eine völlig neue Verheißung spürbar, die Kraft eines Gottes, der liebt und Liebe erweckt. Kein Wunder, dass die christlichen Gemeinden stürmisch expandieren.“ (61)

Für die Entstehung des Islam gibt er ähnliche Gründe an: Die Menschen sind arm, die heidnischen Götter ungerecht, erdbeben und Naturkatastrophen erschüttern den Glauben der Menschen. Das Leid erzeugt Nachfrage, allein das Angebot, es fehlt: „Der christliche Gott aber ist unbekannt […]“. (62) Hätte man den schon gehabt, man hätte den Islam nicht erfinden müssen.

Den mag der Theologe nun doch irgendwo gern:

„Der Islam hat sich keineswegs mit Feuer und Schwert durchgesetzt, sondern im Laufe einer langen und sehr friedlichen Inkulturation.“ (63)

Kein Lektor fragt sich offenbar bei NatGeo, warum Zwickel die islamische Expansion, die noch Mohammed auf die arabische Halbinsel ausdehnen konnte, als „sehr friedliche Inkulturation“ werten kann, aber in David einen antiken „Saddam Hussein“ wertet. Das ist nicht nur dick aufgetragen oder schlecht abstrakt, das ist pathisch projiziert.

„Gesegnet. Besetzt. Verflucht.“

Hat man nun schon den schmalzigen christlichen Antisemitismus reproduziert, der im Judentum eine baathistische fundamentalistische abergläubische Elitenreligion sieht, kann man auch über das moderne Israel erst recht schreiben, was der Kundschaft lustig ist.

Man geht mit einem jüdischen Archäologen mit und der ist „zersauster Intellektueller mit den wässrig blauen Augen eines Träumers und Jude.“ Der Autor muss offenbar die Augenfarbe blau notieren, dann aber ein wässrig hinterherschieben. Das verweist auf ganz vielschichtige Konnotationen, von denen kaum eine zu einem positiven Resultat führen dürfte.

Als Ausgleich zu diesem „zersausten Träumer“ mit nicht ganz echten blauen Augen nimmt der noch einen palästinensischen „Freund und Fotograf“ mit, der keine wässrigen Augen hat, sondern ein „unermüdlicher Wanderführer“ ist. Der träumende Jude, Goren, arbeitet nun an einem Klär- und Bewässerungsprojekt, von dem Palästinenser und Israelis profitieren sollen. Allein: „Er scheint so unmöglich, so naiv, Gorens Traum.“ Immerhin gibt es hier ja schon „2500 Generationen der Verzweiflungen, Niederlagen, Glaubenskrisen.“ (71)

Man würde von dem Lektorat der NatGeo zumindest erwarten, dass man die Zahl der Generationen kennt, die in ein Jahrtausend passen. Es sind etwa 33-60, je nach Reproduktionsalter (33-15). Nimmt man, wie bei großen ontologischen Geschichtsentwürfen beliebt, die neolithische Revolution vor 10.000 Jahren zum Ausgangspunkt der endlosen Litanei, die nur jüdische Träumer beenden wollen, so wären es immer noch nur 600 Generationen. Aber es geht ja auch gar zu munter zu, als Epigone Karl Mays durchs wilde Israel und Palästina zu wandern, man zischt vom Instantkaffee zu den vor zwei Millionen Jahren aus Afrika einwandernden Flusspferdjägern und wieder zurück zum Wüstenregen, der nichts anderes macht als „klitschnass“ und den Lastesel „triefend“. Zwangsläufig kommt man an Checkpoints und weil man schon vier Seiten in nichts anderem als Klischee-Bildern gesprochen hat, kommt auch hier noch eine flache Metapher:

 „Die politische Landkarte des Territoriums sieht wie ein Röntgenbild aus: ein krankes Herz, marmoriert, gefleckt, verklumpt, ausgehöhlt.“ (81)

Das „Territorium“ (die Indianer grüßen) ist nicht nur ein Herz, ein krankes, sondern klein:

„Gerade mal doppelt so groß wie Luxemburg, aber bevölkert mit 2,7 Millionen Menschen – das besetzte Westjordanland.“ (81)

Die Fläche des Westjordanlandes beträgt 5800 m², das ist tatsächlich etwa doppelt so viel wie Luxemburg, das nur 550000 Einwohner hat, dafür aber 45,3% Ausländer beherbergt, im Westjordanland würde man sagen, Siedler.

Es ist aber mehr als 15-mal so viel wie München, das bei 310,71 km² ganzen 1,4 Millionen Einwohnern die allerprächtigsten Lebensbedingungen bietet. Freilich prozentual nur halb so vielen Ausländern wie Luxemburg und nur 9700 Juden.

