Haiti und die Ungerechtigkeit des Mitleids

Nicholas D. Kristof spießt in einem kurzen Artikel über den Alltag in der Demokratischen Republik Kongo die Widersprüchlichkeit der Nothilfe auf: „Orphaned, Raped and Ignored.“

Mitleid, sagen Adorno und Horkheimer, ist ungerecht: Es ist immer zu wenig. Der fromme Wunsch, alleine das Abwerfen von Hilfsgütern werde irgendwo einen Menschen für den Westen einnehmen, ist ein feiger. So wird nichts riskiert und man bleibt den Opfern so fern es nur geht. Der Mut zum Konflikt, zur Konfrontation und letztlich zum Kompromiss fehlt. Der kompromisslose Pazifismus, wie ihn die Linkspartei propagiert, ist äußerste Ignoranz gegen die Opfer eines frei rotierenden Racketterrorismus. Rassismus ist nicht nur, wenn Skinheads einen Afrikaner in der Berliner U-Bahn verprügeln. Rassismus ist auch, mehr als 4 Millionen Tote schulterzuckend zu ignorieren, nur weil sie in Afrika  und nicht etwa in Unterfranken oder der Schweiz ermordet wurden.

Mondäne Orte – über Pornographie und Tourismus.

Das touristische Verhältnis zu Zielgebieten ist ein pornographisches wie das pornographische Verhältnis zu Körpern ein touristisches ist. Beiden eigen ist die Schaulust, die sich permanent als masochistisch-frustriertes Verlangen inszeniert – Zusehen und doch nicht teilhaben können, wollen, müssen, dürfen. Im pornographischen Akt werden so viele als möglich in einer Beziehung erfahrbare Optionen der gegenseitigen Intimität auf grotestk-sportive Weise  verdichtet. Die 5-10.000 täglichen TagestouristInnen auf Capri handeln nicht anders, wenngleich aus ökonomischem Interesse: Sie möchten – mich eingeschlossen – dieses  in einem Tage erfahren – die blaue Grotte erkunden, das Negligé der aufreizenden Kleinstadtfassade von Nahem erkunden, die höchsten Klippen besteigen und letzlich von dieser hohen Warte aus alles sehen. Weiterlesen

Die Abwehr des Genießens in der H&M-Werbung und der Hartz IV-Debatte

„Ein glückliches Zeitalter ist deshalb gar nicht möglich, weil die Menschen es nur wünschen wollen, aber nicht haben wollen, und jeder einzelne, wenn ihm gute Tage kommen, förmlich um Unruhe und Elend beten lernt. Das Schicksal der Menschen ist auf glückliche Augenblicke eingerichtet – jedes Leben hat solche –, aber nicht auf glückliche Zeiten.“ (Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, § 471)

Gesellschaftliche Tendenzen bergen für den misstrauischen und erst recht für den paranoiden Charakter den Geruch der Verschwörung, der Manipulation. Die Vermitteltheit dieser Trends mit dem individuellen Unbewussten geht durch diese Wahrnehmung verloren. Die Tendenz, im öffentlichen Raum offensichtlich am Rande des Verhungerns stehende und von Heroinkonsum gezeichnete Menschen in massentaugliche Modewaren zu stecken und in grotesken Verrenkungen zu inszenieren ist mitnichten nur das Werk einzelner sadistischer Modepäpste. Deren Fehlbild vom Menschen ist ein durch kollektiven Druck geformtes, es hätte keine Gewalt ohne das Bedürfnis.

Ein zweites Phänomen: Nach den Urteilen zur Verfassungswidrigkeit der Sozialhilfesätze springt ausgerechnet der Vertreter der liberalen Partei, Westerwelle, in die Bresche und erklärt Sozialhilfeempfänger zu dekadenten, das Leben in vollen Zügen genießenden Menschen, die auf diese Weise einen „Untergang“ wie jenen Roms verursachen könnten. Sein kaum unter Parteikomplizenverdacht stehender Gesinnungsgenosse erklärt wenige Wochen später seine Philosophie zum angemessenen Leben ohne Einkommen: „Kalt duschen ist doch eh viel gesünder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.“

