Postmoderne Spieletesternazis – ein Gastbeitrag

Christian Horn, aka Hochdorff, ein langjähriger Kommentator von „Nichtidentisches“, entblößt im folgenden Beitrag die nazistisch getönte Doppelmoral eines Gamestar-Spiele-Testers.

Computerspiele brauchen Feindbilder, diese Feststellung ist banal. Dennoch kann eine Analyse dieser Feindbilder über den geistigen Zustand der Menschen aufklären, in deren Köpfen sie entstehen. Dabei wäre zu berücksichtigen, welche Feindbilder in welchen Köpfen entstehen. Auf diese Weise könnte man zu einer Kritik der bestehenden Verhältnisse gelangen.

Fabian Siegesmund, seines Zeichens Redakteur des Computerspiele-Magazins GameStar setzt sich in Ausgabe 10/2008 desselben Magazins mit Feindbildern in Computerspielen auseinander. Sein Artikel trägt jedoch nicht zur Kritik der bestehenden deutschen Verhältnisse bei, sondern folgt dem hierzulande herrschenden Relativismus.

Siegesmund vermittelt mit einem rankumpelnden Ton eine Stammtischatmosphäre, die sprachlich den Inhalt des Artikels vorweg nimmt. Seine Betrachtung beginnt mit der Darlegung der Tatsache, dass eine Feindkonstruktion in Abgrenzung zum je Eigenen stattfinde. Auch dieser Befund ist höchst banal. Siegesmund scheint seinem Publikum geistig nicht allzu viel zu zutrauen, so versucht er zu erklären, dass die Abgrenzung gegen „hirnfressende Zombies, kriegslüsterne Wehrmachts-Soldaten (sic!) oder bombenlegende Terroristen“ als Ursache hätte, dass man seinen Heimatort möge, am liebsten lokale Spezereien verdrücke und sich zur Fußball-WM in die je eigene nationale Borniertheit zurückziehe. Diese Erläuterung muss insbesondere im Hinblick auf den Wehrmachtssoldaten sonderbar erscheinen, sorgen doch gerade deutsche Heimatliebe und der „fröhliche Patriotismus“ dafür, dass die deutsche Geschichte auf verschiedene Art und Weise relativiert und entsorgt wird, demnach der Wehrmachtssoldat gar nicht als Feind wahrgenommen werden kann. Weiterlesen

Solidarität mit Halloween

Die kleine F. erzählt vom Halloween-Klingeln: „Dann hat die Frau gesagt, dass Halloween aus einem anderen Land kommt und dass sie das doof findet und dass sie uns nichts geben wird. Dann hat sie und aber doch noch eine Tafel Schokolade gegeben!“

Ähnliche O-Töne kann man Bischöfen, Herzbuben und Regionalfeullietons derzeit entlocken. Heulen und Zähneklappern, der Untergang des Abendlandes, eine „unnatürliche“ Einrichtung inmitten braver deutscher Kultur (so ein Wildecker Herzbube), eine fiese Indoktrination, gesteuert von windigen Geschäftemachern… Und immer wieder „amerikanischer Schund“.

Dabei ist Halloween eigentlich wie Silvester – nur für Kinder und viel besser. Anstatt im Bettchen zu verpassen, wie Erwachsene zu nachtschlafender Zeit Schwefel, Schwarzpulver und Magnesium in die Luft ejakulieren, dürfen sich Kinder hier ganz eigenmächtig verkleiden und dem Tauschprinzip ein Schnippchen schlagen. Sie bekommen die Süßchens nicht für’s brav sein, sondern für das Nicht-Böse-Sein. Die narzisstische Umkehr der Erpresserrolle („Süßes, sonst gibt’s Saures!“) bedingt die kurzweilige Identifikation mit jenen Monstern, die normalerweise unterm Bett lauern. Das ist, funktionalistisch betrachtet, eine klasse Sache für die infantile Psychologie und allemal besser als Fasching, wo man doch nur die eingeschliffenen guten Stereotypen vom Indianer bis zum Feuerwehrmann erprobt, den Eltern zum Wohlgefallen.