Im Westjordanland aber eine Vielzahl von Zonen (exakt drei, A, B und C) und weil man unbedingt zu Fuß durch Naturschutzgebiete, Checkpoints und die judäische Wüste will, bricht man „in Betlehem (zurück in Zone A) erschöpft zusammen.“ Araber und Juden nehmen übrigens gern auch den Bus oder das Auto und bis in die Hochzeit des PLO-Terrors konnten Araber auch noch ungehindert nach Tel Aviv an den Strand zum Baden fahren.

Der Archäologe begegnet bei einer solchen erschöpfenden Höllentour auch Haredim, die tanzen und feiern und da liegt die Frage nahe: „Dieses gottesfürchtige Volk – ist es durchgedreht?“ Immerhin, ganz so wild wird man es nicht treiben:

 „Nein. Die Sache ist die: Nachdem ich die alten Horizonte Afrikas hinter mir gelassen habe, stehe ich nun an einer komplexen Wegkreuzung der Welt, wo die Landschaft sich liest wie ein Sakrament, in einem Labyrinth widerhallender Religionen namens Naher Osten. Der sonderbare Eifer in Bnei Berak ist ein Fest der Freude, des Überlebens: Purim.“ (85)

Immerhin so viel erfährt man über die verrückten Juden an der Wegkreuzung der Welt, mit denen man dann doch feiern kann, dass sie vor 2500 Jahren einen Genozid durch die Perser verhinderten. Es endet die archäologische Pilgerfahrt mit seichtem Abgesang, der irgendwie alles assoziiert und kennt, die wildesten geschichtlichen Verbindungen ahnt, Bilder fantasiert und dann exakt so religiös wird wie man es vorher schon war:

„Das war die einzige Theologie der Wanderung. Der Beduine. Die Menschen in dem Hotel. Die Straße, die sie trennte und verband.“ (85)

 Die Verbindung, man könnte sagen, Synthese, ist der zweite Bestandteil der Kulturindustrie. Nicht nur muss der „mild terror“ in jedem zugleich und doch spezifisch präsent sein, auch müssen die Lösungen so formuliert sein, dass sie sowohl auf jeden einzelnen als auch auf jeden von ihnen passen. So geht es in der Astrologie und so geht es beim Infotainment von NatGeo.

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Sieben Leben (Seven Pounds) – Der fürsorgliche Staat und die Organspende

In „Sieben Leben“ spielt Will Smith einen Mann, Tim Thomas, der einen Unfall verschuldet hat und dabei seine Frau tötete. Daraus entsteht ein interessanter sexueller Fetischismus: Er beginnt eigene Organteile zu spenden, vorgeblich, um seine Schuld zu tilgen. Am Ende erfolgt sein Suizid – interessanterweise mit einer tödlich giftigen Würfelqualle im Eisbad. So bleiben seine Organe unversehrt und alle von ihm begünstigten Personen erhalten ihren Körperteil vererbt – die vom Tod bedrohte Geliebte sein rettendes Herz. Er schafft es auf diese Weise, körperlich in sieben Personen einzudringen, gleichsam als Widerruf seiner eigenen Geburt. Die vermeintlichen Schützlinge, in Wahrheit seine Opfer, können sich gegen diesen Übergriff nicht wehren – sie haben keine Wahl. Die „Bedeutungslosigkeit“ oder totale Ersetzbarkeit, größte Furcht des Narzissten Tim Thomas, ist durch das Spektakel seines Suizids gebannt.

Der technisch erwartbar glänzende Film führt vor, was geschehen kann, wenn Organspender sich ihre Empfänger aussuchen können und dürfen. Die Empfänger werden von Tim Thomas einem raffinierten Auswahlverfahren unterzogen, ihr Leben überwacht und auf Schwachstellen getestet. Wer andere ausnutzt oder in den Worten von Tim Thomas „ein Arschloch ist“, erhält kein Organ.

Solche berechnende „Vernunft“ erzeugt die Suggestion eines fürsorglichen Überwachungsstaates. Tim Thomas manipuliert durch seine Organgeschenke die Empfänger, bis sie seinen moralischen Idealvorstellungen folgen und ihm sogar dabei helfen Gesetze zu übertreten. Sein eigener Bruder erhält eine Lungenhälfte von ihm, dafür stiehlt er ihm dessen Ausweis vom Finanzamt und gibt sich fortan als sein Bruder aus. Der wird abgewimmelt, als er aufbegehrt:  „Hast du etwas mitgenommen, als du letztesmal hier warst?“ (Den Ausweis) „Nein, ich habe sogar etwas dagelassen!“ (Seine Lungenhälfte).