Die offene Homophobie in diesem – gesinnungsgleichen – Angriff auf den homosexuellen Außenminister bleibt in den Kritiken unbesprochen. Sie ist ebenso massentauglich wie das Ressentiment beider. Und sie verläuft synchron zum Modetrend.
Das „obszöne Genießen“, das Žižek mit Lacan als ödipale Zuschreibung an den Vater schildert, hat der Gesellschaft Hass eingeflößt. Lust, die nicht schon mit dafür erlittenem Elend verrechnet werden kann, wird auf unerträgliche Weise zur Schuld. Daher die kollektiv-individuelle Lust beim Anblick derer, die eine vermeintlich glückliche Welt vertreten und als Zeichen dafür das symbolische Elend in ihre Körper skulptieren. Wo der durch und durch berechnete Wiederholungszwang der Mode kaum noch ästhetische oder künstlerische Kriterien oder gar Originalität aufwarten muss, tritt eine andere Botschaft in den Fokus: Nicht wird durch das Produkt Glück versprochen, sondern durch die Entsagung, mit der das Produkt erkauft wird. Das Produkt wird zum Attribut der Entsagung, nicht zum Zweck. Meine Entsagung betone, ja unterstreiche ich mit den entsprechenden Größen, in denen jene Kleider ausschließlich erhältlich sind. Sie ist zum Ziel der Mode geworden, nicht umgekehrt. Die Orgien der Stars sind „Privilegien, an denen keiner rechten Spaß hat und mit denen die Privilegierten sich nur darüber betrügen, wie sehr es im glücklosen Ganzen auch ihnen an der Möglichkeit von Freude mangelt“ (Adorno, MM 360). Mehr noch, sie zelebrieren für alle, dass jenes Glück keines ist. Nicht die glücklichen Stars sind Role Models, die unglücklichen sind es. Der Drogenrausch der 1970-er versuchte mit Genuß die erlittene Kastration zu bezahlen. Dieses Genießen ist ein „von Beginn an Verlorenes“ wie Žižek sagt. Seine extreme Steigerung belegt nur seine völlige Abwesenheit ebenso wie heute. Der Luxus wird um Leere errichtet, die edlen Tuche flattern um Gerippe.

Ebenso konsequent richten sich Westerwelle und Sarrazin zu. Der bombastische Reichtum, den Deutsche noch kultivieren, darf um keinen Preis als Genießen erscheinen. Reiche und Arbeitslose sollen gleichermaßen keine Lust am Leben haben. Wo Zeichen des Genusses erscheinen, droht der Untergang durch Dekadenz, sei es durch den Zusammenbruch des Staates oder durch die Klimakatastrophe. Nicht aus purer Feindschaft gegen den Genuss sondern aus der Verzweiflung über dessen Unmöglichkeit speist sich die Bösartigkeit, mit der Westerwelle und Sarrazin ihre Projektionsflächen attackieren. Das richtet noch jene Lust zugrunde, die an ihrem Versprechen selbst aufflackert, die also Vorfreude auf echte Freude sein könnte. Die Deutschen, als kulturelle Kategorie verstanden, haben sich mit der Kastration identifiziert – weil Lust unmöglich ist, wird sie selbst zum Feind erklärt. Der Garten Eden wird zum drohenden Symbol der Kastration, wenn man ihn nicht haben kann, so ist er schlecht, spätrömisch und dem Untergang geweiht. Die jüdische Religion hat eben aus der Unmöglichkeit von Lust nach der Vertreibung aus dem Paradies die Forderung nach allem, was an diese Lust erinnert institutionalisiert. Der alkoholische Exzess ist Bestandteil des Ritus, die sexuelle Lust der Frau in der Ehe ein verbrieftes Recht, eine Mizwa.

In Deutschland behütet der Staat die Individuen vor ihrer eigenen Lust gerade dort, wo er verspricht, sie zu ermöglichen. Die letzte Lust der Deutschen bleibt die, jene der anderen zu verunmöglichen. Aus lauter Genugtuung über die sichtbare Selbstkasteiung der Plakatgespenster kaufen sie die Symbole dessen, die Kleider die sie tragen. Es ist nicht mehr der Kaiser, der nackt durch die Straße läuft – es sind die Kleider.