Das infantile Todeswunsch-Trauma zwischen Magie und Moral

Als Laie kann ich es mir erlauben, vage Thesen in den Raum zu stellen und mich jenseits der medizinisch-analytischen Praxis oder Aktualität von Debatten auszutoben. Eine Problemstellung, die ich für mich entdeckte, ist ein mögliches Missverständnis in der Analyse der Todeswunsch-Neurose, die sich nach Freud so gestaltet:
Das Kind hegt eine Aggression gegen eine Person und denkt oder formuliert einen Todeswunsch. Stirbt diese Person tatsächlich oder erleidet auch nur einen Unfall, so kann eine Neurose entstehen, in der das Kind sich des Mordes schuldig fühlt und diese Schuld zu verdrängen versucht. Die Frage, die sich mir stellt ist folgende: Ist die Ursache der Neurose dann ein magisches Denken oder ein rein moralischer Konflikt?

Der von Freud angedachte Erklärungsansatz verläuft meines Erachtens über die Annahme einer magischen Allmachtsphantasie des Kindes, das sich in der Folge tatsächlich und wahrhaftig für schuldig am konkreten Ereignis hält – und somit für einen Magier. Meines Erachtens sprechen zwei Dinge gegen eine solche Erklärung: Erstens würde die notwendige Kränkung der durchaus gegebenen infantilen Allmachtsphantasie dieser Neurose möglicherweise den Urgrund entziehen. Das Kind erkennt irgendwann, dass es keine magischen Kräfte hat und kann somit auch sich selbst nicht mehr unbewusst die Schuld am Tod der anderen Person geben, da Magie die Voraussetzung für diese Schuld wäre. Und zweitens würde dieses Erkennen magischer Macht viel öfter auch Lust beinhalten, fortgesetzte Versuche, zutiefst verhasste Personen in den Tod zu wünschen. Es ist nun aber wohl eher so, dass die  nur mäßig seltene Todeswunsch-Neurose die  Phase der magischen Todesflüche beendet, als sie befördert. Das „Vereck‘ doch!“-Rufen mag sich zwar bis ins Erwachsenenalter hinziehen, ob jedoch bei Personen mit einer Todeswunsch-Neurose in besonderem Maße, sei bezweifelt.

Einen möglicherweise kaum aufschlussreicheren Zugang könnte eine Erklärung über einen rein moralischen Konflikt bedeuten, die das magische Denken außen vor lässt. Das Kind erschrickt nicht so sehr vor der magischen Macht seines Wunsches, sondern vor der eigenen Aggression einer eigentlich geliebten Person gegenüber. Im Moment des Todes der anderen Person wird es sich ja des Verlusts gewahr. Das letzte starke Gefühl gegenüber der geliebten Person war aber Hass. Dieses Ambivalenzdrama könnte ganz jenseits der Einbeziehung magischer Macht für genug Unruhe im Kind sorgen, um ein neurotisches Trauma hervorzurufen. Dann wäre es die internalisierte Erkenntnis, tatsächlich einen so bösen Wunsch gehabt zu haben, die traumatisiert, nicht so sehr dessen unbegreifliche Übersetzung in die Realität.  Es wäre die Erkenntnis, dass der empfundene Hass hinter der Liebe und Trauer zurücktritt, und dennoch Macht hatte, die Liebe für einen Moment zu überstrahlen. Die an der Realität für problematisch erkannte und reflektierte Macht des eigenen Hasses wäre dann traumatischer als dessen vermeintlich magische Übersetzung in die Realität. Die Schuldfrage stellt sich dann anders. Dem Kind einzureden, es hätte keine Schuld am Tod der geliebten Person, weil es ja keine magischen Kräfte habe, muss fehlschlagen.