Seine Opfer sucht er als vermeintlicher freundlicher Beamter vom Finanzamt auf, konfrontiert sie mit Intimissima wie Arztbriefen und abgehörten Telefongesprächen, die er von der Empfängerin seiner Leberhälfte erhält, er bricht in Wohnungen ein – und jedesmal ist seine „Hilfe“ erfolgreich. Einer misshandelten Mutter von zwei Kindern schenkt er sein Elternhaus am Meer, glücklich spielt die vaterlose Familie am Strand. Seine große Liebe findet er in einer verschuldeten kinderlosen Herzpatientin – die sich in ihn trotz aller Übergriffe verliebt.

Dieser eiskalte narzisstische Fetischismus wird vom Film nicht kritisch ad absurdum geführt oder durch Überzeichnung ironisiert, sondern durchweg honoriert und idealisiert. Ein konsequent dialektisch angelegter kritischer Film hätte Tim Thomas Größenwahn wenigstens punktuell scheitern lassen oder die posthume Aggression der Opfer offen gelegt. Das Aggressive in den übergriffigen Handlungen wird zwar angedeutet – so beschuldigt ihn die Herzpatientin, ihren vegetarischen Hund „vergiften“ zu wollen, nachdem er diesem ungefragt ein Stück Fleisch füttert. Die tatsächliche Aggression aber, den Suizid, präsentiert der Film als durchaus respektable und gelungene Lösung von realer Schuld.

Für dieses Wohlwollen kann der Film auf tief inkulturierte christliche Mythologie bauen. Das christliche Selbstopfer befreit in der Filmlogik erfolgreich von realer Sünde. Die Geliebte mit seinem schlagenden Herzen blickt in der Schlussszene gerührt in seine Augenhornhaut, die ein blinder Klavierspieler erhalten hat, der Kindern kostenlosen Klavierunterricht anbot.

Solche mühsam angewärmte, in Wahrheit kalt berechnende Projektion entspricht der ökonomisierten Vorstellung der christlichen Kleinbürger von der Organspende. Die sehen verständlicherweise und ganz rationell nicht ein, warum Raucher oder Trinker ein Spenderorgan erhalten sollen – in der Fortführung ist es dann nur logisch, dass auch anders schuldhafte Menschen nicht erlöst werden.

Hatte das Christentum einst mit der abstrakten Erbsünde noch die Versöhnung mit eigener Sündhaftigkeit durch das deligierte, abstrakte Selbstopfer angeboten und darin auch den konkreten Sünder selbst erlösen wollen, wird es hier auf sich selbst zurückgeführt im banalen Tauschakt Leben gegen Leben. Sieben verschuldete Leben werden durch sieben gerettete Leben bezahlt, individuelle konkrete Sünde durch das das individuelle konkrete Opfer. Der Sünder muss im hier und jetzt büßen und wird nicht mehr im Diesseits erlöst.

Solches Opfer streicht Individualität und Besonderes durch – ein zerstörtes Leben ist eben nicht durch ein anderes austauschbar. Gerettet wird lediglich der Narzisst, der sein Opfer mit der Befreiung von Schuldgefühlen und dem Spektakel der Grandiosität gratifiziert.  Dass ein solches Modell erhebliche Attraktivität ausstrahlen dürfte und in systematisch vom Alltag denarzissierten Menschen die narzisstische Sehnsucht nach dem sinnvollen, sozial nützlichen Tod verstärkt wird von professionellen Rezensenten in medienkompetenter Manier zur Teenage-Suicide-Hysterie verharmlost.

Am Ende behält Tim Thomas recht – daran lässt der Film keinen Zweifel. Die moralischen Einwände einiger Protagonisten erreichen nie den Rang eines Argumentes, sie werden zum kleinkarierten, legalistischen Spießertum verurteilt, dem es an Einsicht in die Größe des angelegten Planes mangele. Der Ausnahmezustand des versagenden Herzens rechtfertigt selbst die übergriffigen Marotten des Tim Thomas als harmlose. tolerable neurotische Nebeneffekte – dabei sind sie der Kern der Motivation, nicht Begleiterscheinung.

Dass Will Smith, der aus dem Stereotyp des schwarzen Clowns („Wild wild West“, „Men in Black“, „Independence Day“) erfolgreich ausgebrochen ist, sich nun für solche autoritäre Propaganda hergibt, kann weder aus Restschulden beim Finanzamt noch aus seiner mutmaßlichen Sympathie für Scientology erklärt werden. Vielmehr ist der Film Exponat einer viel tieferen und gründlicheren Wendung des Systems Hollywoods zum modernisierten Evangelikalismus.

In „I am Legend“, einer ungleich genialeren narzisstischen Projektion, opferte sich Will Smith schon einmal – für ein Serum, das einer christlichen Sekte überreicht wird und diese zur Heilung von Zombievampiren ermächtigt, während die säkulare Wissenschaft das Virus erst durch Krebsheilung erzeugte. Aber auch andere Darstellerfilme, deren Absatz über den Hauptdarsteller sich garantiert, setzen immer häufiger auf pfingstkirchliche Dämonologien und das narzisstische Selbstopfer.

