„Warum das Land nicht zur Ruhe kommt“ – Ein zutiefst antisemitisches Titelbild in der „Zeit“

Wieviel Antisemitismus in einem oberflächlich völlig harmlosen Bild verpackt werden kann, beweist die Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer aktuellen Ausgabe. Der Titel: „Warum kommt das Land nie zur Ruhe“?
Ruhe ist ein merkwürdiger Begriff für die Abwesenheit von Krieg, könnte aber für andere Konflikte durchaus stilistisch unverdächtig sein. Im Falle des jüdischen Staates kommuniziert eine deutsche Zeitung jedoch einen verkappten Todeswunsch: Israel solle zur letzten Ruhe kommen, mitsamt seinen Geistern der Vergangenheit.
Das erscheint womöglich weit hergeholt. Die Bildsprache liefert aber weiteres Material: Eine Frau mit blonden Zöpfen, die in eine Israelflagge gehüllt auf Jerusalem blickt. Sie wird visuell als Grund präsentiert, warum das Land „nicht zur Ruhe kommt“.
Nun hat die Darstellung blonder Jüdinnen eine gewisse Tradition. In Holocaustfilmen sollen sie die Rassentheorie widerlegen und gleichzeitig dem Publikum eine Identifikationsfigur anbieten. Hier wird der Kontext erneut rassisiert: Als blonde Frau steht sie für die Ashkenasim, die europäischen Juden, die nach Israel flohen. Ihre Blondheit kommuniziert dem Publikum nicht mehr Ähnlichkeit, sondern Fremdheit: Sie gehöre nicht in „arabisches Land“, wo es einem Vorurteil zufolge keine blonden Frauen gebe. Ihre Blondheit signalisiert eindeutig Fremdheit.

Das unterstreicht der Untertitel:

„Einst besiedelten Juden aus aller Welt arabisches Land. Diese Entschlossenheit ist bis heute Segen und Fluch.“

„Einst“ – das ist eine Enthistorisierung, die den Holocaust ebenso zudeckt wie die gewaltsame Vertreibung von einer Million Juden aus der arabischen Welt.
„Arabisches Land“ – damit wird der alte Yishuv posthum noch einmal enteignet, die Siegergeschichte erzählt. Mit dem arabischen Aufstand von 1936-38 verloren die Juden die in der Balfour-Deklaration garantierten Gebiete in der Westbank, was die spätere Vertreibung der dort lebenden Juden ebenso begünstigte wie die ethnische Säuberung des jüdischen Viertels von Jerusalem durch die jordanisch-britischen Truppen.
In dieser kurzen Floskel wird die gesamte jüdische Geschichte im Orient durchgestrichen. Juden waren in der arabischen Welt lange zu Hause, bevor man überhaupt von Arabern sprach. Die ersten Muslime unter Mohammed trafen auf Juden – denen sie Land und Leben raubten. Wie Tilman Tarach und andere Quellen in den letzten Jahren verstärkt belegten, war etwa 1/4 der Bewohner Bagdads zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch jüdisch. Diese Juden waren arabische Juden. Selbst wenn sie heute in der Westbank siedeln, bleibt das Land nach der gesetzten reaktionären Einheit von Land und Ethnos „arabisch“. Die stets zum Scheitern verurteilte ethnische Unterscheidung in „Juden und Araber“ soll verdecken, worum es wirklich geht: Um den Islam. Was den Konflikt erzeugte, war, dass Juden sich auf einmal islamisierten Land emanzipierten, den Dhimmi-Status abwarfen und die chauvinistischen islamischen Araber abwehrten.
Mit der Täter-Opfer-Verkehrung im Text der Zeit aber wird der Ahasver-Mythos wieder erzeugt. Der ewig heimatlose und ruhelose Jude, der stets des Verrats verdächtig ist und nirgends dazugehören darf. Gegen diesen antisemitischen Mythos wurde Israel gegründet und verteidigt.
Daher letzte Vorwurf der „Zeit“: die Entschlossenheit. Wenn Juden ums Überleben kämpfen, so gelten sie schon als fanatisch, während man ihre Gegner noch als Verhandlungspartner hofiert, wenn sie sich offen als Nazis outen. Diese laut Zeit „verfluchte“ Entschlossenheit der Juden war seit 2000 Jahren Lamento der Christenheit, die in all ihren Gebeten und daran angeschlossenen Pogromen die „Halsstarrigkeit“ der bekehrungsresistenten Juden beklagte, bevor sie diese auf den Scheiterhaufen schickte.

Die Zeit beantwortet in der Tat, woher der Konflikt wirklich kommt: aus dem Antisemitismus der Mitte, aus dem liberalen Deutschland und seiner Bereitschaft, den antisemitischen Ahasver-Mythos der islamischen Propaganda nachzuerzählen: Dass Juden eigentlich nicht nach Israel gehören würden.

Veranstaltungshinweise

Montag 16.4., Köln: Antisemitismus und Stereotypie. Eine Einführung an Karikaturen.
Dienstag 17.4., Bochum: Psychoanalyse des Antisemitismus.
Mittwoch, 18.4., Köln: Akademischer Antisemitismus im Westen.
https://www.facebook.com/events/2061079500837742/
Donnerstag, 19.4., Marburg: Bildvortrag zur Feier „70 Jahre Israel – ein Grund zum Feiern“. Café Trauma, Afföllerwiesen 3a, Marburg, 20 Uhr.

Die Angriffe auf Israel – Ideologieproduktion am Beispiel eines Kommentars in der Oberhessischen Presse

Unter dem Titel „Israels Stärke, Israels Schwäche“ in der Oberhessischen Presse legt Marina Kormbaki den Leserinnen und Lesern eine gefälschte Interpretation der jüngsten Angriffe der Hamas auf Israel nahe:

„Die Hamas hat derzeit keinerlei militärische Option gegen Israel, also unterstützt sie den friedlichen „Marsch der Rückkehr“. Er könnte ihr nutzen. Denn Israels Strategen drohen zu übersehen: Jeder von einer israelischen Kugel getötete Palästinenser spielt den Radikalen in die Hände.