Vielmehr geht es darum, die Schuld anzuerkennen, die das Kind in dem Moment auf sich lädt, wo es tatsächlich sich wünscht, dass der Andere tot sein möge. Wird diese Schuld nicht internalisiert, kann sich der Todeswunsch als unhinterfragter weiterentwickeln und eventuell in eine verminderte Tötungshemmschwelle resultieren. Jenseits des neurotischen Traumas findet das statt durch die ganz realen und nichtmagischen Mordversuche von Kindern, die zum Glück meist misslingen: Das von der Schaukel schubsen, mit Steinen werfen, das Bein stellen, das spontane und hinterhältige Hilfe-Entziehen bei gewagten Springspielen. Es ginge dann eher darum, das Schuldgefühl des Kindes  als durchaus rationale und unglücklich geglückte humanistische Überlegung zu akzeptieren und dahingehend weiter zu entwickeln, dass Todeswünsche nicht notwendig irrational sind, sondern Selbstverteidigung sein können, auf die das Kind aufgrund seiner Schwäche häufiger zurückgreift als ein Erwachsener. Gleichzeitig müsste mitgedacht werden, dass ein Kind eben  immer über sadistische und mörderische Regungen verfügt, die im Erziehungsprozess delegitimiert werden müssen. Das Problem stellt sich dann nicht mehr als Überwindung einer magischen Phase des Kindes dar, sondern vielmehr als eines der selbstverständlichen und mühevollen Überwindung wie Anerkennung von infantilem Sadismus und Aggressivität: Die neurotische Person könnte sich dann im aggressiven Kind als Anderes erkennen und trotzdem distanzierend damit versöhnen, was ja auch Ziel der analytischen Praxis ist, soweit ich das überblicken kann. Schließlich ging es bereits Freud darum, die Todeswünsche und Ambivalenzen in der Gesprächstherapie bewusst zu machen (und somit einen Reifungsprozess zu vollenden) und nicht über die Unmöglichkeit von Magie aufzuklären.  Warum dann aber die magische Erklärung aufrecht erhalten wird, ist mir vorerst genauso unklar wie die vorgestellte alternative Erklärung als moralischen Konflikt.

Candidates say: work hard and fight

Gestern habe ich ausnahmsweise die Reden der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in Ohio mitverfolgt. Obama beschwört die harte Arbeit, die von jedem getan werden müsse, McCain den Kampf. So unglaubhaft Obamas Rolle als Weihnachtsmann mit dem dicken Geschenkesack ist, so ätzend kommt McCains propagandistische Trickkiste daher: Umverteilung von Wohlstand bedeute, das Geld aus „euren Taschen zu nehmen und in andere Taschen zu leiten“. Mit der Nominierung von Sarah Palins zur Vizepräsidentin und den unappetitlichen Hetzkampagnen gegen Obama hat sich McCain ohnehin jeder Intellektualität entschlagen. Obama wiederum spielt auf dem gleichen Klavier nur das um weniges melodiösere Lied. Wo McCain Terrorist, Sozialist, Kommunist trötet, sagt Obama Bush, Bush, Bush. Interessant ist die Gestik der beiden. Obama wuchert mit dem Lehrerfinger und geizt ausnahmsweise bis zuletzt mit dem sexy Smiley, der ihn populär machte. McCain indes wischt zackig über die Papiere am Pult, winkt fleißig und nutzt die Faust. Geht es ums Programm, so sind beide bis auf wenige Punkte austauschbar. Arbeitsplätze für Amerikaner, Erneuerbare Energien fördern, Irakkrieg beenden. Obama fudert die Millionen  unbekannter Herkunft auf den Tisch, während McCain völlig im Vagen bleibt bei der Finanzierung. McCain will Atomkraftwerke als alternative Energie fördern und diese tollen „Anlagen“ bauen, die in LaHague, Sellafield und Tokaimura so tadellos laufen – da ist Obamas Modell doch ein wenig einsichtiger.

Was Iran angeht: Von der Seite hat bereits Bush gezeigt, dass Israel im Zweifelsfall ohne die USA agieren muss, sei der Präsident auch noch so konservativ. Insofern ist es außenpolitisch betrachtet relativ egal, wer da Präsident wird. Die prospektive israelische Präsidentin Tzipi Livni hat den Angriff bereits um etwa zwei Jahre verschoben, bis dahin kann Obama seine Lorbeeren einfahren, das Ende des bereits jetzt weitgehend gewonnenen Irakkrieges auf seine Rechnung buchen und sich voll und ganz auf Afghanistan konzentrieren – die Zeit spielt für sein Programm. Man sollte daher, wo man sich von der Kandidatenkür allzusehr blenden ließ, zum lästigen Tagewerk der zynischsten Missstände zurückkehren: Der Club of the Worst Conflicts mit Somalia, Pakistan, Simbabwe, Birma, Iran, Nordkorea und Sudan, die Faschisierung Europas und Russlands, und natürlich die vier Reiter der Apokalypse Misogynie, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.