Slavoj Žižek: Liebe dein Symptom wie dich selbst. Zitate S. 108.

Theodor W. Adorno: Minima Moralia.

1.3.2010, Süddeutsche: Sarrazin: „Warmduscher sind nie weit gekommen.“ http://www.sueddeutsche.de/politik/438/504648/text/

Friedrich Nietzsche: Werke. Menschliches und Allzumenschliches.

Peace Mongers! A message in a bottle to the German party „Die Linke“

In Afghanistan several Dozends and maybe hundreds of people were killed during accidents in recent military actions. This is a reason for mourning for the relatives and friends and for the NATO to  backpedal and re-engineer the strategy.

In Germany and other parts of Europe as in the Americas it is common that rigthwing and leftwing pacifists express their instrumentalized sorrow through gathering after similar occasions and demonstrate „against the war in Afghanistan“. Yesterday the post-socialist Party „Die Linke“ was excluded from the „Bundestag“ for displaying posters with the names of victims of the airstrike at Kundus. They did never display posters with names of victims of suicide bombings in Iraq or Afghanistan.

There lies much attraction in the idea of war as bad (because of death, pain and related phenomenons) and peace as good (because of laughing children and the like). Peace in this dichotomic ideology is a resentment. This resentment bases on one of the main symptoms of  narcissism: The reversal. This reversal is to be set upon its feet to speak with Marx.

Peace has a dark side that the socialist party of Germany does not speak about. They don’t mourn for victims of peace.

The peace waged against the Hutu-Militias by UN-troops in 1994 resulted in the genocide of one million people – this peace was stopped by Tutsi-guerillas of the RPF who finally conquered the regime of the FAR. France assaulted Africa with an ongoing onslaught of peace against Dictators like Bokassa, Eyadema and Bongo, leaving the population empoverished and dismantled of  any opposition. These dictators were the most corrupt in history while ruling some of the poorest societies in the world. Opposition in Togo, the Central African Republic and Le Gabon was either killed of or exiled or silenced through various means of censorship, torture and terror. The so-called development aid, that the German Party „Die Linke“ is suggesting as being alternative to war in Afghanistan, collaborated with the regimes, making the elites richer while paying them financial contributions and „fees“ for any project. In Togo the official German Development Agency even  funded constructions of a concentration camp for oppositionals and people accused of witchcraft by the regime. (ref. Dirk Kohnert)

In Somalia the development agencies have not managed to overcome neither war nor poverty – they paid warlords for saving people from drowning during floods, for delivering water and distributing food. Through this they paid the weaponry for warlords and thugs. (ref. Michael Birnbaum) This is the same peace „Die Linke“ is postulating for Afghanistan – while bashing the NATO for collaborating with warlords.

Peace against Sudan caused the genocide against the people of Darfur. 400 000 people were killed and 2.5 Million displaced while all the west sent were some MSF-Medicals to vaccinate the refugees and survivors.

This is the result of the peace for Oil China is fighting in Africa. Peace is always as bad as the war that no one attends or as a correctly forged quotation puts it: Imagine it is war and no one attends – then war will come to you.

It is not about war or not war nor even about the option of taking part –  it is about  in which way to take part if it takes place.

Paul Parin defined phallic aggression as healthier than repressed aggression – the psychoanalyst always kept his Beretta he used during the guerilla war against Nazi-troops in Yugoslavia. Later on, his wife Goldy Parin-Matthey went to Spain to join the anarchist forces. In a system that denies ones bare existence weaponry and death – Thanatos – might open the path to liberation and Eros. War is always as rational as its cause and the party „Die Linke“ knows that very well. They are not even militant pacifists. In the past, their members did rarely hesitate to support guerillas in South-America or wave the red flag with the portrait of Che Guevara. The liberal guerillas in South America were successful where they were fighting proto-fascist dictatorships that were far too often supported by the anti-communist USA and rigthwing Europe. They failed where they favoured a utopian socialism, maoism and barbary. (cf. Augustin Souchy) In the end, even the giant „Sendero Luminoso“ was forced into disarmament – though the methods of the counter-guerillas were barely less brutal than those of the sectarian „Shining Path Movement“ that even kept indigenes of the Ashaninka as slaves. (ref. Michael F. Brown/Eduardo Fernandez) Just in the case of Cuba a liberal guerilla managed to transmutate into a long lasting and encrusted dictatorship – that is still supported by the youth of the party „Die Linke“. In Nicaragua, the liberal guerilla-party of the sandinistas mutated into authoritarian and irrational policies against minorities like the english speaking Miskito, who joined the Contras for some reason.