So sind die verstörenden Bilder von Scharfschützen, die auf Zivilisten im Sand feuern, letztlich auch Ausdruck des Unvermögens: Israel weiß keine Antwort auf die Frage, wie Israelis und Palästinenser eines Tages in Würde und Frieden mit- oder zumindest nebeneinander leben könnten.“

Das ist eine Anhäufung von Fehlinformationen. Die erste: Die Hamas unterstütze „friedliche Proteste“. Sie unterstützt die wenig friedlichen Proteste nicht, sondern sie bezahlt sie und erzwingt sie. Tote und Verwundete sind das Ziel der Hamas.

„Hamas announced on Thursday it would pay $3,000 to the family of anyone killed in the protests, $500 to Palestinians critically wounded and $200 to those who sustain more minor injuries.“ (Jerusalem Post)

Bei dem zynisch orchestrierten „Suicide by Cop“ wurden professionelle Präzisions- und Distanzschleudern, Brandsätze, händisch geworfene Steine und in gezielten militärischen Angriffen auf die Soldaten hinter dem Zaun Schusswaffen verwendet, um die israelischen Soldaten zu Schusswechseln zu zwingen. Dass Israel aufgrund der anhaltenden Messerattacken und versuchten Selbstmordattentate keine einzige Infiltration durch potentielle Terroristinnen und Terroristen dulden können würde, war der Hamas vorab klar. Spiegel und Rauch sollten die Trennung zwischen Bewaffneten und Unbewaffneten erschweren, nicht konkrete Ziele erreichen. Dass ein Feuer aus 11,000 Reifen in die Nähe einer Giftgasattacke gerät und ökologische Schäden auf beiden Seiten der Grenze verursacht, ist der Hamas egal. Sie hat kein anderes Ziel, als auf Effekte abstellende Bilder zu produzieren, die als Propagandarchiv im globalen Antisemitismus dienen. Daher ist auch dieser Satz von Kormbaki falsch:
„Denn Israels Strategen drohen zu übersehen: Jeder von einer israelischen Kugel getötete Palästinenser spielt den Radikalen in die Hände.“
Das ist zum einen nicht richtig: Die Hamas hat in den vergangenen Jahren an Popularität in Gaza eingebüßt, weil die von ihr angezettelten Kriege so verlustreich waren. Nur 30,000 machten sich zum Grenzzaun auf – für die Hamas ein Flop. Im Ausland hingegen erhält sie die gewünschten und berechenbaren Reaktionen. Israel muss nicht von Kormbaki über die mediale Wirkung von getöteten Arabern belehrt werden, weil man den zynischen Zirkus in Israel nur zu gut kennt. Die israelische Armee hat nur keine andere Wahl, als die Grenze zu verteidigen. Eine Wahlmöglichkeit zu unterstellen ist anmaßend und bigott. Hier wird nicht mehr über einzelne Todesfälle diskutiert, sondern Israel das Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen.
Gegen unbewaffnete Kriegsflüchtlinge hat die EU ohne jede Not auf dem Balkan, in Ungarn und in der Türkei Soldaten positioniert. Israel wird hingegen von gewaltbereiten und gewalttätigen Djihadisten angegriffen, die mit dem „Recht auf Rückkehr“ nichts anderes meinen als ein Massaker an den Juden in Israel. Die Angreifer wollen nicht einfach nur überleben, sondern Menschen töten.
Und doch schiebt Kormbaki Israel die Verantwortung zu:
„Israel weiß keine Antwort auf die Frage, wie Israelis und Palästinenser eines Tages in Würde und Frieden mit- oder zumindest nebeneinander leben könnten.“
Israelische Politikerinnen und Politiker haben immer wieder dieses Fernziel verteidigt. Golda Meir nannte einst die Bedingungen dafür: Frieden werde herrschen, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie die Juden hassen. Auch Benjamin Netanyahu hat das Versprechen einer friedlichen Koexistenz verteidigt: Wenn Israel seine Waffen niederlegte, gebe es kein Israel mehr. Wenn die Araber ihre Waffen niederlegten, gebe es keinen Krieg mehr.
Die Wahrheit ist, dass die arabische Seite keinerlei Fragen stellt an die Naherwartung einer Vernichtung Israels. Die gesamte Politik von Fatah, Hamas und PFLP ist auf dieses Ziel ausgerichtet, Denkmäler, Schulbücher, Predigten und Reden machen gar kein Geheimnis aus der genozidalen Alltagskultur.
Auch Kormbakis Verdrehungen sind nichts Außergewöhnliches, sondern journalistische Pflichtübung. Das Vermarktungsinteresse ist das, was Medien mit der Hamas verbindet und zu idealen Komplizen macht. Hamas liefert die Story, Medien verkaufen sie – ein endloses Snuff-Video.Was wäre anderes möglich gewesen? Zu Beginn der „Proteste“ war ihr angedrehter, inszenierter Charakter offensichtlich. Es stellte sich eher die Frage, was für ein Interesse die Finanziers der Hamas haben, jetzt die Medien zu füllen. Ein Grund ist die Militärintervention in der Türkei, von der Erdogan ablenken will. Der andere Grund ist viel einfacher: Die Hamas will Israel einfach den anstehenden siebzigsten Geburtstag verderben, weil der die Angehörigen der islamistischen Terrororganisation daran erinnert, dass sie selbst zur Bildung eines demokratischen, prosperierenden Staates einfach unfähig waren und sind.

Tafelneid

Claus Strunz bringt bei SAT.1 etwas tiefenpsychologische Ehrlichkeit in die Diskussion: Die Mutter, er nennt sie wirklich so, kümmere sich immer nur um die Flüchtlinge. Merkel sei zur „doppelten Mutti“ geworden, zur „Stiefmutter der Deutschen“ und zur „fürsorglichen Mama der Flüchtlinge“. (Strunz)

Die Zwangshandlung, die Kanzlerin Merkel auf die traditionelle Frauenrolle „Mutter“ zurückzuzwingen, ist misogyner Wunsch nach einer mafiösen Vaterfigur, der einer ambivalenten Mutter ein unambivalent drakonisches Gesetz entgegenstellt, das nur die Anderen bestraft und das Selbst belohnt. So ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Konkurrenz um eine sogenannte Tafel diese stereotype regressive Reaktion eines älteren Geschwisters ausgelöst hat, das dem jüngeren die Mutterbrust neidet. Gemeinsames Essen dient dem Aggressionsabbau, wie Freud am Totemsmahl in „Totem und Tabu“ zeigt. Der getötete Vater wird verspeist, dadurch internalisiert und sein Gesetz wieder aufgerichtet. Aggression geht in Schuld und dann Anerkennung über. Daher ist auch das gemeinsame Totenmahl eine transkulturelle Institution.