Italien – Siegeszug des Faschismus

Der Umgang mit Flüchtlingen ist weder primär noch sekundär ein ökonomisches Problem. Auf dem heutigen Stand der Produktionsmittel ist es auch innerhalb kapitalistischer Produktionsweise allein eine kulturelle und ideologische Frage, wie mit Menschen umgesprungen wird, die von externen Faktoren zur Flucht gezwungen werden. Für viele afrikanische, amerikanische oder asiatische Staaten ist es absolut üblich, Millionen von Flüchtlingen aufzunehmen. Die USA sicherten sich so über lange Zeit ein imposantes Subproletariat ebenso wie gut ausgebildete Eliten. In dem knapp 300 Millionen Menschen zählenden Staat ist es selbst für konservative Regierungen kein Problem, mal eben immerhin einige Millionen illegaler Immigranten zu legalisieren. Pakistan nahm Millionen afghanischer Flüchtlinge auf, in die bettelarmen Nachbarländer des Sudan strömten Flüchtlinge aus Darfur und Kenia sorgte schlecht und recht für die somalischen Flüchtlinge, die infolge der Inkompetenz der UN immer noch nicht zurückkehren können. Würden sich aber beispielsweise in Indien Regionen nach Überschwemmungen weigern, die Millionen Binnenflüchtlinge aufzunehmen, die Welt wäre entsetzt und schnell dabei, das etwa als exotischen Ausdruck hinduistischer Gleichgültigkeit zu geißeln.

Staaten wie Deutschland oder Italien nehmen für sich in Anspruch, mit fadenscheinigen Argumenten wie Integrationsproblemen oder Arbeitsmarktkomplikationen Menschen fundamentale Grundrechte zu verweigern. Italien nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein und mausert sich in Riesenschritten zum Entrepreneur in Sachen demokratischer Faschisierung. Vernichtungsphantasien von Seiten der starken Rechten tobten sich schon lange an wehrlosen Objekten aus: Flüchtlingsboote wollte mancher bombardieren, in den Lagern, in denen Flüchtlinge konzentriert werden, herrschen unmenschliche Zustände, während wenige Kilometer weiter der Papst weihevolle Reden von Mitgefühl hält. Sinti und Roma sind prädestinierte Zielgruppen aller europäischen nationalistischen Bestrebungen und in Italien auf der gar nicht sprichwörtlichen Abschussliste ganz oben verzeichnet. Kriminelle Akte, unausrottbare Normalität in der bürgerlichen Gesellschaft und erst recht in einem mafiösen Staat wie Italien, werden dann zum Anlass genommen, massenhafte Ausschaffungsaktionen durchzuführen. Maßnahmen wie die gesetzliche Abnahme von Fingerabdrücken von Roma-Kindern sind erste Produktionsschritte der altbekannten, aber in Sachen Modernisierung generalüberholten Exterminierungsmaschinerie. Während sich in Neapel Müllhaufen seit Jahren stapeln, hat man noch genügend Bulldozer und Mittel parat, um bei Nacht und Nebel einige illegale Roma-Siedlungen zu beseitigen.

Jetzt haben sich die italienischen Faschisten endgültig durchgesetzt mit der Forderung nach einer Trennung von Schulklassen: Ausländer, die nicht genügend Italienischkenntnisse aufweisen, sollen separat unterrichtet werden. Die Bigotterie des als rational vorgeschobenen Arguments, es gehe darum, den Schülern Italienisch beizubringen, wird an der gleichzeitigen Kürzung von Lehrstellen deutlich. Die markierte Differenz feiert Urständ: In deutschen Foren tobt der Jubel, jeder dritte Kommentar feiert die italienische Entschlossenheit und jeder zweite weiß von Problemen zu berichten, die durch mangelnde Sprachkenntnisse ja so wirklich und real entstünden. In afrikanischen Staaten ist es allerdings normal, dass Schulklassen zwei-, drei- oder fünfsprachig stattfinden, ohne dass das zu größeren Problemen als den üblichen  ökonomischen führen würde. Wer allemannische Dialekte aus dem Schwarzwald oder hessisches Platt kennt, würde Sprachkenntnisse im Deutschen nicht leichtfertig vom Pass abhängig machen. In Deutschland mit seinen 2 Millionen mehr oder weniger türkisch sprechenden Bürgern ist es gleichsam undenkbar, Türkisch als in ferner Zukunft einmal mögliche zweite Amtssprache auch nur anzudenken. Selbst englischsprachige Filme werden zu 100 Prozent synchronisiert, während man in den östlichen Nachbarländern sehr selbstverständlich auch deutsch spricht und etwa die Schweiz mit drei Amtssprachen brilliert. Reale Probleme des Bildungssystems stehen somit kaum zur Debatte: Schließlich werden sie nicht liberal und rational zu Gunsten einer gleichberechtigten Schülerschaft verhandelt. In Wirklichkeit geht es nur um einen weiteren erfolgreichen Tabubruch bei der Einrichtung eines fremdenfeindlichen Faschismus. Den zum Erfolg Bestimmten solle die Unfähigkeit der Fremden ein Hemmschuh sein. Der Widerspruch, warum ökonomisch sehr viel schlechter gestellte Staaten sehr viel selbstverständlicher mit Flüchtlingen umgehen, juckt im Land des Katholizismus wenig. Die Linke gibt sich indes unehrlich empört. Wo gegen die USA noch Millionen auf die Straße gingen, versammeln sich angesichts der Manifestierung solcher faschistischen Umtriebe in der italienischen Staatspolitik einige wenige Grüppchen zum bunten Händchenhalten.