The party „Die Linke“ is a peace party as much as a warring party. While it cites a tradition of failed warfare it fails to bear in mind the tradition of successful warfare that lead to peace and democracy (mainly in Europe and Japan) and the tradition of failed peace-fare – in Somalia, Ruanda, Congo, Sudan. It does not provide any convincing strategy on how the Taliban could be prevented from regaining power in Afghanistan after a withdrawal of troops nor does it talk about the possibility of a civil war between the competing tribes. Anyone who studies the history of guerilla warfare knows the deficits of the American strategy in Iraq and Afghanistan – the failure to ensure safety after ousting Saddam Hussein was a war-crime, true. This warcrime was perpetrated not the least through the retreat of spanish forces after the bombings in Madrid that motivated terrorists to continue with their bloody strategy of suicide bombing.

One could argue, that the war of islamists is also deeply rational as long as it is founded on the bugbear of a west that seeks to eradicate Islam and kill all muslim population. If this would be true: Anyone should attend such a war against a superpower who wants to kill off  millions. But it just is not true while those creating this phantom are indeed threatening to kill off millions. It is all about seperating those erring from those who want to err. The leftiest propaganda overlaps with islamist propaganda in many issues. Both imagine a  perfect planning, conspiring superpower with all its destructive potential – maybe the same destruction that they feel tempted to bring over their enemies if they imagine the possession of this superior firepower.

Der institutionalisierte Antiziganismus

Deutschland hat es nach den rassistischen Pogromen der 1990-er geschafft, ein liberales Selbstbild zu etablieren und zugleich eine zutiefst dem nazistischen Bedürfnis entsprechende Ausländerpolitik zu fahren. Immer noch droht für 10 000 Flüchtlinge aus dem Kosovo die Abschiebung und damit grenzenlose Armut und die ständige Drohung des antiziganistischen Pogroms.

Für das Brandmarken und die Prügelstrafe, die Zigeuner 1711 durch eine Anordnung August des Starken vor der Ausweisung erwartete ist man sich heute zu modern, im Geiste hält man es mit dem uralten Ressentiment gegen die Mobilität verkörpernden Kollektive. Lewy weist nach, dass die Rassisierung der Sinti und Roma der Feindschaft gegenüber der von ihnen verkörperten Mobilität weitgehend untergeordnet war und erst spät in Paragraphen gefasst wurde. Wie der ältere Antisemitismus weist das gegen Sinti und Roma gerichtete Ressentiment eine Prävalenz auf, die sich einer Interpretation als kulturell bedingt oder einem bestimmten gesellschaftlichen Zustand gemäß sperrt. Im Kern ist das Ressentiment einem gegen die Juden gerichteten außerordentlich ähnlich: Die Mobilität wird mit Bedrohung und Glücksversprechen assoziiert. In der Geschichte der Sinti und Roma in Europa gab es stets drei Konstanten: Die häufig zwangsweise Seßhaftmachung, die massenhaft in der Sowjetunion vollzogen wurde, und die ebenso zwangsweise Mobilisierung, die Fahrende zum Weiterziehen und zur Flucht nötigte. Und als drittes tritt die Vernichtung dazu, systematische Menschenjagd. Seit der Erklärung zu „Vogelfreien“ wurden Zigeunerkinder auf Jagdlisten zwischen Rehen und Hasen  erwähnt, im Nationalsozialismus fand Joseph Mengele dann besonderen Gefallen daran, Zigeunerzwillinge in seinen „Experimenten“ zu Tode zu foltern.