Dass nun mit Geflüchteten zusammen gespeist würde, ist für das eigentliche Projekt des Aggressionsaufbaus, das die Neue Rechte betreibt, mehr als hinderlich. Und daher stürzen sich nationalkonservative Akteure in Sat.1, FAZ, Cicero und anderen Medien auf den „Tafelskandal“. Der Klickköder lautet, man müsse „genauer hinschauen“. Suggeriert wird, es gebe eine verschleierte Wahrheit, einen wirklichen rationalen Grund für die Ausgrenzung von Menschen ohne deutschen Pass von einer Armenspeisung. Dieses Geheimwissen bleiben die entsprechenden Medien schuldig, aber die rechten Massen brauchten auch nur das Gefühl, es besser zu wissen, sie hungern nach Simulationen von Erkenntis ohne Anstrengung. Dahingehend ist Strunz zu danken, dass er seinen Mutterneid wenigstens ehrlich und öffentlich preisgibt. Was er damit belegt: es gibt keinen rationalen Grund für die Schließung der Essener Tafel für Menschen ohne deutschen Pass. Es ist blanker Futterneid der ohnehin Gesättigten in vorgetäuschter Fürsorge für Menschen, für die die gleichen Medien sonst auch nichts übrig haben als Verachtung. Es ist Rassismus.

70% der Besucher einer Essener Tafel waren Menschen ohne deutschen Pass –  für den Leiter war das ein Grund, die Schuldfrage zu stellen: „Ist der Vorstand schuld? Sind die Mitarbeiter schuld? Und letztlich haben wir festgestellt, dass die einzige Veränderung der Ausländeranteil ist. Wir grenzen auch keine Ausländer aus – wir geben den Deutschen die Möglichkeit, wieder zur Tafel zu kommen.“ (Jörg Sartor)

Nur der Ausländeranteil könne demnach der Grund sein „weshalb sich etwa viele Ältere nicht mehr wohlfühlten und das Hilfsangebot nicht mehr wahrnähmen.“ (Welt) Die an linksidentitären Institutionen verbreitete Maxime des kollektiven „Wohlfühlens“ hat zurückgefunden in die idiosynkratische Gemeinschaft der Rechten. Unspezifisch raunt Sartor etwas von „Belästigung“ oder „mangelndem Respekt“ – die Vorwürfe bleiben unkonkret, weil im Publikum schon als genehmigt gilt, dass „die alle so sind“ und man es ja schon wisse, worum es gehe.
Der Rückzug des Staates, dessen Symptom die Tafeln sind, macht sich mit dem autoritären Ruf nach ihm gemein. Wo man offenbar nicht in der Lage ist, bei konkreten Vorfällen die Polizei zu rufen oder auch dauerhaft zur Sicherung einer gereizten Lage bei der Verteilung von humanitären Hilfsgütern in den Krisengebieten am Rande eines der weltweit reichsten Länder abzustellen, wird nach ebenjener Polizei, letztlich nach der kastrierenden Mutter gerufen, die Geflüchtete abschieben, ausweisen, in jedem Fall unsichtbar machen solle.

70% der Besuchenden sollen ausgegrenzt werden, damit 30% sich wohler fühlen, wenn sie Reste von Lebensmitteln erhalten, ohne die sie Hunger leiden müssten. Selbst wenn eine spezifische Gruppe unter den Geflüchteten aufgefallen wäre, so ist es immer noch rassistisch, sämtliche Geflüchteten zu kollektivieren, sie dann als „Unkultivierte“ zu polarisieren und in der Hierarchie noch unter den untersten Rand der Gesellschaft zu stoßen. Man braucht gar keinen Notstand wie in der Kölner Silvesternacht mehr, um solche Kollektivstrafen zu legitimieren, es reicht, wenn jemand in der Schlange drängelt – was allemal zur deutschen Kultur des Ellenbogens gehört. Die wird durch folgende Werbung für den Klassenkampf von oben deutlich, welche sich sicher nicht an Rentnerinnen richtet, die als prekäre Arbeiterinnen einen Witz von Rente erhalten und bis zum Ende ihres Lebens an einer Armenspeisung anstehen müssen, die man „Tafel“ nennt, weil das feiner und nicht so sehr nach Armut klingt.

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Fußnote zur Praxis:
Sollte es zu einem seriellen Problem gekommen sein, wäre die adäquate Praxis wie folgt:

1. eine mit kräftiger Stimme vorgetragene Standpauke hilft in einer sozialen Einrichtung wie der Tafel sicher ebensoviel wie im Bus, wenn Spätadoleszente nicht durchgehen oder die Lichtschranke der Tür stören.

2. Gerade unter jungen Geflüchteten findet sich eine hohe Bereitschaft zum Mitmachen bei sozial nützlichen Projekten. Ebenfalls findet sich die Bereitschaft innerhalb einer diskriminierten Gruppe, negatives Verhalten anderer Angehöriger der diskriminierten Gruppe harscher zu verdammen als die Mehrheitsgesellschaft. Ein ehrenamtlicher Ordnungsdienst für die Tafel ließe sich unter Geflüchteten sicher leicht und bei Bedarf spontan auf Ansprache rekrutieren, wenn man nicht davon ausgeht, dass sich die deutsche Oma durch den bloßen Anblick von Ausländern beleidigt fühlt.