Mit dem Staat aus der Krise (und gegen „amerikanischen Egoismus“)

Am Wirtschaftstag zeigt sich, dass die Ideologie der Produktionsmitteleigner und -verwalter nichts von der der Linkspartei unterscheidet, solange es um die bräsige Einheit von Nationalismus und Staatsaffirmation geht.

„Wir müssen unsere soziale Marktwirtschaft erneuern, sie fit machen für die globale Ökonomie, sie vom Raubtier- und Casino-Kapitalismus befreien.“ So kann der Präsident des Genossenschaftsverbandes und vorgeblicher Freund des Dalai Lama Walter Weinkauf in einem Atemzug soziale Marktwirtschaft von einem „Raubtier“-Kapitalismus unterscheiden und im Nebensatz ein aus der Agenda 2010 nur zu bekanntes „Fit-Machen“ androhen.

„Die im deutschen Handelsgesetzbuch verankerten Sicherheits- und Stabilitätskriterien dienen dem Schutz des Mittelstandes. Sie dürfen nicht für eine anglo-amerikanische Wirtschaftskultur geopfert werden.“

Wo solche „Wirtschaftskulturen“ aufeinanderprallen, läuft der rheinische Kapitalismus-Hase gerne Amok:

„Doch moderne Ordnungspolitik hat für Wettbewerb und Chancengleichheit zu sorgen. Sie schützt Kleine, egal ob es um Bürger oder Unternehmen geht. Sie hat der Doppelnatur unseres Daseins Rechnung zu tragen: Nämlich frei sein zu wollen, um sich zu bewähren, und zugleich in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, mit der Pflicht, sich auch für die Gemeinschaft einzusetzen. Das ist etwas ganz anderes als die an Egoismen orientierte amerikanische Welt.“

Der Ruf nach deutscher Pflicht, sich für die aufhebende Gemeinschaft und damit gegen die „ganz andere amerikanische Welt“ einzusetzen, ist das wirklich zu fürchtende Menetekel der aktuellen Krise. Wo die Berufssparer und der ach so zerrüttete Mittelstand um ihre Einlagen fürchten und Bauchmarxisten vor lauter Angstlust schon mal ihre Schatzbriefe von der Bank fuddeln wabert auf dem Wirtschaftstag der reaktionäre Geist ganz  gemeinschaftlich als kristalliner Antiamerikanismus durch die Luft. Ausgerechnet der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking darf dann noch von „Raubtierkapitalismus“ blubbern:

„Die Krise an den Finanzmärkten, die mittlerweile sogar zu einer ernsthaften Bedrohung für die globale Konjunktur geworden ist, bestätigt sämtliche Vorurteile über den von Profitgier getriebenen so genannten Raubtierkapitalismus.“ (Oberhessische Presse, 16.10.2008)

Porsche dagegen war von je her von der „Verantwortung des Unternehmers“ geprägt und keinesfalls vom Streben nach „Gewinn“ und „Profitgier“. In der Krise rottet sich Deutschland eben recht gerne über Klassengrenzen zusammen und sucht sich sein Anderes zurecht.

Schießen sie auf den Kritiker!