Es trennt Nollywood und Hollywood bisweilen nur noch die Qualität der Effekte und die psychologische Raffiniertheit der Szenarien. Ob „Priest“ oder „Der letzte Tempelritter“ oder „Duell der Magier“: stets wimmelt es von Dämonen und Regressionen zu neoplatonistischen Ritualen, die vom katholischen Ballast befreit, demokratisiert und technologisiert werden – meist noch im Auftrag von wohlwollenden Geheimorganisationen.

Der Plan des Organspenders und der Plan von überdauernden Tempelrittern, Geheimkulten und Zirkeln sind ins Positive verkehrte Verschwörungstheorien, Wunschprojektionen vom sinnvollen Verlauf von Geschichte, von erfolgreicher Organisation gegen das Zeitgeschehen, von erfolgreicher Tradition, von wohlwollender Autorität. Panoptische Überwachung und emotionale Manipulation erscheint plötzlich nicht nur erträglich, sondern notwendig, mitunter trickreich. Wenn es der gerechten Verteilung von knappen Organen dient, ist das Private schutzlos: überschießende Kontrollwünsche angesichts der eigenen Sterblichkeit und der Abhängigkeit von den gefürchteten Ärzten.

Neues von der Arbeitsfront: Der 0,15 Liter-Arbeiter von Erasco

Das kapitalistische Glücksversprechen kommt mitunter in der Werbung zur größten Ehrlichkeit:

Wer täglich alles [sic!] gibt, hat auch eine kleine [sic!] Pause verdient. Mit Erasco Heisse Tasse. Die schmeckt und gibt neuen [sic!] Schwung. So viel Zeit muss sein.

Wer bei soviel Zeit und Schwung noch Kraft hat, „kräftig“ umzurühren, der wird mit 0,15 l „Inhalt“ für „alles“ entschädigt, das er gegeben hat. Und der „neue“ Schwung maximiert sein Verwertungspotential.

„Guten Appetit!“

Glamour und Bergpredigt – Käßmann, die Lichtbringerin

Margot Käßmann schreibt in einer Art Wort zum Sonntag unter dem drohenden Titel „Wir Weltverbesserer“ (Die Zeit 2013/17: 66):

Ich blicke anders hin, habe die Bergpredigt im Sinn, die ganz andere Prioritäten setzt als Ruhm und Glamour.

Den sie selbst genießt. Nun muss man das pflichtgemäße Volksbetüttern einer Berufspredigerin nicht in den Rang der Kritikfähigkeit heben. Es lässt sich an der Predigt Käßmanns aber doch etwas Akutes ablesen. Zunächst erhebt sich natürlich Einspruch gegen diesen Satz: Glanz und Glamour, das ist exakt der Gestus der Bergpredigt. Vor seinen Fans steigt Jesus auf die Bühne, also den Berg, gibt den Fans ein fettes Feedback: Er spricht sie allesamt selig, denn das ist im Eintrittspreis inbegriffen. Und dann wirds blutig im Moshpit:

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.

Was passiert aber, wenn man das Augenausreißen befolgt? Man kommt zumindest in veritable aporetische Großküchen des Luzifers:

22 Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. 23 Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!

5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Käßman wollte nun sicher nicht theologisch die Bergpredigt diskutieren, sondern sie agiert hier ganz als Handlangerin des Kapitals: Den austauschbaren und unbedeutenden Anhängseln der Produktionsverhältnisse hämmert sie noch einmal ein, dass es gut ist, unbedeutend zu sein, dass sie in Wahrheit selig seien und nicht die Reichen und Berühmten.

Zu Geld sind diejenigen, die Jesus nachfolgten, nicht gekommen. In den Seligpreisungen steht auch nicht, dass Geld glücklich macht.

Eine faux frais, war doch der Protestantismus bekannt dafür, als Erwerbsethik das Wohlgefallen Gottes im Reichtum abzubilden. Wenn sie nun Josef Ackermann scheinheilig als Negativbeispiel hinstellt, weil der mit 2 Millionen Jahresgehalt nicht zufrieden ist, dann lügt sie sich über den gesamten Protestantismus hinweg, der den Reichen eben jenen Reichtum als Zeichen göttlicher Zuwendung definierte, während er als Pietismus den Armen traditionsgemäß die Lust als Sünde austrieb. Die Lüge wird um so durchsichtiger, als sie einen reichen Bischof, also einen Katholiken, in den USA anführt, dessen Jahresgehalt 3 Millionen Dollar gewesen sei. Diese Summe wird sie mit dem unter dem Artikel angepriesenen Büchlein für 17,99 rasch beisammen haben. Aber wer will so kleinlich sein, das ist unabhängig von ihrem eigenen Einkommen Kulturkampf. Kulturkampf aber gerade zum Wohlgefallen der kapitalistischen Reproduktion:

Du kannst aus der Spirale der Dauererschöpfung ausbrechen und der Last der Erwartungen entgegenkommen. Halte an, entschleunige, überlege neu, was du mit deinem Leben anfangen willst. Das ist gut für dich und für die, mit denen du lebst.