Rechtsantideutsch – Zur Genese eines Phänomens

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Die „antideutsche“ Haltung war zunächst eine recht diffuse Gegnerschaft zum wiedervereinigten Deutschland. Bis heute finden sich im individuellen Sediment Fossilien dieser Zeit:
Der Hass auf die Revolution gegen das totalitäre DDR-Regime, die in einer Fehllektüre der bürgerlichen Parole „Wir sind das Volk“ als „völkische“ identifiziert wird; die Glorifizierung der roten Armee als antifaschistische Institution, deren nicht erst unter Stalin erzwungene faschistische Prägung zugunsten des Rauschs der Fahne ausgeblendet wurde; eine generalisierende Fehlinterpretation von postkommunistischer Weltpolitik als Ausgreifen eines wiedererwachten deutschen Nationalsozialismus, darunter zuvörderst die Theorie, die den Jugoslawienkrieg ausschließlich als deutsche Verschwörung gegen die letzte sozialistische Macht in Europa deutete. Das sind jeweils Erbschaften antiimperialistischer Welterklärung durch Reduktionismus und Identitätspolitik, gegen die kritische Theorie sich schon in den 1930ern imprägnierte.

Diese Ursprünge führten dazu, dass unter anderem Jürgen Elsässer Mitherausgeber der Zeitschrift „Bahamas“ wurde, dem Organ jener Minderheitsfraktion der Gruppe K, die nicht mit der PDS zusammengehen wollte. Unter dem Einfluß der „Initiative sozialistisches Forum“ in Freiburg schärfte die Zeitschrift ihr Profil und rückte den israelbezogenen Antisemitismus ins Zentrum. Das provozierte polemische, hasserfüllte Reaktionen aus der traditionellen Linken, für die „antideutsch“ zunächst zum Synonym von Verrätertum wurde, bei nicht wenigen aber seriell zu Reaktionsbildungen und euphorischer Identifikation mit dem Label führte. Die Zeitschrift Bahamas warb noch in dem Maße um die Linke, wie sie diese kritisierte, die „Antideutschen“ waren in aller Regel ehemalige Linke und Marxisten.

Inhaltlich häufig von präziser Korrektheit, war die Polemik vieler Bahamas-Texte früh von jenem enttäuschten, abgewehrten Begehren geprägt, in dem Psychoanalyse die Intensität des Ekels begründet sieht. Es ist ein Begehren, das sich nur in der Verachtung artikulieren kann und letztlich sein Objekt zerstören muss, wo es sich der durch Schmähungen vorgetragenen „Werbung“ verweigert.

„Fangen wir doch einfach mal mit den Äußerlichkeiten an“ war die Parole von Justus Wertmüller nach den Demonstrationen von Heiligendamm 2007. Der Kommentar des Blogs „Psychosputnik“ greift diese „Äußerlichkeiten“ in einer Fußnote begeistert auf: „Mit diesem einfachen Wort rekurriert Wertmüller auf Adornos geniale Entdeckung, daß ohne Berücksichtigung der ästhetischen Empfindung das ganze Denken des Mensch blind wie frischgeborene Kätzchen ist.“

Einem geschichtsphilosophisch geschulten Herangehen hätte der Rekurs auf die frühneuzeitliche Ästhetik, in der die Konkurrenten Pietismus und Aufklärung zunächst von Form auf Inhalt, vom schönen Äußeren auf den schönen Geist und letztlich von der schwarzen Hautfarbe auf den fehlenden Intellekt schließen wollten, (wie George L. Mosse in seinem Standardwerk zur Geschichte des Rassismus nachweist) bekannt sein müssen. In der Szene wurde solche Skepsis von einer populären Faszination mit der angeblichen Rückbezüglichkeit von „Form und Inhalt“ überlagert. Daran schließt Wertmüller mit seinem „rant“ an:

„Immer noch trägt man diese schrecklichen Dreadlock-Wursthaare, immer noch ist man auf dem veganen Trip, immer noch ist man auf dem Kreativtrip, obwohl man zu nichts in der Lage ist, weder in der Kunst noch im Schreiben noch im Reden noch in der Beziehung. Immer noch hält man sich für etwas Besseres, obwohl aus einem das psychische und physische Elend grinst. So gesehen ist natürlich die radikale Linke, also alles jenes, was sich autonom, antifa, nehmen wir mal diese beiden Dinge oder ExK-Grüppler oder was es da noch so gibt, die Antirassisten und Antisexisten, natürlich nicht zu vergessen, die von ganz besonderer Hässlichkeit sind, etwas Abstoßendes und schon deswegen eigentlich ein Personenkreis, zu dem man auf Abstand gehen sollte.“

Das „physische Elend“ Anderer zu verurteilen war Wertmüller und nicht wenigen seiner Anhänger vor fast zehn Jahren probates Mittel, das sich nicht selbst der Identitätspolitik („ich sehe gut aus, also bin ich gut“) verdächtig wurde. Auf dem Titelbild der Ausgabe 55 (2008) fanden sich dann die „hässlichen Elendsgestalten“ mit Überbiss karikiert. Solche Ästhetik bildete einen Meilenstein auf dem Weg dahin, das bisherige Rekrutierungsfeld nicht mehr zu kritisieren, sondern von sich zu werfen.

An die Stelle dessen, was Psychoanalyse als reife Reaktion auf Verlust und Impotenz vorschlägt – Trauer – traten Wut, Hohn und Spott. Im Gegensatz zur feministischen Sache, die trotz der Gegnerschaft zum „Antisexismus“ noch lange von Autoren der Bahamas vertreten wurde, haben vor allem Clemens Nachtmann und Sören Pünjer den Antirassismus nicht nur als Bewegung sondern auch als Gegenstand gründlich entsorgt und damit den weiteren Wegverlauf vorbereitet.