Was nun bei der Verleihung des deutschen Fernsehpreises Marcel Reich-Ranicki genau wann gesagt hat und wo genau Thomas Gottschalk etwas sagen musste, blieb mir verborgen, da ich nur zufällig dazwischenzappte. Anscheinend fand Reich-Ranicki die Show etwas zu billig. Wer von deutscher Comedy allerdings schon  vorher erwartet, sie würde irgendeinen Volksgenossen intellektuell diskriminieren oder gar zurücklassen, hätte zumindest keine bessere Show verdient. Was mir allerdings nicht verborgen blieb, war die Botschaft eben des Gottschalks, dem die Presse andichtet, geschlichtet zu haben, was man gemeinhin als Euphemismus für Unter-den-Teppich-Kehren verstehen kann. Jener Thomas Gottschalk nämlich hatte einige Minuten später die Chuzpe, irgendeinen Schwiegersohn von Martin Walser ominös offenherzig begrüßen zu dürfen mit „und richten sie ihrem Schwiegervater doch von mir aus, dass mir sein Buch „Tod eines Kritikers“ sehr gut gefallen hat“.

Der Schwiegersohn nahm die Aufforderung zum Kritikermord an Reich-Ranicki gelassen und salbaderte noch weichgespülten Müll daher in Form von David-Lynch-Zitaten über Sein und Dasein des Glücks, das man nicht erhalten kann, sondern immer nur schon haben soll. Leider hat Reich-Ranicki wohl die Altersmilde gepackt, anstatt weiter in den aufgerissenen Wunden zu bohren macht er auf Kulturdiva, die schon mit allen gut sein möchte, aber halt das Dargebotene allzu kulturlos fand. Nun ja, da wäre nur Adorno anzuführen: „Von Kultur zu reden war schon immer wider die Kultur“.

„Denkst-du“ – Wie Menschen mit Behinderung den sozialen Frieden in Deutschland bedrohen

Im IC die Bahn-Zeitung „Mobil“ aufgeschlagen, draußen das graubraune Land. Eine ganzseitige Anzeige  von „denkst-du“ lässt die Zehennägel kräuseln. Motiv: Ein Schweißer, überladen mit Schläuchen, unter dem Arm eine Schweißerhaube, eine dicke Unterlippe wird von einem schwarzen Schnurrbart kontrastiert. Dicke Schrift: „Unmöglich, denkst du“. Ich frage mich natürlich, was man hier für unmöglich halten soll. Dass zum Schweißen so derart viele Schläuche nötig sind? Dass ein Mensch mit Schnurrbart und dicker Lippe schweißen kann? Erkennt die Spezialistin hier sofort an irgendwelchen Merkmalen eine Trisomie oder einen Mangel an Sauerstoff während der Geburt? Mir als Laie bleibt das verborgen, da steht also ein Schweißer und schleppt ziemlich elend an dem Material herum, das ihn ausweisen soll. Vielleicht gibt der Text mehr her:

„An über 2.300 Standorten leisten täglich Menschen mit Behinderungen ihren wertvollen Beitrag für unsere Volkswirtschaft. So helfen wir, den sozialen Frieden in Deutschland zu sichern. Das ist nur eine unserer Stärken. Gute Arbeit aus Werkstätten für behinderte Menschen.“

Man ist aufgeklärt. Würden die Werkstätten für behinderte Menschen nicht Menschen mit Behinderungen beschäftigen, wer weiß, was die sonst so anstellen würden mit dem sozialen Frieden hierzulande. Nasebohrende, pöbelnde Rollstuhl-Punks an allen Orten, arbeitsscheue Trisomie-21-Agitatoren an den Straßenrändern, eine Spastiker-RAF soll auch schon in der Gründung sein: Sodom mindestens, wenn nicht Gomorrha… Berlin also gerade noch mal davongekommen, den Werkstätten sei Dank. So ist „unsere“ Volkswirtschaft doch auch von „denen“ abhängig. „Wertvoll“ muss der Beitrag aber schon sein, sonst gibts keinen sozialen Frieden zum Abendbrot.

Vielleicht ist auch das Gegenteil gemeint. Vielleicht hat man nur Angst, dass, würden Behinderte nicht in Werkstätten durch zumeist weitaus stupidere Arbeit als Schweißen oder Feuerwehr „beschäftigt“, der soziale Frieden dahingehend zusammenbricht, dass die Volkswirtschaft mal wieder über die Menschen mit Behinderungen herfällt. Die Rede vom „Sozialen Frieden“ droht schon mit Genozid. Wo Ausländerhatz systematisch organisiert wird, von Fernsehsendern bejubelt und vom Volk goutiert, herrscht „sozialer  Frieden“. Wo allseitige Konkurrenz den Menschen das Leben sauer macht, beschwört man die Volkswirtschaft. Nichts wie raus aus diesem Zug.