Wie die Astrologiespalten hat Käßmann hier gewiss nicht das Prekariat als Adressat, sondern das bürokratische Kleinbürgertum. In der Wette auf dieses Publikum kann sie sich auch erlauben, das Prekariat zu verhöhnen, das eben die Wahl zur „Entschleunigung“ gar nicht hat oder für diese mit Elendsverwaltung in Arbeitsagenturen verachtet und bestraft wird. Von Streik und Klassenkampf will sie partout nicht sprechen. Jeder ist sein eigener Ausbeuter, gottgegeben das Klassenverhältnis:

Der Bauplan der Welt leitet sich ab aus der Hoffnung auf ein Miteinander von Starken und Schwachen.

Dazu passt dann auch die süffisant empfohlene Politik mit dem Einkaufskorb, die nur jene noch ausüben können, die vom Ausbeutungsverhältnis schon privilegiert wurden und nun mit Porsche Cayenne vor dem Aldi stehen. Vom Leben bleibt das Sterben:

Sterbende sind kein Tabu, und der Tod ist kein hoffnungsloser Fall – wagen wir, darüber zu reden. Wie will ich sterben? Wie können Sterbende in Würde begleitet werden? Das sind Themen, denen wir nicht ausweichen dürfen.

Käßmann schlägt aus dem Tod noch Sinn, natürlich nicht ohne auf die kirchliche Industrie mit dem Bestseller Tod zu schielen. Nachdem sich die Frage nach dem „ob“ offenbar schon erledigt hat, wird das „wie“ angeblich zur Wahl – als würde jemand freiwillig die Wahl treffen, allein und elend in einem heruntergewirtschafteten Hospital zum Rhytmus der eisernen Lunge zu verrecken. Wenn die Kirchen das Leben schon nicht geben können, und an den Verhältnissen nicht rütteln, so bleibt ihnen nur der Tod. Oder die Liebe? Die sieht bei Käßmann so aus:

Liebe ist nicht statisch. Wer sich darauf einläßt, macht sich verletzbar. Aber es lohnt sich, in sie zu investieren, damit wir das Gewebe stärken, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Da geht es um Familie, Ehe und Partnerschaft, aber auch um Vertrauen und Freundschaft. 

Investmentfonds Liebe zur Erhaltung der harmonistisch vergifteten Gesellschaft, der religiös vertuschten Ausbeutungsverhältnisse. Was sagt eigentlich die Bergpredigt zur Ehe?

Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

Just so charming, isn’t it. Der Kitt, den Käßmann abliefert, ist für die Produktionsverhältnisse gedacht, nicht für die Individuen. Die sollen am Recht nicht rütteln und doch die errungene Freiheit verteidigen.

Es gibt kein „Die“ und „Wir“, sondern nur „Uns“ in unserem Land, unserer Welt. Hier können wir in einer Vielfalt von Kulturen und Religionen leben, wenn wir das Recht achten und die errungene Freiheit verteidigen.

Das ist so konformistisch und nicht einmal eine Revolte, das spottet jeder aufrichtigen katholischen Befreiungstheologie. Selbst Käßmanns Anhänger klagen offenbar über die offensichtlichen Widersprüche ihres affirmativen Gerechtigkeitskonzepts:

Bei einem Vortrag über Gerechtigkeit fragte mich ein Zuhörer: „Frau Käßmann, seit 30 Jahren engagiere ich mich jetzt, aber irgendwie wird alles immer schlimmer. Woher soll man denn die Hoffnung nehmen, dass es besser wird?“

Und was gibt ihr die Käßmann? Durchhalteparolen mit Prophet Elia: Der Weg ist lang und so weiter. Und aber auch ein wenig Konsum als Ersatz für das verlorene Glück:

Ja, es gibt Ermüdung, weil wir alle nicht mal eben schnell die Welt retten werden. Wir brauchen Zeiten für uns selbst, in denen wir Kraft schöpfen.

Reproduktionszwang vergiftet Muße zur Freizeit. Und was hat Käßmann den Verwalteten anzubieten?

Im Glauben, im Gottesdienst, beim Pilgern und Schweigen können wir Kraftquellen erschließen. Wir dürfen uns auch Gutes tun!