„Seien wir doch ehrlich, Rassismus, der wirklich noch Rassismus genannt werden kann, also nicht die Verrücktheiten der Antira-Szene, die jede staatliche Regulierung von Zuwanderung als Rassismus geißelt, oder jeden, der das Wort Neger in den Mund nimmt, standrechtlich zusammenschlagen will, hat doch nicht wirklich eine Zukunft. Die Zukunft gehört der Ideologie des Antirassismus als menschenverachtendem globalem Massenbewußtsein, also als Fusion aus Multikulturalismus und Ethnopluralismus, zusammengehalten von einem politisch korrekten Antisemitismus.“ (Sören Pünjer)

Das knüpfte an eine ältere Tradition an. Bereits 1994 hielt Manfred Dahlmann einem durch und durch grotesken und in der „konkret“ sowohl abgedruckten als auch gründlichst kritisierten Referat von Christoph Türcke zugute, er habe der zu Unrecht empörten Linken lediglich „die Botschaft überbracht“,  dass wenn „der deutsche Staat sie mal vor die Alternative stellen sollte, entweder die ‚Flüchtlingsfrage‘ mit ihm gemeinsam zu ‚lösen‘ oder die soziale Sicherung entzogen zu bekommen, ihre Entscheidung eindeutig sein wird.“ Gemeint ist, dass die Linke sich wie der vernünftige Staat, den Türcke unterstellte, für die „soziale Sicherung“ und entscheiden würde, die durch die Jugoslawienflüchtlinge damals bedroht schien. Bei Pünjer wird im gleichen Duktus aus der humanistischen Kritik der immer weiter eskalierenden Dezimierung von Flüchtlingen durch Hürden, die sie in den Kriegsgebieten halten sollen, schon ein „Geißeln“ „jeder staatlicher Regulierung von Zuwanderung“.

Das ist der Jargon der Rechten, die aus der verzweifelten Flucht von etwa 50 Millionen Menschen weltweit eine gemütliche „Zuwanderung“ zu machen sucht, die dann nur „reguliert“ würde. Dass dieser „Regulierung“ zehntausende von Menschen zum Opfer fallen, die verdursten oder ertrinken, weitere Millionen zwangsweise in elenden Lagern gehaltene Flüchtlinge systematisch der Ausbeutung durch Organhandel, Zwangsehen, Zwangsprostitution und Sklaverei zugeführt werden, kann stets mit der bürgerlich-egoistischen Rationalität des Notstandes legitimiert werden: alles Andere seien Hirngespinste, Träumereien, Selbstschädigung und mancher auf der antideutschen Straße wusste bereits, dass „no border“ eigentlich nichts anderes sei als der „Antinationalismus“ des Islamischen Staates.

Wie gründlich die Redaktion Bahamas mit dem Humanismus abgeschlossen hat, und wie tief der Reflexionsausfall reichte, zeigte das Editorial der Ausgabe 73.

„Deutschland ist das Land der Durchhalter. Es brach 1914 einen fürchterlichen Krieg vom Zaun, den es, obwohl er schon nach drei Monaten verloren war, weitere vier Jahre fortsetzte, nur um sich nach der Niederlage als moralischer Sieger zu präsentieren und gegenüber dem Rest der Welt durchaus aggressiv den Beleidigten zu geben. Eine verwandte Aggressivität spricht seit dem Frühjahr 2016, als nicht mehr zu bestreiten war, dass sie ihren Kampf um die Hegemonie in Europa verloren hatten, aus den Deutschen. Aus Geiz und Gier, die exemplarisch in der Griechenland-Politik zum Ausdruck kommen, genauso wie aus dem narzisstischen Bedürfnis heraus, die anderen auch in moralischer Hinsicht ins Hintertreffen zu bringen, wofür die vollends wahnsinnige Flüchtlingspolitik seit dem Frühjahr 2015 steht, ist das Projekt Europäische Union maßgeblich von Deutschland zum Scheitern gebracht worden. Seither wird wieder durchgehalten.“

Die Aufnahme von einer Million Flüchtlinge wird hier mit dem ersten Weltkrieg gleichgesetzt (vor dem zweiten als Parallele schreckte man vorerst noch zurück).

„Wie vor hundert Jahren ist es die Intelligenz, die die so dringend gebotene Selbstkritik empört zurückweist und stattdessen zum Entlastungsangriff auf inzwischen alle europäischen Nationen bläst. Man sieht sich einer bösen Welt ausgesetzt, die von nationalistischen Kleingeistern, rechtspopulistischen, gar faschistischen Unmenschen, feigen und ehrlosen Umfallern und interventionistischen Bellizisten bevölkert zu sein scheint.“

Gegen diesen „Schein“ sollte man sich die Realität vergegenwärtigen: In Ungarn ist die antisemitische Nazipartei „Jobbik“ seit 2010 drittstärkste und seit 2014 zweitstärkste Kraft. In Österreich ist die FPÖ wieder Regierungspartei. In Deutschland hat die AFD alles zwischen rechtem Flügel der CDU/CSU und linkem Flügel der NPD abgeräumt. In Frankreich agitiert der Front National gegen Europa und Flüchtlinge und zwischen Polen und Großbritannien will man die „Islamisierung Europas“ stoppen, während die reale Islamisierung der Türkei, Indonesiens, Bangladeschs, Malaysias und des subsaharischen Afrikas von den jeweiligen Rechten als ethnopluralistische Kuriosität ignoriert wird, wo die Parteien nicht gleich mit islamistischen Regimes kollaborieren.

Den Gegner sieht die Redaktion Bahamas aber in den „guten Deutschen“, deren „kollekive Wiederholungstat“ darin besteht, Flüchtlinge aufzunehmen.