War, Presidents, Violence, Media, Frontlines…

Wer in Sachen Afghanistan auf dem Laufenden bleiben will, kann sich auf WADI verlassen. Hier geht es zu einem lesenswerten Artikel:

„Tightening the Noose“ von Stephen Brown:

„The much-reported 30 percent increase in violence in Afghanistan this year has also been accompanied with very little context. One publication, Strategy Page.com, pointed out that country-wide violence will cause 6,000 deaths in Afghanistan this year, which averages out to 24 dead per 100,000 people. In contrast, South Africa, a country at peace, will see 50 citizens out of every 100,000 die violently in 2008, mostly because of its high crime rate. Other countries, especially failed states like Somalia, probably have an even higher death rate from violence, but are unable to keep proper statistics. So the Afghan situation, while not laudable, is also not dismal.“

Was Russland dagegen derzeit für eine Bündnispolitik betreibt, kann gut an der derzeitigen Route eines nuklear angetriebenen Kriegsschiffes nachvollzogen werden: Über Syrien und Libyen geht es ab zum Manöver nach Venezuela: „Russian nuclear missile cruiser to dock at Syrian Port on Yom Kippur Eve„.

Der Sandmonkey wiederum weiß in „McCain doesn’t want to win“ treffend das Unbehagen über John McCains intellektuellen Breakdown zusammenzufassen, wenngleich er die mehr als abgründige Sarah Palins außen vor lässt:

„I don’t know if you guys have been watching the same McCain campaign that I’ve been watching, but has it been majorly sucking lately or what? I mean, I refrained from commenting on the last debate, simply because I was so angry that I- a measly blogger from egypt- actually had better answers than McCain on the questions he was being asked, well, that’s just not a good indicator is it? And why is he sticking to the mavericky crap? It’s nice being called a Maverick, but calling yourself one time and time again? That’s like Obama calling himself “ the great Hope“ time and time again. It’s hokey, it’s unappealing and it’s unbecoming. And now it’s a national joke. […]

Why do I bother? He is going to lose this debate anyway. Obama just wants it more and it shows. And if he ends up winning it, well, good on him anyway, because he fought harder and committed less mistakes. Although I do have to say that american elections have this fantastic effect of taking two candidates that you liked at the beginning of the race and makes you really fuckin hate them near the end of it. Oh well. One month left to go.“

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In Afrika, besonders um Tansania, kam es jüngst zu einer Welle an Morden an Albinos: Deren Körperteile werden in der Region für besonders magisch potent gehalten. See also: „Vestiges of Barbaric Animalistic Ritual Murders in Ghana„.

Wer noch 1000-mal lesen will, dass Iran niemals von der Produktion atomwaffenfähigen Materials ablassen wird, kann auf Iran-Focus die zahllosen Bestätigungen einholen.

Wall-E – Roboanalyse und robotische Theorie einer amüsanten und ganz anders kritischen Roboterinsonade.

Mit Wall-E erreicht die zur Mythologie verwandelte Ideologieproduktion auf der Höhe der technologischen Möglichkeiten ihren eigenen Höhepunkt. „Konsum- und kulturkritisch“ wird Wall-E in praktisch jeder Rezension genannt, jedoch steht der Verdacht nahe, dass hier der letzte „Widerstand der Individuen gegen Selbstverrat“ überwunden werden soll: man „baut das gegen die Individuen Gerichtete ein in das, was ihnen familiär ist“ (Marcuse nach Fritz-Haug). Möglich wiederum ist auch, dass das Privatprojekt eines Konzerns wie Walt Disney sich aus eigenem Interesse das populäre Unbehagen gegen Kulturindustrie und Verwertungszwang zu Nutze macht und als total opportunistisches Kapital aus seiner eigenen Gegenbewegung noch selbiges schlägt: gemäß dem Lenin-Zitat: „Die Kapitalisten verkaufen uns noch den Strick, an dem wir sie hängen.“ Tauchen wir also tiefer in die Materie ein, um die als unbegriffene zum Hängen und Würgen treibenden Widersprüche mit hochsensiblen Kakerlakenfühlern im Dunkel des Kinosaales zu ertasten.

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