Jegliche Argumentation, die auf noch bestehende juristische oder ökonomische Umstände rekurriert, geht am Kern des Problems vorbei und rationalisiert den Plan zur Massenabschiebung noch zum irgend verhandelbaren Gegenstand oder zum Interessenskonflikt. Ob im Kosovo ein wie auch immer zu fassender inakzeptabler Zustand herrscht ist ebenso nebensächlich wie die schrumpfenden Bevölkerungszahlen, die sich Deutschland als eines der letzten Länder der Welt leistet. Das Bedürfnis, die Roma abzuschieben ist ein allein dem rassistischen Ressentiment entsprungenes – es steht in der unmittelbaren Tradition der Aggression die in den Vernichtungslagern gipfelte. Nur das kann zur Sprache kommen, wenn es gegen die immer noch drohenden Massenabschiebungen und die Psychofolter des widerwärtigen Instruments der Kettenduldungen geht.

Quellen:

Guenter Lewy: „Rückkehr nicht erwünscht.“ Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich. Propyläen, 2000.

Benjamin Laufer: Deutschland schiebt weiter Roma in das Kosovo ab. Heise, 21.2.2010.

The Connection of the Roman Catholic Church and Croatian Nazism

„When the anti-Serb and anti-Jewish racial laws of April and May 1941 were enacted, the Catholic press welcomed them as vital for ‚the survival and development of the Croatian nation’… Archbishop of Sarajevo [then part of Croatia] Ivan Saric declared… ‚It is stupid and unworthy of Christ’s disciples to think that the struggle against evil could be waged… with gloves on.'“

IN AN unusual move, Germany entrusted Croatia with running its own concentration camps, without oversight. Shamefully, clergy members took a voracious dive into the bloodbath, serving as guards, commanders and executioners at the 40 camps, most famously Jasenovac, the Holocaust’s third-largest yet least spoken-of camp. There, they killed Serbs, Jews, Gypsies and anti-fascist Croats. On August 29, 1942, a friar from the monastery of Siroki Brijeg, named Petar Brzica, won first place for killing the most Serbs in the shortest time, boasting 1,350 throats slit in one night.

read on at Jerusalem Post …

Der einzig wahre Hammer…

„Zuletzt liegt ein Angriff […] im Sinn und Wege meiner Aufgabe […], ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation, die mit einem beneidenswerten Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen zu nähren und „den Glauben“ so gut wie die Wissenschaftlichkeit, die „christliche Liebe“ so gut wie den Antisemitismus, den Willen zu Macht (zum „Reich“) so gut wie das évangile des humbles ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt… Dieser Mangel an Partei zwischen Gegensätzen! Diese stomachische Neutralität und „Selbstlosigkeit“! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der allem gleiche Rechte gibt – der alles schmackhaft findet… Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten.“

„Aber hier soll mich nichts hindern, grob zu werden, und den Deutschen ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer tut es sonst? – Ich rede von ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, daß den deutschen Historikern der große Blick für den Gang, für die werte der Kultur gänzlich abhanden gekommen ist, daß sie allesamt Hanswürste der Politik (oder der Kirche) sind: dieser große Blick ist selbst von ihnen in Acht getan. Man muß vorerst „deutsch“ sein, „Rasse“ sein, dann kann man über alle Werte und Unwerte in historicis entscheiden – man setzt sie fest… „Deutsch“ ist ein Argument, „Deutschland, Deutschland über alles“ ein Prinzip; die Germanen sind die „sittliche Weltordnung“ in der Geschichte; im Verhältnis zum imperium romanum die Träger der Freiheit, im Verhältnis zum achtzehnten Jahrhundert die Wiederhersteller der Moral, des „kategorischen Imperativs“… Es gibt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es gibt, fürchte ich, selbst eine antisemitische, – es gibt eine Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schämt sich nicht… […] Alle großen Kultur-Verbrechen von vier Jahrhunderten haben sie [die Deutschen] auf dem Gewissen!“

Der „deutsche Geist“ ist meine schlechte Luft: ich atme schwer in dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, die jedes Wort, jede Mine eines Deutsche verrät. […] Das was in Deutschland „tief“ heißt, ist genau diese Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über sich nicht im klaren sein. Dürfte ich das Wort „deutsch“ nicht als internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in Vorschlag  bringen? […] Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief hielten; am preußischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von Treitschke für tief.“