„Den brutalen Überlegenheitsdünkel und die unerträgliche Selbstgerechtigkeit der deutschen Intelligenz hat kürzlich der Schriftsteller Pascal Bruckner in Gestalt des ihn interviewenden Journalisten Georg Blume zu spüren bekommen. In einem Interview das am 14.4.2016 in der Zeit erschienen ist. Im Ergebnis geriet die intendierte Entlarvung des prinzipienlosen französischen „Parade-Intellektuellen“ durch einen Vertreter der „guten Deutschen“ zum Protokoll über einen kollektiven Wiederholungstäter, dessen Hang zu Sonderwegen Europa einmal mehr ängstigt.“

Dieses Interview wird im Editorial 73 der „Bahamas“ in langen Auszügen abgedruckt. Bruckners Argumentation ist im Wesentlichen die der neuen Rechten: Aus Vernunft hätte man den Millionen Flüchtlingen aus Syrien den Weg nach Saudi-Arabien zeigen sollen, den nach Europa aber versperren, weil Europa keine Schuld am Syrienkrieg trage. Bruckner beklagt:

„Man kann doch nicht von einem Tag auf den anderen, im Hauruckverfahren, eine Million Leute, die nur Diktatur, Krieg, Folter und Bomben kennen und aus einer Kultur kommen, in der die Frau ein zweitrangiges Wesen ist, in eine freie Gesellschaft verpflanzen.“

Auch hier wird wieder aus der Flucht eine Aktivität der Europäer, ein „Verpflanzen“. Die verräterische   Floskel verniedlicht die mörderische Flucht zu einem gärtnerisch-fürsorglichen Akt. Kritisiert wird nicht, dass CDU und SPD zu wenige, sondern dass sie zu viele Flüchtlinge aufgenommen hätten. Das wird von Bruckner psychologisiert:

„Ebenso uneingeschränkt und impulsiv war die Reaktion der Kanzlerin auf die Flüchtlinge: eine Million willkommen heißen, jetzt, sofort! Ohne Absprache mit uns anderen Europäern. Man begegnete in Merkel einem Narzissmus des Mitgefühls. Wie jeder Narzissmus war auch dieser grenzenlos und ein Alleingang.“

Hier steht alles schief. Merkels Weigerung, auf die Flüchtlinge schießen zu lassen, wird als Mitgefühl fehlverstanden, dieses dann pathologisiert[1] und nicht als zivilisatorischer Mindeststandard gewürdigt, der freilich wenige Wochen später mit Stacheldraht in Ungarn, auf dem Balkan und mit der Mauer in der Türkei unterlaufen wurde. Die nach wenigen Wochen beendete Phase entstand aus dem Problem, dass unter anderem Italien sich weigerte, die ökonomisch und humanitär aufwändige Drecksarbeit für Deutschlands repressive Flüchtlingspolitik zu erledigen und Flüchtlinge ohne Registrierung nach Deutschland weiterreisen ließ. Schengen stand auf dem Spiel und damit ein Instrument, mit dem vor allem Deutschland eine repressive Flüchtlingspolitik auf Kosten der Anrainerstaaten lösen wollte. Es ist schlichtweg eine Verdrehung, aus der Aufnahme von Flüchtlingen ein „deutsches Projekt“ zu machen. Seit den Brandanschlägen und Pogromen der 1990er war die deutsche Maxime, Europa zu nutzen um Flüchtlinge aus Deutschland herauszuhalten. Das kurze Intermezzo 2015 war ein komplexes Zusammenspiel von Syrienkrieg, Europapolitik und internationaler Entrüstung über die Behandlung von Flüchtlingen, der sich Deutschland zuletzt nicht mehr entgegenstellen konnte. Auch 70% der polnischen Bevölkerung waren damals für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen.

Die Redaktion Bahamas bekundet hingegen:

 

„Die Redaktion Bahamas, die Bruckners Argumente vorbehaltlos teilt, befindet sich in der ungemütlichen Situation, dass Herr und Frau Durchhalter in deutschen Redaktionen, Studentenvertretungen und selbst sich israelsolidarisch nennenden Initiativen auf jeden kritischen Hinweis über deutsche Alleingänge wie die Flüchtlings- und Türkeipolitik der Regierung Merkel nicht nur mit Diffamierungen reagieren, auf die wir schon zu antworten wissen.“

Mit „Durchhalter“ wird explizit wieder die Parallele zwischen 1. und 2. WK und Flüchtlingsaufnahme gezogen und so der Notstand legitimiert, in dem man auf Realitätsprüfungen verzichten kann:

„Merkel-Deutschland, das man sich als ein nicht nur in Leipzig tätiges „Netzwerk gegen Islamophobie und Rassismus“ vorstellen muss, ist, seit es als Durchhalter-Gemeinschaft gegen Europa mit dem Rücken zur Wand steht, im Kampf gegen den inneren Feind noch Manches zuzutrauen.“

Diese Verkehrungen finden sich als Detritus in der Szene wieder, die sich inmitten der bürgerlichen Eiszeit ihrer ideologischen Obdachlosigkeit schämt und Nestwärme bei der gesellschaftlich hegemonialen Vernunft sucht: Flüchtlinge eben draußen zu halten, in Bruckners Jargon zu „filtern“, wegen dem Islamismus und weil man ja nicht alle aufnehmen kann. Die Idee, die europarechtlich verregelte Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen ausgerechnet mit dem Nationalsozialismus zu identifizieren ist offenbar so überzeugend, dass Paulette Gensler sie aufgreift und in einem Kommentar als „Biopolitik“ bezeichnet:

„Eben dieser Bezug auf Polen, wie Martin [Stobbe] ihn hier skizzierte, ist mir nämlich auch aufgestoßen. Denn auch ohne Bahamaslektüre, aber nach einem kurzen Blick in ein durchschnittliches Geschichtsbuch wäre doch zu erkennen, dass es eventuell Gründe gibt, aus denen sowohl die polnische Regierung als auch Bevölkerung etwas sensibel auf deutsche Biopolitik auf polnischem Boden reagiert.“

Die europaweit vereinbarte Verteilung von 120,000 Flüchtlingen sollte primär Italien und Griechenland entlasten. Wirtschaftliche Ausgleichsregelungen sind vorgesehen. Daraus ein „deutsches“ Projekt, gar „Biopolitik“ zu machen, zeugt vom Realitätsverlust ebenso wie von der Aufgabe von Aufklärung als Möglichkeit.

 

Der Abschied der Redaktion Bahamas vom Humanismus ebenso wie vom Realitätsprinzip ließe sich an weiteren Texten exemplarisch belegen. Er bleibt vorerst partiell und wird gelegentlich widerrufen in bestem Judith-Butler-Stil: Man habe das nicht so gesagt, was man eben gesagt hat. Und sicher wird man in der Bahamas weiterhin Texte finden, mit der sich andere Texte in der Bahamas kritisieren lassen. Aber die in die Welt gerufenen Ideologeme wie der Identifizierung der Aufnahme von Flüchtlingen mit dem ersten und zweiten Weltkrieg, von Antirassismus und Nationalismuskritik mit dem Islamismus, vom ästhetischen Elend der „Linken“, vom Untergang des Rassismus, diese Ideologeme werden weiter gedeihen, weil sie sehr einfache, identitätspolitische Lösungen für komplexe Probleme anbieten.