Wo noch Widerständigkeit in den Menschen überlebte, werden sie hier komplett zur Batterie zugerichtet, in der irgendwelche verborgenen Ressourcen noch „erschlossen“ und vernutzt werden sollen. Das ist noch nicht der Gipfel, der Gipfel der Ekelhaftigkeit ist es, diese in Selbstausbeutung Erschöpften noch einmal in die kirchlichen Pilgerindustrie zu hetzen und ihre letzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen kontrollieren und ausbeuten zu wollen und das dann als „sich Gutes tun“ zu verkaufen wie der Kaffee, der die meisten doch viel eher bei der Arbeit hält als ihnen die idyllischen Ruhepausen der Cappucino-Werbung zu gönnen.

Was Käßmann in jeder Faser ausschließt, ist Widerstand.

Zum Frieden gehört der Mut, Konflikte gewaltfrei zu lösen – im persönlichen Umfeld wie in internationalen Konflikten. Waffen sind keine Lösung, sondern das Problem. In den Seligpreisungen entwirft Jesus eine Kontrastgesellschaft, die für uns Provokation und Leitfaden sein kann, auch im politischen Handeln.

Das sagt ein Nachkomme einer Gesellschaft, die nur durch Waffengewalt aufgehalten werden konnte. Solcher Pazifismus nach dem Nationalsozialismus ist die Befürwortung des Nationalsozialismus, der zynische Spott über die sich für „unsere Freiheit“ opfernden alliierten Soldaten, denen man hier noch zurät, sie hätten noch mehr Wangen hinhalten und noch mehr Menschen ins Gas schicken lassen sollen. Den aggressiv-pazifistischen Deutschen lässt sie ein Lichtlein tragen, als wüsste sie nicht genau, wer in der biblischen Mythologie der Lichtträger ist:

Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Käßmann zündet hier wohl eher ihr kleines Lichtlein an, um gewaltig über die schlechten Werke hinwegzublenden. Wer bezeichnete bekanntermaßen sich und die arischen Deutschen in der Geschichte als „Lichtbringer“ im Kampf gegen „lichtscheues Gesindel“? Man kann dieser „Lichtbringerin“ jedenfalls nur ihr eigenes Kraut empfehlen:

Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!

Workshop „Kritisch-Theoretische Filmanalyse“ in Marburg, 4./5.5.

Institut für Soziologie, Seminarraum 1 (00.003), Ketzerbach 11, Marburg
Der hypnotische Charakter des Filmes, seine sedierende Wirkung, haben zuerst seine treuesten Konsumenten, die Filmwissenschaften, erfasst: Sie idealisieren ihren Forschungsgegenstand häufiger als sie ihn in Frage stellen und in ihren Analysen ist es ganz demodée, das gesellschaftliche Verhältnis dieses Mediums als Ganzes kritisch zu erfassen und zu betrachten. Stets ist von neuen subversiven Schöpfungen die Rede, mit denen der Film endgültig gerettet werden soll zur Avantgarde, zur basisdemokratischen offenen Form, zur Kritik – und stets kommt nichts aus der Kritik heraus, als die selbsterteilte Erlaubnis an den Intellektuellen, dem Film zu Forschungszwecken zu frönen. Nerdtum offeriert dabei noch den Anschein eines sicheren Bodens, von dem aus sich über Filme reden ließe: Die positivistische Anhäufung von offensichtlichen oder irrelevanten Fakten. „Hermeneutische“ filmanalytische Verfahren streichen hingegen gerade die im positivistischen Moment noch aufscheinende gesellschaftliche Gebrochenheit durch und behaupten ein zuallermeist positives Sinnganzes des Films, dem sich dann durch Introspektion auf die Schliche kommen ließe. Filme werden zu harmlosen, jeweils vereinzelten „Erzählungen“. Und selbst die Psychoanalyse weiß heute häufig nichts Besseres mehr anzurichten, als die von Psychoanalytikern extra für Psychoanalytiker ausgestreuten Konflikte und Rätsel noch einmal nachzuerzählen und dem Film oder dem Filmheld die Diagnose als Arztbrief auszustellen. Da aber an der Beliebtheit des Filmes nichts zu rütteln ist, wird keine dieser Veranstaltungen dem Filmpublikum vorhalten, wie und wozu es manipuliert wird.Kritische Theorie stört diese Party und wird daher mit der stärksten Waffe akademischer Zensur bekämpft: Dem Vorwurf des metaphysischen, schlimmer noch: „veralteten“ Elitismus, des Vorurteils. Was Adorno, Kracauer, Benjamin tatsächlich über Film und Kulturindustrie zu sagen hatten, mitunter an verzweifelten Hoffnungen an ihn herantrugen, zergeht in einer selektiven Zitation, in systematischen Missverständnissen und in der hämischen Aufrechnung, dass ja ausgerechnet Theodor W. Adorno mit Gretel Adorno die Tierklinik-Soap „Daktari“ seriell konsumierte oder gar ins Kino ging.