(Friedrich Nietzsche, „Ecce Homo“. Werke, hg.1999 Hanser-Verlag, S. )

Nicht nur weil die halbe „Dialektik der Aufklärung“ aus diesem Rhizom geschnitzt ist, auch wegen solcher fantastischer und durchs ganze Werk gestreuten Boshaftigkeiten gegen den deutschen Geist und seiner Kritik am Antisemitismus ist Nietzsche heute so aktuell wie zu seiner Zeit. Sieht man von der verzweifelten Unruhe gegenüber dem weiblichen Geschlecht ab, die in ihrer Misogynie noch einen Wunsch nach befreiter weiblicher Individualität barg und in seiner Bösartigkeit noch eine Kritik am durch Unterdrückung gebildeten Charakter, ist Nietzsche der einzig wirkliche Aufklärer, der sich auch nicht schämt, einem Kapitel den Titel zu geben: „Warum ich so klug bin“.


Spongebobs Closeups

„Es könnte sogar sein, daß nur das Grauen, selbst das in der Vorstellung erfahrene, mir gestattet hat, dem Leeregefühl der Lüge zu entrinnen…  Ich halte den Realismus für einen Irrtum.“ (Georges Bataille: „Das Unmögliche“)

„Riechen Sie das? Dieser Gestank…dieser stinkende Gestank…dieser stinkende Gestank, der stinkt…die Sache stinkt!“ (Eugene Herbert Krabs: „Aushilfe gesucht“)

Von Zeit zu Zeit sollte man auf frühere Gedanken hören, ihre Zeitkerne aushöhlen und zerknabbern. In „Kritik der marinen Ökonomie“ lag bereits der Akzent auf eine anhaltende ernstgemeinte Reflexion auf das bedeutendste Reproduktionsinstrument herrschender und konfligierender Ideologien, das in der Geschichte je aufgeboten wurde: Das bewegte Bild. Jackson Pollocks Gemälde wirken fahl im Schatten der ökonomischen Potenz eines James Cameron und dieser selbst kann sich schon nicht mehr vor dem Ansturm des Konkurrenzgenres der Games, allen voran „Modern Warfare II“, behaupten. Mit dem Budget kleiner Staaten werden hunderte visuell erobert. Und trotzdem: das Monopol war nie so fragmentiert wie heute und gerade deshalb so stabil. Adorno und Horkheimer wird zu Unrecht mit  Punkrock, Underground und Internet an den Karren gefahren. Die Verdoppelung Hollywoods in die größer gewordenen Kinder Bollywood und Nollywood festigt nur das Prinzip und seinen Erfolg.

Wenn alle Kultur samt ihrer gebotenen Kritik daran Müll ist, wie Adorno als Antithese diagnostiziert,  läuft dann alles auf „Mülltrennung“ (Gerhard Scheit) hinaus? Oder sollte man wachsam gegenüber den von Adorno und Horkheimer konstatierten „Zeitkernen“ in der „Dialektik der Aufklärung“ sein? Oder hält man es mit Adornos widersprüchlicher und darum angemessener Position, wenn er mit Gretel ins Lichtspielhaus flaniert, Beckett verehrt und sehr wohl in Besseres (Schönberg, Beckett, ungarische Volksmusik) und Schlechteres (Wagner, Jazz) trennt? Auch in der Filmindustrie gibt es Besonderheiten und so sehr sich die Nischenprodukte, die „Mentalreservate“ (Adorno), den Eliten als Delikatesse andienen, die dem Pöbel ungenießbar seien, so sehr muss auch die strengste Kritikerin noch Sympathie für gewisse Produkte aufbringen, die schlichtweg fortschrittlich im besten Sinne sind. Sie versprechen nicht ernstzunehmend, den Kapitalismus aufzuheben, sind aber durchaus geeignet den Reaktionären ihre Brunnen zu vergiften und in seltenen Momenten ein Gefühl aufleuchten zu lassen, das schwer begreiflich als Identifikation mit einem Glücksversprechen zu umschreiben wäre. Dass sie dadurch eine Funktion erfüllen, nämlich in den Menschen die Illusion entstehen zu lassen, durch die massenhafte Verbreitung der Kritik wäre sie schon in die Tat umgesetzt und die Revolutionen an den Fernseher deligiert werden ist ihnen kaum inhaltlich vorzuwerfen. Die Kritik ist eine der Produktionsverhältnisse, nicht der Ware und ihrem Glücksversprechen.