 

[1] Der Zusammenhang von inszeniertem Mitleid und Narzissmus wurde von Nietzsche durchaus richtig erkannt. Tatsächlich ist der pathologische Narzissmus aber zum echten Mitgefühl geradewegs unfähig und muss es an Anderen als Schwäche oder Perversion abwerten.

Rassismus in Medien: Tom und Jerry – Episode 40

Die 1949 erschaffene und mit einem Oskar ausgezeichnete Folge von Tom und Jerry mit dem Titel „The little Orphan“ ist Ausdruck des Indianerbildes dieser Zeit. Der als Indianer verkleidete räuberische Tölpel Jerry macht der als Pilgrim verkleideten Maus Tom ululierend das Thanksgiving-Mahl streitig und erhält wie stets seine „wohlverdiente“ Abreibung.

Dazu gehört, dass Jerry ihn mit einem Brandpfeil in Brand setzt und er verbrennt. Die grauenvolle Szene war offenbar dem Cartoon Network zu anstößig, sie wurde geschnitten. In der Folge wird dieses Anzünden des Gegners mit dem Sieg belohnt. Als Ergebnis zückt der Aggressor Tom die weiße Fahne und darf sich nach der Unterwerfung mit an den Tisch begeben. Die Täter-Opfer-Verkehrung und die Glorifizierung der genozidalen Massaker an den indigenen Gesellschaften ist unmissverständlich. Im deutschen Fernsehen läuft die Episode regelmäßig ungeschnitten, unter anderem am 19.12.2017.

 

 

Rezension: „Schon gehört?“ Ein Bilderbuch von Martin Baltscheit und Christiane Schwarz

Trotz der Fülle an neuen Bilderbüchern drängt sich bei den wenigsten ein bleibender Eindruck auf. Computeranimierte und daher sterile oder überladene, manierierte Ästhetik, reaktionäre Inhalte und eine wenig kindgerechte, bemühte Sprache machen das Gros der Überproduktion aus.

Aus dieser Masse sticht die Geschichte vom rosa Flamingo heraus. In ein hermetisches, regressives Knäuel gemummelt steht er am See und schläft einen tiefblauen Schlaf. Nach und nach sprechen ihn Vögel an, er aber verweigert sich dem Gespräch und schläft weiter. Mit jedem Neuankömmling projizieren die Vögel mehr auf den stummen Flamingo – er wird zum Container für ihre sich steigernden Wünsche und Ängste. Erst bekommt er „Federn aus Gold“ und „Schuhe aus Lack“, dann hat er „seine Mutter an den Zoo verkauft“, wird immer reicher „und gibt nichts ab!“, ist dann rasch der „Schweinekönig“ und am Ende schreit der Spatz: „Das Ende ist nah! Der Flamingo wird uns alle töten und niemand kann uns retten!“ Die Vögel fliehen und nur der Storch bleibt. Er sieht sich in seinem Ressentiment bestätigt: „Na wusst ich’s doch! Flamingos sind an allem schuld. Vögel wie die gehören ausgestopft.“ Endlich agiert der Flamingo, verschlingt den Storch und schläft weiter.

Die Geschichte stellt einen außerordentlich gelungenen Versuch dar, pathische Projektionsmuster im Antisemitismus zu verbildlichen. Die Gleichzeitigkeit von Begehren und Angst wird in einer einfachen Geschichte bis zur geschichtlichen Drastik von Apokalyptik und Vernichtung durchgeführt. Gerade weil das Buch diese Tiefe entfaltet und die Projektionen auch ins Bild übersetzt, den Flamingo tatsächlich als bösen Federkronengott zeichnet, ist es für jüngere Kinder zu unheimlich und überfordernd. Dafür ist es zur angeleiteten Arbeit und Gruppentherapie mit Jugendlichen und Erwachsenen geeignet und sehr zu empfehlen.

Hauptsache nicht gutgeworden

„Niemandem gelang es besser, diese Paradoxie, die Wiedergutwerdung der Deutschen an den Flüchtlingen, besser auf den Punkt zu bringen als Karl Lagerfeld. „Wir können nicht Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.” Wer dieser trivialen Aussage nicht zustimmen kann, der ist offenbar bereit, zwecks Aufnahme von Menschen in Millionenhöhe, die nur zum Teil tatsächlich verfolgt werden und denen zum größten Teil auch anders geholfen werden könnte – all dies könnte man mittlerweile wissen –, die Möglichkeit jüdischen Lebens dort preiszugeben, wo es einmal fast ausgelöscht wurde.“

Das schreibt Felix Perrefort auf der Achse des Guten und es ist nur eine Wiederholung der ewig gleichen zynischen Suggestion, Flüchtlinge seien „geholt“ worden und hätten sich nicht unter Lebensgefahr, durch das Mittelmeer, Kälte und Wasser dezimiert, und unter Aufwand von Kapital für Schlepper an jeder Grenze hierher gerettet.
Man hätte „anders“ helfen können, meint der Autor hier, und sagt aber nicht wie und wer. Anders hilft etwa die Organisation WADI e.V., die nicht das erste Mal feststellen muss, dass aus temporären Lagern für vom IS verfolgte Menschen dauerhafte Einrichtungen werden, während das internationale Interesse und damit die Gelder schwinden. Für solche „andere“ Hilfe wirbt Perrefort aber gar nicht erst: es geht ihm eher darum, dass „Andere“ und vor allem „woanders“ helfen sollen.

Allein der erste Teil der Aussage Lagerfelds ist trivial und wahr: „Wir können nicht Millionen Juden töten.“ Sobald der Nebensatz hinzutritt, wird aus ersterem eine Option. Wann kann man „Millionen Juden töten“? Wenn man danach nicht ihre Gegner ins Land „holt“? Ist es dann erlaubt? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Was ist mit Schweden, Frankreich, England? Sollen die Millionen Judenfeinde ins Land „holen“ dürfen?