Der Workshop soll gegen diese Tendenzen Film-Konsumenten die Kritische Theorie des Filmes näher bringen, ihnen ermöglichen, spezifische Muster in Frage zu stellen. Wie verlängert sich in Filmen Gesellschaft in die Individuen hinein, was am Medium Film machte es zur dominanten Form von Ideologietransport. Im Allgemeinen bleibt das Besondere des individuellen Films, im weiteren Verlauf die Genres, die jeweilige gesellschaftliche Entfaltung als Genre von erheblicher Relevanz. So stehen einige der neueren und nicht so neuen Phänomene auf dem Prüfstand: Der indigene Film, Trash, Crowdfunding, neuere Kunstfilmkonzepte. So viel Avantgardismus dem spezifischen Produkt auch eingeflößt werden konnte, innerhalb des kulturindustriellen Systems bleiben sie Werbung für den nächsten Film oder für den Film als gesellschaftliche Institution. Anhand einiger ausgewählter Filmanalysen eher fortschrittlicherer Filme werden starre Stile der Stereotypisierung bestimmt, die auch diese Genres immer nur ansatzweise aufgehoben haben: Rassismus, Sexismus, Disziplinierung, Desaster Therapy, Tough Baby, Damsel in Distress, Success Story, Final Girl, Assessment Center, Instrumentelle Psychoanalyse, Antisemitisches Gelächter.Am Samstag den 4.5. und Sonntag den 5.5. treffen wir uns im Seminarraum 1 (00.003) im Institut für Soziologie (Ketzerbach 11) jeweils um Punkt 10 Uhr. PUNKT zehn Uhr. Am Samstag geht es mit Pausen bis 18:00, um 19:00 bieten wir eine gemeinsame Filmlektüre an. Am Sonntag wird die Veranstaltung um 13:00 zum Mittagessen sich auflösen. Veranstaltungsort:

Eigene Referate sind möglich nach Voranmeldung. Wir bitten darum, bis zur Veranstaltung folgende Filme nach Möglichkeit OMU gesehen zu haben:

https://www.facebook.com/events/597624490265622/
– First Blood (aka Rambo I)
– The Green Mile
– Apocalypse Now Redux
– Pans Labyrinth
– Atarnarjuat the Fast Runner (Livestream möglich)
– Top Gun
– The Happening
– I hired a Contract Killer
– Die Entdeckung der Currywurst
– 4 Minuten
– The Master (Nigeria. Gekürzte Version: http://www.youtube.com/watch?v=0KqesD2JU88&wide=1)

Ein PDF-Reader geht den Teilnehmern zu. Die Quellenangaben der OBLIGATORISCHEN TEXTE sind:
– Kulturindustrie. In: Dialektik der Aufklärung, Adorno/Horkheimer. Fischer Verlag.
– Das Spektakel des Anderen. In: Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4: Stuart Hall. Argument Verlag.
– „Dreams are made like this“ – Hortense Powdermaker and the Hollywood Film Industry. Jill B.R. Cherneff. Via JSTOR.
-„Damsel in Distress“: https://www.youtube.com/watch?v=X6p5AZp7r_Q

Weiter empfohlen für die intensive Einarbeitung:

– Alles falsch: Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie. Braunstein, Dittmann, Klasen (Hg.) 2012. Verbrecher Verlag
– Adorno. The Culture Industry. Selected Essays on Mass Culture. Bernstein (Hg) 1991. Routledge.

– Part IV: Hollywood. In: Stranger and Friend. The Way of an Anthropologist. Hortense Powdermaker. W.W. Norton & Company.

Eine Veranstaltung der Aktiven Fachschaft Soziologie Marburg
(http://www.fachschaft-soziologie-marburg.de/)

Um an der Veranstaltung teilzunehmen, bitten wir um Anmeldung unter: filmworkshop.fssoziologie@gmail.com

Der ewige Trauma

Der Spiegel ließ in der Ausgabe 8/2013 eine tendenziöse Rezension der israelischen Dokumentation „The Gatekeepers“ mit einem Zitat eines ehemaligen israelischen Shin-Bet-Chefs einleiten: „Wir sind ein grausames Volk geworden.“ Das klingt in Deutschland, dem Land der Ritualmordlegenden, gleich doppelt fetzig: ein Kronzeugenzitat mit israelischem Persilschein und allem Geheimdienst-Pipapo.