Im Stil gewordenen Stilbruch wohnt daher eine Chance, den Träumen einen Traum anzuträumen, was nicht einmal Adorno für gänzlich abwegig hält:

„Nicht darum sind die escape-Filme so abscheulich, weil sie der ausgelaugten Existenz den Rücken kehren, sondern weil sie es nicht energisch genug tun, weil sie gerade so ausgelaugt sind, weil Befriedigungen, die sie vortäuschen, zusammenfallen mit der Schmach der Realität, der Versagung. Die Träume haben keinen Traum.“

Und später:

„Was im Ernst escape wäre, der bildgewordene Widerwille gegen das Ganze bis in die formalen Konstitutentien hinein, könnte in message umschlagen, ohne es auszusprechen, ja gerade durch hartnäckige Askese gegen den Vorschlag.“ (Adorno, MM 387f)

Ein solcher bildgewordener Widerwille gegen das Ganze, unausgesprochene message, leuchtet in einer Technik auf, die Spongebob zum Stilelement erhoben hat. Die gezeichnete, in zerplatzende Formen fragmentierte Unterwasserwelt zeichnet in ihrer Absurdität ein realistischeres Bild vom Realen als das gesamte Dogma 95-Genre. Dessen Anspruch auf Authentizität durch Orthodoxie und technologischen Spartanismus verhöhnen die Closeups in Spongebob. Immer wenn etwas in seiner mikrologischen Betrachtung endlich ins Bewusstsein dringt, schwenkt das Bild vom Zweidimensionalen in die Dreidimensionalität des Ekels. Der verwesende Burger, auf den Spongebob in Unkenntnis der Todesdrohung vermutlich seine verdrängte Heterosexualität konzentriert, kommt erst dann in seiner bedrohlichen Vergänglichkeit zu Bewusstsein, als er „realistisch“ gezeichnet wird – das exaltierte Entsetzen, das Spongebob persifliert, ist eines über jene Naivität, die das Äußerliche, den Stil, zum Maßstab der Erkenntnis macht (siehe Spongebob: „Burgina“). Im Closeup des Grotesken verlacht Spongebob jene, die meinen, jetzt erst die Realität zu erkennen.  Es ist Ideologie, dass man nur genau genug hinsehen und herangehen müsse, um dem Schein zu entraten. Der echte Mund, der in den griechisch anmutenden Chor der Startsequenz ins Piratenbild eingeschnitten wird, wirkt  ekelhaft – weil er denunziert, dass jene versprengten Realitätsfetzen im erholsam Scheinhaften noch lange nicht Richtiges im Falschen versprechen, sondern sich um so lächerlicher machen. Es sind die Realismus-Fanatiker selbst, die Dinge und Menschen in abstrahierten Oberflächen-Formen wie in Spongebobs Welt sehen. Sie tappen wie der stümperhaft verkleidete Pirat als ermüdend komische Gestalten doppelt gefälscht umher. Fügte Brecht noch die Verfremdung ein mit dem Verdacht, der Bürger könne das Schauspiel schon nicht mehr als solches Erkennen oder auf sich beziehen, so flechtet Spongebob das realistische, dreidimensionale ein, um gerade den Verdacht, dass jenes und alles das Schauspiel sei, zu bestätigen.

„Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte.“ (Adorno: MM, 382)

Wer würde nicht zustimmen, in der Familie aus Spongebob Schwammkopf, Patrick Star, Thaddäus Tentakel, Eugene  Krabs, Plankton und Sandy ein kristallines Typenmodell von Exzentrikern zu finden? Ihr Aberwitz spottet noch jeder Normalität. Freud konstatiert, dass der Neurotiker in der Verneinung das verrät, was Kern seiner unbewussten Empfindungen ist. Wenn etwas ganz bestimmt NICHT so oder so sei, kann der Analytiker davon ausgehen, gerade hier einem verdrängten Inhalt zu begegnen. Die gesamte Unmöglichkeit der Unterwasserwelt ist eine einzige Verneinung und darum wahr, realistischer als jene, die die Täuschung, den Effekt verneinen und es gerade darin auf den Effekt am meisten abgesehen haben.