Lagerfelds unausgegorender Unmut ist schon im Ansatz falsch und dieses Falsche ist Ursache dafür, dass wenig Hoffnung auf Heilung vom Antisemitismus besteht: Weder in den Herkunftsländern von Flüchtlingen, die arabische Diktaturen bleiben, noch in Europa, wo man vom Gewordensein des Antisemitismus so wenig wissen will, dass man kein Rezept zur Re-Education von Millionen parat hat.

Wenn Europa nicht eine Million Flüchtlinge im Jahr gegen Antisemitismus bilden kann, wie soll es dann mit den Dezimillionen eingebürgerter und indigener Antisemiten verfahren können? Wie mit den gebildeten Antisemiten in den Universitäten, in den Zeitungen? Der Anti-Antisemitismus scheitert nicht an den Geflüchteten, sondern an den europäischen Eliten, am fehlenden öffentlichen Bewusstsein über den Antisemitismus. Es geht dem Anti-Antisemitismus von Rechts nicht um Aufklärung gegen Antisemitismus, sondern um bequeme, kollektivierende Lösungen, die mit Notständen gerechtfertigt werden sollen. Weil nicht wenige Antisemiten unter den Geflüchteten sind, soll man am besten alle in der libyschen Wüste oder im Mittelmeer oder am besten ganz „woanders“ sterben lassen. Das ist ohnehin Praxis, nur noch knapp 200,000 Menschen schafften es 2017 lebend bis nach Deutschland. Ein Großteil der Geflüchteten sitzt nun in der Türkei fest, wo sie nun den antisemitischen Reden des Islamisten Erdogan zuhören.

Die höhnische Rede von der „Wiedergutwerdung“ hat ihren kritischen Gehalt, den der Begriff im spezifischen Wandel vom Antisemitismus zum sekundären Antisemitismus einmal beanspruchte, längst verloren und verbreitet ausschließlich Hass auf den Humanismus der Flüchtlingshelfer, zu dem man nicht fähig ist und hinter dem man daher dieselben bösen Motive vermutet, die man selbst gegen Flüchtlinge hegt.

Perrefort fährt fort:

„Dass Weltoffenheit und Vielfältigkeit nur die ideologischen Schlagworte sind, mit welchen die Kritik an solchen Zuständen als Fremdenfeindlichkeit denunziert werden soll, dürfte mittlerweile genauso ersichtlich sein, wie das „Willkommenskultur“ geheißene Destruktionspotenzial einer an seiner nationalsozialistischen Vergangenheit erkrankten Gesellschaft, welches beispielsweise darin zum Ausdruck kommt, dass von der polizeilichen Kriminalstatistik empirisch belegten Gewaltkriminalität seitens der Zuwanderer geflissentlich geschwiegen wird.“

Der verstorbene Demagoge Udo Ulfkotte sprach vom „Vernichtungspotential“ der Einwanderer, hier wird aus Flüchtlingshilfe ein „Destruktionspotential“. Wie jeder Agitator suggeriert Perrefort, es werde über Gewaltkriminalität von Geflüchteten, die er im szeneüblichen Jargon als „Zuwanderer“ tituliert, „geflissentlich geschwiegen“. Als würde nicht jede CDU-Postille die Ausländerkriminalität beklagen, als wäre das Internet nicht voll von faszinierten „Berichten“ über angebliche und reale Vergewaltigungen. Wovon tatsächlich geschwiegen wird, sind humanistische Strategien, sowohl für die Kriege in Syrien und Jemen als auch für die Situation von Geflüchteten als auch gegen den Antisemitismus.

Gesellschaft im Brutkasten

Die BILD hat ein Filmchen produziert, in dem Brutkästen die Gebärmutter ersetzen. Explizit ist von einer „Idee“ die Rede und auch wenn die Brutkasten für Frühchen immer ausgereifter werden, wird solche Technologie auf absehbare Zeit nicht existieren, weil die Nidation einfach ein sehr komplexer Prozess ist und spätere Umverpflanzungen des Embryos ein unzumutbares Risiko darstellen werden. Der Uterus ist unter optimalen Bedingungen eine recht ausgereifte Technologie. 

Auffälliger ist eher, dass auf einen Reiz hin alle sich befleißigt fühlen, etwas zu diskutieren, das nicht existiert. In die Gegenrichtung zu blicken ist bei solchen kurzlebigen vormanipulierten Massenobsessionen ratsam. Um was geht es wirklich? Werbung für das Immergleiche: Eine sterile bourgeoise Familie, die sich im Homeoffice nützlich macht und im Austausch für ein bisschen Wein und Naturkost die Doppelbelastung systemgerecht auf neue Standards bringt.
Das, was Eltern und insbesondere Frauen fertig macht, ist nicht die Schwangerschaft, sondern die Zeit danach und insbesondere die Lebensjahre 3-7, die aus hunderten täglichen Ermahnungen und Verboten bestehen, den tausenden von Entscheidungen, die damit einhergehen: vom Schulranzen über die Schuhmarke bis zum Hauskauf. Die Ortsbindung durch das Kind schränkt die Berufswahl empfindlich ein, in einem hochspezialisierten Arbeitsmarkt auf Mindestlohnjobs oder Schlimmeres. In den Akademien ist es für beide Geschlechter überhaupt nicht mehr ratsam, nach dem Studium und vor der Professur Kinder zu bekommen. Frauen beschäftigt in der Regel nicht die Frage, ob man die Schwangerschaft nicht an eine Maschine abtreten kann. Sondern dass sie nach der Schwangerschaft mit Maschinen und dynamisierten kinderlosen hyperflexiblen und doch hochspezialisierten „Hochleistungsmenschen“ in Konkurrenz treten oder zumindest einen solchen aufziehen sollen. Ob Problem oder Utopie – der Brutkasten ist ein Ablenkungsmanöver, das Versprechen, gesellschaftliche Regression mit technologischem Fortschritt zu begleiten.