Fürs neue Cover (13/2013) genierte dann wirklich nichts mehr. „Das ewige Trauma – Der Krieg und die Deutschen“. Ein mitleidserweckend zersauster Soldat blickt uns klagend an, hinter ihm ein Flüchtlingsstrom und, Kitsch komm raus, das Brandenburger Tor, um wirklich sicherzustellen, dass hier Deutsche nach Deutschland fliehen und nicht etwa Juden nach Shanghai. In der unteren Bildhälfte dann Farbe: Ein Foto, das aus der Ferne betrachtet vormarschierende GI-s zeigen könnte, ein Blick ins Heft legt aber nahe, dass es Bundeswehrsoldaten in Afghanistan sind. „Verwundete Nation“ titelt ein Beitrag im Heft: „Immer wieder arbeiten die Deutschen das Trauma der NS- und Kriegszeit neu auf – und bleiben eine verwundete Nation. Der Psychiater Hartmut Radebolt analysiert das „Erschrecken über uns selbst“.“ Dann noch einmal: „Die Wunde der Vergangenheit“ als Schlagzeile.

Was soll aber am Trauma ewig sein in einem Land, dem Franz Josef Strauss 1969 versicherte: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Ausschwitz nichts mehr hören zu wollen?“ Zur selben Zeit, in dem der erste und einzige Aufstand gegen die ungebrochene nazistische Hegemonie in der Demokratie von ein paar tausend pubertierenden StudentInnen organisiert werden musste? Ein aktueller FAZ-Leserbrief beklagt, dass vor allem Deutsche Opfer der Nazis gewesen seien, eine Verwandte sei als Krankenschwester an die Front versetzt worden, weil sie gegen Euthanasie war. Wenn das so massenhaft so war, dann wundert doch die friedliche Stille und Eintracht sehr, in der Deutschland über 20 Jahre lang wieder aufgebaut wurde. Nota bene, damals waren weite Teile beispielsweise des hessischen Landtags in der NSDAP gewesen, inklusive Justizministerium, weite Teile der Bürokratie wurden niemals entnazifiziert, Grundstein für den späteren Erfolg der nationalsozialistischen Terrorwelle. Paradox war: Schuld im eigentlichen psychologischen Sinn empfanden fast ausschließlich Opfer und jene, die gescheitert waren in ihren mal verzweifelten, mal dilletantischen Versuchen des Widerstandes. Hätte Strauss gewonnen und wären die pubertierenden Studierenden nicht irgendwann doch erwachsen und mitunter erschreckend kompromissbereit geworden, man könnte noch viel ungestörter die traditionelle deutsche Wundversorgung betreiben: Kriegerehrenmäler, Kameradentreffen, SS-Vereinsabende.

Überlebende Altnazis und Opfer heute wissen genau, was sie mit dem „ewigen Trauma“ assoziieren sollen: den NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“. Und genau auf diese den meisten wohl eher unbewusste Assoziation baut der Spiegel-Titel: Das „ewige“, weil narzisstische Trauma ist den Deutschen „der ewige Jude“, jene Juden, die als Überlebende und Nachkommen an die Verbrechen, zumindest aber an Feigheit, Mitmachen, Zusehen erinnern.

Im Spiegel heißt es auch nicht „Die Deutschen und der Krieg“. Das würde Kriegsschuld suggerieren. „Der Krieg“ ist vorangestellt, um die Suggestion von etwas äußerlichem, abstrakten zu bewahren, das unter anderem eben auch über die Deutschen gekommen sei und von dem sie sich immer noch nicht erholt hätten. Die beschworene Wunde erscheint nun nicht bedrohlich, weil sie die paradoxesten Reaktionen inklusive für alle möglichen Minderheiten bedrohlichen Wiederholungszwang zeitigt, sondern weil sie angeblich heute die gebotene Effizienz der Bundeswehr blockiert, die ausnahmsweise Demokratie und Freiheit verteidigen sollen. Dieser Effizienzverlust durch nationales Trauma schadet also wiederum nur: den Deutschen.

Das neueste Cover ist sicher kein Testballon und keine Aberration. Der Spiegel ist spätestens seit der Augstein-Affäre auf Trotz-Kurs und muss sich in jeder Ausgabe seiner neuen, selbsterteilten Definitionsmacht über den Antisemitismus vergewissern. Das Cover ist Ausdruck eines kühlen, marktorientierten Opportunismus, der mit viel bewährtem Schmalz und ins Detail berechneter und erprobter Manipulation die bestehende Popularität einer Fernsehserie ausbeutet. Die explizite Botschaft, dass man sich offenbar für gar nichts mehr schämen muss und damit ökonomisch (und militärisch) Erfolg haben wird, das vereint Spiegel und Strauss. Verwandt ist das allemal mit der Auslöschung jedweden rationalen und irrationalen moralischen Bedenkens durch den berüchtigten nationalsozialistischen „Anstand“: Dass man wie Himmler die Erschießungsgräben besichtigt und hinterher meint, „anständig“ geblieben zu sein, was für Himmler bekanntermaßen bedeutete, ein paar Schwindelanfällen wegen der vielen Leichen getrotzt zu haben.