Die Marburger Linke – ein Trachtenverein. Von der freien Marktwirtschaft zur sozialistischen Weihnachtsmarktwirtschaft.

Seit alters her freuen sich Marburger Linke auf den Weihnachtsmarkt

Seit alters her freuen sich Marburger Linke auf den Weihnachtsmarkt

Dass gerade Sozialisten oft zu den eifrigsten Agenten des Marktes gehörten, ist seit über hundert Jahren bekannt – Sozialisten arbeiteten im Durchschnitt länger und motivierter als andere Teile der Arbeiterschaft. Längst hat man sich selbst von der Revolution zur Reform domestiziert. Die mühsamen Versuche, parteipolitisch originell zu wirken gleichen sich jener politischen Pausenclowneskerie des Kulturbetriebes an. In Marburg versteht sich „Die Linke“ in dieser Tradition als radikalste Reformerin des Marktes schlechthin – des Weihnachtsmarktes.

„Es ist höchst bedauerlich, dass der Weihnachtsmarkt in dieser einerseits historischen, andererseits aufwändig gestalteten Umgebung nach wie vor ein 08/15-Weihnachtsmarkt ist.“ So zitiert die Oberhessische Presse am 6.1.2009 aus einem Antrag der Linken. „Mit Ausnahme eines Standes mit künstlerischer Keramik böten alle Stände dasselbe an: pseudoexotischen Kitsch und Schmuck aus Fernost, industriell gefertigtes Zuckerzeug, Tütensuppen, bunte Tücher und Kerzen. Einheimisches Kunsthandwerk fehle nahezu völlig. Damit werde eine kulturelle und auch eine touristische Chance vertan.“

Nun hindert sicherlich niemand die Linke, auf dem Weihnachtsmarkt 2010 einen Stand anzubieten, an dem man dann so wohlfeiles Kunsthandwerk wie Picasso-Nachdrucke (Guernica, mit dezentem Wasserzeichen-Aufdruck „Raus aus Afghanistan“), Nicki de Saint-Phalle-Nachbildungen (die Gartenzwerge für AvantgardistInnen) und Liköre aus dem Marburger Hinterland erhalten wird. Die Linke bringt es allerdings fertig, in eine saisonale Ansammlung von privaten Kleinbetrieben die Idee eines staatlich verordneten Konzeptes hineinzubringen, „um einen wirklich typischen Marburger Weihnachtsmarkt zu schaffen“.

Die Melange aus Modernisierungsstrategie und Anbiedern ans Brauchtum ist eine zu typische Tendenz historischer sozialistischer Bewegungen. In der Sehnsucht nach kollektiver Breite wird noch jedes Versprechen auf Kritik beerdigt – Kritik heißt nunmehr, den konservativen Massen vorzuwerfen, sie seien nicht auf dem neuesten Stand des Brauchtums. Aus der Kritik am Verwertungsprinzip wird in der Regression der Vorwurf der Dekadenz. An der  gebotenen Kritik am Verblendungszusammenhang übt das Insistieren auf Echtes, Wahres, Geerdetes den Verrat. Den Widersprüchen der Revolution der Industrialisierung mit ihrer Freisetzung menschlicher Arbeitskraft wird wieder durch Maschinenstürmerei begegnet – der Bildungsbürger gönnt den gerade zu bescheidenem Wohlstand gekommenen Arbeitern aus der Salzbrezelfabrik nicht einmal die jährliche Zuckerwatte und das ganz ausgefeilt auf Unnützigkeit getrimmte Halbedelsteinmobile. Längst hat man sich in der Linken das Prinzip zu Herzen genommen, das Adorno und Horkheimer der Kulturindustrie diagnostizierten: „Der Fortschritt der Verdummung darf hinter dem gleichzeitigen Fortschritt der Intelligenz nicht zurückbleiben.“